Montag, 24. September 2018

Welche Art von Arbeit bringt Pfenning? Drei Gastredner – drei Perspektiven

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Guten Tag!

Heddesheim, 17. September 2009. Bei der BUND-Veranstaltung zum Thema „Nachhaltige Entwicklung des Gewerbegebiets“ traten am 16. September drei Gastredner auf: Der Fraktionsvorsitzende der GrĂŒnen im Gemeinderat, Klaus Schuhmann, der auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwalt Dr. Dietrich Growe sowie der Betriebsratsvorsitzende der UPS-Niederlassung Heddesheim, Gerhard Schneider.
Alle drei setzten sich kritisch mit dem Arbeitsplatz-Argument der geplanten „Pfenning“-Ansiedlung auseinander.

Die Redaktion gibt die RedebeitrÀge in ihrer Reihenfolge wieder. das heddesheimblog

Klaus Schuhmann prĂ€sentierte konkrete Zahlen: „Wir haben uns die MĂŒhe gemacht und die Betriebe zur Zahl der BeschĂ€ftigen und zur Zahl der Auszubildenden befragt. Nicht alle wollten uns Auskunft geben, aber das Ergebnis spricht auch so fĂŒr sich: Rund 30 Betriebe beschĂ€ftigen rund 840 Mitarbeiter – das sind nur die, die uns geantwortet haben.“ Die derzeitige Entwicklung stehe deshalb fĂŒr konkrete Vielfalt und nicht fĂŒr ungewisse Einfalt.

„Die Edeka hat uns gezeigt, wie man sich abhĂ€ngig macht.“ Klaus Schuhmann

„Wie sehr man sich abhĂ€ngig macht, zeigt das Beispiel Edeka“, sagte Klaus Schuhmann weiter. „Das Unternehmen war uns willkommen und hat Arbeit gebracht. Aber dann wurde der Verwaltungssitz abgezogen und auch das Fleischwerk soll verlagert werden. Damit verlieren wir ArbeitsplĂ€tze und Gewerbesteuer.“ Schuhmann erlĂ€uterte weiter wie risikoreich eine einseitige Konzentration ist.

Auch die Zahl der Auszubildenden brachte Klaus Schuhmann zur Sprache: „Die Firma Pfenning will vier Heddesheimern AusbildungsplĂ€tze anbieten. Im Gewerbegebiet Nord sind es bereits heute insgesamt 28 junge Menschen in Ausbildung.“

Zur Haltung der GrĂŒnen sagte Klaus Schuhmann: „Wir haben damals dem Projekt zugestimmt – das war ein Fehler. Das muss ich offen zugeben. Heute wissen wir mehr ĂŒber das Projekt und das fĂŒhrt uns GrĂŒne dazu, dass wir diesem Projekt eine klare Absage erteilen.“

Sichert Pfenning den Wohlstand?

Gerhard Schneider schilderte kenntnisreich und detailliert die Situation der Branche. Als Heddesheimer Betriebsratsvorsitzender der UPS und Mitglied der Tarifkommission bei der Gewerkschaft verdi kennt er sich aus.

Ganz Gewerkschafter ging er von der Frage aus: „Was muss das fĂŒr ein tolles Unternehmen sein, das den Wohlstand sichert?“

Dann rechnete er: „Das muss ein Unternehmen sein, das Tarif zahlt. Und ein noch besseres Unternehmen, wenn es ĂŒbertariflich zahlt.“

„Nach dem Tarifvertrag von Baden-WĂŒrttemberg bekommt der Arbeiter 12,99 die Stunde. Pfenning zahlt 8,10 Euro“, sagte Gerhard Schneider.

Weiter fĂŒhrte er aus: „Die Zahl der hochqualifizierten ArbeitsplĂ€tze in der Logistik ist gering.“ Dann schildert er die Situation der UPS: 240 BeschĂ€ftigte, davon 100 Fahrer, 20 Angestellte und 120 Teilzeitarbeiter.

„Die Zusteller verdienen ungefĂ€hr 3000 Euro. Davon kann man leben und eine Familie ernĂ€hren“, sagte Schneider: „Diese Situation haben Sie bei vielen Unternehmen. Pfenning zahlt aber einem Subunternehmer 1900 Euro brutto fĂŒr eine Vollzeitstelle. Ist das das tolle Unternehmen, das den Wohlstand sichert?“

MĂŒssen fĂŒr 1000 ArbeitsplĂ€tze nicht Nachteile in Kauf genommen werden?

Der Arbeitsrechtler Dr. Dietrich Growe sagte: „FĂŒr eintausend ArbeitsplĂ€tze muss man auch ein paar Nachteile in Kauf nehmen. So habe ich auch gedacht, als ich das erste Mal von Pfenning hörte.“

Danach habe er sich mit dem Thema beschĂ€ftigt und recherchiert, was fĂŒr ArbeitsplĂ€tze das sind: „Immer wieder bin ich zum selben Punkt gelangt: Pfenning verweigert Informationen.“

„500 feste Arbeitnehmer hat Pfenning versprochen 250 Leiharbeiter, 250 Subunternehmer“, sagte Growe mit Bezug auf die offiziellen Zahlen.

„Fangen wir mit den 500 an. Wir haben nur sehr wenig ArbeitsplĂ€tze außerhalb des Lagers zu erwarten. Von 500 sind höchstwahrscheinlich 400 Lagerarbeiter. Herr Nitzinger hat Recht, wenn sagt, diese Arbeiter sind qualifiziert, sie mĂŒssen schließlich Stapler bedienen, die bis 18 Meter hoch kommen. Das muss man können. Doch wie werden die entlohnt?“

Dietrich Growe rechnet vor: „8 Euro kriegen diese Arbeiter die Stunde, das sind im Monat 1000 netto. Was bekommt so jemand nach 40 Jahren bei Pfenning, der mit 63 in Rente geht?“, fragt Dietrich Growe: „500 Euro. Wenn so jemand 300 Euro Miete zahlt, zahlt das Sozialamt 750 Euro Grundsicherung.“

„Die Leiharbeiter kriegen noch weniger. ÃƓber 67 Prozent in Leiharbeit sind aber gelernte Leute, die einfach Pech gehabt haben“, analysierte der Arbeitsrechtler Growe.

„Kommen wir zu den Subunternehmern. Die kaufen sich Lkws von den „Großen“ und holen sich SelbstĂ€ndige mit Lkw-FĂŒhrerschein und Gewerbeschein. Die haben noch weniger und an ein Geld fĂŒr Kranken- oder Unfallversicherung ist nicht zu denken, schon gar nicht an Rente“, sagte Growe.

„Das sind ArbeitsverhĂ€ltnisse ohne soziale Sicherung. Das sind Subunternehmer unter den Subunternehmen. Das sind sub-subs, den Begriff musste ich auch erst lernen.“

„8 Euro die Stunde sind fĂŒr mich ein Grund, Pfenning abzulehnen.“ Dr. Dietrich Growe, Arbeitsrechtler

Herr Growe: „Solche Wahrheiten wird man am Freitag nicht hören wollen: Der Tariflohn in Baden-WĂŒrttemberg liegt bei 13 Euro, in Hessen nur bei 10 Euro, „pfenning“ ist auch das zu teuer und zahlt seinen Leuten 8 Euro“, fasste Dietrich Growe zusammen.

„Allein das ist fĂŒr mich ein Grund „pfenning“ abzulehnen. Und ich bitte die sozialdemkratischen GemeinderĂ€te sich das nochmal unter diesem Gesichtspunkt zu ĂŒberlegen und sich mit den GewerkschaftssekretĂ€ren zu besprechen.“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.