Mittwoch, 23. August 2017

Gabis Kolumne

„Ich werde das Kind schon schaukeln“

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Guten Tag!

Heddesheim, 13. Dezember 2010. Pubertierende Kinder sind anstrengend, aber lange nicht so betreuungsintensiv wie Kleinkinder, musste Gabi noch einmal hautnah erfahren.

Die Windelzeit haben meine Freundinnen und ich ja Gott sei dank hinter uns gelassen – was nat√ľrlich nicht hei√üt, dass das Leben mit pubertierenden Kindern einfacher ist, aber es ist zumindest weniger betreuungsintensiv.

kind

Spielen macht Spaß!

Das wurde mir vor kurzem mal wieder bewusst, als mich eine Freundin Рdie sehr spät ihr erstes Kind bekommen hatte Рbat, einen Nachmittag auf ihren goldgelockten einjährigen Sonnenschein aufzupassen.

Das m√ľsste doch ein leichtes Spiel sein

„Klar“, sagte ich, „kein Problem“. Denn immerhin hatte ich ja zwei Kinder schon fast gro√ü gezogen und mit einem Kleinkind d√ľrfte das doch ein leichtes Spiel sein.

Kurz nach der Mittagszeit brachte sie mir also ihr Herzblatt vorbei, bepackt Рo je, das hatte ich schon verdrängt Рmit einer großen Tasche mit Windelutensilien, Flasche, Gläschen, Schnuller, Lieblingsschmusetier und Duplo-Steinen.

„So in einer Stunde kannst du ihm das Gl√§schen warm machen, anschlie√üend m√ľsste er m√ľde werden und dann schl√§ft er bestimmt zwei Stunden. Du kannst ihn dann auf die Spieldecke mit seinen Duplo-Steinen setzen und er besch√§ftigt sich ganz alleine. So gegen 19 Uhr gibst du ihm das Fl√§schchen, aber da m√ľsste ich schon wieder zur√ľck sein. Und frisch machen solltest du ihn, bevor du ihn hinlegst. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen, aber ich bin jederzeit auf dem Handy erreichbar“, erkl√§rte mir meine Freundin, l√§chelte, dr√ľckte einen Schmatz auf das Goldk√∂pfchen und √ľberreichte mir ihren Sohn.

Bis zu diesem Augenblick hatte mich der kleine Wonneproppen noch freudig angestrahlt, als ihm aber bewusst wurde, dass seine Mutter im Begriff war ihn bei der „b√∂sen“ Tante zur√ľck zu lassen, verfinsterte sich seine Miene und binnen Sekunden brach ein f√ľrchterliches Geschrei los.

„Geh‚Äô nur, das bekomme ich schon hin“, meinte ich tapfer, nahm den strampelnden Einj√§hrigen auf den Arm und zwinkerte meiner Freundin beruhigend zu. „Ich werde das Kind schon schaukeln“, versuchte ich sie zu beruhigen. Etwas unschl√ľssig schaute sie auf ihren schreienden Sohn und verlie√ü dann mein Haus.

Nichts läuft nach Plan

Ich brauche Ihnen jetzt nicht zu erz√§hlen, dass alles nicht nach dem Plan lief, den meine Freundin mir so freudig mitgeteilt hatte. Nachdem ich unz√§hlige und vergebliche Versuche unternommen hatte, das schreiende Kind mit p√§dagogischen Ma√ünahmen zu beruhigen, kam mein Sohn mit einer T√ľte Gummib√§rchen um die Ecke und fragte: „Kann man das Geschrei denn irgendwie abstellen?“. In dem Moment huschte ein L√§cheln √ľber das tr√§nen√ľberstr√∂mte Gesicht des kleinen Goldschatzes und er quiekte „haben“ und deutete unmissverst√§ndlich auf die Haribo-T√ľte. In meiner Verzweiflung hielt ich ihm ein rotes B√§rchen hin, der Kleine strahlte, steckte das Fruchtgummi in seinen Mund und intonierte laut und verst√§ndlich „mehr“.

Nachdem er gen√ľsslich die halbe T√ľte verspeist hatte, schritt ich ein und nahm ihm die T√ľte weg. Ich breitete die Spieldecke auf dem Boden aus, legte die Duplo-Steine vor ihn und ging in die K√ľche um das Gl√§schen zu w√§rmen. Keine zwei Minuten sp√§ter h√∂rte ich ohrenbet√§ubendes Geschepper. Wie langweilig waren doch seine Spielsachen im Vergleich zu dem CD-Regal, dessen Inhalt er mit einem Schwung auf den Boden bef√∂rdert hatte. Goldschatz strahlte.

Okay, rief ich mir ins Ged√§chtnis, Kinder im Krabbelalter darf man nicht unbeaufsichtigt lassen. Ich schnappte mir den Kleinen und setzte ihn in der K√ľche vor eine Schublade mit Tupperware. Gl√ľcklich r√§umte er die Plastikdosen und Deckel aus und ich hatte Zeit, um festzustellen, dass der Inhalt des Gl√§schens eindeutig zu hei√ü war. Also, ab ins kalte Wasserbad.

Er hatte viel Spaß Рich weniger

Es wird Sie sicherlich nicht wundern, dass die Hälfte des Gläschens auf meinem Pulli und im Gesicht meines Goldköpfchens landete, zumindest hatte er viel Spaß dabei Рich weniger.

„So, mein Schatz, jetzt geht‚Äôs ab ins Bettchen“, erkl√§rte ich meinem Herzchen, holte den Kuschelhasen und legte beide in mein Ehebett, nat√ľrlich nicht ohne zuvor dicke Decken an den Seiten aufzubauen, damit er nicht herausfallen konnte.

Kaum hatte ich ihn abgelegt, stieg ein eindeutiger Geruch in meine Nase. Mist, dachte ich, ich habe ganz vergessen, dass ich ihn noch wickeln muss. Ich rannte ins Wohnzimmer holte die Wickeltasche. Die Zeit hatte der kleine Schatz genutzt, quer √ľber das Bett zu robben und die B√ľcher vom Nachttisch zu fegen. „Okay, okay, mein Fehler“, sagte ich und immerhin das Wickeln ging mir doch noch ganz gut von der Hand.

„So, mein Schatz, jetzt wird aber geschlafen“, gurrte ich freundlich. Goldk√∂pfchen war aber ganz anderer Meinung, er setzte sich auf und deutete zur T√ľr. „Mama“, kam es weinerlich von seinen Lippen. „Die Mama kommt gleich wieder, du musst jetzt ein bisschen schlafen und dann ist deine Mama wieder da“, versuchte ich ihm zu erkl√§ren. Zu sp√§t schon quollen dicke Tr√§nen aus seinen blauen Augen und er schniefte herzerweichend. Also fuhr ich das volle Programm, sang Schlaflieder, legte mich zu ihm, streichelte sein K√∂pfchen – alles vergeblich, Goldschatz wollte nicht schlafen.

„Okay, dann gehen wir spielen“

„Okay, okay, dann gehen wir eben spielen“, gab ich auf, schnappte mir den Kleinen, der sofort wieder anfing zu strahlen und begab mich mit ihm ins Wohnzimmer. Wir lie√üen uns gemeinsam auf der Spieldecke nieder und ich begann mit Begeisterung die Bausteine aufeinander zu stapeln. Gelangweilt schaute mich der Kleine an und setzte sich in Bewegung Richtung Treppe. Mit „nein, Sch√§tzchen, das ist keine gute Idee“, holte ich ihn von seiner Erkundungstour zur√ľck, was eindeutig und laustark sein Missfallen erregte.

Verzweifelt schaute ich zur Uhr. Noch mindestens zwei Stunden w√ľrde es dauern, bis meine Freundin zur√ľckkehren w√ľrde, das kann ja noch heiter werden.

In dem Moment h√∂rte ich meine Tochter von der Schule nach Hause kommen. „Prima, Schatz, dass du da bist. Schau‚Äô mal, wen wir zu Besuch haben. Magst du nicht ein wenig mit dem Kleinen spielen?“, empfing ich sie freudig. „Okay, ich nehme ihn eine halbe Stunde mit in mein Zimmer, da kann er die Kiste mit meinen alten Kuscheltieren ausr√§umen“, bot sie zu meiner Erleichterung an.

Alles √ľberhaupt kein Problem

30 Minuten hatte ich Zeit, um das Chaos, was sich inzwischen ausgebreitet hatte, wieder einigerma√üen zu beseitigen, in Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken und mich an das vertraute Gef√ľhl zu erinnern, wie es war, als meine Kinder noch klein waren und ich jede Sekunde Auszeit genossen hatte.

Als meine Freundin p√ľnktlich von ihrem Termin zur√ľckkehrte, um ihren Sohn abzuholen, sa√ü Goldl√∂ckchen brav auf seiner Krabbeldecke, spielte mit seinen Duplo-Steinen und strahlte seine Mutter an.

„Hat alles gut geklappt?“, wollte sie wissen. „Klar“, sagte ich, „alles √ľberhaupt kein Problem“, und dachte, Gott bin ich froh, dass meine Kinder schon so gro√ü sind.

gabi

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.