Samstag, 22. Juli 2017

Informationsveranstaltung zur Gemeinschaftsschule Hirschberg / Heddesheim

Weiterführende Schule nur als Gemeinschaftsschule

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buergerentscheid schule-130912- Hirschberg GMS Infoveranstaltung 2013 09 12

Leere Reihen zeigen wenig Interesse in der Bevölkerung – wird der Bürgerentscheid am Quorum scheitern?

 

Hirschberg/Heddesheim, 13. September 2013. (red/sw) Die Aula der Karl-Drais-Schule Hirschberg hätte besser gefüllt sein können. Nur 150 Gäste waren gekommen, zieht man die Zahl der Hirschberger und Heddesheimer Gemeinderäte und anderer „befasster“ Personen ab – waren weniger als 100 Bürger/innen gekommen. Hirschbergs Bürgermeister Manuel Just und Schulleiter der Karl-Drais-Schule, Jens Drescher informierten über das seit Monaten heiß diskutierte Thema „Soll die Karl-Drais-Schule eine Gemeinschaftsschule werden?“ und stellten sich gemeinsam den Fragen der Zuschauer.

Von Susanne Warmuth

Im Publikum waren neben Gemeinderäten aus Hirschberg und Heddesheim auch Hirschbergs Altbürgermeister Werner Oeldorf sowie Heddesheims Bürgermeister Michael Kessler mit seinem Hauptamtsleiter Julien Christof vertreten. Der Mannheimer Schulrat Ebel und das Kollegium der Karl-Drais-Schule, allesamt ausgesprochene Befürworter der neuen Schulform, waren anwesend. Natürlich auch Vertreter der Initiative Pro-Schule Hirschberg – aber leider vergleichsweise wenig Bürgerinnen und Bürger.

Das Thema Gemeinschaftsschule wurde und wird seit Änderung des Schulgesetzes im Jahr 2011 immer wieder diskutiert – nicht nur in Hirschberg und Heddesheim, sondern in ganz Baden-Württemberg. Es gibt bereits Schulen, die das neue Konzept erfolgreich umgesetzt haben. Vorreiterfunktion übernimmt unter anderem die Hebel-Schule in Schlingen, die immer wieder als anschauliches Beispiel genannt wird.

Bei allen Argumenten für und wider die Gemeinschaftsschule wurde bei der Informationsveranstaltung am 12. September in Hirschberg vor allem eins deutlich: Das Lehrerkollegium der Karl-Drais-Schule steht geschlossen hinter der neuen Schulform. Sowohl Rektor Jens Drescher als auch seine junge Kollegin, die am Ende stellvertretend für die Lehrerschaft als letzte Zuhörerin ein mitreißendes Plädoyer für die neue Schule hielt, sind hoch motivierte Pädagogen – überzeugt von ihrer Sache, interessiert daran, die Schulzeit für die Kinder bestmöglich an deren individuelles Leistungsniveau anzupassen.

Lernen ist ein absolut individueller Vorgang

Aus Herrn Dreschers Vortrag erschließt sich der Kern der Argumentation für die Gemeinschaftsschule: In dieser Schulform ist individuelles Lernen möglich. Schüler, deren Grundschulempfehlung die Hauptschule vorschlägt werden ebenso unterrichtet wie Schüler auf Gymnasialniveau. Frontalunterricht in der klassischen Form findet nicht mehr statt.

Die Schülerinnen und Schüler erledigen möglichst selbständig Aufgaben in Lernbüros. Jeder hat seinen Schreibtisch, lagert hier auch seine Unterlagen und Materialien. Team-Arbeit und Gruppenarbeit, Unterstützung der Kameraden ist ausdrücklich erwünscht – das soll gleichzeitig Sozialkompetenzen, Verantwortungsbewußtsein und Organisationsfähigkeit fördern. Ein Lehrerteam unterstützt wenn nötig. Sogenannte Inputphasen dienen zur Vermittlung von neuen Lehrinhalten – in Klassengröße oder in kleineren Gruppen unter Berücksichtigung des Leistungsniveaus der Gruppe:

Ziel des individuellen Lernens ist die Stärkung der wesentlichen überfachlichen und sozialen Kompetenzen, die vehement von Universitäten und Ausbildungsbetrieben eingefordert werden.

Neu in der Gemeinschaftsschule wäre auch das Beurteilungssystem: wer will, kann auf bloße Noten verzichten. Stattdessen werden erbrachte Leistungen in einem Kompetenzraster festgehalten, das konkrete Rückschlüsse auf den derzeitigen Stand des Schülers zulässt. Zusammen mit einer regelmäßigen Verbalbeurteilung können Stärken und Schwächen den Schülern und Eltern sehr gut aufgezeigt werden.

Die Grundsanierung der Schule kann nicht aufgeschoben werden

Natürlich kann auch Herr Drescher nicht die Augen vor den hohen Kosten verschließen, die eine zweizügige (!) Gemeinschaftsschule nach sich ziehen würde. Ein zusätzlicher Raumbedarf von 6 Räumen wurde von Experten errechnet. Der Rektor ist jedoch durchaus nicht abgeneigt, mit den Investitionen noch ein Jahr zu warten, um zu sehen, ob die Anmeldezahlen die geforderte Zweizügigkeit (= 2 Klassen pro Jahrgang) auch sichern würden.  Auch ohne die Gemeinschaftsschule muss die Karl-Drais-Schule unbedingt saniert werden, entspricht das 1972 erstellte Gebäude doch längst nicht mehr den Anforderungen an eine moderne Schule.

Der Bürgermeister stellte am Anfang seines Vortrages alle Optionen dar:

  1. Die Karl-Drais-Schule bleibt eine Grund-, Haupt- & Werkrealschule. Diese Schulform hat landesweit ein schlechtes Image. Somit wäre diese Option langfristig nicht wünschenswert.
  2. Die Karl-Drais-Schule wird zur Grundschule für Leutershausen. Die Grundschule Großsachsen bliebe selbstverständlich eigenständig.
  3. Die Karl-Drais-Schule wird zur Gemeinschaftsschule im Schulzweckverband Heddesheim / Hirschberg und erhält somit die Chance auf einen langfristigen Erhalt.

und seine Wahl ist eindeutig:

Wenn wir eine weiterführende Schule am Ort behalten möchten, dann nur mit einer Gemeinschaftsschule!

buergerentscheid schule-130912- Hirschberg GMS Infoveranstaltung Manuel Just 2013 09 12

Redet vor allem über die Kosten: Bürgermeister Just.

 

Auch stimmt er Herrn Drescher klar zu, dass die Karl-Drais-Schule fast alle Voraussetzungen für die Antragstellung zur Gemeinschaftsschule bereits erfüllt. Das pädagogische Konzept stimmt, durch die Zusammenarbeit mit der Maria-Montessori-Schule Weinheim sind die Möglichkeiten zur Bildung von Inklusionsklassen gegeben, das Ganztagesangebot ist mit der bereits bestehenden offenen Ganztagsschule auf einem guten Weg. Bleibt noch das zu geringe Raumangebot.

Um diesem Platzmangel zu beheben, wurde aus mehreren Lösungsansätzen eine Erweiterung des bestehenden Pavillions gewählt. Die Grundschule würden dann dort unterbracht werden. Die Gemeinschaftsschule in den bestehenden Haupt- und Nebengebäuden. Diese Gebäude würden dann saniert und angepasst.

Rechnerisch würde die Sanierung der bestehenden Gebäude mit ungefähr 1,3 Millionen Euro zu Buche schlagen, die Kosten für die Schaffung der zusätzlichen Räume, um den Anforderungen der Gemeinschaftsschule entsprechen zu können, zusätzlich etwa 1,7 Millionen Euro. Abzüglich Zuschüssen aus Schulbauförderung und für energetische Sanierungen blieben der Gemeinde über 2,6 Millionen Euro, die aus eigenen Mitteln finanziert werden müssten.

„Pflichtaufgaben“ vs. Bildungsinvestition

buergerentscheid schule-130912- Hirschberg GMS Infoveranstaltung Manuel Just Jens Drescher2013 09 12 (Redaktion Rheinneckarblogs in Konflikt stehende Kopie 2013-09-13)

Bürgermeister Just und Schulleiter Drescher: Fast alle Voraussetzungen für eine Gemeinschaftsschule sind erfüllt. Gibt es den Willen, das benötigte Geld dafür auszugeben?

Dieser Betrag ist kommunalwirtschaftsrechtlich in Konkurrenz zu anderen Ausgaben der Gemeinde zu sehen. Rund 5,8 Millionen Euro sind bereits für Pflichtaufgaben wie Kanalsanierung, diverse Gebäudesanierungen und Investitionen in den Öffentlichen Nahverkehr verplant. Weitere fast 1,3 Millionen Euro könnten in andere sinnvolle Aufgaben fließen. Die Rede ist von einem neuen Feuerwehrfahrzeug, der Sanierung der Alten Turnhalle, einem Parkplatz und der Gestaltung der Ortsmitte Leutershausen. Würde die Gemeinde nur ihren Pflichtaufgaben und der Schaffung der Gemeinschaftsschule nachkommen und weitere Liquidität aus ihrer sogenannten „Freien Spitze“ (Veräußerungen, Rücklagen, Überschüsse) schöpfen, bliebe trotzdem ein Kreditbedarf von knapp 2,3 Millionen Euro – oder umgerechnet auf die Pro-Kopf-Verschuldung ein Anstieg von knapp 432 Euro auf 676 Euro je Einwohner.

Da sich Bürgermeister und große Teile des Gemeinderates nicht im Klaren darüber sind, ob die Bevölkerung Hirschbergs bereit ist, für die Gemeinschaftsschule auf andere Projekte zu verzichten und eine höhere Verschuldung in Kauf zu nehmen, wurde die Durchführung eines Bürgerentscheides beschlossen. Nun obliegt es jedem Bürger die Argumente für sich persönlich zu gewichten und seine Entscheidung zu fällen.

Im Anschluss an ihre Vorträge standen die Herren Just und Drescher für Fragen zur Verfügung. Der Elternbeirat der Karl-Drais-Schule empörte sich darüber, dass er nicht ausreichend angehört würde. Auch könne bei einer finanziell gut aufgestellten Gemeinde wie Hirschberg die finanziellen Argumente nicht gelten. Mehrere Nachfragen wurden zur Finanzierung gestellt – Fragen, die Herr Just geduldig, aber auch sehr bestimmt beantwortet. Den Vorwurf, die Sanierungskosten seien nicht klar von Investitionskosten für die Gemeinschaftsschule getrennt, weißt er von sich, ebenso dass in Hirschberg Pflichtaufgaben gegen Bildung abgewogen werden.

Weitere Fragen zielten auf die Umsetzung des pädagogischen Konzeptes. Hier konnte Herr Drescher beruhigend Informationen bereitstellen. Rainer Edinger (Grüne Heddesheim) betonte, dass Investitionen in die Bildung Investitionen in die Zukunft seien und die Hirschberger auch über die Zukunft der Heddesheimer Kinder entscheiden würden.

Terminhinweise zum Thema Gemeinschaftsschule Hirschberg:

  • Podiumsdiskussion zur Gemeinschaftsschule
    Di., 12. September, 19.00 Uhr, Alte Turnhalle Großsachsen
    mit Bürgermeister Manuel Just, Rektor Jens Drescher, Dr. Jörg Boulanger (CDU), Peter Johe (Freie Wähler), Jürgen Steinle (GLH), Eva-Marie Pfefferle (SPD), Hartmut Kowalinski (FDP)
  • Informationsveranstaltung der Elterninitiative „Pro-Schule-Hirschberg“
    Mi, 18. September, 19.30 Uhr, Anbau Alte Turnhalle Großsachsen
    mit Ministerialrat Norbert Zeller, Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschule im baden-württembergischen Kultusministerium
  • Bürgerentscheid zur Gemeinschaftsschule
    So., 22. September, 8.00 -18.00 Uhr, Wahllokale beide Ortssteile
    Stimmberechtigt sind alle Hirschberger ab 16 Jahren !

 

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.