Montag, 28. Mai 2018

Die Wirtschaftsberichterstattung des MM stellt keine Fragen, bietet keine Analyse

Drei Tage vor der Wahl werden die Zeitungsleser getäuscht

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Heddesheim/Rhein-Neckar, 13. März 2014. (red) Alles halb so schlimm. Arbeitsplatzabbau? Geplant. Kundenverlust? Nicht schön, aber ohne Bedeutung. Umsatz? Über 25 Prozent verloren, aber das macht nichts. Was der Mannheimer Morgen seinen Leser/innen zumutet, macht fassungslos. Ist es journalistische Inkompetenz oder eine Wahlhilfe für den Kandidaten Kessler oder beides? Wir klären die Fakten.

Von Hardy Prothmann

anzpfenning

Kann sich noch jemand an die Werbung erinnern? Erfolg? 250 abgebaute feste Stellen klingen nicht danach. Quelle: „Pfenning“

 

Der heutige Bericht im Mannheimer Morgen ist entweder von jemanden verfasst worden, der komplett kenntnislos ist oder den Auftrag hatte, keine einzige kritische Frage zu stellen und unter keinen Umständen zu recherchieren. Beides sind journalistische Todsünden.

Wir empfehlen vor der Lektüre dieses Artikels, den MM-Text zu lesen: „Risiken sollen künftig verteilt werden.“

Mitarbeiter

Wo anfangen? Nehmen wir die Mitarbeiterzahl. Vor dem Umzug nach Heddesheim gab „Pfenning“ diese mit 650 in der Region an.

In einem Bericht von gestern nannte der Mannheimer Morgen 600 Mitarbeiter. Heute wird konkretisiert auf 400 feste bei „Pfenning“, 150 über die firmeneigene Leiharbeitsfirma „be4work“ und 60 „Subunternehmer“. Das wären in Summe 610 Mitarbeiter. Versprochen hat das Unternehmen „bis zu 1.000“. Tatsächlich sind es gegenüber Stand 2009 damit 250 weniger, die über „Arbeitnehmerüberlassung“ und „Subunternehmer“ nach Bedarf hinzugebucht werden. Leiharbeit und Subunternehmer fallen nicht unter Arbeitsplätze eines Unternehmens.

Nach unseren Informationen sollen es nur noch 350 Arbeitsplätze sein. Wenn es 400 sein sollten, hieße das, dass Pfenning seit 2009 fast 40 Prozent der Arbeitsplätze abgebaut hat. Und ab demnächst wolle man „einstellen“? Zu welchen Bedingungen? „Pfenning“ zahlt über „Mindestlohn“? Nach unseren Informationen 8,69 Euro brutto die Stunde – ohne Zuschläge oder sonstige Leistungen bei Mehrarbeit. Ist das ein „vorbildlicher“ Arbeitgeber?

Umsatz

150,9 Millionen Euro Umsatz 2012, 150 Millionen Euro Umsatz 2013, 150 Millionen Euro „geplanter“ Umsatz 2014. Wenn die Zeitung nur diese drei Zahlen hätte – wo ist der Satz, dass der Umsatz stagniert? Drei Jahre in Folge keine Steigerung? Der Verlust eines Großkunden sorgt nur für 0,9 Millionen Euro Umsatzverlust? Und dafür spart man im Herbst rund 1,5 Millionen Euro an Gehältern ein (geschätzt für 64 Arbeitsplätze). Der „angedeutete neue Auftrag“ sorgt für keine Umsatzsteigerung? Hatte die Zeitung keine einzige Frage dazu? Schreibt man dort alles vollständig gedankenlos auf, was einem „erzählt“ wird?

2008 hatte Pfenning nach eigenen Angaben 210 Millionen Euro Umsatz. Wenn es jetzt 150 Millionen Euro sein sollten, ist das ein Verlust von 29 Prozent. Dauerhaft. Und 2008 hat Pfenning gerade mal einen „Konzernjahresüberschuss“ von 22.631 Euro erwirtschaftet. Tatsächlich waren es laut Bilanz 2007 noch 175,6 Millionen Euro Umsatz und 2008 nur noch 169,5 Millionen Euro Umsatz. Das würde immer noch einen Umsatzverlust von 11,5 Prozent bedeuten. Und zwar Jahr um Jahr. Wie soll ein Unternehmen damit vernünftig überleben können? Nach der letzten veröffentlichten Bilanz für 2011 hat die KMP-Holding („Pfenning“) 2,4 Millionen Euro Verlust gemacht.

Wie kann es sein, dass man nach dem Verlust des bedeutenden Großkunden Mondelez 42 Prozent der Arbeitnehmer einspart und trotzdem ohne Veränderung zu 80 Prozent ausgelastet sein will? Demnächst sogar zu 90 Prozent? Wie passt das zu Vermietungsanzeigen, nach denen mindestens 30 Prozent nicht ausgelastet sind – also höchstens 70 Prozent Auslastung gegeben ist? Oder lagert man jede Restfuhre ein, der man über irgendwelche Logistikbörsen habhaft werden kann?

Standorte

In der politischen Phase hieß es, „Pfenning“ würde in Heddesheim seine Standorte in der Region konzentrieren. Dann hieß es, die Standorte würden bis auf Viernheim gehalten, weil die Geschäfte gut gingen. Nun heißt es, man habe doch zusammengelegt. Was bedeutet das für die Geschäftsentwicklung? Und was bedeutet das für die gelagerten Inhalte? Das Lager in Lampertheim ist/war ein Chemielager. Die dortige Bevölkerung wurde über eine „Notfall-Information“ auf mögliche Gefahren und das „richtige“ Verhalten aufmerksam gemacht. Wird der Multicube zur tickenden Zeitbombe?

Angeblich habe die Familie „Pfenning“ eine „Generationeninvestition“ in Verbundenheit zur Region getätigt. Tatsache ist, dass der „Multicube“ noch nicht fertig war, als die Immobilie schon an den Immobilienfonds Union Investment Real Estate in Hamburg verkauft war.

Kunden

Mondelez (besser bekannt als Kraft) ist nach nur einem Jahr abgesprungen. Weil Pfenning mal innerhalb weniger Tage 500 Paletten Schokolade ausliefern musste und dran offenbar gescheitert ist? Das soll doch ein top-moderndes Lager mit allem Pipapo sein? Mondelez ist nicht der einzige Großkunde, den „Pfenning“ verloren hat. Zuvor war es Henkel – für diesen Kunden brauchte man angeblich „die Schiene“. Kein Henkel – keine Schiene. Zwei Großkunden innerhalb kurzer Zeit verloren? Welcher bedeutende Großkunde geht da noch mit „Pfenning“ einen Vertrag ein?

Gewerbesteuer

Verlustjahr um Verlustjahr, zwischendrin, beispielsweise 2010 mal magere 613.000 Euro Gewinn. Wie soll da „erhebliche“ Gewerbesteuer gezahlt werden? Und selbst wenn es stimmen sollte, dass 2012 angeblich 1,9 Millionen Euro Gewinn gemacht worden sein sollen (wie das geht bei sinkendem Umsatz, Verlust von Kunden und Umstrukturierung ist ein Rätsel), dann werden Gewinne gegen Verluste gerechnet. Macht man das für die Jahre 2010-2012 ergibt sich ein „Plus“ von weniger als 100.000 Euro. Da fließt nichts an Gewerbesteuer. Und wenn, vielleicht um die 10.000 Euro.

Rechnet man die Fläche von „Pfenning“ gegen den Rest des Gewerbegebiets, das bislang jährlich im Schnitt rund 2,5 Millionen Euro an Gewerbesteuer bringt, müsste „Pfenning“ mit rund einem Drittel rund 800.000 Euro jährlich „bringen“. Bei den stagnierenden Umsatzzahlen kann man selbst bei schon fahrlässiger Fantasie keinen auch nur ansatzweise relevanten Gewerbesteuerertrag erkennen.

Kosten für die Gemeinde

Was kaum jemand auf der Rechnung hat:  „Pfenning“ bringt nichts, kostet aber. Für die Erhaltung der Infrastruktur. Straßen, Kanäle, Grünpflege. Zunächst gab es hier Einnahmen durch Umlagen. Doch in Zukunft? Was, wenn nichts reinkommt, aber man gesetzlich verpflichtet ist, die Infrastruktur in Ordnung zu halten?

Politische Verantwortung

„Pfenning“ wurde gegen erhebliche Widerstände trotz begründeter Zweifel durch Bürgermeister Michael Kessler und eine 12:9-Mehrheit im Gemeinderat durchgesetzt. Angeblich sollte „Pfenning“ mit zur Zukunftssicherung Heddesheims beitragen. Gebracht hat die Ansiedlung eine Spaltung des Orts, prekäre „Arbeitsplätze“, einen enormen Flächenverbrauch und eine ganz ungewisse Zukunft. Einer hat gewonnen: Karl-Martin Pfenning mit einem satten Gewinn im zweistelliger Millionenhöhe aus dem „Immobiliengeschäft“. Wer noch wie und in welchem Umfang „partizipiert“ hat, ist bislang noch nicht bekannt.

Eine Kritik der SPD nach deutlicher Kritik der Gewerkschaften an den prekären Beschäftigungsverhältnissen? Fehlanzeige. Kritische Fragen der angeblichen Wirtschaftsparteien CDU und FDP? Fehlanzeige. Zweifel beim Bürgermeister, dass sein Projekt ein Reinfall ist? Fehlanzeige.

Bürgermeister Michael Kessler wollte das große Spiel spielen und hat sich verzockt, weil sein Hochmut ihm im Weg stand. Wäre der Coup geglückt, hätte er sich feiern lassen. Jetzt ist er nicht für die Schwierigkeiten des Unternehmens verantwortlich. Die Ja-Sager haben eine angebliche 100-Millionen-Euro-Investition gesehen und sich über ein Ruckzuck-Großprojekt gefreut. Dass nur wenige das Geschäft gemacht haben und sie sich haben benutzen lassen – wer will schon eingestehen, dass er nicht nur einen Fehler gemacht hat, sondern noch einen dummen dazu?

Mediale Verantwortung

Der Mannheimer Morgen ist mittlerweile als „Bratwurst-Zeitung“ zum Gespött der Branche geworden. Bis heute hat die Zeitung nicht einmal aus früheren kritischen Berichten über „Pfenning“ zitiert. Obwohl sie sich mit „Kessler und Konsorten“ sowie „Pfenning“ ins Bett gelegt hat, also eigentlich ganz nah dran ist, hat die Zeitung außer Lobhudelei nichts zustande gebracht – immerhin hat „Pfenning“ ja auch häufiger große Anzeigen geschaltet.

Mittlerweile ist klar, dass nicht nur die Lokalredaktion ihrer Pflicht einer unabhängigen Berichterstattung nicht nachkommt, auch die Politik- und die Wirtchaftsredaktion zeigen sich komplett unfähig. Mit großer Sicherheit wird der MM in naher Zukunft ebenfalls ein Sanierungsfall.

Den eigenen Leser/innen bietet die Zeitung nichts, was das Produkt ausmachen sollte – nämlich verlässliche, gründlich recherchierte Informationen, auf die man sich verlassen kann.

Ausblick

Dass ein Bürgermeister und ein Gemeinderat gerne Unternehmen in der Gemeinde ansiedeln wollen? Ein ehrenwerter Wunsch. Dass Unternehmer sich mühen, um Geschäft zu machen? Ein ehrenwertes Vorhaben. Wenn aber ein unehrenhaftes Unternehmen viel verspricht, was es nicht halten kann und ein gieriger Gemeinderat alle Zweifel zurückweist, weil der Braten doch so gut riecht. Dann wird es streng.

„Pfenning“ hat viel versprochen. Kessler hat viel versprochen. Die Gemeinderatsmehrheit hat durch ihr Abstimmungsverhalten die Entwicklung ermöglicht. Fünf Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss ist nichts eingetroffen, was „erhofft“ worden ist. Das Gleis fehlt, die bis zu 1.000 Arbeitsplätze sind Makulatur, die Gewerbesteuer fließt nicht. „Pfenning“ ist nur Mieter einer Immobilie, die einem Fonds gehört. Die Arbeitsplätze sind unsicher und prekär.

Doch der Doppelriegel steht. Der Acker ist weg. Die Entscheidungen sind getroffen. Was nun? Was, wenn „Pfenning“ sagt, die Bedingungen haben sich geändert. Wir haben das vorausgesehen. Deswegen brauchen wir mehr Gelände – nur noch größer können wir überleben. Wird dann ein Dr. Doll „abwägen“ und sagen: „Wir hatten uns das anders vorgestellt, jetzt müssen wir sehen, dass das anders wurde, aber wir haben Vertrauen, dass es gut wird und man muss anerkennen, dass Größe schon ein Wert ist und deswegen stimmen wir für eine Erweiterung.“

Lässt sich dann der Gemeinderat wieder darauf ein? Nochmals 15 Hektar für Hallen, in die morgens Arbeiter gekarrt werden, um für 8,19 Euro brutto (nochmal 40 Cent weniger für Leiharbeiter von Drittfirmen) Paletten hin- und herzuschieben und nach drei Stunden wieder nach Hause geschickt zu werden? Ohne vollen Tageslohn? Ist es das, was die Menschen über Heddesheim reden sollen? Will Heddesheim dafür einstehen?

Wer ist Heddesheim? Im Ergebnis die Mehrheit, die einen Bürgermeister und bald auch einen neuen Gemeinderat wählt und damit festlegt, welche politischen Entscheidungen getroffen werden.

Der Mannheimer Morgen setzt den Bürgermeister wo er kann ins Bild. Meist bei „Speiß und Trank“. Hauptsache die Bratwurst schmeckt. Bis einem schlecht davon wird.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.