Freitag, 19. Oktober 2018

Gabis Kolumne

Der morgendliche Countdown

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Guten Tag!

Heddesheim, 14. Dezember 2009. Von Montag bis Freitag herrscht bei Gabi der ganz normale Wahnsinn – meist in der halben Stunde, bevor die Kinder das Haus verlassen. Fast jeder Tag birgt eine neue ├â┼ôberraschung – ohne die w├Ąre es weniger anstrengend, meint Gabi. Das Leben der M├╝tter am Rande des Nerverzusammenbruchs.

„Kennst du diese schrecklichen 15 Minuten bevor deine Kinder morgens das Haus verlassen?“, fragte mich gestern eine Freundin.

„Ja“, durchzuckt mich die Erinnerung und ob ich sie kenne. Beispielsweise am vergangenen Freitag, 06:30 Uhr: „Mama, ich brauche noch drei Euro f├╝r unseren Kinobesuch (auswechselbar mit: f├╝r die Klassenkasse, f├╝r das Arbeitsheft), aber bitte passend, hat Frau Soundso gesagt“, sagt meine Tochter, 15 Minuten bevor sie das Haus verlassen muss.

„Prima“, denke ich und nat├╝rlich habe ich nur einen 50-Euroschein im Geldbeutel. Hektisch suche ich das Portmonnaie meines Mannes und finde hier ebenfalls nur Scheine. Noch 13 Minuten, dann muss die Tochter zur Schule.

„Mama, du musst mir noch eine Entschuldigung f├╝r Sport schreiben“, erinnert mich mein Sohn, es bleiben noch 11 Minuten. „Und hast du daran gedacht, dass wir heute Pl├Ątzchen mitbringen sollen, weil wir gemeinsam fr├╝hst├╝cken?“. Meine Nerven sind leicht angespannt.

Ich durchsuche s├Ąmtliche Taschen nach Kleingeld, hole ein Blatt Papier f├╝r die Entschuldigung und Pl├Ątzchen aus dem Keller. Es verbleiben noch 9 Minuten. „Mama, ich suche meine lila Strickjacke, die m├Âchte ich heute unbedingt anziehen“, sagt die Tochter. „Die Jacke ist in der W├Ąsche und zudem f├Ąllt dir das recht fr├╝h ein“, herrsche ich meine Tochter an.

Nachdem ich meinem Sohn die Entschuldigung geschrieben, die Pl├Ątzchen verpackt und meiner Tochter in kleinsten M├╝nzen drei Euro vorgez├Ąhlt habe – es bleiben noch 7 Minuten-, will ich die Fr├╝hst├╝cksbox in die Schultasche meiner Tochter schieben und was finde ich da? Richtig erraten, das nicht anger├╝hrte Pausenbrot von gestern.

„Mama, sorry…“

Meine Laune ist auf dem Nullpunkt. „Mama, wieso bist du so schlecht drauf“, fragt mein Sohn. „Und mir brauchst du heute kein Brot mitgeben, wir fr├╝hst├╝cken doch in der Schule, hast du das schon wieder vergessen?“

Gut, denke ich, dann nehme ich einfach zwei Brote mit zur Arbeit. Ich versuche relaxt zu bleiben, noch 5 Minuten und sie sind aus dem Haus, viel kann jetzt nicht mehr passieren.

„Mama, du musst mir noch meine Englischarbeit unterschreiben“, sagt mein Sohn relativ kleinlaut, w├Ąhrend er mir eine 3-4 vor die Nase h├Ąlt. Mist, denke ich, jetzt habe ich nur noch 3 Minuten f├╝r eine Standpauke.

Ich hole Luft und setzte an├óÔéČ┬Ž „Mama, sorry, ich habe jetzt leider keine Zeit mehr, ich muss heute p├╝nktlich aus dem Haus.“ Mein Sohn schnappt sich das Heft, schmei├čt es in seinen Ranzen und schon ist er aus der T├╝r. „Du hast noch 1 Minute und ├╝ber Englisch reden wir heute Mittag“, rufe ich ihm hinter her. „Tsch├╝ss Mami“, ruft meine Tochter, k├╝sst mich und eilt ihrem Bruder hinterher.

„Uff, geschafft“, denke ich und lasse mich vollkommen ersch├Âpft auf einen Stuhl fallen. Der Rest des Tages kann nur noch entspannt werden. Da f├Ąllt mein Blick auf den vergessenen Turnbeutel meiner Tochter. Ich habe genau 10 Minuten bevor die Bahn meiner Kinder abf├Ąhrt, um mich anzuziehen und mit dem Auto zum Bahnhof zu rasen.

„Ja“, sage ich zu meiner Freundin, „die 15 schrecklichen Minuten kenne ich nur zu gut“.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.