Dienstag, 25. September 2018

Die Reform der Hauptschule ist eine unehrliche Angelegenheit

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Guten Tag!

Heddesheim, 18. November 2009. Hirschberg meldet den Anspruch auf die Leitung einer „gemeinsamen“ Werkrealschule an. Heddesheim soll daf├╝r Sitz eines „Zweckverbands“ sein. Am Ende soll es zwei Sieger geben: B├╝rgermeister Just und B├╝rgermeister Kessler. Was aus den Sch├╝lern wird – ist im Zweifel egal. Hauptsache, die jeweiligen Gemeinder├Ąte loben sich ├╝ber den Klee. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie ├╝berhaupt wissen, wovon sie reden.

Kommentar: Hardy Prothmann

Warum der Deal „Hirschberg kriegt den Hauptsitz – Heddesheim den Sitz des „Zweckverbands“ ein gutes „Gesch├Ąft“ sein soll, wei├č weder ein Heddesheimer, noch ein Hirschberger Gemeinderat. Woher ich das wei├č? Ich habe nachgefragt.

Eine schl├╝ssige Antwort habe ich nicht erhalten.

Ganz im Gegenteil sind die meisten Gemeinder├Ąte mindestens verwirrt, wenn nicht komplett ahnungslos, was sie eigentlich sagen.

Wen wunderts – einen ├Âffentlichen Austausch von Argumenten und Meinungen auch der P├Ądagogen, Eltern und Sch├╝ler hat es weder in Heddesheim noch in Hirschberg gegeben.

Angeblich geht es um den Erhalt der „Schulstandorte“. Und angeblich geht es darum, dass, wenn die Heddesheimer-Hirschberger L├Âsung (oder umgekehrt) nicht komme, diese „bedroht“ seien.

Das ist Quatsch und gleichzeitig absolut richtig. Denn die Hauptschule ist ein Auslaufmodell.

Die Drohung geht vom Land Baden-W├╝rttemberg aus. Der Aggressor ist Kultusminister Rau. Die bittere Wahrheit ist, dass von 1.200 Hauptschulen im Land bald nur noch 900 ├╝brig sein werden. Die Wahrheit ist, dass es nicht um die bessere Qualifikation von Sch├╝lern geht, sondern nur um die Einsparung von Mitteln, sprich Geld.

W├Ąhrend die Hauptschule in zehn Bundesl├Ąndern bereits abgeschafft ist oder kurz davor steht, abgeschafft zu werden – wird sie in Baden-W├╝rttemberg mit dem neuen Etikett „Werkrealschule“ im Hauruck-Verfahren neu angestrichen – bis sie irgendwann ganz gestrichen wird.

Irgendwann werden es nur noch 600 „Werkrealschulen“ sein, die dann konsequent mit den Realschulen verschmolzen werden.

Besserverdiener werden ihre Kinder vermehrt auf private Schulen schicken.

Im Ergebnis wird die Realschule als Restschule ├╝brig bleiben – die Gymnasien verwalten die Sch├╝ler, die besser sind als der Rest. Die Privatschulen nehmen die, die besser bezahlen, als diese beiden Reste einer Schulpolitik abgehobener Funktion├Ąre, die von oben nach unten diktieren wollen, wie Bildung ohne Geld auszusehen hat.

Richtig eklig ist, dass Herr Minister Rau und andere dabei von Reformen sprechen, aber nur Deformationen erzwingen.

Unehrlich agieren auch die Verantwortlichen vor Ort. Sie wissen, dass die P├Ądagogen aus guten Gr├╝nden – n├Ąmlich aus ihrer professionellen Erfahrung heraus – gegen diese „Reformen“ sind.

Diese Verantwortlichen ├Ąu├čern Verst├Ąndnis und l├╝gen gleichzeitig, dass sich die Balken biegen.

Die B├╝rgermeister Just und Kessler beugen sich der Landespolitik und sichern sich gegenseitig Prestigefunktionen: Du kriegst die eine Leitung, ich die andere.

Beide haben noch im Fr├╝hjahr betont, dass alles seinen gewohnten Gang geht. Verschiedene Gemeinder├Ąte wurden mit „Sprechblasen“ zitiert, die „vorausschauende Planung“, „bestm├Âgliche L├Âsung“ oder „schl├╝ssig und ausgewogen“ blubbern durften.

Und die B├╝rgermeister wurden zitiert: „Dass im Zuge der weiteren Zusammenarbeit eine Rektorenstelle zur Disposition steht, verneinten alle.“

Das, mit Verlaub, ist eine glatte L├╝ge, die in den n├Ąchsten Wochen mit blumigen Worten weichgekocht werden wird.

Im Mannheimer Morgen, in der Rhein-Neckar-Zeitung, in den Mitteilungsbl├Ąttern werden Artikel erscheinen, die beschreiben, wie „hart um die beste L├Âsung gerungen wurde“, „wie viele Zweifel bestanden, die ausger├Ąumt werden konnten“, wie „stolz und dankbar“ man sei, wie „viel Arbeit und M├╝he“ es gekostet habe und „wie vorausschauend gehandelt wurde“. Am Ende werden alle „dankbar“ sein.

Und am Ende steht irgendeine „L├Âsung“. Die Gewinner werden die B├╝rgermeister sein, die Wortf├╝hrer in den Gemeinder├Ąten, einzelne „Sprechblasenzitategeber“.

Nicht zu Wort werden die Lehrer kommen. Und schon gar nicht die Sch├╝ler – zumindest nicht in diesem System, dass sich selbst gerne best├Ątigt – egal, wie das Ergebnis tats├Ąchlich ist.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.