Mittwoch, 23. August 2017

Verschlusssache XI

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Satire

B├╝rgermeister K.
Ratlosplatz/Ecke Zielstra├če
Pfenningheim

+++Verschlusssache+++ Nicht f├╝r die ├ľffentlichkeit / Status: +++GEHEIM+++├óÔéČ┬ĘAz: 08/15-XI, +++Verschlusssache+++

Betreff: Finale

Liebe Gleichgesinnte,

ich habe die Frage „Sind Sie die Gemeinde“ korrekt mit „Ja“ beantwortet.

Das Zitat „Ich bin die Gemeinde“ ist mir von diesem Schmutzfink, Stinkfink, Frechfink, wie Sie wissen, auf ├╝belste Art und Weise in den Mund gelegt worden.

Niedertr├Ąchtig und hinterh├Ąltig. Ich kann das beurteilen, ich kenne mich schlie├člich mit Politik aus.

Ich kann Seife fressen, so viel ich will, der ├╝ble Geschmack bleibt bislang. Irgendwie habe ich aber st├Ąndig Schaum vorm Maul.

Vielleicht liegts ja auch an der Seife und ich sollte mal den Hersteller wechseln. Egal.

Heute werden wir unser gro├čartiges Projekt zum Ende vom Anfang bringen. Wir beschlie├čen die Satzung.

Sie sind nat├╝rlich wie immer von mir auf das Notwendigste informiert worden – ich will Ihnen schlie├člich keine ├╝bergeb├╝hrlichen Anstrengungen zumuten.

Wie immer bin ich stolz, dankbar und dem├╝tig, dass ich auf Sie z├Ąhlen kann. Dieses Vertrauen ist viel Wert – in diesem Fall so 100 Millionen und wer wei├č, was sonst noch.

Wie Sie wissen, werde ich wird Heddesheim in die Geschichte eingehen. Das ist eine einmalige, unwiderbringliche Chance f├╝r unsere geliebte Tabakgemeinde.

Heute legen wir im Gemeinderat den Grundstein f├╝r eine 100-Millionen-Euro-Investition. So lautet schlie├člich das Versprechen der Ph├Ânix 2010 GbR – das hei├čt, wir werden wie Ph├Ânix aus der Asche alles neu schaffen k├Ânnen. Zuvor mussten wir allerdings so viel verbrennen, so viel wurde zerst├Ârt. Doch wer etwas will, zahlt auch den Preis daf├╝r. Verantwortung zu tragen ist schwer – wie uns Herr Dr. D. immer wieder eindrucksvoll beweist, wenn er die „Gemeinde“ hochh├Ąlt.

Wir wissen alle, was das bedeutet: Sie, verehrte, anst├Ąndige, respektable, verst├Ąndige, vern├╝nftige, kluge, weitsichtige und verantwortungsvolle Gemeinderatsmitglieder, ja Sie wissen, wen ich meine. Sie schaffen eine historische Chance ohne Gleichen.

Sie haben es in der Hand, die Sie nur heben m├╝ssen, um Heddesheim mit Ihrer Entscheidung auf dem Weg von der Tabak zur Feinstaubgemeinde diesen entscheidenden Schritt voranzubringen. Der Tabakanbau ist ein schweres Gesch├Ąft, die Feinstaubproduktion ist ungleich fortschrittlicher und wird wie der Tabak einfach eingeatmet. Das ist f├╝r mich die Verbindung aus Tradition und Fortschritt.

Ich wei├č, die Entscheidung ist nicht leicht. Vor allem nicht, weil dieser Schmutzfink, Stinkfink, Frechfink, dem jeder Respekt vor den gewachsenen Strukturen unserer Dorfmafiagemeinschaft abgeht, trotz aller „freundlichen Hinweise“ nicht zur R├Ąsong zu kriegen ist.

Seine erneuten Diffamierungen, es gehe nur um mich und nicht um uns alle, wissen Sie verantwortlich einzusch├Ątzen. Es geht um uns, also die Ritterrunde der 12 Edlen, um wen denn sonst? Um mich? Das ist doch richtig l├Ącherlich. Sie wissen genau wie ich, dass ich nur in Heddesheim sein kann, was ich bin: Das Ja auf die Frage, ob ich die Gemeinde bin.

Hinter jedem von uns 12 steht ein weiterer Kreis, dahinter andere Kreise und alle zusammen schaffen wir es durch jeden Kreisverkehr. Wir kennen uns mit unseren Kreisen schlie├člich aus.

Und wir haben uns noch nie, ich betone, niemals, in unseren Kreisverkehren st├Âren lassen.

Der Traditionsunternehmer und Sammler Karl-Martin Pfenning ist ein verantwortungsvoller Mann. Wie ich, so sind auch Sie seinem Charisma erlegen. Was f├╝r ein Kerl, was f├╝r ein Unternehmer! Der hat so viele Autos. Und so viele Menschen arbeiten fast umsonst f├╝r ihn – das muss Liebe sein. Das verdient Respekt.

Wie Sie wissen, handle ich aber nicht aus Bewunderung, sondern ausschlie├člich zum Nutzen. Nat├╝rlich zum Nutzen unserer Gemeinde. Herr Pfenning wird sie wohl zu nutzen wissen. Wie Sie, wie ich. Denn wir tragen schlie├člich die Verantwortung.

Wir alle k├Ânnen zufrieden auf unsere Arbeit zur├╝ckblicken. Mit unserem Weitblick haben wir niemals, ich betone, niemals, die Arbeiten an diesem gro├čartigen Projekt behindert, sondern immer nur gef├Ârdert. Denn wir sind einverstanden mit Entwicklung, w├Ąhrend die Neider uns „Verwicklungen“ unterstellen.

Davon lassen wir uns niemals, ich betone, niemals, beirren.

Ich habe alle F├Ąden gezogen, die zu ziehen waren. Sie haben sehr viel aushalten m├╝ssen. F├╝r diesen Einsatz danke ich Ihnen. Auch meinen Lakaien in der Verwaltung, die schnell gelernt haben, dass sich folgen lohnt.

Heute ist unser Tag. Genie├čen Sie ihn.

Ihr B├╝rgermeister K.

P.S. Denken Sie immer daran, dass Sie Ihren Enkeln erz├Ąhlen k├Ânnen, dass Sie selbst dabei waren, mich zum 100-Millionen-Euro-Kessler zu k├╝ren. Und ich frage Sie, wann hat man nochmal diese Chance? Das ist eine historische Ehre ohne Vorbild. Seien Sie stolz darauf.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.