Samstag, 23. Februar 2019

Die Reform der Hauptschule ist eine unehrliche Angelegenheit

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Guten Tag!

Heddesheim, 18. November 2009. Hirschberg meldet den Anspruch auf die Leitung einer „gemeinsamen“ Werkrealschule an. Heddesheim soll dafĂŒr Sitz eines „Zweckverbands“ sein. Am Ende soll es zwei Sieger geben: BĂŒrgermeister Just und BĂŒrgermeister Kessler. Was aus den SchĂŒlern wird – ist im Zweifel egal. Hauptsache, die jeweiligen GemeinderĂ€te loben sich ĂŒber den Klee. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie ĂŒberhaupt wissen, wovon sie reden.

Kommentar: Hardy Prothmann

Warum der Deal „Hirschberg kriegt den Hauptsitz – Heddesheim den Sitz des „Zweckverbands“ ein gutes „GeschĂ€ft“ sein soll, weiß weder ein Heddesheimer, noch ein Hirschberger Gemeinderat. Woher ich das weiß? Ich habe nachgefragt.

Eine schlĂŒssige Antwort habe ich nicht erhalten.

Ganz im Gegenteil sind die meisten GemeinderÀte mindestens verwirrt, wenn nicht komplett ahnungslos, was sie eigentlich sagen.

Wen wunderts – einen öffentlichen Austausch von Argumenten und Meinungen auch der PĂ€dagogen, Eltern und SchĂŒler hat es weder in Heddesheim noch in Hirschberg gegeben.

Angeblich geht es um den Erhalt der „Schulstandorte“. Und angeblich geht es darum, dass, wenn die Heddesheimer-Hirschberger Lösung (oder umgekehrt) nicht komme, diese „bedroht“ seien.

Das ist Quatsch und gleichzeitig absolut richtig. Denn die Hauptschule ist ein Auslaufmodell.

Die Drohung geht vom Land Baden-WĂŒrttemberg aus. Der Aggressor ist Kultusminister Rau. Die bittere Wahrheit ist, dass von 1.200 Hauptschulen im Land bald nur noch 900 ĂŒbrig sein werden. Die Wahrheit ist, dass es nicht um die bessere Qualifikation von SchĂŒlern geht, sondern nur um die Einsparung von Mitteln, sprich Geld.

WĂ€hrend die Hauptschule in zehn BundeslĂ€ndern bereits abgeschafft ist oder kurz davor steht, abgeschafft zu werden – wird sie in Baden-WĂŒrttemberg mit dem neuen Etikett „Werkrealschule“ im Hauruck-Verfahren neu angestrichen – bis sie irgendwann ganz gestrichen wird.

Irgendwann werden es nur noch 600 „Werkrealschulen“ sein, die dann konsequent mit den Realschulen verschmolzen werden.

Besserverdiener werden ihre Kinder vermehrt auf private Schulen schicken.

Im Ergebnis wird die Realschule als Restschule ĂŒbrig bleiben – die Gymnasien verwalten die SchĂŒler, die besser sind als der Rest. Die Privatschulen nehmen die, die besser bezahlen, als diese beiden Reste einer Schulpolitik abgehobener FunktionĂ€re, die von oben nach unten diktieren wollen, wie Bildung ohne Geld auszusehen hat.

Richtig eklig ist, dass Herr Minister Rau und andere dabei von Reformen sprechen, aber nur Deformationen erzwingen.

Unehrlich agieren auch die Verantwortlichen vor Ort. Sie wissen, dass die PĂ€dagogen aus guten GrĂŒnden – nĂ€mlich aus ihrer professionellen Erfahrung heraus – gegen diese „Reformen“ sind.

Diese Verantwortlichen Ă€ußern VerstĂ€ndnis und lĂŒgen gleichzeitig, dass sich die Balken biegen.

Die BĂŒrgermeister Just und Kessler beugen sich der Landespolitik und sichern sich gegenseitig Prestigefunktionen: Du kriegst die eine Leitung, ich die andere.

Beide haben noch im FrĂŒhjahr betont, dass alles seinen gewohnten Gang geht. Verschiedene GemeinderĂ€te wurden mit „Sprechblasen“ zitiert, die „vorausschauende Planung“, „bestmögliche Lösung“ oder „schlĂŒssig und ausgewogen“ blubbern durften.

Und die BĂŒrgermeister wurden zitiert: „Dass im Zuge der weiteren Zusammenarbeit eine Rektorenstelle zur Disposition steht, verneinten alle.“

Das, mit Verlaub, ist eine glatte LĂŒge, die in den nĂ€chsten Wochen mit blumigen Worten weichgekocht werden wird.

Im Mannheimer Morgen, in der Rhein-Neckar-Zeitung, in den MitteilungsblĂ€ttern werden Artikel erscheinen, die beschreiben, wie „hart um die beste Lösung gerungen wurde“, „wie viele Zweifel bestanden, die ausgerĂ€umt werden konnten“, wie „stolz und dankbar“ man sei, wie „viel Arbeit und MĂŒhe“ es gekostet habe und „wie vorausschauend gehandelt wurde“. Am Ende werden alle „dankbar“ sein.

Und am Ende steht irgendeine „Lösung“. Die Gewinner werden die BĂŒrgermeister sein, die WortfĂŒhrer in den GemeinderĂ€ten, einzelne „Sprechblasenzitategeber“.

Nicht zu Wort werden die Lehrer kommen. Und schon gar nicht die SchĂŒler – zumindest nicht in diesem System, dass sich selbst gerne bestĂ€tigt – egal, wie das Ergebnis tatsĂ€chlich ist.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.