Mittwoch, 23. August 2017

Gabis Kolumne

Die Sache mit der Peinlichkeit

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Spiegel-Titel zur PubertÀt.

Rhein-Neckar, 16. Juli 2012. Wenn Kinder in die PubertĂ€t kommen, werden Eltern nicht nur schwierig, sondern auch peinlich. Ist das so? Gabi macht sich darĂŒber ihre Gedanken.

„PubertĂ€t ist, wenn die Eltern schwierig werden“, sagte mir kĂŒrzlich mein Tochter.

Okay, okay, ich habe das alles schon einmal mit dem Sohnemann durchgemacht. Aber das war die mĂ€nnliche Variante und jetzt kommt die weibliche, sprich beleidigt sein, zicken und das ganz große Drama.

„Weißt du eigentlich, dass in der PubertĂ€t im Hirn von Jugendlichen alles neu verschaltet und verdrahtet wird?“, fragte mich mein Goldkind, und hatte damit die Entschuldigung fĂŒr alles, was kommen könnte, parat.

So etwas lernt man heute also in der Schule, dachte ich mir.

Und wie sieht das bei mir aus, frage ich mich. Werde Frauen, die auf die 50 zugehen nicht auch neu verdrahtet? Soll ich jetzt beleidigt sein, zicken und großes Drama spielen?

Eine meiner Freundinnen, und sie gehört zu meinen liebsten, immerhin habe ich mit ihr schon die Schulbank gedrĂŒckt und den ersten Liebeskummer – auf beiden Seiten – durchgestanden, hat Zwillinge, beide 14 Jahre alt und beiderlei Geschlecht. Also die ganz harte Nummer.

Sind wir wirklich peinlich?

„Vor Kurzem“, erzĂ€hlte sie mir, „habe ich ganz laut Musik aufgelegt und getanzt. Du hĂ€ttest meine Kinder erleben sollen, das war ihnen absolut peinlich und sie hatten nur ein verĂ€chtliches ‚oh, Gott, Mama‘ fĂŒr mich ĂŒbrig“.

Ich wusste genau, was sie meinte, jegliche EmotionalitÀt auf Elternseite wird als Entgleisung empfunden.

Die grĂ¶ĂŸte Peinlichkeit fĂŒr Jungs ist der Kuss der Mutter vor allen Freunden, bei MĂ€dchen ist es die Aufforderung, das T-Shirt doch runter zu ziehen. Tanzen in der Öffentlichkeit setzt dann noch allem eine Krone auf.

Ich war mit Freundinnen und unseren Töchter auf einem Straßenfest unterwegs, Musik spielte und auf einer BĂŒhne wurde getanzt. Eine von uns „Àlteren“ MĂ€dels wagte es, sich von den KlĂ€ngen verfĂŒhren zu lassen und sich rhythmisch zu bewegen.

„Mama, das ist ja nur peinlich“, war der sofortige Kommentar ihrer Tochter.

Das heißt also, wenn Kinder in die PubertĂ€t kommen, sollten wir auf Elternseite sofort auf die Spaßbremse drĂŒcken. Sprich uns erwachsen, humorlos und spaßfrei bewegen und verhalten.

Liebesbeteuerungen und -beweise sind nur noch den Teenagern untereinander gestattet genauso wie emotionale AusbrĂŒche oder Tanzeinlagen in der Öffentlichkeit.

Ich habe mich gefragt, wie war das in unserer PubertÀt? Haben wir unsere Eltern auch als peinlich empfunden?

Waren unsere Eltern noch Eltern?

Oder haben sich unsere Eltern erwachsener verhalten? Ich kann mich zumindest nicht erinnern, dass meine Mutter zu lauter Musik durch die Wohnung getanzt ist.

Ab einem bestimmten Alter habe wir auch kaum noch die Freizeit mit unseren Eltern verbracht und wenn, dann war das beim Sonntagsspaziergang, also mit Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir wurden aber auch nicht von unseren Eltern ĂŒberall hin gefahren und sie hatten weit weniger Kontaktmöglichkeiten mit unserem Freundeskreis bei Schul- und Freizeitveranstaltungen. Die Welten waren getrennter. War das besser?

Zudem begann die PubertĂ€t spĂ€ter, zumindest, was das Freizeitverhalten betraf. Vielleicht mĂŒssen sich unsere Kinder auch mehr abgrenzen, da wir lĂ€nger „jung“ sind als die Generationen vor uns. Wir hören oft Ă€hnliche Musik, tragen Ă€hnliche Klamotten und feiern Partys.

Ich war kĂŒrzlich mit meinem 18jĂ€hrigen Sohn in einem CafĂ©. Die Bedienung kam und fragte: „Was wollt ihr trinken?“

„Sie hat mich einfach geduzt“, empörte sich mein Sohn. „Sie hat mich einfach geduzt“, freute ich mich.

Heißt das, wir wollen nicht erwachsen, nicht „alt“ werden? MĂŒssen wir uns Ă€ndern?

„Ich habe beschlossen, ich tanze weiterhin durch die Wohnung, wenn es mir danach ist“, sagte meine Freundin mit den Zwillingen. „Soll’s meinen Kindern doch peinlich sein.“

Ja, dachte ich, soll’s ihnen doch peinlich sein, das werden sie ĂŒberleben und ich nahm mir vor, kĂŒnftig solche Aussagen lockerer zu nehmen, denn erstens haben wir schon viele peinliche Situationen mit unseren Kindern erlebt und zweitens, die PubertĂ€t geht vorĂŒber – irgendwann.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.