Montag, 21. August 2017

Bratwurstjournalismus bei Wikipedia gelöscht – Lang lebe der Bratwurstjournalismus

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Guten Tag!

Heddesheim, 15. Januar 2010. Nach einer heftigen Debatte auf Wikipedia wurde heute der Begriff „Bratwurstjournalismus“ als eigenständige Definition gelöscht. Im Artikel „Heddesheim“ ist er aber weiterhin vorhanden – fragt sich nur, wie lange noch.

Kommentar: Hardy Prothmann

bratwurst

Angeblich "keine Relevanz" und einem Eintrag bei Wikipedia "nicht würdig": Bratwurstjournalismus. Autor: Raimund Hocke

Eine Woche lang wurde bei Wikipedia heftig diskutiert, ob der Artikel „Bratwurstjournalismus“ bleiben darf oder gelöscht werden soll. Die Löschfraktion hat sich durchgesetzt und heute den Artikel aus der Online-Enzyklopädie entfernt. Grund genug, meinen Senf dazu zu geben.

Autor der ersten Fassung war Markus Schwarze, Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ). „Ich gebe zu: Mir saß der Schalk im Nacken, als ich gestern nach einem Wortwechsel mit Daniel Schultz aus Berlin den Begriff des Bratwurstjournalismus bei Wikipedia verfasste. Es geht dabei um eine Aufgabe, die vermutlich jeder Journalist irgendwann in seiner Berufslaufbahn erlebt: ein Ereignis zu beschreiben, das sich als weniger gravierend als gedacht herausstellt; ein Ereignis, das eigentlich ein Nichtereignis war“, schreibt der Journalist Schwarze.

Und: „Hardy Prothmann hat dafür diesen etwas bösen, aber auch augenzwinkernden Begriff des Bratwurstjournalismus gefunden, benutzt und veröffentlicht. Es gab für diese Methode zu allen Zeiten geeignete Bezeichnungen und Abwandlungen, etwa den Schnittchenjournalismus, den Gefälligkeitsjournalismus, das Runterschreiben, den PK-Abschreiber, den PR-Journalismus. Und es gab zu allen Zeiten auch Interesse für solche Artikel.“

Nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung gab es einen Eilantrag, den Text wieder zu löschen. Pikant: Einige der Lösch-Befürworter sind selbst (Lokal-)Journalisten, die sich offenbar als „Bratwurstjournalisten“ wiedererkannt haben, dies aber abstreiten und es trotzdem persönlich nehmen. So auch „Scooter“: „Noch einmal zum Mitschreiben: Dass – vor allem auf lokaler Ebene – solche Stilmittel verwendet werden, ist weißgott keine neue Erkenntnis und ist auch nicht durch die Schöpfung des hier zur Löschung anstehenden Lemmas erstmals dokumentiert worden. Nur weil jemand seinen Frust über gewisse Tendenzen im Journalismus in Worte kleidet (die auch mir nicht gefallen, das sei eingeräumt), ist das noch lange nicht enzyklopädietauglich bzw. -würdig. Dies übrigens auch im Namen meiner sämtlichen Redaktionskollegen, die – von mir ergebnisneutral befragt – allesamt noch nie von dieser Begriffsbildung gehört haben. Und das sind alles, so viel kann ich versichern, keine Bratwürste.“

Wegen des großen Interesses hatte ich einen Definitionsvorschlag an den Autor gesendet:

Der Begriff „Bratwurstjournalismus“ bezeichnet einen meist durch lokale, journalistische Medien verbreiteten Sachverhalt ohne jeglichen Nachrichtenwert und von untergeordnetem Informationswert.

Kennzeichnend für „Bratwurstjournalismus“ sind floskelhafte, belanglose oder auch metaphorische Formulierungen, die häufig durch Adjektive ergänzt werden.

Dabei werden selbstverständliche Handlungen und Geschehnisse überstilisiert und als Pseudo-Nachricht dargestellt.

Typische Beispiele für „Bratwurstjournalismus“ finden sich bei überwiegend nachrichtenarmen Ereignissen, beispielsweise Festen und Veranstaltungen auf lokaler Ebene:

„Die Luft war vom Duft von dampfendem Glühwein, leckerer Bratwurst und köstlichen Plätzchen geschwängert…“, „der Wettergott hatte letztlich ein Einsehen und zeigte sich gnädig…“, „das Tanzbein wurde ausgiebig geschwungen…“, „für das leibliche Wohl war wie immer bestens gesorgt…“, „voll des Lobes und des Dankes zeigte sich ein zufriedener Bürgermeister…“, „erfreute die von der herrlichen Musik beseelten Gäste…“.

„Bratwurstjournalismus“ ist somit ein systemkritischer Begriff, der alle Formen einer pseudo-informierenden journalistischen Darstellung umfasst.

Geprägt wurde der Begriff 2009 durch den Journalisten Hardy Prothmann, der selbst lokaljournalistische blogs betreibt. Andere Journalisten griffen das Wort „Bratwurstjournalismus“ schnell auf und verbreiteten es über Online-Medien, Nachrichtenagenturen, Fachdienste, „social networks“ sowie blogs.

gluehwein

Dampfender Glühwein - dankbare Abnehmer. Quelle: MM

wohl

Fürs leibliche Wohl ist gesorgt. Quelle: MM

wettergott

Wohlwollender Wettergott - bunte Vielfalt. Quelle: MM

Ins Internet kam der Begriff durch ein Interview des Journalisten Peter Viebig, Nürnberger Zeitung, mit mir: „Was ist ein Bratwurstjournalist?“. Als mich der Kollege befragte, wusste ich noch nicht, welche Folgen das eher spaßige Interview haben würde. Viebig forderte zur Löschdebatte: Rettet den Bratwurstjournalismus. Damit meinte er hoffentlich natürlich den Begriff und nicht diese Form von „Journalismus“. Die Twitter Aktion „Rettet den Bratwurstjournalismus“ wurde zuvor von Daniel Schultz auf „Presseschauer“ ins Leben gerufen.

Teile davon wurden in den Wikipedia-Artikel eingearbeitet, aber auch in anderen „Wikis“, beispielsweise hier: http://marjorie.wikia.com/wiki/Bratwurstjournalismus und hier http://franken-wiki.de/index.php/Bratwurstjournalist.

Obwohl also der Begriff bei Wikipedia als Definition gelöscht wurde, lebt er im Netz weiter. Denn merke: Was hier einmal drin steht, ist fast nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Der Bratwurstjournalismus wird als Begriff also überleben. Als Methode wird er weiterhin täglich im Lokaljournalismus angewendet – besonders auf den Rhein-Neckar-Seiten des Mannheimer Morgen durch „Freie Mitarbeiter“ wie Dietmar Thurecht oder Redakteurinnen wie Anja Görlitz.

Ich bin gespannt, wann der Begriff auch im Artikel zu „Heddesheim“ gelöscht wird. Doch das wäre schade. Denn Nürnberg ist für die gleichnamigen Bratwürste bekannt, ebenso leihen Thüringen und die Pfalz ihren Bratwürsten ihren Namen. Wie auch immer: Heddesheim ist jetzt auch überregional bekannt, weil hier der Bratwurstjournalismus „erfunden“ wurde.

Als „Erfinder“ des Worts gebe ich es aber frei: Es darf in jedem Ort verwendet werden, um die Lokalpresse damit zu bezeichnen – sofern diese Bratwurstjournalismus betreibt.

Und ob es bei Wikipedia einen Artikel dazu gibt oder nicht, ist mir ehrlich gesagt, ziemlich Wurscht.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.