Dienstag, 19. Februar 2019

Gabis Kolumne

Der morgendliche Countdown

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Guten Tag!

Heddesheim, 14. Dezember 2009. Von Montag bis Freitag herrscht bei Gabi der ganz normale Wahnsinn – meist in der halben Stunde, bevor die Kinder das Haus verlassen. Fast jeder Tag birgt eine neue ÃƓberraschung – ohne die wĂ€re es weniger anstrengend, meint Gabi. Das Leben der MĂŒtter am Rande des Nerverzusammenbruchs.

„Kennst du diese schrecklichen 15 Minuten bevor deine Kinder morgens das Haus verlassen?“, fragte mich gestern eine Freundin.

„Ja“, durchzuckt mich die Erinnerung und ob ich sie kenne. Beispielsweise am vergangenen Freitag, 06:30 Uhr: „Mama, ich brauche noch drei Euro fĂŒr unseren Kinobesuch (auswechselbar mit: fĂŒr die Klassenkasse, fĂŒr das Arbeitsheft), aber bitte passend, hat Frau Soundso gesagt“, sagt meine Tochter, 15 Minuten bevor sie das Haus verlassen muss.

„Prima“, denke ich und natĂŒrlich habe ich nur einen 50-Euroschein im Geldbeutel. Hektisch suche ich das Portmonnaie meines Mannes und finde hier ebenfalls nur Scheine. Noch 13 Minuten, dann muss die Tochter zur Schule.

„Mama, du musst mir noch eine Entschuldigung fĂŒr Sport schreiben“, erinnert mich mein Sohn, es bleiben noch 11 Minuten. „Und hast du daran gedacht, dass wir heute PlĂ€tzchen mitbringen sollen, weil wir gemeinsam frĂŒhstĂŒcken?“. Meine Nerven sind leicht angespannt.

Ich durchsuche sĂ€mtliche Taschen nach Kleingeld, hole ein Blatt Papier fĂŒr die Entschuldigung und PlĂ€tzchen aus dem Keller. Es verbleiben noch 9 Minuten. „Mama, ich suche meine lila Strickjacke, die möchte ich heute unbedingt anziehen“, sagt die Tochter. „Die Jacke ist in der WĂ€sche und zudem fĂ€llt dir das recht frĂŒh ein“, herrsche ich meine Tochter an.

Nachdem ich meinem Sohn die Entschuldigung geschrieben, die PlĂ€tzchen verpackt und meiner Tochter in kleinsten MĂŒnzen drei Euro vorgezĂ€hlt habe – es bleiben noch 7 Minuten-, will ich die FrĂŒhstĂŒcksbox in die Schultasche meiner Tochter schieben und was finde ich da? Richtig erraten, das nicht angerĂŒhrte Pausenbrot von gestern.

„Mama, sorry…“

Meine Laune ist auf dem Nullpunkt. „Mama, wieso bist du so schlecht drauf“, fragt mein Sohn. „Und mir brauchst du heute kein Brot mitgeben, wir frĂŒhstĂŒcken doch in der Schule, hast du das schon wieder vergessen?“

Gut, denke ich, dann nehme ich einfach zwei Brote mit zur Arbeit. Ich versuche relaxt zu bleiben, noch 5 Minuten und sie sind aus dem Haus, viel kann jetzt nicht mehr passieren.

„Mama, du musst mir noch meine Englischarbeit unterschreiben“, sagt mein Sohn relativ kleinlaut, wĂ€hrend er mir eine 3-4 vor die Nase hĂ€lt. Mist, denke ich, jetzt habe ich nur noch 3 Minuten fĂŒr eine Standpauke.

Ich hole Luft und setzte anñ€© „Mama, sorry, ich habe jetzt leider keine Zeit mehr, ich muss heute pĂŒnktlich aus dem Haus.“ Mein Sohn schnappt sich das Heft, schmeißt es in seinen Ranzen und schon ist er aus der TĂŒr. „Du hast noch 1 Minute und ĂŒber Englisch reden wir heute Mittag“, rufe ich ihm hinter her. „TschĂŒss Mami“, ruft meine Tochter, kĂŒsst mich und eilt ihrem Bruder hinterher.

„Uff, geschafft“, denke ich und lasse mich vollkommen erschöpft auf einen Stuhl fallen. Der Rest des Tages kann nur noch entspannt werden. Da fĂ€llt mein Blick auf den vergessenen Turnbeutel meiner Tochter. Ich habe genau 10 Minuten bevor die Bahn meiner Kinder abfĂ€hrt, um mich anzuziehen und mit dem Auto zum Bahnhof zu rasen.

„Ja“, sage ich zu meiner Freundin, „die 15 schrecklichen Minuten kenne ich nur zu gut“.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.