Dienstag, 18. Dezember 2018

In eigener Sache: Unsere Berichterstattung, IG, Herr Kessler, Pfenning und andere Interessen

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Guten Tag!

Heddesheim, 14. Oktober 2010. Das „Lokale“ ist die spannendste Arbeit, die man sich als Journalist vorstellen kann. Denn „vor Ort“ geht es zur Sache. Was in Berlin, in BrĂŒssel, Washington, Moskau oder Peking oder Stuttgart geschwĂ€tzt wird, ist weit weg – außer es ist lokal wichtig. In Heddesheim wird seit dem Start des heddesheimblogs viel diskutiert und das ist gut so.

Von Hardy Prothmann

„Um Dich wird es ruhig werden“, hat mir jemand gesagt. „Damit hast Du Dir keinen Gefallen getan“, sagte ein anderer. „Das wird nicht ohne Folgen bleiben“, ein Dritter. Und ein Vierter: „Ist der jetzt auch von Pfenning gekauft?“

„Soviel ist klar: Zumindest weiß man jetzt, dass Du es richtig ernst meinst und tatsĂ€chlich unabhĂ€ngig berichtest“, höre ich auch noch.

„Ruhig werden“, „Gefallen“, „nicht ohne Folgen“, „von Pfenning gekauft“?

Bei solchen Äußerungen bleibe ich ruhig und frage dennoch: „Gehts noch?“

Der Grund war der Kommentar zum „Spendenbrief“ der „IG neinzupfenning“.

AbhÀngig von der Perspektive.

Wo leben diese Menschen, die das sagen? „Hier im Ort, unter uns“, ist meine Antwort.

Und darunter sind viele, die sich fĂŒr die „Guten“ halten – abhĂ€ngig von der Perspektive.

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Hardy Prothmann: Verantwortlich fĂŒr heddesheimblog.de, hirschbergblog.de, ladenburgblog.de und demnĂ€chst weinheimblog.de. Bild: sap

Wenn man als Journalist eine kritische Haltung vertritt, kann es sein, dass man plötzlich sehr einsam dasteht – weil man berichtet, was niemand wissen will.

Was ist die Alternative? Nur das aufschreiben, was niemanden stört, was niemanden aufregt, was weit weg ist? Was alle wissen wollen?

Dann mĂŒssten die Abos und Leserzahlen fĂŒr den Mannheimer Morgen ansteigen.

Oder so zu tun, als sei man irgendein neutral-objektiver Apparat, der mechanisch die Nachrichten prĂŒft und verpackt, wie das Nudelmaschinen in der Fabrik tun?

Dann mĂŒssten Monopol-Zeitungen, die wenig Recherche, wenig kritische Berichterstattung bringen, wie der Mannheimer Morgen, dafĂŒr aber von „Pfenning“-Werbung profitieren, die absolute Lösung sein.

Gott sei Dank ist das nicht so.

Die Lokalzeitungen verlieren seit Jahren Abos und Leser und aus deren Sicht ganz bitter: teuer bezahlte Werbung.

Anbiedern vs. Journalismus.

Das aber ist konsequent einer schlechten journalistischen Leistung geschuldet. Wer nur „Gutwetter“-Berichterstattung, „Lobhudelei“-Geschwurbel und „Bratwurstberichterstattung“ anbietet, muss sich nicht wundern, wenn die Leser sich abwenden.

Im GeschĂ€ft mit dem Journalismus dreht sich alles um Leser, Zuschauer und Zuhörer. Je mehr man davon hat, desto besser kann man die Werbung vermarkten. Die „Quote“ ist das, was zĂ€hlt. Nicht der Inhalt. Auch die Forschung hat sich ĂŒberwiegend auf die „Massenmedien“ konzentriert.

Die „Massenmedien“ waren ĂŒber lange Zeit so genannte „Gate-Keeper“ (TĂŒrsteher): ARD und ZDF und die nationalen Zeitungen, allen voran die Bild, haben ĂŒber Jahrzehnte die öffentliche Meinung „gesteuert“. Die Arroganz vieler Journalisten war die der Teilhabe an der Macht. Die Wissenschaft folgte dem PhĂ€nomen und so weiter.

Meistens folgte man den offiziellen „Bekanntgaben“ und wenn einem danach war, dann machte man „ein Faß auf“ – das bestimmte die Diskussion. Noch heute ist das so: Bild, FAZ, Spiegel und andere stoßen nationale Debatten an. Doch seit ein paar Jahren kommen die AnstĂ¶ĂŸe immer öfter ĂŒber das Internet, was große Irritationen hervorruft.

ZurĂŒck zur alten Welt. Hinter den Texten stehen ein bis wenige Autoren. Also subjektive Meinungen, die aber enorme Macht haben. Diese werden hinter den Markennamen Bild, FAZ, Spiegel, SĂŒddeutsche oder auch taz versteckt – oder hinter dem jeweiligen Monopol vor Ort.

Monopol-Zeitungen sind interessengeleitet.

Im Lokalen hat man sich lĂ€ngst daran gewöhnt, dass es eigentlich keine Skandale gibt und wenn, ist klar, wer die auslöst. Die „Buddies“ der jeweiligen Zeitung. Meist sind die konservativ, manchmal links.

Beides ist nicht in Ordnung, wenn die LeserInnen verstehen, dass das, worĂŒber sie diskutierten, eben nicht objektiv ist, sondern interessengeleitet.

Objektive Berichterstattung ist ungefĂ€hr genauso glaubwĂŒrdig wie ein Auto, dass nur noch sieben Liter Sprit braucht und als Öko-Maschine verkauft wird, wenn zeitgleich schon vier und weniger Liter der Standard sein könnten.

ZurĂŒck zur IG, Herrn Kessler und Pfenning. Das erste und bislang umfangreichste Interview zur geplanten „Pfenning“-Ansiedlung ist auf dem heddesheimblog erschienen.

Die kritischste Berichterstattung gab es hier und nirgendwo sonst: Verkauf der Hallen, Chemielager und weitere Themen sind vom heddesheimblog berichtet worden.

„Ja“ – ich bin die Gemeinde.

Ebenso der absolut bĂŒrgerferne Amtsstil des Herrn Kessler, der jenseits von gut und böse in der BestĂ€tigung auf die Frage gipfelte, ob er die Gemeinde sei: „Ja“, war seine ehrlich gefĂŒhlte und gelebte Antwort.

Die erste Gruppe, die sich massiver Kritik durch unsere journalistische Arbeit ausgesetzt sah, waren allerdings BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen. Die haben sehr „verschnupft“ reagiert.

Der „AnnĂ€herungsprozess“ war nicht einfach, aber die Partei gibt sich MĂŒhe. CDU, SPD und FDP zeigen sich vor Ort leider als hoffnungslos undemokratisch, weil sie sich jeder Auseinandersetzung verweigern. Ebenso der BĂŒrgermeister, der sich lĂ€cherlicherweise Fragen nur noch ĂŒber die email-Adresse „gemeinde@heddesheim.de“ stellen lĂ€sst.

Bedauernswerte ZustÀnde.

Wenn Herr Kessler zum „100-Millionen-Euro-Kessler“ avancieren sollte, ist er zugleich der bedauernswerte BĂŒrgermeister aller Zeiten – das hat er nur noch nicht begriffen.

Die „IG neinzupfenning“ hat berechtigterweise ebenfalls massiv Kritik einstecken mĂŒssen – weil sie sich ebenso intransparent und bĂŒrgerfern wie Kessler gezeigt hat.

Auch zuvor haben wir die „IG“ immer kritisch behandelt und das werden wir beibehalten.

Allerdings wird es immer die Bereitschaft zum Kontakt geben. Herr Kessler ist dafĂŒr bis heute auch nicht im Ansatz bereit – möglicherweise hat er Angst vor Fragen. Vor Transparenz. Vor Ehrlichkeit. Vor NĂ€he. BĂŒrgernĂ€he.

Auch die „IG“ muss sich öffentlich fragen lassen, es gibt keinen vernĂŒnftigen Grund, andere MaßstĂ€be anzulegen.

Wenn schließlich zwei intransparente Systeme aufeinander losgehen sollten – IG vs. Kessler – werden wir auch darĂŒber berichten.

Kessler vs. Transparenz.

Wir berichten unabhĂ€ngig von „Drohungen“, von „Vorteilen“, von „Gemeinsamkeiten“ – das heddesheimblog ist ein unabhĂ€ngiges Medium.

Die „Hinweise“ von „interessierter Seite“ haben wir zur Kenntnis genommen – die kamen diesmal aus dem Lager, das uns vorher „vermeintlich unterstĂŒtzt“ hat.

Zuvor haben wir aus dem anderen Lager – also dem, das uns nicht unterstĂŒtzt, Hinweise bekommen.

Das ist spannend und wir berichten weiterhin unbeeindruckt davon.

Wenn sich aber beide Lager einig sein sollten, dass es keiner kritischen Berichterstattung mehr bedarf, ja dann, mĂŒssten wir ĂŒberlegen, ob wir uns einen anderen Job suchen.

Wer Demokratie will, ist sicherlich interessiert am Austausch von freien Meinungen.

Daran glauben wir und deswegen haben wir viel Spaß mit unserer Arbeit.

Wer wir sind? Eine kleine Redaktion und viele, viele BĂŒrgerInnen, mit denen wir uns regelmĂ€ĂŸig austauschen.

In diesem Sinne

Ihr

Hardy Prothmann

hardyprothmann

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.