Samstag, 21. Juli 2018

Wikipedia hat den „Bratwurstjournalismus“ zensiert – ist das gut oder schlecht? Und was hat das mit Heddesheim zu tun?

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Guten Tag!

Heddesheim, 16. Januar 2010. Was hat die Debatte ĂŒber die Löschung des „Bratwurstjournalismus“ auf Wikipedia mit dem heddesheimblog zu tun? Sehr viel. Denn auch in Heddesheim gibt es Zensur. Sie ist „politisch“ verordnet und findet statt. Der Zensor heißt Michael Kessler und ist BĂŒrgermeister. Ob diese Zensur „gut oder schlecht“ ist, mĂŒssen Zensor und Zensierte selbst entscheiden.

Kommentar: Hardy Prothmann

„Zensur“ wird von den meisten Menschen eindeutig als etwas „Schlechtes“, „Verwerfliches“ , „MissbrĂ€uliches“ verstanden. Ist Zensur per se „schlecht“? Welche Zensur ist „schlecht“? ÃƓberhaupt, was ist Zensur?

Zensur ist tatsĂ€chlich ein sehr vielfĂ€ltiges Wort, das mehr als eine „negative“ Bedeutung hat. Wikipedia selbst unterscheidet zwischen verschiedenen Zensur-Formen, beispielsweise politischer Zensur oder der Zensur in der Schule (Benotung).

Die Schulzensur an sich ist aber etwas vollkommen Normales. Sie ist eine Leistungsbeurteilung. Eine schlechte Benotung, eine schlechte Zensur also, wird der betroffene SchĂŒler meist als negativ begreifen und vielleicht als „Aufforderung“, es kĂŒnftig besser zu machen. Der „1er“-SchĂŒler wird seine Note aber nicht als Zensur verstehen, sondern als „WĂŒrdigung“ der „sehr guten'“ Leistung.

Zensur findet (nicht) statt.

„Politische Zensur“ lehnt instinktiv jeder Demokrat ab. Wie heißt es doch so schön im Artikel 5, Grundgesetz: „Eine Zensur findet nicht statt.“

„(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu Ă€ußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugĂ€nglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewĂ€hrleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Das aber ist falsch. Zensur findet sehr wohl, sogar demokratisch legitimiert statt. Ein Widerspruch? Auch hier kommt wieder der Artikel 5, Grundgesetz, zum Tragen:

„(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“

Wer also bei dem „Meinungsrecht“ gegen allgemeine Gesetze usw. verstĂ¶ĂŸt, darf oder muss sogar zensiert werden. Beispielsweise politisch-extremistische Vereinigungen. Gesetzes- und Verfassungstreue werden auch fĂŒr die  „freie Wissenschaft und Kunst“ vorausgesetzt:

„(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“

Die freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FsF) der Fernsehsender „indiziert“, sprich „zensiert“ beispielsweise Filme. Danach steht auf der Verpackung: Freigegeben ab Alter X. Pornographie ist generell erst ab 18 Jahren zulĂ€ssig (FSK 18) – obwohl pubertierende Jugendliche schon in jĂŒngeren Jahren unbĂ€ndig das „Verbotene“ konsumieren wollen.

Halt den Mund!

Zensur findet auch in der kleinsten Einheit unserer Gesellschaft, der Familie statt: „Halt den Mund!“, hat sicherlich fast jeder Elternteil gegenĂŒber dem Nachwuchs mindestens ein Mal im Laufe von vielen Erziehungsjahren gesagt. Zu recht?

Die Frage, ob Zensur gut oder schlecht ist, kann man nicht pauschal beantworten. Vermeintlich besser ist die Frage: Ist Zensur gerecht oder ungerecht? Der zensierte Mensch wird meistens zu „ungerecht“ tendieren, der Zensor sein „Recht“ betonen.

Wie komplex der Begriff der Zensur ist, zeigt wiederum Wikipedia selbst. Der Artikel „Zensur (Informationskontrolle)“ ist nicht nur schwach definiert, er ist so irrelevant definiert, dass er sofort gelöscht werden sollte. Auch dem „Bratwurstjournalismus“ wurde vorgeworfen, als Begriff irrelevant zu sein.

Ist das so? Sicher nicht. Der Begriff „Zensur“ ist sehr relevant, aber schlechter definiert als die gelöschte Fassung ĂŒber den „Bratwurstjournalismus“.

Vermutlich ist „Zensur“ bei Wikipedia so unzureichend definiert, weil die „Wikipedianer“ selbst damit ein großes Problem haben, wie die Löschdebatte nicht nur um den „Bratwurstjournalismus“ zeigte.

Ist Zensur „gut oder schlecht?“

Im November gab es dazu eine Tagung, wie Radio Bremen berichtet: „Der Verein Wikimedia, der das Projekt Wikipedia finanziert, sich aber nicht in inhaltliche Diskussionen einmischt, lĂ€dt nun Wikipedia-Autoren und -Administratoren, Blogger und andere Interessierte ein, am Donnerstag, 5. November, 18 Uhr, in Berlin ĂŒber Lehren aus der Löschdebatte zu diskutieren.“

ZurĂŒck zur Ausgangsfrage: Ist es gut oder schlecht (gerecht oder ungerecht), dass ein Wikipedia-Administrator den „Bratwurstjournalismus“ gelöscht hat?

Aus meiner Sicht ist es „schlecht“ – weil ich keinen Willen bei den „Löschern“ erkennen konnte, dieses relevante „PhĂ€nomen“ nachhaltig beschreiben zu wollen. Ob das nun „Bratwurstjournalismus“ heißen muss, stelle ich dahin.

Der Hinweis, der „Bratwurstjournalismus“ sei eine Untermenge von „GefĂ€lligkeitsjournalismus“ trifft in meinen Augen nicht zu. Vor allem, wenn er so mangelhaft definiert ist, wie bei Wikipedia. Dort steht unter dem Begriff „Lokaljournalismus“ folgende ErklĂ€rung:
„Ein weit verbreitetes Vorurteil besagt, dass ein Lokaljournalist in erster Linie einen „GefĂ€lligkeitsjournalismus“ produziere, indem er etwa ĂŒber Vereinsfeste, FirmenjubilĂ€en oder Geburtstagsfeiern lokaler Politiker berichtet. Berichte dieser Art gibt es hĂ€ufig, vor allem in kleineren Lokalzeitungen und AnzeigenblĂ€ttern. GrundsĂ€tzlich aber nehmen Lokaljournalisten mit der Berichterstattung ĂŒber die Kommunalpolitik, ĂŒber soziale, wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse und Entwicklungen vor Ort eine gesellschaftliche Aufgabe wahr. Die Vielfalt, Auflagenhöhe und Reichweite der Lokalzeitungen ist eine Besonderheit der deutschen Medienlandschaft, ihre Reichweite in der Bevölkerung wird von keinem anderen Medium erreicht.“

Wikipedia ist eine „Quelle“. Mehr nicht.

Ein „weit verbreitetes Vorurteil besagt“, dass ein Lokaljournalist in erster Linie einen GefĂ€lligkeitsjournalismus produziere.

Ein Vorurteil also.

FĂŒr das allerdings im Wikipedia-Artikel jede Quelle fehlt.

Ein Vorurteil wiederum wird auch gemeinhin unter Demokraten als „schlecht“ verstanden, als „unwahr“. Die Wikipedia-Definition negiert die Aussage sogleich, indem sie bestĂ€tigt, dass es „Berichte dieser Art hĂ€ufig gibt“. Um dann wieder „grundsĂ€tzlich“ eine „gesellschaftliche Aufgabe“ herauszustellen. Und die RelevanzbegrĂŒndung ist: „Ihre Reichweite in der Bevölkerung wird von keinem anderen Medium erreicht.“

Auch hier sollten die Wikipedianer nacharbeiten. Eine hohe Reichweite ist nicht per se „gut“.

Dazu ein „Totschlagargument“: Adolf Hitler hatte nahezu die „totale Reichweite“. War das gut?

Gerade wenn das „Vorurteil“ keines sein sollte, sondern die „Tatsache“, dass ĂŒberwiegend „GefĂ€lligkeitsjournalismus“ produziert wird, wĂ€re das extrem „schlecht“ – wegen der großen Reichweite. Die haben auch Pandemien wie die Pest.

„GefĂ€lligkeitsjournalismus“ ist eine Pest.

In der Konsequenz hieße das nĂ€mlich, dass eine große Zahl Menschen mit „Informationen“ versorgt wird, die ihnen „zu gefallen“ haben, tatsĂ€chlich aber vor allem ganz wenigen nĂŒtzlich sind.

Ein solcher Journalismus ist viel wert fĂŒr die Sender der Botschaft („MĂ€chtigen“) und nichts fĂŒr die EmpfĂ€nger („Leser“). Auch GefĂ€lligkeitsjournalismus ist also eine Art von Zensur.

„Gut“ an der Löschdiskussion um den Bratwurstjournalismus ist die hohe Aufmerksamkeit, die diese nicht nur in Journalistenkreisen gefunden hat.

Denn dadurch werden die Kolleginnen und Kollegen mit der Frage konfrontiert, ob das, was sie tun, „ethisch“ vertretbar ist oder nicht. Ich danke deswegen allen Kollegen, die darĂŒber berichtet haben. Und allen „Konsumenten“, die sich fĂŒr diese Frage interessieren.

TatsĂ€chlich verlinkt das heddesheimblog oft auf Wikipedia. Die BegrĂŒndung ist einfach: Wikipedia ist aus Sicht der Redaktion eine „Quelle“. Hier gibt es Informationen – ob die „stimmen“, haben wir damit nicht beantwortet. Jede Verlinkung ist nur ein Hinweis auf eine andere „Quelle“. Ob MeinungsĂ€ußerung oder „faktische“ Information.

Wir verlinken auch auf andere Medien, Institutionen usw.. Alle Verlinkungen sind „Informationsquellen“. Mehr nicht.

DarĂŒber informieren wir unsere Leserinnen und Leser immer wieder.

„GefĂ€lligkeitsjournalismus“ ist Zensur.

Der Heddesheimer Bratwurstjournalismus GefĂ€lligkeitsjournalismus des Mannheimer Morgens ist aus meiner Sicht auch eine Form der Zensur. Und das ist mehr als bedauerlich – weil die Abonnenten des MM vorsĂ€tzlich mit minderwertigen Informationen „versorgt“ werden, fĂŒr die diese auch noch bezahlen mĂŒssen.

Wie „gefĂ€llig“ der MM dabei ist, zeigt seine „Nicht-Berichterstattung“ ĂŒber die „politische Zensur“.

Die freie Journalistin Miriam Bunjes hat beispielsweise fĂŒr das Internet-Portal der Evangelischen Kirche, „evangelisch.de“ ein PortrĂ€t ĂŒber das heddesheimblog geschrieben. Sie schreibt im September 2009:
„Seine Texte sind unbequem. Die Kritisierten wollen deshalb öffentlich am liebsten gar nichts ĂŒber Hardy Prothmann und das „heddesheimblog“ sagen. „Wir beobachten das Blog aufmerksam und kritisch“, sagt ein Sprecher der Gemeinde Heddesheim, der namentlich nicht zitiert werden will. Mehr möchte er nicht ĂŒber das „neue Medium in der Stadt“ sagen.“ (Anm. d. Redaktion: Unterstreichung durch die Redaktion heddesheimblog)

Ein „Sprecher“, der namentlich nicht zitiert werden will? Ist so jemand ein Sprecher?

Die Redaktion des heddesheimblogs wurde spĂ€ter darĂŒber unterrichtet, dass „Presseanfragen“ an die Gemeinde nicht mehr an einzelne Mitarbeiter, sondern an „gemeinde@heddesheim.de“ zu richten seien. Wenn geantwortet wird, dann vom BĂŒrgermeister Kessler oder seinem Sekretariat.

In Heddesheim wird „politische Zensur“ aktiv angewendet.

Aus „am liebsten gar nichts sagen“ soll eine Dienstanweisung geworden sein: BĂŒrgermeister Michael Kessler hat nach unseren Informationen angeordnet, jede Anfrage des heddesheimblogs nicht zu beantworten, sondern an ihn weiterzuleiten. Wir haben dazu die Gemeinde angeschrieben und werden ĂŒber die Antwort berichten.

Wenn dies zutrifft, wĂ€re das „politische Zensur“ in Reinkultur. Antidemokratisch. Nicht akzeptabel. Aber „rechtlich“ absolut zulĂ€ssig.

Mitarbeitern wĂ€re per Ukas (auch unzureichend definiert bei Wikipedia) der „Mund verboten“. Jede Recherche (=Frage) soll „zentral“ (=BĂŒrgermeister) kontrolliert werden.

Das wĂ€re der Versuch einer zensierten „Informationskontrolle“. Jeder Mitarbeiter, der dagegen verstĂ¶ĂŸt, muss mit „arbeitsrechtlichen Konsequenzen“ rechnen. Mehr noch: Mit Druck, mit nicht-Beförderung, also mit Nachteilen.

Das heddesheimblog erfĂ€hrt trotzdem viel. Weil die Unzufriedenheit der Mitarbeiter der Verwaltung mit ihrer „FĂŒhrung“ enorm hoch ist. Sie lassen sich nicht „das Maul verbieten“ und vertrauen darauf, dass die Redaktion des heddesheimblogs diese Informanten schĂŒtzt. Das tun wir.

„Quellen“, also Menschen, die etwas erzĂ€hlen wollen, werden von uns geschĂŒtzt. Was heißt das? Ganz einfach: Eine Quelle erzĂ€hlt uns etwas und wir sorgen dafĂŒr, dass die „Spur“ zwischen Quelle und Bericht nicht zurĂŒckverfolgt werden kann. Wenn das nicht möglich ist, verzichten wir auf den Bericht.

Wenn die Redaktion des heddesheimblogs ĂŒber eine Ă€hnliche Behinderung der „Redaktion“ des Mannheimer Morgen erfahren wĂŒrde – wir wĂŒrden sofort solidarisch den Sachverhalt prĂŒfen und uns sofort fĂŒr die Informationsfreiheit und die Möglichkeit einer freien Recherche einsetzen. Konkurrenzgedanken spielen dabei keine Rolle. Informationsfreiheit ist ein hohes Gut, das das heddesheimblog ungeachtet der UmstĂ€nde vor alles andere stellt.

Der MM denkt da anders. Er ist ja schon lĂ€ngst nicht mehr an „freier Berichterstattung“ interessiert, sondern betreibt aktiv „GefĂ€lligkeitsjournalismus“.

Der Mannheimer Morgen ist ein Zensurorgan.

Damit stellt sich wieder die Frage: „Gut oder schlecht“? Als Behördenleiter darf ein BĂŒrgermeister seinen Mitarbeitern einen „Maulkorb“ verordnen. Er hat das Recht dazu. Er ist berechtigt, seinen BeschĂ€ftigten die freie MeinungsĂ€ußerung in Bezug auf ihre Arbeit zu zensieren. Er hĂ€tte aber auch das „Recht“, dies zuzulassen.

Die Frage war: „Ist das gut oder schlecht?“

Das muss jeder, der davon weiß, selbst beurteilen.

Der Redaktion kann der „BĂŒrgermeister“ Kessler nichts anordnen. Er kann versuchen, Recherchen zu behindern und sich damit zu einem Verhinderer von „Informationsfreiheit“ zu definieren.

Unseren Leserinnen und Lesern kann der „BĂŒrgermeister“ Michael Kessler nichts „anweisen“. FĂŒr die Leserinnen und Leser gilt Artikel 5 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu Ă€ußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugĂ€nglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ (Anm. d. Red.: Unterstreichung durch die Redaktion.)

Das heddesheimblog ist eine „allgemein zugĂ€ngliche Quelle“, aus der sich alle BĂŒrger „ungehindert unterrichten können“.

Und das ist ganz eindeutig „gut so“.

Zensur findet ĂŒbrigens in Heddesheim und auch in anderen Gemeinden ĂŒber „nicht-öffentliche“ Gemeinderatssitzungen statt.

DarĂŒber wird das heddesheimblog exklusiv in den kommenden Tagen berichten.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.