Mittwoch, 18. September 2019

„Wer ist für dieses Desaster verantwortlich?“

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Leserbrief: Heinz Franke

Vor 35 Jahren bin ich mit meiner Familie von einer Industriemetropole im Ruhrgebiet nach Heddesheim gezogen. Das Tabakdorf hatte sich gerade fein gemacht mit Badesee, Nordbadenhalle und Sportanlagen.
Später kamen Hallenbad, Reitanlage und Eisbahn hinzu. Die Kinder gingen alleine zur Schule. „Familie, Frau und zwei Kinder, was willst du mehr?“, so dachte ich.

Seit dieser Zeit wirbt Heddesheim um seine neuen Mitbürger mit dem Slogan: das aufstrebende Familiendorf im Grünen, mit Blick auf den Odenwald in zentraler Lage der Rhein-Neckar-Region, am Rande der Industriestadt Mannheim mit direktem öffentlichen Verkehrsanschluss, OEG.
Viele Neubürger, die Jahr für Jahr hinzukamen, bestätigten mir die Richtigkeit dieser Ansiedlungspolitik. Die Betriebe im Dorf wurden zur Verkehrsberuhigung ins nahe Gewerbegebiet ausgelagert. Ich war mir sicher, dass diese Politik fortgesetzt würde, zumal das Gewerbegebiet während dieser Zeit behutsam weiter entwickelt wurde.

Durch die Pfenning-Entscheidung fühle ich mich jetzt getäuscht. Alle Parteien haben über Nacht im Gemeinderat einstimmig beschlossen: Pfenning und seine Investoren müssen her. Gleichzeitig unterlag der Beschluss strenger Vertraulichkeit, um das Projekt nicht zu gefährden. Dies sei jedoch keine Vorentscheidung.

Der Pfenning-Deal bringt der Gemeinde zusätzlich 2 Mio. Euro, so wurde nicht nachvollziehbar ausgerechnet. Die Gemeinde verspricht dafür, die Wassergebühren für alle Haushalte zu senken. Billiges Wasser soll dann fließen, dafür kommt dann teuerer Verkehr.
Wir verschachern unsere letzten Gewerbegebiete an Pfenning und seine Finanzierer. 24 Meter hohe Hallen auf 200 000 Quadratmetern Fläche sollen die Sicht vom Badesee, Erholungsgebiet und Sportanlagen auf den Odenwald verstellen.

Jetzt lese ich im Mannheimer Morgen vom 11. Mai, dass ein Bürgerentscheid nicht mehr möglich ist. Das Bauverfahren ist zu weit fortgeschritten. (Bauleitverfahren, § 21, Abs. 2 der Gemeindeordnung). Nun werfen der Pfenning-Beschluss und die vereinbarte Vertraulichkeit weitergehende Fragen auf.
Haben die Gemeindeverwaltung und der Gemeinderat die Heddesheimer Bevölkerung damit vor vollendete Tatsachen stellen wollen? Wollte man die Heddesheimer in so einer existenziellen Frage von vornherein nicht mitentscheiden lassen? Wer ist eigentlich für dieses Desaster verantwortlich?

Ich wünsche mir nun, dass der Gemeinderat seine Pflichten und Rechte wahrnimmt und zu einer Entscheidung kommt, die dem Willen der Bürger entspricht. Oder kann das nur noch der Bürger in einer direkten Wahlentscheidung? Die Finanzwelt hat uns gerade vorgemacht, wohin Gier und Größenwahn führen. Noch hoffe ich, dass ich mir nach 35 Jahren nicht noch einmal eine neue Heimat suchen muss.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.