Donnerstag, 23. November 2017

Drogenexperte Willi Stier: „Cannabis ist nicht am Kommen, sondern am Explodieren.“

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Guten Tag!

Ladenburg, 18. Februar 2011. Polizeihauptkommissar Willi Stier sparte nicht mit drastischen Schilderungen, harten Fakten ĂŒber „harten Drogenmissbrauch“ und krassen Bildern am Dienstag, den 15. Februar 2010, zum Thema: „DrogengefĂ€hrdung bei Jugendlichen, Infoabend am CBG.“ Nur 28 GĂ€ste waren gekommen, ĂŒberwiegend MĂŒtter, aber auch ein paar VĂ€ter. Der Vortrag Stier war eindringlich und informativ und schonungslos.

Von Hardy Prothmann

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Polizeihauptkommissar Willi Stier beim Vortrag - im Fordergrund seine "Mitbringsel" in Sachen Drogen.

Willi Stier nimmt kein Blatt vor den Mund: „Cannabis ist nicht am Kommen, sondern am Explodieren“, so der Drogenexperte des PolizeiprĂ€sidiums Mannheim.

Er erzĂ€hlt Geschichten aus dem Alltag der Polizei – also wahre Begebenheiten, angezeigte und aufgenommen FĂ€lle, RealitĂ€ten, die sich nicht leugnen lassen. Alkoholmissbrauch und Vollsuff sind lĂ€ngst kein „Jungsproblem“ mehr. Willi Stier hat die Fakten. ÃƓber ein 12-jĂ€hriges MĂ€dchen mit 2,16 Promille Blutalkohol und sagt: „MĂ€dchen zwischen vierzehn- und sechzehn Jahren mit mehr als zwei Promille sind lĂ€ngst keine Seltenheit mehr.“

Hauptsache, es wirkt.

Es wird alles gesoffen, geschnupft, gespritzt, sonstwie dem Körper zugefĂŒhrt, „Hauptsache, es wirkt.“ Da wird giftiges Sekret von Kröten abgeschleckt, Gartenblumen „veredelt“, KĂŒchenkrĂ€uter zu Drogen umgewandelt oder auch DĂŒnger geschluckt: „Es wird gebacken, gekocht, aufgelöst. Es gibt eine große Fantasie“, sagt Stier und belegt seine drastischen Beispiele mit Statistiken und Fotos.

Die 28 Eltern im Raum sind sehr still, sehr konzentriert.

Warum sind sie hier? Weil zuhause bei den eigenen Kindern alles in Ordnung ist und sie sich nur ĂŒber die Gefahren informieren wollen? Oder gibt es hier und da schon ein Problem bei den eigenen Kindern?

Willi Stier fragt das nicht und das ist auch in Ordnung. Sein Job ist AufklĂ€rung. Sensibilisierung. Und nicht eine Adhoc-Beratung bei tatsĂ€chlichen Problemen. Als Polizist sagt er: „Wenn ich von illegalem Drogenkonsum erfahren, bin ich von Amts wegen verpflichtet zu handeln.“

Steigender Cannabis-Konsum – Koma-Saufen alarmierend.

Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung von 2009 (2010 gab es keinen, der nĂ€chste soll im Mai 2011 vorgestellt werden), zeichnet sich angeblich eine leichte „Entspannung“ – tatsĂ€chlich war die Erhebungsmethoden fragwĂŒrdig und wurden bezweifelt. Stiers Aussage zu Cannabis liest sich in Zahlen so: Die Einnahme von Haschisch (+5,6 Prozent) und Marihuana (+12,7 Prozent) ist deutlich gestiegen und das „Koma“-Saufen bleibt nach wie vor ein alarmierendes Problem.

Die körperlichen, aber vor allem die psychischen SchĂ€den können enorm sein: „Haben Sie schon mal was von Cannabis-Psychose gehört?“. Die Eltern schweigen. Dann fragt eine Mutter: „Was ist das?“ Willi Stier erklĂ€rt, dass der „Konsum“ von Cannabis zu massiven Persönlichkeitsstörungen fĂŒhren kann.

Und erklĂ€rt auch, warum: „Das Cannabis von heute ist hochgezĂŒchtet. Der Inhaltsstoff THC war vor zwanzig Jahren im Bereich von zwei bis drei Prozent, heute liegt er um das zehnfache höher.“ Das diene in erster Linie der „Gewinnmaximierung“ der DrogenhĂ€ndler, die mit derselben Menge Cannabis nun mehr Gewinn machen könnten, dafĂŒr werde allerdings der „Stoff“ gestreckt. Im Einzelfall kann aber das THC um ein Vielfaches höher liegen als frĂŒher – „ein Joint“ sind dann fĂŒnf, sechs oder mehr.

„Schlumpfpisse“ und andere „Aufreißer“.

„Magic Mushrooms“, also Pilze mit psychedelischen Wirtstoffen seien sehr im Trend, aber auch andere Pflanzen, die wie auch immer wirken – auch tödlich.

Und Willi Stier informiert umfangreich ĂŒber Alkohol, die Hauptdroge. Da wird „Schlumpfpisse“ getrunken – Wodka, in dem blaue Hustenbonbons aufgelöst werden: „FĂŒr MĂ€dels ist Wodka oft zu scharf, die Bonbons machen den sĂŒĂŸ.“ Im Supermarkt gibt es „Aufreißer“ zu kaufen. Die sehen aus wie SĂŒĂŸigkeiten, der Inhalt ist hochprozentig.

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Willi Stier prĂ€sentiert eine Bierflasche mit "StĂŒrzer2-Aufsatz: "Das batscht mehr."

„Die kleinen PĂ€cken lassen sich gut verstecken und werden bei Kontrollen nicht so schnell gefunden“, sagt Stier. Beispielsweise bei „Adler“-Spielen. Flaschen sind nicht erlaubt: „Die Fantasie und die Möglichkeiten, Alkohol durch die Kontrollen zu schmuggeln sind vielfĂ€ltig.“

Und die Statistik einer Befragung, die Willi Stier an die Wand wirft, ist alarmierend: 52 Prozent der Jugendlichen kommen schon „mit“ zu den Spielen, 36 Prozent trinken in der Halle – aus welcher Quelle auch immer.

„Beim FĂŒhrerschein werden einige nachdenklich.“

Vor Jugendlichen hĂ€lt Willi Stier einen anderen Vortrag: „Die hier gezeigten Bilder und Infos wĂŒrde ich so nicht weitergeben“, sagt er. Er hat einen „SchlĂŒssel“ zu den Jugendlichen gefunden, von dem er glaubt, dass er wirkt: „Die wollen alle den FĂŒhrerschein machen. Und wenn ich denen erzĂ€hle, dass man den auch „abgenommen“ kriegt, wenn man ihn noch gar nicht hat, werden einige doch nachdenklich.“

Und: „Wenn ich frage, wer selbst schon Erfahrungen mit Drogen gemacht hat, gehen 20-30 Prozent der HĂ€nde hoch. Wenn ich wissen will, wer jemanden kennt, dann sind es schon manchmal mehr als die HĂ€lfte.“

Eine Mutter fragt: „Kann es nicht sein, dass sich da manche wichtig machen wollen?“ Willi Stier will das fĂŒr einzelne SchĂŒler nicht ausschließen – die Zahlen bestĂ€tigen allerdings seine Erfahrung.

„Da wird einer mit Cannabis erwischt. Ist ein guter SchĂŒler. Bislang noch nicht aufgefallen. Der Staatsanwalt verfolgt das nicht weiter. Was die meisten nicht wissen: Die FĂŒhrerscheinstelle wird trotzdem benachrichtigt“, sagt Stier und weiter: „Eine Medizinisch-Psychologische-Untersuchung (MPU), auch Idiotentest genannt, dauert etwa ein Jahr und kostet rund 3.000 Euro.“

Volltreffer und VerdachtsfÀlle.

Dann zeigt Willi Stier Bilder von „Treffern“ – FrontalzusammenstĂ¶ĂŸen, ausgebrannten Autos mit verkohlten Leichen junger Erwachsener und zitiert Pressemeldungen mit krassen Zahlen zu Alter und Promillewerten. Wer jetzt noch denkt: „Mein Gott, was es fĂŒr schlimme Sachen gibt“, will nicht daran denken, dass es einen auch „selbst treffen“ kann.

Am Ende des Vortrags wollen die Eltern wissen, was die Schule tut. Es gebe Drogen- und SuchtaufklĂ€rung ab der fĂŒnften Klasse, sagt die CBG-Lehrerin Susanne Koch, die mit „Suchtvorbeugung“ beauftragt ist. Auch Rektor GĂŒnter Keller versichert, dass man der AufklĂ€rung nachkomme. Aber die Hauptverantwortung liege bei den Eltern.

Bei VerdachtsfĂ€llen vermittle man an Drogenberatungsstellen. Willi Stier empfiehlt Dr. Diehl beim Zentralinstitut fĂŒr Seelische Gesundheit in Mannheim – muss hier aber seinen Vortrag aktualisieren, denn nach unseren Informationen arbeitet Dr. Diehl seit ĂŒber einem Jahr dort nicht mehr.

1.150 SchĂŒler hat das CBG. Auf die Frage, wie viele Vermittlungen es im Jahr 2010 gegeben hat, antwortet Frau Koch: „Zwei.“

Lesen Sie zum Thema unseren Kommentar.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.