Sonntag, 20. August 2017

Gläserner Gemeinderat: Im Frühjahr gibt es einen Markt – was für einen ist unklar

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Guten Tag!

Heddesheim, 13. Oktober 2010. Ab dem kommenden Frühjahr wird es auf dem Dorfplatz einen Wochenmarkt geben – mit welchen Angeboten ist noch unklar. Der Markt wird freitags stattfinden, weil angeblich Samstag kein guter Tag ist. Ãœber einen Mittwoch oder Donnerstag wurde nicht diskutiert – ebensowenig über die Bedürfnisse der Heddesheimer BürgerInnen.

Von Hardy Prothmann

Wenn man im Gemeinderat Herrn Hasselbring (Fraktionsvorsitzender FDP) zuhört, was der so sagt, dann weiß man genau, wo der Mann einkauft: Bevorzugt in Ladenburg und Umgebung, nur nicht in Heddesheim: „In Schriesheim, Hirschberg und Ladenburg gibt es oder entsteht eine Einkaufsqualität, die wir hier nicht mehr kriegen.“ „Super, toll, klasse“, sagt der Mann mit einer Lebendigkeit, die sonst so gar nicht an den Tag legt.

Herr Hasselbring kauft gerne in der Nachbarschaft ein.

Herr Hasselbring lässt sich so ausführlich schwärmend über die tollen Standorte in der Nachbarschaft aus, dass Bürgermeister Kessler kommentiert: „Bitte keine Werbung Herr Hasselbring.“ Darüber wird gelacht. Haha. Dabei ist es ein ernstes Thema.

In Ladenburg ist mit der Kombination aus Edeka, Aldi und DM, ausreichend Parkplätzen und Gastronomie an der Wallstadter Straße eine Einkaufsgelegenheit entstanden, die viele Heddesheimer anzieht – seit einiger Zeit sowieso, da die Viernheimer Brücke noch bis Jahresende Baustelle ist. Zudem lockt die Altstadt – vergangenen Freitag war dort Einkaufsnacht mit ordentlich Betrieb – im krassen Gegensatz zur Heddesheimer Einkaufsnacht, die ganz klar ein Misserfolg war und das bleiben wird, solange es keinen besonderen Anreiz gibt.

In Hirschberg wird im Neubaugebiet „Sterzwinkel“ ebenfalls ein moderner Edeka-Markt entstehen – der aus Sicht der angeblich „bis zu 1.000 Arbeitnehmern“ der geplanten „Pfenning“-Ansiedlung bei weitem einfacher zu erreichen sein wird, als der Heddesheimer Edeka-Markt, der nun wahrlich keine Augenweide ist. Sofern die „bis zu 800“ Lkw täglich die Strecke nicht komplett verstopfen.

Gerüchte.

In Heddesheim hat die Metzgerei Schmich zugemacht, bekanntermaßen ist der Discount Treff schon lange zu und glaubt man den Gerüchten, die viele kennen, wird das auch so bleiben. Treff gehört ebenfalls zum Edeka-Konzern und man sagt, die Miete würde für den leeren Laden weiterbezahlt, damit sich dort keine Konkurrenz ansiedelt. Das ist ein Gerücht, für das Argumente sprechen. Andererseits kann man genauso gut glauben, dass da niemand rein will, weil Heddesheim und die Lage im Speziellen nicht attraktiv genug sind – es mangelt an Parkplätzen und die wollen alle haben.

Meinen Einwurf, dass man auch in Heddesheim bei einem Wochenmarkt auf ausreichend Parkplätze achten müsse, wollte niemand zur Kenntnis nehmen. Mein Antrag, über das Internet die Wünsche der Heddesheimer Bevölkerung einzusammeln, um ein möglichst zielgenaues Angebot entwickeln zu können wurde nur von den Gemeinderatskollegen Reiner Edinger und Kurt Klemm unterstützt.

Nun hat der Gemeinderat einstimmig den Antrag der SPD auf einen Wochenmarkt beschlossen – also auch ich. Warum? Von meiner Seite als Signal. Ich glaube nämlich, dass ein attraktiver Markt ein positives Signal setzen kann. Das Angebot und die Preise müssen stimmen. Wenn man Herrn Kessler im Mai genau zugehört hat, wünscht der sich Käse, Bio und Fisch und „was man sonst nicht im Ort finden kann“.

Angebote.

Naja, es gibt einen Fischwagen, im Edeka gibt es auch Bio und eine solide Käsetheke – irgendwie verstehe ich den Bürgermeister nie so recht. Ein Angebot mit Gemüse und Obst ist nicht explizit besprochen worden und wird meiner Meinung nach nicht kommen. Denn das wäre eine Konkurrenz für den CDU-Vorsitzenden und Gemeinderat Rainer Hege, der einen Scheunenladen betreibt und sich demonstrativ für befangen erklärt hat. Die Mehrheit der CDU-Mitglieder stimmte denn auch gegen den Antrag der SPD: „Wir sehen eine Konkurrenz für die bestehenden Betriebe“, sagte Dr. Josef Doll, der CDU-Fraktionsvorsitzende. Näher erläutert hat er das nicht.

Und Käse, Bio, Fisch? Das sind eher hochpreisige Angebote, die sich nicht jeder leisten können wird – vielleicht wusste Herr Kielmayer schon mehr als andere, als er meinte: „Da holt man sich Appetit, aber eingekauft wird im Supermarkt.“ Ich fand das Argument absurd – da guckt man vielleicht ein- zwei Mal und beschließt dann, dass es zu teuer ist. Sicherlich geht niemand freiwillig dahin, wo er sich nichts leisten kann.

Fragen darf man aber schon, was Herr Doll denn meinen könnte? Können Brillen, Bücher, Blumen, Orthopädie-Geräte, Schuhe, Zahnpflege, Friseurdienstleistungen, Reisebüro, Sonnenstudio, Kiosk und Bürobedarf Konkurrenz durch einen Wochenmarkt bekommen? Keines dieser Geschäfte dürfte einen „Lebensmittel-„Markt als Konkurrenz betreiben. Der Edeka-Markt kann das verschmerzen, weil er noch andere Artikel anbietet. Der Tschibo-Laden mit Backwaren wäre schon eher „betroffen“, doch der ist im Gemeinderat nicht vertreten. Der Hege-Laden noch mehr und das hat die CDU ja auch ein klares Signal gegeben.

Bereits Ende 2009 wurde der Markt von der SPD erstmals in den Gemeinderat gebracht – jetzt entschieden und frühestens in weiteren sechs Monaten soll es losgehen. Auch das ist „Standortpolitik“. Man muss sich nur wundern, wie schnell „Pfenning“ dageben vorangebracht wurde.

Geheimnisse.

Als großes Geheimnis bleibt, was denn so an Standbetreibern kommen wird. Schließlich liebt Herr Kessler Geheimnisse und hasst es, das Volk zu fragen – das hat er mit vielen Repräsentanten im Gemeinderat gemein.

Während der Bürgermeister 2009 noch sehr unentschlossen war, gibt er sich nun zuversichtlich, dass der Markt „Kaufkraft im Ort gehalten oder zurückgeholt werden kann“.

Kurt Klemm begrüßte den Markt als „Ort der Begegnung“, „Grünen“-Specher Klaus Schuhmann ebenso, vor allem wegen der „älteren Leute“: „Man darf die, die nicht so mobil sind, nicht vergessen.“

CDU-Enthaltung.

Frau Brechtel, Herr Doll, Herr Kielmayer und Herr Schaaf (alle CDU) enthielten sich der Stimme, trotz des „Alten“-Arguments, das sie sonst immer hochhalten.

Auch ich finde eine Markt in Heddesheim gut, weil er den Ort attraktiv macht und den leblosen Dorfplatz wenigstens einmal die Woche mit Leben füllen kann. Tatsächlich befürchte ich, dass der Bauernmarkt vor dem Rhein-Neckar-Zentrum und in Ladenburg, die zeitgleich stattfinden, eine harte Konkurrenz sind und somit der Freitag kein gut gewählter Tag ist.

Und dann kommt es noch auf das Angebot an – man darf gespannt sein, was das sein wird.

Bevor der Markt überhaupt starten wird, ist eines aber klar: Für die Wünsche der Heddesheimer BürgerInnen haben sich weder Herr Kessler noch die Mehrheit im Gemeinderat interessiert.

Und das finde ich bedauerlich.

hardyprothmann

Anmerkung der Redaktion:
Hardy Prothmann ist partei- und fraktionsfreier Gemeinderat und verantwortlich für das heddesheimblog.

Download:
Gemeinderat-Protokoll Mai 2010 über die Diskussion zum Markt-Antrag der SPD.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Kirchenkritiker

    Grausam! Einen Markt ohne Obst und Gemüse – was ist das denn für ein Markt? Das wäre wieder eine typisch Heddesheimer Lösung. Warum kann denn der Herr Hege da nicht einfach mitmachen? Man muss wieder an das berühmte gallische Dorf denken, das sich sich erfolgreich gegen Einflüsse von außen wehrt. Heddesheim – eine Insel der Bedenkenträger, Bewahrer des Althergebrachten und Ewiggestrigen. Ich empfehle dem Gemeinderat einen Besuch bei einem französischen Wochenmarkt – am besten in der Partnerstadt. Samstagvormittag ist der beste Zeitpunkt für einen Markt…

  • lutz

    Hallo,

    warum ist denn der Samstag ein „schlechter tag“. Es wäre der einzige Tag an dem ich als Arbeitnehmer den Markt auch nutzen könnte.

  • Manfred Scholz

    In Heddesheim werden die Einkaufsmöglichkeiten alle zentral im Süden angesiedelt, jetzt auch der Wochenmarkt.
    Der Norden von Heddesheim blutet im Einzelhandel gänzlich aus. Der letzte Lebenmittelladen, wenn auch nur Fleisch&Wurstwaren, hat seine Türen jetzt auch verschlossen. Ältere Einwohner aus dem Norden von Heddesheim müssen einen Fußmarsch hinter sich bringen, meistens noch mit einer Gehhilfe auf den abschüssigen,zugeparkten Gehwegen. Für einen jungen Menschen schon eine Zumutung. Auf halber Strecke gibt es einen leerstehenden kleinen Einkaufsmarkt (Treff)der sich gerade auf die ältere Generation spezialisieren könnte, aber hier gibt es keine erkennbaren Reaktionen aus dem Rathaus.
    Alt werden in Heddesheim kann zur Qual werden!

    • Argus

      Mir wurde erzählt,dass der ehemalige „Treff“-Laden vom Inhaber des Edekamarktes gekauft bzw. gemietet wurde.
      Vermutlich um sich Konkurrenz vom Leib zu halten.
      Der Verdacht liegt nahe!

      Ein kleiner Laden im Norden des Ortes,wo ich auch wohne,dürfte keine Zukunft haben.
      Dazu sind die anderen Filialgeschäfte der Großen zu dominant.

      • heddy

        Wenn das stimmt ist es schon ein starkes Stück! Die Versorgung der Menschen mutwillig zu verschlechtern, nur um die eigenen Profite zu maximieren.

        • dasheddesheimblog

          Guten Tag!

          Es handelt sich hierbei um nicht verifizierte Gerüchte, die aber viele Menschen im Ort so „gehört“ haben.

          Unsere Berichterstattung stellt dies klar heraus.

          Ohne Klärung bleibt dies nur eine Annahme – das sollten Sie bei Rückschlüssen beachten.

          Einen schönen Tag wünscht
          Das heddesheimblog

    • heddesheimerin

      „Alt werden in Heddesheim kann zur Qual werden!“

      Ein Thema das mir aus dem Herzen spricht! Wenn man die prekäre Versorgung mit Lebensmitteln und jetzt auch die zu erwartnede Verkehrs- und Lärmflut durch Pfenning zusammennimmt, kann man nur sagen: Hedessheim ist kein Ort mehr für ältere Menschen.

      Dabei predigt doch gerade Herr Doll immer den „demographischen Wandel“ und das wir uns darauf einstellen müssen!

  • Heddesheimer

    Heddesheim ist nur ein Ort auf der Landkarte oder im Routenplaner.

    • lutz

      .. ja eigentlich könnte man es als WOHNort auch komplett abreissen und darauf ein Autobahnkreuz mit Verladebahnhof errichten. Damit Herr Pfenning gleich richtig groß bauen kann. Und Herr Kessler sitzt dann allein auf dem Autobahn-Grünstreifen und freut sich über die tolle Orts-„Entwicklung“.

  • vom zugezogenen Heisemer

    Ja, es würde Heddesheim und den Ortskern ein wenig aufwerten. Aber nur wenn die richtigen Markteilnehmer/Anbieter kommen. Meines Erachtens ist der Markt nur dann ein Erfolg, wenn Gebrauchsgüter bzw. Nahrungsmittel angeboten werden, die es NICHT im Supermarkt um die Ecke gibt. (ein gutes Beispiel ist z.B. der „Putenwagen“ auf dem Heisemer Wochenmarkt, der aus Bammental kommend seine Putenspezialitäten anbietet)
    Wie im Artikel richtig dargestellt ist zudem eine ausreichende Parkmöglichkeit immens wichtig. Dies kann die Heddesheimer Gemeinde aufgrund der Verkehrssituation wohl kaum bieten.
    Wie schwer es heutzutage ist, einen florierenden Markt in einer Gemeinde zu etablieren sieht man an unserem Gemeindenachbar Leutershausen. Obwohl alle Markteilnehmer mit viel „Herzblut“ bei der Sache sind und im Sommer bei schönem Wetter (dank Sektausschank für die Marktbesucher) ein Hauch von französicher Leichtigkeit „á la Aix en Provence“ aufkommt, so gelingt es nicht (trotz guter Ideen) eine stetige und ausreichende Nachfrage seitens der Bewohner zu generieren.
    Man ist bequem und kauft halt alles im Supermarkt. „Des geht halt schneller un do krigscht alles was du brauchschd..do musch nimmä uff de Markt renne.“
    Deshalb sehe ich für den Heddesheimer Markt schwarz.

    • neckar und rhein

      Das Parken ist auch heute schon schwierig, auch deshalb, weil die Polizei schnell zur Stelle ist, um Strafzettel zu schreiben, wenn, wehe, die Parkscheibe nicht herausgegeben worden war.

      Wir hatten hier in Heddesheim schon mal einen Markt, der gar nicht so schlecht war, aber sich am Ende doch nicht rentierte. Schade drum.

      Dem seltsamen Marktangebot, gar ohne Obst und Gemüse, gebe ich kein langes Leben.

      Im übrigen ist das Geschäftsleben in Heddesheim wie oigschlofene Fiß.

  • Badenser

    Einen Markt halte ich für absolut sinnvoll. Obst und Gemüse gehören natürlich dazu. Aber wirklich attraktiv wird so etwas durch Dinge, die ich eben nicht in der Edeka bekomme.

    Und vergesst bitte nicht unsere Hedesheimer – die wollen schwätzen! Und das geht nirgends besser als auf einem Wochenmarkt. Endlich ein Treffpunkt für jung und alt. Ich sehe das projekt eigentlich recht positiv.

    Grüße vom Badenser