Dienstag, 22. August 2017

Serie: Privatleben – Tankstelle oder Ballast für Berufstätige?

Print Friendly, PDF & Email

Guten Tag!

Heddesheim, 15. April 2010. Beruf- und Privatleben passen nicht immer harmonisch zusammen – sie stehen in Konkurrenz. Damit die Beziehung nicht auf der Strecke bleibt, muss sie gepflegt werden, sagt unsere Autorin Antonia Scheib-Berten und gibt Tipps wie man aus der Krise kommt und besser: Gar nicht erst in eine gerät.

Von Antonia Scheib-Berten

Erfolg, das Schlüsselwort unserer Zeit. Wer wollte nicht erfolgreich sein? Doch der Weg dorthin ist oft steinig.

Beruflich eine Karriere zu machen, kostet unter den heutigen Bedingungen viel Kraft, Ausdauer und viel Energie.

Erfolgreich zu bleiben, Umsatzzahlen zu halten, das Unternehmen zu konsolidieren und gar auszubauen erfordert kontinuierliches Engagement. Die Arbeitszeit richtet sich für viele Menschen nicht nach Tarifverträgen.

Die Gedanken, die um das eigene Unternehmen oder die verantwortungsvolle Führungsposition kreisen, lassen sich nach Feierabend nicht einfach ausknipsen wie ein Lichtschalter.

Beruf und Privatleben – eine Konkurrenz?

Oft gibt es einen Feierabend im klassischen Sinne gar nicht. Der Beruf steht morgens mit uns auf und geht abends mit uns ins Bett.

Da bleibt oft nicht viel übrig für die persönlichen Beziehungen. Viele beruflich engagierte, erfolgreiche Menschen stellen fest, dass die Partnerschaft, die Familie und die privaten Kontakte zu kurz kommen. „Ich bräuchte einfach mehr Zeit,“ stöhnen sie und sehen sich weiterhin im Strudel ihrer beruflichen Aufgaben untergehen.

So mancher stand schon unversehens vor den Trümmern der Ehe. „Erst als mein Sohn Abitur machte fiel mir auf, dass ich von seiner Kindheit so gar nichts mitbekommen habe,“ resümiert der Geschäftsführer einer mittelständischen Firma. Er bedauert dies und kann heute nicht mehr verstehen, warum er über zwanzig Jahre die Familie eher als Ballast sah.

Doch was bedeutet Partnerschaft, Familie und soziales Umfeld für beruflich Engagierte? Die Tankstelle, an der sie Rast machen und „auftanken“? Oder eher Ballast, der das Arbeitsleben noch beschwerlicher und anstrengender macht?

Die Anforderungen, die Beruf und persönliches Umfeld an uns stellen, sind groß, ja wachsen für viele von uns beständig. Gefragt und „in“ ist der Allround-Erfolgreiche, der überall mitreden kann, der überall mitmischt.

Zeit ist kostbar – unsere Beziehungen auch.

Das kostet vor allem auch Zeit. Doch unser Zeitbudget ist begrenzt. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden!

„Wann bleibt Zeit für die Beziehung? Mein Freund spielt so langsam nicht mehr mit. Ich falle wochentags todmüde ins Bett. Am Wochenende sind wir ständig ausgebucht mit Terminen. Auch hier der reinste Stress. Es kann so nicht mehr weitergehen,“ klagt eine 34jährige Einzelhandelskauffrau mit eigenem Ladengeschäft. „Außerdem hatte ich mir immer Kinder gewünscht. Aber gerade jetzt läuft der Laden so gut. Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“

In der Tat: Berufliches Engagement und Karriere haben ihren Preis. Prioritäten müssen gesetzt werden, Entscheidungen sind zu treffen – ein permanentes Leben „auf der Ãœberholspur“ mit voller Kraft ist nicht möglich.

Es heißt Rastplätze einzurichten. Freiräume, in denen die Seele baumeln darf, wo Gefühl aufgetankt werden kann, wo der innovative Karrieremann, die durchsetzungsfähige Karrierefrau auch einmal schwach sein darf. Ein solcher Freiraum kann die Partnerschaft sein.

Eine Partnerschaft braucht Balance.

Natürlich kann das nur im Geben und Nehmen auf Dauer funktionieren. Immer wieder gilt es, sich mit dem Partner auseinanderzusetzen. Wenn nur einer gibt, die Balance nicht mehr stimmt, wird dies unweigerlich Folgen haben.

Gut ist es, wenn ein Paar über Unzufriedenheiten reden kann, wenn Frustrationen sich nicht ansammeln und auftürmen. Solche kleinen Alltagsfrustrationen, aufgestaut über Jahre, können letztendlich eine Beziehung zum Scheitern bringen.

Wichtig ist es also, immer im Gespräch zu bleiben und die Kommunikation nicht auf solche Floskeln wie „Gib’ mir mal die Butter“, „Jetzt ist das Shampoo schon wieder leer.“ Oder „Was schenken wir deiner Mutter dieses Jahr zum Geburtstag?“ zu reduzieren.

Kommunikation ist sehr viel mehr. Selbst der engagierteste Karrieremensch sollte sich hierfür Zeit nehmen. Denn der Partner braucht Wertschätzung – wie wir auch.

Beziehungen, die eine Priorität auf den Beruf legen, werden nur dann langfristig und erfolgreich funktionieren, wenn beide an einem Strang ziehen. Stellen wir uns ein Tandem vor. Zwei Menschen auf einem Rad. Hier kann mit gemeinsamer, doppelter Kraft viel erreicht werden.

Wenn natürlich der Hintermann bremst, so kann der andere sich noch so sehr „abstrampeln“. Es heißt also, klare Abmachungen zu treffen, gemeinsame Ziele zu stecken. Unbefristet mitstrampeln, sich anstrengen und kein Ziel haben, da wird keiner von uns lange durchhalten.

191 900 Scheidungen im Jahr 2008

Diese Zahl spricht für sich. Wie viele „Partnerschaften ohne Steuerklassenänderung“, also sogenannte nichteheliche Gemeinschaften, pro Jahr aufgelöst werden – darüber gibt es keine Statistik.

Insgesamt sind Hunderttausende von Menschen – Frauen, Männer und Kinder – betroffen. Die psychologischen Schäden, die der Einzelne aus den teilweise dramatisch verlaufenden Trennungen davonträgt, erscheinen in keiner Statistik.

Manche werden gar beziehungsunfähig, tragen die Altlasten ihr restliches Leben mit sich herum. „Seitdem ich mich vor zehn Jahren von meinem Mann getrennt habe, kann ich mich nicht mehr auf eine Beziehung einlassen. Ich bin immer in „Hab’-acht-Stellung“. Die alten Wunden sind noch immer nicht vernarbt,“ äußert die attraktive Fünfzigjährige, deren Ehe nach eigenen Worten „ein einziges Desaster“ war.

Der ultimative Beziehungstipp

Es sind die kleinen, alltäglichen Dinge, die eine Beziehung am Leben erhalten. Wann haben Sie Ihrer Frau zum letzten Mal gesagt, dass Sie sie attraktiv finden?
Wann haben Sie trotz aller Zeitnot den letzten Kuschelabend mit Ihrem Partner im Bett verbracht?
Wann haben Sie einen Samstag Vormittag investiert, um mit Ihren Kindern Fahrrad zu fahren?
Kleinigkeiten, die aber der Selbstverständlichkeit entgegenwirken können.

„Keine Zeit! Keine Chance bei meinem vollen Terminkalender,“ werden Sie vielleicht einwerfen.

Es soll einmal einen klugen Mann gegeben haben, sehr engagiert, sehr erfolgreich. Er hat aus seinem Terminkalender einfach jedes zweite Wochenende ein Kalenderblatt herausgerissen. Offiziell gab es diesen Tag also gar nicht. Der Mann konnte keinen Termin vereinbart werden, kein Tennis mit Freunden, kein informelles Treffen mit Mitarbeitern und Kollegen.

Was tat dieser Mann nun an diesem Tag? Er hatte Zeit – ein geschenkter Tag für sich und seine Frau.

Freundschaften wollen gepflegt werden

Ãœber die Familie hinaus Freundschaften zu pflegen ist wichtig und sinnvoll – aber für beruflich Engagierte aus zeitlichen Gründen kaum möglich.

Dennoch: Es tut es gut, sich ab und zu über ganz andere Themen zu unterhalten, mal über den eigenen beruflichen und familiären Tellerrand hinwegzusehen.

Eine Einladung zum Klassentreffen annehmen, die alten Kumpels wieder sehen, kann manchmal inspirierender sein, als einen Abend über einem Konzept zu brüten.

Vielleicht kommt die innovative Idee gerade dann, wenn man einmal so richtig abschaltet. Und außerdem: Gute Freunde sind auch in schlechten Zeiten für uns da!

Und wenn es mit gutem Willen alleine nicht mehr geht?

Jeder geht in aller Selbstverständlichkeit zu seinem Steuerberater. Es ist keine Schande, bei Rechtsfragen einen Rechtsanwalt zu konsultieren. Natürlich gehen wir zum Orthopäden, wenn der Knochen knirscht und warten nicht bewegungslos auf den Rollstuhl.

Es sollte (spätestens zu dem Zeitpunkt, wenn die Beziehung zu ächzen und knirschen beginnt oder ganz einfach leer ist) kein aufgeklärter Mensch Scheu davor haben, auch hier einen Fachmann, einen kompetenten Partnerberater zu konsultieren.

Manchmal macht es auch Sinn, einen alten, schlecht verheilten Bruch – um im Bild des Orthopäden zu bleiben – mit kompetenter Begleitung neu zu betrachten. Vielleicht sieht alles schlimmer aus als es ist. Es gibt den so genannten „Phantomschmerz“. Manchmal tut etwas weh, was längst nicht mehr da ist. Das muss nicht so sein.

Leider ist der Fachmann in Sachen Beziehung noch viel zu wenig bekannt. Partner- und Sexualtherapeuten oder -berater sind Ärzte, Psychologen oder Sozialpädagogen mit Zusatzausbildung. Sie bieten in freier Praxis ihre Beratungen an.

Partnerschafts-TÃœV

Wir alle murren und knurren, wenn wir unser Auto regelmäßig beim TÃœV vorfahren müssen. – wir murren und tun es dennoch, denn sonst würde Strafe drohen. Vielleicht sollte aus Gründen unserer eigenen Sicherheit auch ein gesetzlich vorgeschriebener TÃœV in Sachen Beziehung eingeführt werden.

Regelmäßig – und nicht nur alle zwei Jahre  – ein Check, Beziehung auf Herz und Nieren überprüfen und weiterhin gemeinsam erfolgreich sein.

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters.

Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche Unterstützung. Die Beratung findet im geschützten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.