Mittwoch, 23. August 2017

In eigener Sache: Unsere Berichterstattung, IG, Herr Kessler, Pfenning und andere Interessen

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Guten Tag!

Heddesheim, 14. Oktober 2010. Das „Lokale“ ist die spannendste Arbeit, die man sich als Journalist vorstellen kann. Denn „vor Ort“ geht es zur Sache. Was in Berlin, in Br├╝ssel, Washington, Moskau oder Peking oder Stuttgart geschw├Ątzt wird, ist weit weg – au├čer es ist lokal wichtig. In Heddesheim wird seit dem Start des heddesheimblogs viel diskutiert und das ist gut so.

Von Hardy Prothmann

„Um Dich wird es ruhig werden“, hat mir jemand gesagt. „Damit hast Du Dir keinen Gefallen getan“, sagte ein anderer. „Das wird nicht ohne Folgen bleiben“, ein Dritter. Und ein Vierter: „Ist der jetzt auch von Pfenning gekauft?“

„Soviel ist klar: Zumindest wei├č man jetzt, dass Du es richtig ernst meinst und tats├Ąchlich unabh├Ąngig berichtest“, h├Âre ich auch noch.

„Ruhig werden“, „Gefallen“, „nicht ohne Folgen“, „von Pfenning gekauft“?

Bei solchen ├âÔÇ×u├čerungen bleibe ich ruhig und frage dennoch: „Gehts noch?“

Der Grund war der Kommentar zum „Spendenbrief“ der „IG neinzupfenning“.

Abh├Ąngig von der Perspektive.

Wo leben diese Menschen, die das sagen? „Hier im Ort, unter uns“, ist meine Antwort.

Und darunter sind viele, die sich f├╝r die „Guten“ halten – abh├Ąngig von der Perspektive.

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Hardy Prothmann: Verantwortlich f├╝r heddesheimblog.de, hirschbergblog.de, ladenburgblog.de und demn├Ąchst weinheimblog.de. Bild: sap

Wenn man als Journalist eine kritische Haltung vertritt, kann es sein, dass man pl├Âtzlich sehr einsam dasteht – weil man berichtet, was niemand wissen will.

Was ist die Alternative? Nur das aufschreiben, was niemanden st├Ârt, was niemanden aufregt, was weit weg ist? Was alle wissen wollen?

Dann m├╝ssten die Abos und Leserzahlen f├╝r den Mannheimer Morgen ansteigen.

Oder so zu tun, als sei man irgendein neutral-objektiver Apparat, der mechanisch die Nachrichten pr├╝ft und verpackt, wie das Nudelmaschinen in der Fabrik tun?

Dann m├╝ssten Monopol-Zeitungen, die wenig Recherche, wenig kritische Berichterstattung bringen, wie der Mannheimer Morgen, daf├╝r aber von „Pfenning“-Werbung profitieren, die absolute L├Âsung sein.

Gott sei Dank ist das nicht so.

Die Lokalzeitungen verlieren seit Jahren Abos und Leser und aus deren Sicht ganz bitter: teuer bezahlte Werbung.

Anbiedern vs. Journalismus.

Das aber ist konsequent einer schlechten journalistischen Leistung geschuldet. Wer nur „Gutwetter“-Berichterstattung, „Lobhudelei“-Geschwurbel und „Bratwurstberichterstattung“ anbietet, muss sich nicht wundern, wenn die Leser sich abwenden.

Im Gesch├Ąft mit dem Journalismus dreht sich alles um Leser, Zuschauer und Zuh├Ârer. Je mehr man davon hat, desto besser kann man die Werbung vermarkten. Die „Quote“ ist das, was z├Ąhlt. Nicht der Inhalt. Auch die Forschung hat sich ├╝berwiegend auf die „Massenmedien“ konzentriert.

Die „Massenmedien“ waren ├╝ber lange Zeit so genannte „Gate-Keeper“ (T├╝rsteher): ARD und ZDF und die nationalen Zeitungen, allen voran die Bild, haben ├╝ber Jahrzehnte die ├Âffentliche Meinung „gesteuert“. Die Arroganz vieler Journalisten war die der Teilhabe an der Macht. Die Wissenschaft folgte dem Ph├Ąnomen und so weiter.

Meistens folgte man den offiziellen „Bekanntgaben“ und wenn einem danach war, dann machte man „ein Fa├č auf“ – das bestimmte die Diskussion. Noch heute ist das so: Bild, FAZ, Spiegel und andere sto├čen nationale Debatten an. Doch seit ein paar Jahren kommen die Anst├Â├če immer ├Âfter ├╝ber das Internet, was gro├če Irritationen hervorruft.

Zur├╝ck zur alten Welt. Hinter den Texten stehen ein bis wenige Autoren. Also subjektive Meinungen, die aber enorme Macht haben. Diese werden hinter den Markennamen Bild, FAZ, Spiegel, S├╝ddeutsche oder auch taz versteckt – oder hinter dem jeweiligen Monopol vor Ort.

Monopol-Zeitungen sind interessengeleitet.

Im Lokalen hat man sich l├Ąngst daran gew├Âhnt, dass es eigentlich keine Skandale gibt und wenn, ist klar, wer die ausl├Âst. Die „Buddies“ der jeweiligen Zeitung. Meist sind die konservativ, manchmal links.

Beides ist nicht in Ordnung, wenn die LeserInnen verstehen, dass das, wor├╝ber sie diskutierten, eben nicht objektiv ist, sondern interessengeleitet.

Objektive Berichterstattung ist ungef├Ąhr genauso glaubw├╝rdig wie ein Auto, dass nur noch sieben Liter Sprit braucht und als ├ľko-Maschine verkauft wird, wenn zeitgleich schon vier und weniger Liter der Standard sein k├Ânnten.

Zur├╝ck zur IG, Herrn Kessler und Pfenning. Das erste und bislang umfangreichste Interview zur geplanten „Pfenning“-Ansiedlung ist auf dem heddesheimblog erschienen.

Die kritischste Berichterstattung gab es hier und nirgendwo sonst: Verkauf der Hallen, Chemielager und weitere Themen sind vom heddesheimblog berichtet worden.

„Ja“ – ich bin die Gemeinde.

Ebenso der absolut b├╝rgerferne Amtsstil des Herrn Kessler, der jenseits von gut und b├Âse in der Best├Ątigung auf die Frage gipfelte, ob er die Gemeinde sei: „Ja“, war seine ehrlich gef├╝hlte und gelebte Antwort.

Die erste Gruppe, die sich massiver Kritik durch unsere journalistische Arbeit ausgesetzt sah, waren allerdings B├╝ndnis90/Die Gr├╝nen. Die haben sehr „verschnupft“ reagiert.

Der „Ann├Ąherungsprozess“ war nicht einfach, aber die Partei gibt sich M├╝he. CDU, SPD und FDP zeigen sich vor Ort leider als hoffnungslos undemokratisch, weil sie sich jeder Auseinandersetzung verweigern. Ebenso der B├╝rgermeister, der sich l├Ącherlicherweise Fragen nur noch ├╝ber die email-Adresse „gemeinde@heddesheim.de“ stellen l├Ąsst.

Bedauernswerte Zust├Ąnde.

Wenn Herr Kessler zum „100-Millionen-Euro-Kessler“ avancieren sollte, ist er zugleich der bedauernswerte B├╝rgermeister aller Zeiten – das hat er nur noch nicht begriffen.

Die „IG neinzupfenning“ hat berechtigterweise ebenfalls massiv Kritik einstecken m├╝ssen – weil sie sich ebenso intransparent und b├╝rgerfern wie Kessler gezeigt hat.

Auch zuvor haben wir die „IG“ immer kritisch behandelt und das werden wir beibehalten.

Allerdings wird es immer die Bereitschaft zum Kontakt geben. Herr Kessler ist daf├╝r bis heute auch nicht im Ansatz bereit – m├Âglicherweise hat er Angst vor Fragen. Vor Transparenz. Vor Ehrlichkeit. Vor N├Ąhe. B├╝rgern├Ąhe.

Auch die „IG“ muss sich ├Âffentlich fragen lassen, es gibt keinen vern├╝nftigen Grund, andere Ma├čst├Ąbe anzulegen.

Wenn schlie├člich zwei intransparente Systeme aufeinander losgehen sollten – IG vs. Kessler – werden wir auch dar├╝ber berichten.

Kessler vs. Transparenz.

Wir berichten unabh├Ąngig von „Drohungen“, von „Vorteilen“, von „Gemeinsamkeiten“ – das heddesheimblog ist ein unabh├Ąngiges Medium.

Die „Hinweise“ von „interessierter Seite“ haben wir zur Kenntnis genommen – die kamen diesmal aus dem Lager, das uns vorher „vermeintlich unterst├╝tzt“ hat.

Zuvor haben wir aus dem anderen Lager – also dem, das uns nicht unterst├╝tzt, Hinweise bekommen.

Das ist spannend und wir berichten weiterhin unbeeindruckt davon.

Wenn sich aber beide Lager einig sein sollten, dass es keiner kritischen Berichterstattung mehr bedarf, ja dann, m├╝ssten wir ├╝berlegen, ob wir uns einen anderen Job suchen.

Wer Demokratie will, ist sicherlich interessiert am Austausch von freien Meinungen.

Daran glauben wir und deswegen haben wir viel Spa├č mit unserer Arbeit.

Wer wir sind? Eine kleine Redaktion und viele, viele B├╝rgerInnen, mit denen wir uns regelm├Ą├čig austauschen.

In diesem Sinne

Ihr

Hardy Prothmann

hardyprothmann

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.