Freitag, 16. November 2018

„Die Werkrealschule ist ein Etikettenschwindel.“

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Sch├╝ler informieren sich w├Ąhrend der Berufsinformationsb├Ârse an der Johannes-Kepler-Schule in Heddesheim. Foto: hblog

Guten Tag!

Heddesheim, 17. November 2009. Am kommenden Donnerstag soll der Heddesheimer Gemeinderat einem Antrag der Verwaltung zustimmen: Zusammen mit Hirschberg soll eine gemeinsame Werkrealschule eingerichtet werden. Damit diese im kommenden Schuljahr schon m├Âglich ist, muss der Antrag bis zum 15. Dezember 2009 gestellt sein. Die Zeit scheint also knapp – eine ├Âffentliche Debatte zu diesem Thema hat es in Heddesheim noch nicht gegeben. Und das ist aus Sicht der Gewerkschaft GEW ein gro├čer Fehler – der eine optimale L├Âsung f├╝r die Hauptsch├╝ler verhindert.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Schneider, wie beurteilt die GEW die neuen Werkrealschulen?
Matthias Schneider: „Eindeutig negativ. Das Kultusministerium hat unter dem Druck der sinkenden Sch├╝lerzahlen ein neues Konzept „erfunden“, das weder etwas mit Verbesserungen f├╝r die Sch├╝ler zu tun hat noch mit den Erfahrungen der p├Ądagogischen Praxis.“

Moment, die Neue Werkrealschule ist doch nach Worten von Kultusminister Rau eine Aufwertung der Hauptschule?
Schneider: „Das ist ein Etikettenschwindel. Es handelt sich nach wie vor um eine ├╝berholte Schulstruktur, an der herumgedoktort wird. Viele Hauptschulen werden die Bedingungen nicht erf├╝llen k├Ânnen und ├╝ber kurz oder lang geschlossen werden. Es geht nicht um bessere Schulkonzepte, es geht ausschlie├člich um Einsparungen.“

„Die Gemeinden sind gut beraten, nicht vorschnell zu entscheiden.“

So gesehen muss sich also jede Hauptschule beeilen, schnell Werkrealschule zu werden, um ├╝berleben zu k├Ânnen?
Schneider: „Dieser Eindruck wird vermittelt und ├╝brig bleibt der Druck. Keine Hauptschule verliert etwas, wenn Sie im kommenden Jahr immer noch Hauptschule ist. Die Schulen k├Ânnen die Antr├Ąge auch noch im n├Ąchsten Jahr stellen. Die Gemeinden sind gut beraten, wenn sie nicht vorschnell entscheiden, sondern diskutieren, welche Art von Schule f├╝r ihre Kinder und Jugendliche die beste ist.“

Was ist Ihre Forderung?
Schneider: „Die ist eine ganz alte, die immer wieder best├Ątigt wird: Wir wollen Sch├╝lern ein besseres Lernen erm├Âglichen. Daf├╝r m├╝ssen die Sch├╝ler l├Ąnger zusammen lernen. Es gibt keinen vern├╝nftigen Grund, an dem dreigliedrigen Schulsystem festzuhalten. Die skandinavischen L├Ąnder machen uns vor, was gute Schulpolitik hei├čt. Es gibt die ├╝berzeugenden Zahlen aus dem Ausland, aber hier will das keiner wahrnehmen. Das ist nicht nachvollziehbar.“

Was kritisieren Sie besonders?
Schneider: „Gerade Hauptsch├╝ler sind mehr als andere auf stabile Beziehungen angewiesen. Diese „Hopping“-Modelle, bei denen die Sch├╝ler stundenweise an der Werkrealschule und dann wieder an der Beruflichen Schule unterrichtet werden, wirkt sich nicht wie angepriesen qualifizierend auf die Sch├╝ler aus – ganz im Gegenteil senkt das die Leistungsf├Ąhigkeit. Hauptsch├╝ler brauchen nicht in erster Linie mehr berufliche Orientierung, sondern eine intensivere F├Ârderung bei den Grundkompetenzen, das hei├čt Lesen, Schreiben und Rechnen zu k├Ânnen sowie ├╝ber soziale Kompetenzen zu verf├╝gen.“

„Optimale L├Âsungen erfordern Mut und den Willen zur Ver├Ąnderung.“

In Ravensburg sollten drei Hauptschulen zu zwei Werkrealschulen umgewandelt werden. Das hat der Gemeinderat in geheimer Abstimmung mit Stimmen der CDU abgelehnt. Wissen Sie etwas ├╝ber die Hintergr├╝nde?
Schneider: „Die Situation in Ravensburg kann als Vorbild f├╝r andere St├Ądte und Kommunen dienen. Dort sitzen mehrere Bildungsexperten im Gemeinderat, der Informationsstand ist hoch. Ebenso der Wille, selbst das Beste aus der Situation zu machen und nicht nur den Vorgaben des Landes zu folgen.“

K├Ânnen Sie das erl├Ąutern?
Schneider: „In den meisten Kommunen wird nur umgesetzt, was die Landespolitik vorgibt. Motto: „Da k├Ânnen wir nichts machen.“

„Man“ kann aber was machen?
Schneider: „Selbstverst├Ąndlich. Als erstes sollte sich der Gemeinderat das Wissen der Experten, also der P├Ądagogen, verschaffen. Und Gemeinder├Ąte verschiedener Kommunen sollten sich austauschen, immer mit dem Willen, nicht eine Landespolitik auszuf├╝hren, sondern optimale L├Âsungen f├╝r die Sch├╝ler herauszuholen. Daf├╝r braucht es aber Mut und den Willen zu Ver├Ąnderung.“

„Angstszenarien ├╝ber Schulschlie├čungen sind typische Ausreden.“

In Heddesheim hei├čt es, man m├╝sse mit der Hirschberger Hauptschule zusammengehen, weil der eigene Schulstandort bedroht sei.
Schneider: „Diese Angstszenarien sind typische Ausreden, wenn man sich hinter der Landespolitik verstecken will. Das ist leider in vielen Kommunen so. Ich vermute, dass Heddesheim keinen Schulentwicklungsplan hat.“

Was w├Ąre Sinn und Zweck eines solchen Planes?
Schneider: „Die P├Ądagogen geben ihren Input, die Gemeinder├Ąte und die Gemeinde versuchen ihre Verbindungen spielen zu lassen und holen Betriebe, Handwerkskammer, IHK und andere an einen Tisch, sammeln kritische und positive Erfahrungen und entwickeln auf Grund dieses Wissens ihre Schule so optimal wie m├Âglich.“

„L├Âsungen funktionieren nur von unten nach oben – nicht umgekehrt.“

Klingt utopisch.
Schneider: „Ist es aber nicht. Es gibt im Land immer mehr Bewegung in der Sache und ├╝berall, wo es diesen Einsatz f├╝r die Schulen gibt, entwickeln sich gute L├Âsungsideen. Die aber funktionieren nur von unten nach oben und nicht umgekehrt. Gerade die leistungsschw├Ącheren Kinder und Jugendlichen brauchen eine bessere Lobby vor Ort. Die Kommunen m├╝ssen sich f├╝r deren Interessen stark machen und nicht nur die vermeintlichen Patentrezepte der CDU/FDP-Landesregierung aus der Landeshauptstadt umsetzen.“

Info:
Matthias Schneider ist der Pressesprecher des baden-w├╝rttembergischen Landesverbands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Diese fordert schon seit 20 Jahren die Aufl├Âsung des dreigliedrigen Schulsystems. Ziel sollte ein l├Ąngeres gemeinsames Lernen der Sch├╝ler sein. Aus p├Ądagogischer und sozialer Sicht.
Vergleiche, beispielsweise mit den skandinavischen L├Ąndern, geben diesem Modell Recht. Dort erreichen im Vergleich mehr Sch├╝ler die Hochschulreife, die Pisa-Ergebnisse zeigen, dass diese L├Ąnder in der Bildungspolitik Deutschland deutlich ├╝berlegen sind.
Gerade Baden-W├╝rttemberg und Bayern halten aber an dem dreigliedrigen Schulsystems fest, w├Ąhrend zehn der sechszehn Bundesl├Ąnder die Hauptschule bereits abgeschafft haben oder dies gerade tun.

Hintergrund:
Spiegel online: Baden-W├╝rttemberg pappt neues Etikett an Hauptschulen
Stuttgarter Zeitung: Ravensburger Gemeinderat – Werkrealschule kommt nicht an.

Kultusministerium BW: Modell der neuen Werkrealschule

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.