Dienstag, 29. September 2020

Verschlusssache XI

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Satire

BĂŒrgermeister K.
Ratlosplatz/Ecke Zielstraße
Pfenningheim

+++Verschlusssache+++ Nicht fĂŒr die Öffentlichkeit / Status: +++GEHEIM+++ñ€¹Az: 08/15-XI, +++Verschlusssache+++

Betreff: Finale

Liebe Gleichgesinnte,

ich habe die Frage „Sind Sie die Gemeinde“ korrekt mit „Ja“ beantwortet.

Das Zitat „Ich bin die Gemeinde“ ist mir von diesem Schmutzfink, Stinkfink, Frechfink, wie Sie wissen, auf ĂŒbelste Art und Weise in den Mund gelegt worden.

NiedertrĂ€chtig und hinterhĂ€ltig. Ich kann das beurteilen, ich kenne mich schließlich mit Politik aus.

Ich kann Seife fressen, so viel ich will, der ĂŒble Geschmack bleibt bislang. Irgendwie habe ich aber stĂ€ndig Schaum vorm Maul.

Vielleicht liegts ja auch an der Seife und ich sollte mal den Hersteller wechseln. Egal.

Heute werden wir unser großartiges Projekt zum Ende vom Anfang bringen. Wir beschließen die Satzung.

Sie sind natĂŒrlich wie immer von mir auf das Notwendigste informiert worden – ich will Ihnen schließlich keine ĂŒbergebĂŒhrlichen Anstrengungen zumuten.

Wie immer bin ich stolz, dankbar und demĂŒtig, dass ich auf Sie zĂ€hlen kann. Dieses Vertrauen ist viel Wert – in diesem Fall so 100 Millionen und wer weiß, was sonst noch.

Wie Sie wissen, werde ich wird Heddesheim in die Geschichte eingehen. Das ist eine einmalige, unwiderbringliche Chance fĂŒr unsere geliebte Tabakgemeinde.

Heute legen wir im Gemeinderat den Grundstein fĂŒr eine 100-Millionen-Euro-Investition. So lautet schließlich das Versprechen der Phönix 2010 GbR – das heißt, wir werden wie Phönix aus der Asche alles neu schaffen können. Zuvor mussten wir allerdings so viel verbrennen, so viel wurde zerstört. Doch wer etwas will, zahlt auch den Preis dafĂŒr. Verantwortung zu tragen ist schwer – wie uns Herr Dr. D. immer wieder eindrucksvoll beweist, wenn er die „Gemeinde“ hochhĂ€lt.

Wir wissen alle, was das bedeutet: Sie, verehrte, anstĂ€ndige, respektable, verstĂ€ndige, vernĂŒnftige, kluge, weitsichtige und verantwortungsvolle Gemeinderatsmitglieder, ja Sie wissen, wen ich meine. Sie schaffen eine historische Chance ohne Gleichen.

Sie haben es in der Hand, die Sie nur heben mĂŒssen, um Heddesheim mit Ihrer Entscheidung auf dem Weg von der Tabak zur Feinstaubgemeinde diesen entscheidenden Schritt voranzubringen. Der Tabakanbau ist ein schweres GeschĂ€ft, die Feinstaubproduktion ist ungleich fortschrittlicher und wird wie der Tabak einfach eingeatmet. Das ist fĂŒr mich die Verbindung aus Tradition und Fortschritt.

Ich weiß, die Entscheidung ist nicht leicht. Vor allem nicht, weil dieser Schmutzfink, Stinkfink, Frechfink, dem jeder Respekt vor den gewachsenen Strukturen unserer Dorfmafiagemeinschaft abgeht, trotz aller „freundlichen Hinweise“ nicht zur RĂ€song zu kriegen ist.

Seine erneuten Diffamierungen, es gehe nur um mich und nicht um uns alle, wissen Sie verantwortlich einzuschÀtzen. Es geht um uns, also die Ritterrunde der 12 Edlen, um wen denn sonst? Um mich? Das ist doch richtig lÀcherlich. Sie wissen genau wie ich, dass ich nur in Heddesheim sein kann, was ich bin: Das Ja auf die Frage, ob ich die Gemeinde bin.

Hinter jedem von uns 12 steht ein weiterer Kreis, dahinter andere Kreise und alle zusammen schaffen wir es durch jeden Kreisverkehr. Wir kennen uns mit unseren Kreisen schließlich aus.

Und wir haben uns noch nie, ich betone, niemals, in unseren Kreisverkehren stören lassen.

Der Traditionsunternehmer und Sammler Karl-Martin Pfenning ist ein verantwortungsvoller Mann. Wie ich, so sind auch Sie seinem Charisma erlegen. Was fĂŒr ein Kerl, was fĂŒr ein Unternehmer! Der hat so viele Autos. Und so viele Menschen arbeiten fast umsonst fĂŒr ihn – das muss Liebe sein. Das verdient Respekt.

Wie Sie wissen, handle ich aber nicht aus Bewunderung, sondern ausschließlich zum Nutzen. NatĂŒrlich zum Nutzen unserer Gemeinde. Herr Pfenning wird sie wohl zu nutzen wissen. Wie Sie, wie ich. Denn wir tragen schließlich die Verantwortung.

Wir alle können zufrieden auf unsere Arbeit zurĂŒckblicken. Mit unserem Weitblick haben wir niemals, ich betone, niemals, die Arbeiten an diesem großartigen Projekt behindert, sondern immer nur gefördert. Denn wir sind einverstanden mit Entwicklung, wĂ€hrend die Neider uns „Verwicklungen“ unterstellen.

Davon lassen wir uns niemals, ich betone, niemals, beirren.

Ich habe alle FĂ€den gezogen, die zu ziehen waren. Sie haben sehr viel aushalten mĂŒssen. FĂŒr diesen Einsatz danke ich Ihnen. Auch meinen Lakaien in der Verwaltung, die schnell gelernt haben, dass sich folgen lohnt.

Heute ist unser Tag. Genießen Sie ihn.

Ihr BĂŒrgermeister K.

P.S. Denken Sie immer daran, dass Sie Ihren Enkeln erzĂ€hlen können, dass Sie selbst dabei waren, mich zum 100-Millionen-Euro-Kessler zu kĂŒren. Und ich frage Sie, wann hat man nochmal diese Chance? Das ist eine historische Ehre ohne Vorbild. Seien Sie stolz darauf.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.