Dienstag, 12. Dezember 2017

Hochmittelalterliche Bebauung unter dem ehemaligen Pfarrhaus

Archäologische Grabungen in der Oberdorfstraße

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HED Ausgrabungen Oberdorfstrasse 2013 12 17

Dr. Klaus Wirth (ganz links) und Mitglieder seines Ausgrabungsteams: Stefan Alles (hinten), Uwe Gerlach (vorne), Claudia Kruhl, Norbert Knopp und Friedrich Ammon (von links)

 

Heddesheim, 18. Dezember 2013. (red/sw) Bereits seit Sommer ist ein Team ehrenamtlicher Helfer unter der Leitung von Dr. Klaus Wirth, Leiter der Abteilung Archäologische Denkmalpflege der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen damit beschäftigt, die Reste eines Anwesens aus dem Hochmittelalter freizulegen. Da Stall und Scheune des inzwischen abgetragenen ehemaligen Pfarrhauses in der Oberdorfstraße nicht unterkellert waren, sind die Überbleibsel vorheriger Generationen noch erhalten.

Von Susanne Warmuth

Das alte Anwesen in der Oberdorfstrasse 3 kenne ich schon seit meiner Jugend. Zu jener Zeit, das Haus befand sich schon längst in Privatbesitz und war nicht mehr Sitz des Evangelischen Pfarramtes, ging ich dort fast täglich ein und aus, um die Pferde eines Heddesheimer Reiters zu versorgen. Nie hätte ich erwartet, dass sich direkt unter meinen Füßen aräologisch bedeutender Boden befindet. Daher war ich auch sehr interessiert, zu hören, was Herr Dr. Klaus Wirt im Detail über die vielen Arbeiten der Archäologen und Hobbyarchäologen, die an den Ausgrabungen auf Heddesheims ehemaligen Pfarrhaus-Grundstück beiteiligt sind, zu berichten hat.

Zunächst gräbt ein Bagger die obere Bodenschicht ab. In mühevoller Kleinarbeit arbeitet das Team dann Strukturen aus dem Areal heraus und enfernt Verfüllungen, die für das ungeschulte Auge kaum wahrnehmbar sind. Was übrig bleibt ist ein Relief mit vielen Löchern und Gruben. Die Löcher wurden durch größere und kleinere Pfosten in den Boden gebohrt, die die Fundamente von Gebäuden aus dem Hochmittelalter (12. Jahrhundert) bildeten. Die Gruben, vermutet man, dienten der Lehmgewinnung und wurden nach Abschluss der damaligen Bauarbeiten mit anderem Material wieder aufgefüllt.

 

HED Ausgrabungen Oberdorfstrasse 2013 12 17 Quelle rem

Ansicht der Ausgrabungen von oben. Foto: REM Mannheim

Deutlich zu sehen sind verschiedene Materialschichten, die über die Jahrhunderte auf dem ursprünglichen Boden aufgefüllt wurden. Über dem sogenannten „gewachsenen Boden“ in 60 cm Tiefe – der ältesten Schicht, in der Funde zu erwarten sind – liegt eine Kiesel- und eine Lehmschicht.

In Heddesheim kommt die stratigraphische Grabungsmethode zum Einsatz. Diese geht davon aus, dass jede Besiedlung „Kulturhorizonte“ im Boden hinterlässt, also Schichten, die eindeutig einer Zeit zuzuordnen sind. Die verschiedenen Schichten liegen übereinander, die neueste natürlich zuoberst, die anderen in chronologischer Reihenfolge weiter in der Tiefe. So konnten verschiedene Pflasterschichten im Hof den entsprechenden Nutzungszeiträumen zugeordnet werden oder auch Abdrücke von Fundamentbalken, die sich überlagern, recht genau datiert werden.

Technik vs. Handarbeit

HED Ausgrabungen Oberdorfstrasse 2013 12 17-3

Detaillierte Zeichnung des Pflasters aus dem 19. Jahrhundert im Hof des Anwesens. Quelle: REM

 

Die einzelnen Schichten werden vorsichtig nacheinander abgetragen. Nach Abschluss der Arbeiten an einer Schicht werden alle gefundenen Strukturen im Maßstab 1:20 aufgezeichnet. Teilweise unterstützt ein modernes Zeichengerät die Forscher, das die Verkleinerung übernimmt. Wenn dieses Gerät aufgrund der Geländeverhältnisse an seine Grenzen stößt, wird von Hand gezeichnet. Mich als Laien erinnern diese unzähligen Zeichnungen an die Aufnahmen eines Computertomographen, zeigen sie doch übereinandergelegt einen Querschnitt durch die gefundenen Schichten.

Das Material, das aus den Strukturen entfernt wurde, wird im Reiss-Engelhorn-Museum gesäubert und gesichtet. Zu den Funden zählen Scherben, teilweise glasiert der Renaissance zugehörig, Tierknochen, Keramik, aber auch kleine Mengen an Glas und Metall. Deutlich zu sehen ist zum Beispiel an einer kleinen Scherbe, dass sie zu einem Topf gehörte. Sie hat eine Hohlkehle, in die ein Deckel gepasst hat. Auch ein Backstein, den Herr Dr. Wirth ins 15. bis 16 Jahrhundert datiert, ist dabei. An ihm sind deutlich die Fingerabdrücke eines Menschen zu erkennen. Die sind Folge der damaligen Produktionsmethode: der Lehm wurde in Formen gedrückt, eingeschlossene Luft mit der Hand herausgestrichen.

 

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Oben der Backstein mit sichtbaren Fingerabdrücken, vorne links ein Tierknochen, außerdem mehrere Scherben, teilweise glasiert.

 

Herr Dr. Wirth ist Leiter der Abteilung Archäologische Denkmalpflege des Reiss-Engelhorn-Museums in Mannheim. Die Grabungen in Heddesheim leitet er jedoch als Ehrenamtlicher Beauftragter des Regierungspräsidiums Karlsruhe. Unterstützt wird er von Claudia Kruhl, Ilona Eggermann, Annika Walter, Uwe Gerlach, Stefan Alles, Norbert Knopp, Friedrich Amman, Gerhard Heinsch, Georg Trapp und Benedikt Stadler – alles ehrenamtliche Helfer, die ihm tatkräftig zur Seite stehen.

Das Team wird sich nach Abschluss der Arbeiten am aktuellen Areal noch die zweite, hintere Hälfte des Grundstücks Oberdorfstraße 3 vornehmen. Dieser Teil reicht bis fast zur Evangelischen Kirche. Erst wenn alles genau untersucht ist, kann das geplante Bauvorhaben des neuen Evangelischen Gemeindezentrums realisiert werden.