Sonntag, 20. August 2017

Messerstecher-Prozess mit vielen Unbekannten

„Heddesheim fickt alles“

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Gerichtssaal im Landgericht Mannheim.

Mannheim/Schriesheim/Heddesheim, 18. April 2012. (red/cr) Ob eine Beleidigung, der Schlachtruf „Heddesheim fickt alles“ oder einfach nur sinnlose Streitlust die Ursachen f√ľr die Pr√ľgelei auf der Schriesheimer Kerwe 2011 waren, konnte auch der dritte Prozesstag nicht kl√§ren. Bei der Schl√§gerei wurde ein Schriesheimer von einem Heddesheimer niedergestochen. Viele Zeugenaussagen waren ungenau und l√ľckenhaft. Sicher scheint bisher nur zu sein, dass der gest√§ndige Patrick N. den Gesch√§digten Evren D. am 04. September 2011 mit einem Einhandmesser niedergestochen hat. Und es ist nicht die erste Messerstecherei, an der der Heddesheimer beteiligt war.

Von Christian Ruser

Evren D. wurde durch die Messerattacke lebensgefährlich verletzt.

Verteidiger Ulrich Neumann wartet auf die Ankunft seines Mandanten Patrick N.. Ihm gegen√ľber Staatsanwalt Dresel, Anwalt des Nebenkl√§gers Rechtsanwalt Franz, Nebenkl√§ger Evren D., die Jugendgerichtshilfe und eine Expertin der Gerichtsmedizin. Als die Vorsitzende Richterin Frau Krenz mit den Beisitzerinnen Frau Beck und Frau Becker, so wie zwei Sch√∂ffen erscheinen, erhebt sich das Publikum.

Mit leichter Versp√§tung beginnt der dritte Prozesstag. Verhandelt wird eine gef√§hrliche K√∂rperverletzung mit bedingtem T√∂tungsvorsatz. Ein Streit zwischen einer Gruppe Jugendlicher aus Heddesheim und einer anderen Gruppe eskalierte in einer Schl√§gerei mit rund 10 beteiligten Personen. Hierbei verletzte Patrick N. den Nebenkl√§ger Evren D. mit einem Messer schwer. Er stach ihm die Klinge f√ľnf Zentimer tief in den Bauch und verletzte die Leber. Evren D. musste notoperiert werden.

3.000 Euro Schmerzensgeld gefordert

Zun√§chst reicht der Anwalt des Nebenkl√§gers Herr Franz einen Adh√§sionsantrag ein. Er fordert von Patrick N. 3.000 Euro Schmerzensgeld. Auch soll er die Kosten des Adh√§sionsverfahrens tragen. Im Adh√§sionsverfahren¬† werden im laufenden Strafprozess zivilrechtliche Anspr√ľche, die aus der Straftat erwachsen geltend gemacht. Die erspart ein zivilrechtliches Verfahren im Anschluss. Patrick N. stimmt, nach kurzer Absprache mit seinem Anwalt, der Forderung zu.

Nachdem das geklärt ist, wird der erste Zeuge in den Sitzungssaal gerufen. Herr S. war bereits vergangene Woche geladen worden, aber zum festgesetzten Termin nicht erschienen. Auf Nachfragen meint er, er habe Fieber gehabt und vergessen, dem Gericht seine Krankheit mitzuteilen. Richterin Krenz ist sehr verstimmt. Sie belehrt ihn, dass er ein Attest vorzulegen habe, sonst droht ein Ordnungsgeld.

M√ľhselige Vernehmung

Die folgende Vernehmung gestaltet sich als √§u√üerst m√ľhselig. Der Zeuge berichtet vom Tatabend, kann sich aber kaum an die Namen seiner Begleiter erinnern. Die vielen Unbekannten korrespondieren mit viele L√ľcken in den Aussagen. Von elf Jugendlichen mit denen er unterwegs war, behauptet er nur zwei namentlich gekannt zu haben. Im Protokoll der Polizei spricht er jedoch mehrmals von Freunden. Da Herr S. sich wohl nicht mehr so ganz an die Geschehnisse des 04. September 2011 erinnern kann oder will, beschlie√üt Richterin Krenz die Aussage im Polizeiprotokoll laut zu verlesen und vom Zeugen auf seine Richtigkeit best√§tigen zu lassen.

Auch wenn sich der Zeuge vor allem bei den beteiligten Personen unsicher ist, weder den Angeklagten, noch das Opfer erkennt er wieder, sieht er die Anstifter deutlich in den Jugendlichen aus Heddesheim. Sie sollen einen, wiederum nicht n√§her bekannten, aus der anderen Gruppe beschimpft haben. Der Schlachtruf „Heddesheim fickt alles“ soll mehrfach gefallen sein. Als die Gruppe die Heddesheimer zur Rede stellen will, greifen diese an. Bei tieferem Nachfragen gibt der Zeuge an, den eigentlichen Stich nicht gesehen zu haben. Seine eigene Motivation und Beteiligung an dem Vorfall bleiben unklar.

Messer und Canabis

Erfrischend informativ hingegen ist die Aussage des Polizeihauptmeisters Hilmar F.. Routiniert gibt er seine Personalien an und schildert die Festnahme von Patrick N. Der Angeklagte hatte schon geschlafen, als die Beamten an der Haust√ľr klingelten. Die Eltern des Angeklagten waren sichtlich √ľberrascht, er selbst gestand seinem Vater gegen√ľber aber bereits ein, dass die Polizisten wegen der Messerstiche in Schriesheim gekommen waren. Widerstandslos lies er sich verhaften.

In Patrick N.s Zimmer wurden drei Messer und Cannabis sichergestellt. Anders, als¬† im Protokoll angegeben, handelte es sich hierbei aber nicht um Sprung-, sondern um Einhandmesser. Dies wird noch einmal nach Ansicht der Beweisst√ľcke deutlich. Ein Irrtum, der an den Tatumst√§nden nicht wirklich etwas √§ndert.

Unklare Zeugenaussagen

Rechtsanwalt Franz, Anwalt des Opfers und Nebenklägers.

Anschließend wird der Zeuge Björn M. gehört. Er hat selbst mit einem Verfahren zu rechnen und könnte deshalb von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Er verzichtet und schildert den Tathergang.  Nach eigenen Angaben, ist er mit seinem Bruder und zwei Freunden auf der Schriesheimer Kerwe gewesen. An der Grundschule hatten sie sich gelangweilt und beschlossen zu gehen. Auf dem Weg zur OEG Haltestelle kamen sie an den Jugendlichen aus Heddesheim vorbei. Diese beschimpften Björn M. und seine Begleiter.

Als Bj√∂rn M. auf Patrick N. aufmerksam gemacht wurde, rief dieser den Freund Dani J. auf dem Schulhof der Grundschule zu Hilfe. Bj√∂rn M. glaubte durch zahlenm√§√üige √úberlegenheit eine Eskalation verhindern zu k√∂nnen. Kaum war die Verst√§rkung erschienen, st√ľrzten sich die Heddesheimer willk√ľrlich auf den Gesch√§digten Evren D.. Bei der resultierenden Pr√ľgelei sollen sich sieben Heddesheimer mit zwei bis drei anderen Jugendlichen geschlagen haben. Nach Patrick N.s Messerstich hatte Bj√∂rn M. mit dem Verwundeten noch bis zum Eintreffen der Rettungssanit√§ter gewartet und war dann gefl√ľchtet.

Staatsanwalt Dresel befragte den Zeugen vor allem hinsichtlich seines eigenen Antriebs. So kam die Frage auf, ob Bj√∂rn M. nicht gezielt Streit gesucht habe und durch seinen Anruf mehr M√§nner f√ľr die Schl√§gerei mobilisieren wollte. Bj√∂rn M. verneint dies. Er habe weder Streit gesucht, noch habe er sich an der Schl√§gerei beteiligt.

Verteidiger Ulrich Neumann.

Richterin Krenz hakt auch bei der polizeilichen Aussage nach. So hat Björn M. ausgesagt, Patrick N. habe mit einem Springmesser zugestochen. Dieses habe er aus der Hosentasche geholt. Wie der Zeuge jedoch einräumt, hat er den Stich selbst nicht wirklich gesehen.

Direkt im Anschluss wird der Bruder, Sven M., geh√∂rt. Dieser best√§tigt das Vorhaben die Kerwe verlassen zu wollen. Selbst als es zu Beschimpfungen durch die Heddesheimer kommt, r√§t er zum Gehen, wir aber ignoriert. Die Gr√ľnde f√ľr sein eigenes Bleiben sind unklar. Vielleicht geschah es Loyalit√§t zu seinem Bruder und den Freunden.

Bewährungsstrafe in Aussicht

Die Richter und Schöffen stehen nun vor der Aufgabe ein Urteil zu fällen. Patrick N. ist kein unbeschriebenes Blatt. Bereits 2010 war er in eine Messerstecherei verwickelt. Wegen Körperverletzung wurden ihm bereits Sozialstunden auferlegt. In der Haft mache er, ebenso wie bei der Verhaftung, einen kooperativen Eindruck und verhalte sich unauffällig.

Die Gerichtsmedizin konnte anhand der Blutuntersuchung und des Drogenkonsums keine verminderte Schuldf√§higkeit feststellen. Die Jugendgerichtshilfe r√§t im Fall einer Bew√§hrungsstrafe zu klaren Auflagen. Durch Sozialstunden k√∂nnte er an einen geregelten Arbeitsalltag herangef√ľhrt werden. Auch sollte er sich in ambulante Drogentherapie begeben. Gegen seine Gewaltbereitschaft wird ein Anti-Aggressionstraining von mindestens sechs Monaten dringend angeraten.

 

 

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.

  • Michael

    Patrick N. war also bereits 2010 an einer Messerstecherei beteiligt, hat aber im Jahre 2011 bei der Durchsuchung noch drei Messer im Zimmer liegen. Ergo = keine Spur von Einsicht. Nun soll der gute Herr N. also WIEDER nur mit einer Bewährungsstrafe + ggf. Sozialstunden davon kommen? Ganz offensichtlich hat bereits beim letzten mal kein Lernprozess stattgefunden. Ich fordere daher dieses Prachtexemplaer der Heddesheimer Unterschichtsjugend angemessen (sprich = HAFTSTRAFE) zu bestrafen.