Samstag, 19. August 2017

Gabis Kolumne

Fitnesstrainer? Nein danke, ich habe Kinder.

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Guten Tag!

Heddesheim, 15. M├Ąrz 2010. Wer Kinder hat – dem ist nicht langweilig. Ein Termin jagt den anderen, eine Sitzung die n├Ąchste und irgendwie riecht es immer nach Kuchen, den man f├╝r diverse Feste backen muss, w├Ąhrend man gerade mal wieder was bastelt oder organisiert. Kinder sind sowas wie ein Fitnessprogramm f├╝r Eltern, meint Gabi.

Wie viele Stunden Ihres Lebens haben Sie schon auf Elternabenden, Schulfesten, Sportfesten und Auff├╝hrungen jeglicher Art verbracht?
Wie viele Kuchen haben Sie gebacken wie viele und Salate haben Sie zubereitet? Wie viele Dekorationen gebastelt, Aufbau- und Abbaudienste geleistet?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mache es gern. Zugegeben: Es war mir nicht bewusst, als ich vor 15 Jahren meinen Erstgeborenen im Arm hielt, dass ich die n├Ąchsten 20 Jahre meine Wochenenden bei Sportvereinen, Schulfesten, Klassenwanderungen und ├âÔÇ×hnlichem verbringen w├╝rde. Dass ich mindestens vier Mal im Jahr auf Elternabenden h├Âren m├╝sste, was kein Mensch h├Âren will und dass ich an Elternstammtischen meine knappe Freizeit mit Menschen zusammen sitze, mit denen mich nur die Tatsache verbindet, dass unsere Kinder zuf├Ąllig in dieselbe Klasse gehen.

Ideal sind ein M├Ądchen und ein Junge –
dann kriegt man das volle Programm.

Bei zwei Kindern beiderlei Geschlechts bekommt man so ziemlich von allem etwas mit. Ich war auf Tennisturnieren, Schwimm- und Turnwettk├Ąmpfen, habe mir Ballettauff├╝hrungen angeschaut sowie Karate- und Voltigierturniere. Ich habe f├╝r die obligatorischen Weihnachtsfeiern Kuchen gebacken und f├╝r die Sommer-Grillfeste Salate zubereitet.

Manches haben meine Kinder schon nach Kurzem wieder aufgegeben, manches hat mich Jahre lang begleitet. Von Fu├čball blieb ich Gott sei Dank verschont, denn das muss, so habe ich mir sagen lassen, das h├Ąrteste Programm sein.

„Meine Mama macht das gerne.“ Achso.

Neben den Freizeitaktivit├Ąten gibt es nat├╝rlich auch die Kindergarten- und Schulveranstaltungen. Will sagen, angefangen vom „Laterne laufen“ ├╝ber Bastelnachmittage – ich habe alles mitgenommen. Gl├╝cklicherweise (?) waren und sind meine Kinder auch an ihrer Schule ├Ąu├čerst aktiv. Das hei├čt, sie machen bei Theaterauff├╝hrungen mit, sind im Chor und wenn freiwillige Elternarbeit erwartet wird, rufen sie immer, „meine Mama macht das gerne“.

├âÔÇ×u├čerst beliebt sind auch Familienwanderungen am Wochenende. So bin ich beispielsweise schon dreimal nach Buchklingen gekommen (Tipp: der gr├╝ne Baum bietet Platz f├╝r ganze Klassen plus Familien). Und nahezu obligatorisch sind Grillfeste an der Freizeithalle und sp├Ąter dann im Luisenpark.

Nicht ganz so gesellig sind oft die Elternabende. Und auch hier habe ich das Gl├╝ck Kinder beiderlei Geschlechts zu haben.

Nach den einstimmenden Worten „wir gehen gerne in die Klasse ihrer Kinder“, folgte meist, „aber die Klasse ist sehr unruhig und undiszipliniert, zu dem l├Ąsst die Einstellung zu Hausaufgaben zu w├╝nschen ├╝brig“.

Unfug? Hoffentlich wars nicht mein Junge.

Und wer ist meist Schuld? Richtig, die Jungs. Jahrelang habe ich bei diesen Worten meinen Kopf eingezogen und gehofft mich unsichtbar machen zu k├Ânnen. Denn ich wusste, wenns um Unfug ging, war mein Sohn immer vorne mit dabei.

Also sa├čen einige Jungen-Eltern (nicht alle, denn es gibt ja auch brave Jungs) mit der B├╝├čermiene vor den Lehrern und hofften, die Predigt w├╝rde diesmal nicht so heftig ausfallen und keiner der M├Ądcheneltern w├╝rde einen sp├Ąter zur Seite nehmen.

Unfug? In der Klasse meiner Tochter machen den Jungs.

Bei den Elternabenden meiner Tochter erlebe ich das ganz anders. Meine Tochter macht ihre Hausaufgaben regelm├Ą├čig, hat weder Nachsitzen noch Strafarbeiten. Dass hei├čt nicht, dass sie auch zu Hause ein Engel ist, das hei├čt lediglich, dass sie wei├č, wie man sich im Unterricht benehmen muss. Also sitze ich entspannt inmitten der anderen Eltern und bin auch anschlie├čend gerne zu einem Pl├Ąuschchen bereit.

Vor Kurzem habe ich mal wieder vier Stunden meines Lebens auf einem Schulfest verbracht – praktischerweise gehen meine Kinder inzwischen auf die gleiche Schule, was rein rechnerisch die Stunden auf Schulfesten, Weihnachtskonzerten, Theaterauff├╝hrungen etc. halbiert – anschlie├čend habe ich mit meiner Freundin, deren Kinder, die gleiche Schule besuchen, einen Kaffee getrunken.

W├Ąhrend wir rechneten, wie viel Schulfeste noch vor uns liegen, wurden wir ganz wehm├╝tig. Wie schnell waren doch die Jahre im Kindergarten und in der Grundschule vergangen und wie bald w├╝rden unsere Gro├čen ganz die Schulzeit hinter sich lassen.

Das alles ist anstrengend – aber auch sch├Ân.

Und eigentlich, wenn wir ehrlich sind, haben wir bei all diesen Aktivit├Ąten auch viel Sch├Ânes erlebt. Hier sind nicht nur die Freundschaften unserer Kinder, sondern auch unsere Freundschaften entstanden. Wir haben manches tolle Fest gefeiert und bei Auff├╝hrungen die eine oder andere Tr├Ąne vergossen. K├╝nftig, nahmen wir uns fest vor, werden wir mit noch mehr Euphorie dabei sein.

Ende letzter Woche erreichte mich eine Email des Elternbeirats, demn├Ąchst werden wir mit der Klasse meiner Tochter wandern.

Und nun raten Sie mal wohin? Richtig, nach Buchklingen. Und wissen Sie was, ich freuÔÇÖ mich drauf.

Und ich sage Ihnen noch etwas: So viel w├Ąre ich wahrscheinlich nicht an der frischen Luft gewesen, ich h├Ątte mich weniger bewegt und so gesehen, sind Kinder, sofern man die Einstellung hat „Mama macht das gerne“, die besten Fitnesstrainer der Welt.

gabi

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.