Samstag, 19. August 2017

Drogen und Alkohol bei Jugendlichen: Ignoranz löst keine Probleme

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Guten Tag!

Ladenburg, 18. Februar 2011. Nur 28 Eltern von CBG-Schülern haben die Chance genutzt, sich vom Drogen-Experten der Mannheimer Polizei informieren zu lassen. Von einem „Interesse“ kann also keine Rede sein – eher von Ingnoranz. „Drogen oder Alkohol? Bei meinen Kindern? Nein“, mögen viele Eltern „Probleme“ von sich weisen. Die Realität ist nicht „nüchterner“, sondern bedenklich zugedröhnt.

Kommentar: Hardy Prothmann

Die Zahlen sprechen für sich: 28 anwesende Eltern sind bei 1.150 Schülern gerade mal 2,5 Prozent. Geht man davon aus, dass alle Schüler zwei Eltern haben, sind es noch 1,25 Prozent der Eltern, die sich für den Aufklärungsvortrag des Polizeihauptkommissars Willi Stier interessierten.

Vielleicht sind das auch nur die Eltern, die sich noch nicht informiert haben und die restlichen rund 98 Prozent wissen schon Bescheid, „was so alles geht“. Und vielleicht ist es auch so, dass es am CBG keine Drogen- und Alkoholprobleme bei Schülern gibt.

143 Prozent mehr Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen. Stand: 2007

Damit wäre das Ladenburger CBG die rühmlichste Ausnahme der Republik. Bundesweit sehen die Zahlen anders aus, wie der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung 2009 ausweist:

„Im Jahr 2007 wurden 23.165 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren aufgrund einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt. Das ist die höchste Zahl seit der Ersterhebung im Jahr 2000 und entspricht einer Zunahme um 143 %.“

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Eltern informieren sich über Drogen- und Alkoholmissbrauch bei einer Informationsveranstaltung im CBG.

Das sind nur die „statistisch“ erfassten Fälle. Wie viele Kinder und Jugendliche sich die „Seele aus dem Leib gekotzt“ oder sich mit Drogen vergiftet haben und am Krankenhaus gerade nochmal vorbei gekommen sind, ist und bleibt eine Dunkelziffer.

Bei der Einnahme von Cannabis-Produkten liegen die Zahlen bei einer Zunahme von sechs bis zwölf Prozent. Diese Daten stammen aus dem Jahr 2007. Seither sind keine neuen Daten veröffentlicht worden. Wie die Entwicklung 2008-2010 war? Das ist nicht zu belegen.

Wer denkt, dass sein(e) Kind(er) nicht betroffen sind, verschließt die Augen. Drogen- und Alkoholmissbrauch finden nicht erst statt, wenn es eine amtliche Erfassung gibt, sondern haben meist eine lange „Karriere“ hinter sich. Immer wieder, immer häufiger, immer exzessiver – bis der „Extremfall“ eingetreten ist und man die Augen nicht mehr verschließen kann.

Und machmal ist das sehr bitter: Immer häufiger, so Willi Stier, werden „k.o.“-Tropfen eingesetzt und die Opfer, meist junge Frauen, vergewaltigt. Die Dunkelziffer ist hoch: „Die Mädchen können sich an nichts erinnern und schämen sich.“

Keine Frage der Schule oder der Milieus.

Man darf davon ausgehen, dass sowohl das CBG, als auch die Merian-Realschule oder die Sickingenschule und andere Schulen in anderen Orten ungefähr gleich von all diesen „Entwicklungen“ betroffen sind. „Drogen-Willi“, wie sich Polizeihauptkommissar Stier selbst scherzhaft nennt, sagt: „Es ist keine Frage der Schule oder der Milieus. Es ist ein allgemeines Problem.“

Und es ist ein Problem in den Familien. Wo sonst? Sind es immer nur die anderen Kinder – nie die eigenen?

Alle Eltern, die mit übermäßigem Alkoholkonsum ihrer Kinder konfrontiert werden oder gar mit Drogen, werden zunächst mit Schutzreflexen reagieren. Es darf nicht sein, was nicht sein darf. Es muss ein „Ausrutscher“ sein, eine „Jugendsünde“ und wie die Schutzbehauptungen auch heißen mögen.

Der Reflex zu Scham, Sorge und es „wieder gut haben zu wollen“, ist verständlich und nachvollziehbar – aber leider wenig hilfreich zur Lösung der Probleme.

Durch einen Hinweis aus der Bevölkerung hat die Redaktion im November 2009 von zwei alkoholisierten Mädchen auf der Heddesheimer Eisbahn erfahren. Beide waren zwölf Jahre alt und wurden in einer Weinheimer Klinik behandelt. Ein Mädchen ist aus Ladenburg, wo das andere Mädchen wohnt, haben wir nicht erfahren.

Nichts sehen. Nichts hören. Nichts sagen.

Die Reaktion der Gemeinde Heddesheim war bezeichnend: Der Vorfall wurde verschwiegen. Durch hartnäckiges Nachfragen bekamen wir nur die Informationen bestätigt, die wir schon wussten. Andere Medien haben darüber nicht berichtet. Auch die Stadt Ladenburg hat sich unserer Kenntnis nach nicht dazu geäußert – vielleicht, weil es dort keine „Erkenntnisse“ gab.

Der „Affenreflex“, „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“, ist verbreitet.

Seither sind die Kontrollen angeblich verstärkt worden. Und selbst wenn. Willi Stier schilderte, wie es abläuft. Bei „Adler“-Spielen wird eben schon vorher „geschluckt“, „Aufreißer“ in den Taschen enthalten hochprozentiges und schmecken süß. Selbst geschulte „Türsteher“ können diese „Mitbringsel“ nur schwer entdecken.

Woran es fehlt, ist der Wille zur Aufklärung. Sowohl bei Eltern, als auch bei Behörden. Und der Wille zur echten Prävention. Ein paar Unterrichtseinheiten, wie sie der MM „lobend“ in seinem Bericht erwähnt, dienen nur den „Formalitäten“, nichts sonst: „Alles ok bei uns, keine „bekannten“ Probleme.“

Wie passen aber eine bundesweite Zunahme von 147 Prozent „mehr“ stationär behandelter Alkoholvergiftungen mit dieser „Realität“ zusammen? Wohl eher gar nicht.

Solche Zahlen muss man nicht „künstlich“ dramatisieren, wie man das dann der „Presse“ gerne vorwirft – sie sind dramatisch (auch wenn die Kritik an der Presse oft berechtigt ist – wir sparen ja auch nicht damit).

Wo gedeckelt wird, gibt es keine Probleme. Nur woanders.

Gehören die Saufgelage auf der Neckarwiese und das zertrümmerte Rundklo nicht zu diesem Thema? Sind Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum in Ladenburg, Heddesheim und anderswo nicht bekannt? Ist das so?

Solange man es irgendwie „deckeln“ kann, ist das so. Denn dann gibt es keine Probleme.

Auch nicht zu anderen „Problemfeldern“.

Unser Bericht über SchülerInnen des CBG, die sich mit „Hitlerscherzen“ die Zeit vertreiben, hatte genau keine „Nachwirkungen“ – bis auf Anfeindungen und Drohungen und üble Nachreden gegen unsere Redaktion.

Obwohl – das stimmt nicht ganz.

Seither erhalten wir durch die Schulleitung fast keine Termineinladungen oder andere Informationen mehr zum CBG. Rektor Günter Keller und sicher auch andere haben unsere Redaktion offensichtlich als „Problem“ identifiziert.

Das Problem sind nicht die Berichte, sondern die Haltung dazu.

Ganz sicher werden „interessierte Kreise“ nach unserem Bericht und diesem Kommentar sich in ihrer Haltung bestärkt fühlen. Unseren „Blogs“ werden dann gerne die abstrusesten Motive unterstellt, warum wir „negativ“ berichten.

Wer sich nüchtern zurücklehnt, wird feststellen, dass wir einfach nur „informieren“, anstatt eine Schönwetter-„Berichterstattung“ zu betreiben und alles zu ignorieren, was „nicht ins Bild passt“. Wir berichten nicht „negativ“, sondern kritisch. Das ist ein bedeutender Unterschied.

Die Tageszeitung „Die Welt“ schreibt:
„Es gab Zeiten, da war Lokalzeitungen jeder Jugendliche eine Meldung wert, der mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Heute sind die Koma-Mädchen und Koma-Jungs verschwunden – aus den Nachrichtenspalten; denn ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren in einer Weise explodiert, die eine tägliche Berichterstattung unmöglich macht.“

Nicht die Zahl der Fälle verhindert eine Berichterstattung, sondern die Ignoranz. Und die löst keine Probleme, sondern hofft, dass sie vorbeigehen.

Wir gehen nicht vorbei, sondern halten an, schauen hin, recherchieren und schreiben auf. Ob das nun „gefällt“ oder nicht.

„Gefallen zu wollen“ hat mit Journalismus nichts zu tun.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Peter Kröffges

    Guten Tag,

    es wäre ja äußerst unwahrscheinlich, wenn die Gemeinden der Region und hier auch speziell Heddesheim, sich fernab des Durchschnittes in Deutschland darstellen.

    Warum gibt es immer noch dieses Tabu? Warum fällt es Politikern schwer, dieses Thema DAUERHAFT auf die Agenda zu setzen?
    Fehlt das Verständnis für die Realität oder ist es vielleicht auch Unwissenheit? Kann nicht sein, was nicht sein darf? Welcher Kommunalpolitiker kann sicher mit Begriffen wie Ecstasy, Crystal Speed oder Hard Pep umgehen und kommunale Risiken einschätzen? Gibt es hier Fortbildungsbedarf?

    Der einzig richtige Ansatz ist Information und Prävention. Die Schaffung eines Problembewusstseins, auch wenn die aktuelle Situation „nicht sofort“ einen Handlungsbedarf aufzeigt, erfordert Mut und Entschlossenheit der Kommunen.

    Thematisierung auf breiter Front, von der Politik bis in die Schulen und Familien. Veränderungen in der Gesellschaft verursachen einfach Risiken, denen es sich zu stellen gilt. Ein Ansatz findet sich z.B. auf der Internetseite der Gemeinde (Suchbegriff: Drogen), aber reicht das wirklich aus oder sollte hier noch offensiver vorgegangen werden? Aktionen der Gemeinde: „Kein Platz für Drogen?“ oder ähnliches sind denkbar.

    Die heutige Jugend ist neugierig, interessiert und vor allem sehr gut vernetzt. Diese Neugier sollte kanalisiert und durch Aufklärung und Information aufgenommen werden. Es sollte gefördert werden, dass es „cool“ ist „clean“ zu sein.

    Dies schützt uns vor künftigen (Top-)Managern, Notärzten oder Handwerkern, die in der Berufswelt den Stress nur noch mit Hilfe von „Mittelchen“ bewältigen können.

    Es besteht jetzt Handlungsbedarf und das Problem gehört dauerhaft in die Tagesordnungen.

    Prävention = Aufklärung / Information + sehr gute rechtzeitige Betreuung

    Das sollte uns die Jugend in Heddesheim und der Region wert sein!

    Gruß
    P.Kröffges

  • Ladenburger

    „Die Reaktion der Gemeinde Heddesheim war bezeichnend: Der Vorfall wurde verschwiegen. Durch hartnäckiges Nachfragen bekamen wir nur die Informationen bestätigt, die wir schon wussten. Andere Medien haben darüber nicht berichtet. Auch die Stadt Ladenburg hat sich unserer Kenntnis nach nicht dazu geäußert – vielleicht, weil es dort keine “Erkenntnisse” gab.“

    Ist jetzt die Stadt/Gemeinde dafür verantwortlich, sensible Daten weiterzugeben und die Betroffenen damit öffentlich an den Pranger zu stellen?? Nur damit sie noch einmal schön öffentlich eine Abreibung bekommen. Wenn so etwas passiert, hat die Erziehung versagt und es ist doch wohl nicht die Aufgabe der Journalisten diese nachzuholen. Ihr „Lokaljournalismus“ ist kein Allerweltsheilmittel. Und es geht Sie nun auch einmal nicht alles an; auch wenn Sie das wohl manchmal meinen…

  • ladenburgblog

    Guten Tag!

    Wo lesen Sie eine Forderung, „sensible Daten weiterzugeben und Betroffene öffentlich an den Pranger zu stellen?“ Ein Tipp: Das schwarze ist die Schrift. Sie sollten schon genau lesen und nicht irgendwelchen Blödsinn unterstellen.

    Die Information der Öffentlichkeit über Vorfälle, in diesem Fall konkret den zweier 12-jähriger sturzbesoffener Mädchen interessiert alle verantwortlichen Eltern, die wissen wollen, wo „Gefahren“ drohen, um ihr Verhalten danach ausrichten zu können. Ganz sicher wr auch vielen Eltern nicht bewusst, wie es bei „Adler“-Spielen zugeht.

    Woraus schließen Sie, dass unser Journalismus ein „Allerweltsheilmittel“ sei? Wo lesen Sie, dass wir „Erziehung nachholen“?

    Aber wir haben verstanden, dass Sie zu der Fraktion gehören, die wir mit „Nix sehen, nix hören, nix sagen“ beschrieben haben.

    Einen schönen Tag wünscht
    Das ladenburgblog

  • heddy

    „Seither erhalten wir durch die Schulleitung fast keine Termineinladungen oder andere Informationen mehr zum CBG. Rektor Günter Keller und sicher auch andere haben unsere Redaktion offensichtlich als “Problem” identifiziert.“

    Und ich dachte, dass Günter Keller damals besonnen und umsichtig auf die Aufdeckungen reagiert hat. Unbequeme Journalisten nun strafhalber auszusperren, ist sicher die schlechteste aller Reaktionen.

  • ladenburgblog

    Guten Tag!

    Es ist nicht egal, ob das Mädchen in Ladenburg oder Buxtehude wohnt, weil Ladenburg unser Berichtsgebiet ist, aber nicht Buxtehude.

    Schön, dass Sie anerkennen, dass man sich mit dem Thema befassen muss.

    Die Verpixelung beim Hitlerbart-Artikel war nicht ausreichend – das haben wir aber umgehend korrigiert, weil wir uns das nicht sparen wollen. Ansonsten trifft „Privatsphäre“ nicht, da das Bild auf Facebook vorher für eine Öffentlichkeit von mehreren hundert Menschen einsehbar war.

    Was eine Vorbildfunktion angeht: Es geht nicht darum, ob man als Erwachsener raucht oder auch Alkohol trinkt oder viel Fleisch isst oder Süßigkeiten, sondern um Aufklärung über die Risiken und einen möglichst vernünftigen und verantwortungsvollen Umgang damit. Und es macht einen sehr großen Unterschied, ob ein Erwachsener „mal einen über den Durst trinkt“ oder ein heranwachsendes Kind. Die Gehirne von Erwachsenen sind entwickelt, die von Kindern leiden enorm unter „Vergiftungen“, die irreparable Schäden hinterlassen können.

    Ihre Auffassung von Journalismus ist mindestens problematisch: Darf nur ein Fußballer über Fußball schreiben und nur ein Raucher über Lungenkrebs oder ein Politiker über Politik? Oder nur das „Vorbild“ über vorbildliches Verhalten? Oder umgekehrt nicht? Das impliziert Ihre „Frage“.

    Wir bieten über eine kritische Berichterstattung an, sich eingehend mit dem Thema zu befassen. Das ist ein Angebot. Ob das jemand annimmt oder nicht, wollen und können wir nicht entscheiden. Da muss sich jeder an die eigene Nase fassen. Das ist definitiv nicht die Aufgabe von Journalismus.

    Einen schönen Tag wünscht
    Das ladenburgblog

    • raumfuernotizen

      Grundsätzliche Zustimmung zur Meinung des Artikels.

      Aber: Du schreibst: „Ansonsten trifft ‚Privatsphäre‘ nicht, da das Bild auf Facebook vorher für eine Öffentlichkeit von mehreren hundert Menschen einsehbar war.“

      Ansonsten trifft „Öffentlichkeit“ nicht, da das Bild auf Facebook vorher nur einigen hundert Menschen einsehbar war. Das ist ohne Zweifel noch viel weniger „Öffentlichkeit“ als „Privatsphäre“.

  • kompakter

    hallo,

    was ist eigentlich ihr problem. erst beschweren sie sich, dass das ladenburgblog das nichts angeht, dann finden sie, dass es richtig ist sich damit zu beschäftigen.

    muss keiner verstehen.

    ich bin auch nicht immer mit allem einvertanden. aber das kann man aushalten. was hier geschrieben wird, ist durchdacht und man merkt die recherche. ich finde den kommentar klasse, weil er wirklich an die sache rangeht.

    was mir gar nicht gefällt, ist, was man über den rektor keller lesen muss. das geht ja wohl gar nicht.

    gruß