Montag, 10. Dezember 2018

Der gläserne Gemeinderat: Die Schuld der anderen

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Guten Tag!

Heddesheim, 18. Dezember 2009. Wenn man selbst nicht verantwortlich ist oder sein will, sucht man am besten die Schuld bei anderen. So denken Teile des Heddesheimer Gemeinderats, die es sich einfach machen wollen. Dann werden Entscheidungen getroffen, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind. Wer kritisch nachfragt, wird auf die „anderen“ verwiesen. So stielt man sich aus der Verantwortung.

Von Hardy Prothmann

Der Bürgermeister Michael Kessler hat absolut Recht, wenn er auf meine Frage antwortet: „Sie haben sich doch eingehend mit dem Thema befasst. Das ist eine Frage der Schulverwaltung, die eine Entscheidung trifft, die sich uns nicht erschließt. Und das wissen Sie.“

Es stimmt: Ich habe mich eingehend mit dem Thema befasst, deswegen habe ich auch die Frage gestellt, hinter der es mehr als eine Antwort gibt.

Meine Frage war, ob nicht die Stelle der von allen Seiten (Kollegium, Schüler, Eltern, Wirtschaft) für ihre gute und engagierte Arbeit gelobten Rektorin Hiltrud Rudolf durch eine solche Entscheidung gefährdet sei. Denn tatsächlich hat weder Herr Kessler noch der Gemeinderat einen Einfluss darauf, ob die Wahl des Schulamts für die Rektorin als neuer Leiterin einer gemeinsamen Werkrealschule fällt oder gegen sie.

Bürgermeister Michael Kessler antwortete auch, dass keineswegs klar sei, ob Frau Rudolf oder der Leiter der Martin-Stöhr-Schule, also Jens Drescher, seinen Job verliert. Auch das ein engagierter Rektor, der erst vor kurzem das Amt übernommen hat.

Was Herr Kessler nicht geantwortet hat, ist: „Einer von beiden wird den Job verlieren. Vielleicht sogar beide.“ Denn es kann durchaus sein, dass die Stelle ganz neu ausgeschrieben wird und ein Dritter zum Zug kommt. Als Beamte werden die beiden nicht arbeitslos, aber anders eingesetzt. Frau Rudolf würde vielleicht Rektorin der JKS-Grundschule bleiben können, das Schicksal von Herrn Drescher? Ungewiss.

Job ist Job, die Arbeitswelt verändert sich. Sentimentalität ist in unserer immer kälter werdenden Welt schon längst nicht mehr gefragt. Engagierte Lehrer sind deswegen Planstellen, ebenso wie in vielen anderen Berufen.

Tatsächlich hat die heutige Entscheidung für mich als Gemeinderat eine ganz andere Bedeutung. Es geht um die Frage der Schuld – etwas, das niemand gerne auf sich nimmt.

Auch nicht der SPD-Fraktionsvorsitzende Jürgen Merx. Der hat deswegen gleich die wahren Schuldigen erkannt, die Hirschberger Gemeinderäte: „So wie der Hirschberger Gemeinderat und der Bürgermeister Just aber vorgeprescht sind, können wir der Lage nach keinen anderen Beschluss fassen. Für mich ist dieses Vorgehen die schlechteste aller Kooperationen.“

Das sagt Herr Merx, ohne „rot“ zu werden, was er schon lange nicht mehr ist.

(Mit „schlechter Kooperation“ meint er auch die dortigen „Genossen“, aber das ist wieder eine andere „Schuldfrage“, warum die SPD Hirschberg und Heddesheim nicht in der Lage sind, eine drei Kilometer lange Distanz zu überwinden.)

Er übernimmt damit stellvertretend für seinen Bürgermeister Kessler die Kritik an einer tatsächlich nicht zu verstehenden Nummer aus dem Tollhaus. Der Hirschberger Gemeinderat hatte die Heddesheimer Kollegen eiskalt erwischt, als sie beschlossen, dass der Hauptsitz in Hirschberg sein soll. Bis zu diesem Zeitpunkt ging man bei SPD, CDU, FDP ganz selbstverständlich davon aus, dass der Hauptsitz in Heddesheim sein würde. Denn die Schule hat mehr Schüler, das Dach wurde gerade saniert und überhaupt, Heddese halt.

„Heddese halt mol“ in Heddese ihre Hausaufgaben gemacht, wäre das nicht passiert. Ist es aber. Und dann sagt Herr Merx: „Unvoreingenommen hat Hirschberg den entscheidenderen Vorteil bei sich wegen der zentraleren Lage.“ Irgendwann vorher klang das noch anders.

Was Herr Merx bis heute nicht verstanden hat: In Sachen Hauptschule gibt es keine „unvoreingenommenen Vorteile“. Zehn der sechszehn Bundesländer haben die Hauptschule bereits abgeschafft oder sind gerade dabei. Weil schon das Wort Hauptschule bei vielen eine „Voreingenommenheit“ provoziert. Und weil „Werkrealschule“ das verschleiern soll.

Die Hauptschule ist ein Auslaufmodell. Die Werkrealschule eine süddeutsche Krückenlösung. Den dort „erworbenen, mittleren“ Hauptschulabschluss kennt man schon in Hessen und Rheinland-Pfalz nicht und weiß nichts damit anzufangen. Damit gibt man Schülern keine Chance, sondern eine falsche Hoffnung.

Wenn ich jetzt behaupte, Heddesheim hat den Kampf um seine Hauptschule verloren, werden sich Herr Merx und andere wie gewohnt aufregen – einer muss ja Schuld haben. Das behaupte ich aber nicht. Ich behaupte: Es gab gar keinen Kampf. Es gab nur gockelnde Selbstgefälligkeit und am Ende blöde Gesichter, als man gerupft wurde.

Die wahren Verlierer sind leider die Schüler. Sie werden zum Spielball von Interessen. Das Land spart die Hauptschulen kaputt („jaja, auch das Land ist schuld“). Die Grünen sind schuld, weil sie noch im April für die gemeinsame Werkrealschule waren und es nun „unverständlich“ ist, dass sie dagegen sind.

Im Sommer gab es aber erst das neue Schulgesetz, das das ursprüngliche Konzept einer gemeinsamen Werkrealschule aus grüner Sicht nicht mehr tragbar machte.

Wer das nicht verstehen will, tut das nicht. Der kriegt im Zweifel noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss.

So wie in Heddesheim. Geht es nach der Mehrheit des Gemeinderats und des Bürgermeisters, gibt es den Abschlussstempel für Heddesheimer Schüler bald nur noch in Hirschberg.

Herr Merx, groß im Wort und klein in der Tat, spielt derweil die beleidigte Stellvertreter-Leberwurst und stellt fest: „Das ist die schlechteste Kooperation.“

Damit dürfte er Recht haben, sofern Pfenning mit seinen Niedriglohn-Arbeitsplätzen kommt. Denn bekanntlich kommen aus Kleinverdienerfamilien bis heute („sozial vollkommen ungerecht, wie auch die SPD sonst gerne weiß“), die meisten Hauptschüler. Und wenn die sich, wie Bürgermeister, CDU, SPD und FDP prophezeien, sich in einigen Jahren in Heddesheim angesiedelt haben werden, wird Heddesheim nicht nur mehr, sondern deutlich mehr Haupt- und Werkrealschüler haben als Hirschberg, zentralere Lage hin oder her. Doch dann ist die Leitung längst in Hirschberg.

Diese Annahme ist natürlich komplett hypothetisch.

Eine Tatsache ist, dass der Bürgermeister Kessler während der Adventsfeier in der Johannes-Kepler-Schule auf die schnelle eine Unterschriftensammlung für die neue Werkrealschullösung Hirschberg-Heddesheim angestoßen hat. Leider sind wohl nur gut ein Dutzend Unterschriften zusammen gekommen, weil die Leute nicht wussten, was sie da unterschreiben sollten.

Sind die Eltern deswegen schuld? Nein, überhaupt nicht. Diese Schuldfrage ist eindeutig geklärt. Die Eltern haben sich richtig und vorbildlich verhalten und nichts unterschrieben, von dem sie nicht genau wussten, was es bedeutet.

Wie so vieles in Heddesheim wurde auch die Frage der Werkrealschule hauptsächlich im Hinterzimmer und nicht öffentlich und transparent verhandelt. Das ist die einzige Schuld, die ich sehen kann. Ganz unvoreingenommen.

Ihr
hardyprothmann

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.