Donnerstag, 23. November 2017

Geprothmannt: Yes, we Seidl – oder warum der „Gegenkandidat“ Claudius Seidl der bessere ZDF-Intendant ist

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Rhein-Neckar/Mainz16. Mai 2011. Am Wochenende bin ich auf einen Text des Kollegen Claudius Seidl aufmerksam geworden – Herr Seidl bewirbt sich mit einem Artikel in der Sonntags-FAZ um den Posten als Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) in Mainz. Das ist nicht nur eine „au├čergew├Âhnliche“ Idee, dass ist sogar eine ganz hervorragende Idee. Denn das ZDF ist durch parteipolitischen Proporz so derma├čen zerdurchsetzt, dass eine tranparente, demokratische Erneuerung dringend notwendig ist.

Von Hardy Prothmann

Ob Claudius Seidl seine „Gegenkandidatur“ wirklich ernst gemeint hat, ist vollkommen nebens├Ąchlich.

Ich nehme seine Kandidatur ernst und offensichtlich 500 andere Menschen auch. Denn die haben bei Facebook wie ich „Gef├Ąllt mir“ f├╝r die Seite „Claudius Seidl als ZDF-Intendant“ geklickt (Stand: 15:41 Uhr).

Der erfahrene Journalist ist viel rumgekommen – S├╝ddeutsche, Zeit, Spiegel und FAZ sind alles erste Adressen.

Der Lebenslauf:

Claudius Seidl wurde am 11. Juni 1959 in W├╝rzburg geboren. Abitur 1977 in Bamberg. Studium in M├╝nchen, Theaterund Politikwissenschaft; Volkswirtschaftslehre zum Ausgleich. Genauso wichtig war das Studium der Filmgeschichte im M├╝nchner Filmmuseum bei Enno Patalas. Erste Filmkritiken 1983 in der „S├╝ddeutschen Zeitung“, seit 1985 auch in der „Zeit“. 1990 Eintritt in die Redaktion des „Spiegels“, als Chef eines kleinen Ressorts, das sich mit popul├Ąrer Kultur befasste. 1996 Wechsel zur „S├╝ddeutschen Zeitung“ als stellvertretender Feuilletonchef. Seit 2001 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. B├╝cher ├╝ber den deutschen Film der f├╝nfziger Jahre, ├╝ber Billy Wilder, Uschi Obermaier, das barbarische Berlin und die Frage, warum wir nicht mehr (oder ganz anders) altern.

Claudius Seidl. Bild: FAZ

Der Mann kennt sich also aus, mit Kultur, mit Film, mit Fernsehen und dem Mediengesch├Ąft. Er ist nicht als Parteig├Ąnger aufgefallen, daf├╝r aber durch sehr gute inhaltliche Arbeit. Und er kommt von einer Zeitung, die dem ZDF in Hassliebe verbunden ist. Die FAZ kritisiert seit Jahren best├Ąndig die ├Âffentlich-rechtlichen Sender. Nicht immer ganz zu recht, aber viel h├Ąufiger auch nicht zu unrecht.

Wenn einer wie Herr Seidl pl├Âtzlich als Kritiker Chef des Hauses w├Ąre, m├╝sste er es lieben und sich f├╝r sein Wohl einsetzen. Und daf├╝r, dass die B├╝rgerinnen und B├╝rger, die diesen Medienklotz mit Milliarden an Zwangsgeb├╝hren p├Ąmpern, auch was bekommen f├╝r ihr Geld. Von allem ein bisschen wenigstens. Also auch ein bisschen mehr Journalismus neben dem ganzen Unterhaltungszeugs.

Der fr├╝here hessische Ministerpr├Ąsident Roland Koch hat als eine seiner letzten Amtshandlungen erfolgreich einen der besten Chefredakteure, den die ├Âffentlich-rechtlichen Anstalten je hatten, offen und unmissverst├Ąndlich aus dem Amt geworfen.

Nikolaus Brender hat dem Sender Format gegeben und sich von der Politik nicht nur nicht einsch├╝chtern lassen, sondern sich sogar erlaubt, selbstbewusst und kritisch aufzutreten. Der Noch-Intendant Markus Sch├Ąchter war entweder vollkommen ├╝berfordert oder hat nicht genug Format gehabt, oder beides, um diesen Durchgriff der Politik in sein Haus zu verhindern.

Facebook-Unterst├╝tzer-Seite f├╝r den Gegenkandidaten Seidl.

Der Grund ist klar. Nikolaus Brender war der beste und logische Kandidat f├╝r die Intendanz, wenn Herr Sch├Ąchter nicht mehr antritt. Und h├Ątte einen wie Thomas Bellut locker in die Tasche gesteckt – doch der soll es nun werden, wie Spiegel online berichtete und die „Kungelei im Hinterzimmer“ beschreibt.

Brender w├Ąre ein kritischer, unabh├Ąngiger, selbstbewusster Intendant gewesen, der sich von der Politik nicht reinreden l├Ąsst, ja, wer will so einen schon haben?

Die Antwort ist einfach: Die Politik ganz sicher nicht.

Meine Antwort ist: Ich will so einen haben.

Ich will eine Senderleitung, die den „Auftrag“ ernst nimmt. Klar, Sport und Unterhaltung geh├Âren auch ins Programm. Aber nicht als billig-traurige Klone privaten Schwachsinns. Sondern als ├Âffentlich-rechtliches Angebot mit Format.

Und ich will gute Nachrichten, echten Journalismus und kein seichtes „Bleiben-Sie-dran-Gegrinse“ und eine Religion des „Audience-Flow“. Das ist Fernsehen von gestern. Es braucht die Revolution f├╝r morgen (dazu ein Text von Georg Diez bei SPON).

Ich will ein Programm, dass ich aktiv einschalten will. Nicht, weil ich mich langweile, sondern weil ich mich informieren lassen m├Âchte, was drau├čen in der Welt passiert.

Ich will eine ordentliche Korrespondentenarbeit und nicht irgendwelche Aufsager. Ich will Typen wie Ulrich Tilgner zur├╝ck, der vom ZDF geflohen ist und nun f├╝r’s Schweizer Fernsehen arbeitet und dort f├╝r seine Arbeit gesch├Ątzt wird.

Und ich h├Ątte auch gerne einen Typen wie Nikolaus Brender zur├╝ck, der Claus Kleber von der ARD abgeworden hat, als der zun├Ąchst nicht Tagesthemenmoderator werden durfte, weil der Herr Wickert noch eine bisschen Lust hatte, den „Geruhsame-Nacht-Onkel“ zu geben.

Und ich will statt „smarty-toller“ „Reporter“ echte Reporter haben. Keine Effekthascher, sondern richtige Journalisten, die sich um wichtige Themen k├╝mmern, statt sich selbst in Szene zu setzen.

"Nur leichte K├Ąmpfe im Raum Da Nang" zeigt die Schrecken des Krieges. Quelle: ZDF

Solche Leute wie Hans-Dieter Grabe, der mit einem Film wie „Nur leichte K├Ąmpfe im Raum Da Nang“ jeden Geb├╝hren-Cent wert ist. Dieser Film hat mein Verh├Ąltnis „zum Krieg“ auf alle Zeiten nachhaltig und unumst├Â├člich aufgekl├Ąrt. Dieser Film hat in mir ein Entsetzen ausgel├Âst, von dem ich zuvor nicht wusste, dass ich so etwas ├╝berhaupt empfinden kann. Stundenlang habe ich geheult und tue das in Erinnerung im Augenblick wieder. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar daf├╝r, dass Herr Grabe den Mut und die Kraft hatte, diesen Film zu machen. Er ist f├╝r mich ein gro├čes Vorbild.

Ich will dagegen keinen Markus Lanz mit seinem seichten Pseudo-Journalismus. Und wenn es nach mir geht, kann Herr Steffen Seibert gerne in Berlin bleiben, ob als Regierungstwitterer oder sonstwas.

Die Maybritt Illner kann ich auch nicht leiden, aber meinetwegen soll sie bleiben, das Programm muss ja nicht auf meine Bed├╝rfnisse zugeschnitten sein, sondern auch andere Bed├╝rfnisse befriedigen.

Und wie gesagt – das ZDF muss sich sowieso neu aufstellen, weil sich die Mediennutzung ver├Ąndern wird. Es muss Einschaltfernsehen werden, das mit Premium-Inhalten ├╝berzeugt. Es soll und muss ├Âffentlich-rechtliches Fernsehen sein, kein privates und auch kein parteibestimmtes.

Von Herrn Seidl als Intendant erwarte ich, dass er Verwaltungs- und Fernsehrat umbaut und demokratischer gestaltet. Weiter erwarte ich von Herrn Seidl, dass er sich vehement daf├╝r einsetzt, dass alle redaktionellen Inhalte kostenfrei ├╝ber das Internet jederzeit f├╝r alle B├╝rgerinnen und B├╝rger zur Information zur Verf├╝gung stehen. Da wird Herr Seidl gegen seinen fr├╝heren Arbeitgeber FAZ und andere Zeitungsh├Ąuser stehen m├╝ssen.

Aber ich bin sicher, dass Herr Claudius Seidl das kann und tun w├╝rde. Denn als Kritiker ist er die beste Wahl, um den Sender f├╝r die Zukunft zu st├Ąrken und auch f├╝r junge Menschen interessant zu machen.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.