Samstag, 22. Juli 2017

Lesung zum Weltfrauentag in der Bücherei

„Große Werke und tapfere Frauenschicksale“

Print Friendly

Dr. Hannelore Seezen-Mundt bei der Lesung "Frauen, die schreiben, leben gefährlich" in der Gemeindebücherei. Bild: Heddesheimblog.

Heddesheim/Rhein-Neckar, 12. März 2012. (red/sap) Unter dem Titel „Frauen, die schreiben, leben gefährlich“ lud am vergangenen Freitag die Heddesheimer Gemeindebücherei zu einer Lesung anlässlich des Weltfrauentages ein. Die Schauspielerin  und Fachdozentin Dr. Hannelore Seezen-Mundt erzählten vom Leben und las aus dem Werk von drei ganz außergewöhnlichen Frauen.

Von Sabine Prothmann

Drei Frauen, deren Leben und Werk standen im Mittelpunkt der Veranstaltung in der Gemeindebücherei. Drei Lyrikerinnen, drei Biografien: Mascha Kaléko, Marina Iwanowa Zwetajewa und Eva Strittmatter. Ausgewählt und hervorragend vorgetragen von der Schauspielerin und Fachdozentin Dr. Hannelore Seezen-Mundt.

Der Raum in der Gemeindebücherei platzt aus allen Nähten, Stühle müssen herbeigetragen werden und gut 40 Zuhörerinnen und Zuhörer versammelten sich in dem kleinen Vortragsraum. Eva Maria Wustmann, Leiterin der Gemeindebücherei, freut sich.

„Es sind große Werke und tapfere Frauenschicksale“,

sagt Seezen-Mundt. Es ist die „geistige Urkraft, die aus dem Leben und dem Werk leuchtet“ und sei ist die Lebenssuche, die nicht erreicht wurde, die diese Frauen verbindet.

Karrieren wurden abgebrochen, Familien zerstört und es blieb dennoch eine unerhörte Lebenskraft und ein unerschöpflicher Genuss an der Welt, durch den diese drei Frauen als würdige Vertreterinnen ihres Geschlecht, Mut geben, so Seezen-Mundt.

Hannelore Seezen-Mundt beginnt mit der Dichterin Mascha Kaléko. Sie wurde 1907 in Galizien geboren. Es ist eine hochkreative, schöpferische Frau, eine Philosophin der kleinen Leute.

Das jüdische Emigrantenkind kommt mit sieben Jahren nach Deutschland, bis sie zehn Jahre ist, hat sie drei Ortswechsel hinter sich und nach dem ersten Weltkrieg landet die Familie schließlich in Berlin.

Das Ende der 20er und der Beginn der 30er Jahre sind die erfolgreichen Jahre für Mascha. Sie lernt Saul Kaléko kennen und heiratet ihn.

Es ist das Berlin der Weimarer Republik, im „Romanischen Café“ trifft sich die intellektuelle und literarische Elite.

Man hielt Masch Kaléko für sehr begabt, witzig, charmant und attraktiv, mit 21 Jahren hat sie mit ihren Gedichten die ersten Erfolge.

„Ihre Gedichte trafen den Nerv der Zeit“

„Ihre Gedichte trafen den Nerv der Zeit“, sie sind gekennzeichnet durch „satirische Schärfe und sanfte Wehmut“.

Innerhalb kurzer Zeit machte sie in der literarischen Szene Karriere, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland.

Dann kommen der Nationalsozialismus und Hitler.

Mascha selbst verstand sich als Deutsche, als unpolitische Dichterin, sie sah zunächst keine Gefahr, erzählt Seezen-Mundt.

Doch bald durfte sie nur noch in jüdischen Büchern veröffentlichen und dann gar nicht mehr.

1935 lernt sie den Komponisten Chemjo Vinaver kennen, ihre große Liebe, „er hatte nichts als wilde Träume“, schreibt sie.  Sie verlässt Saul Kaléko und heiratet nur zehn Tage nach der Scheidung Vinaver. 1936 wird der gemeinsame Sohn geboren.

1938 emigriert die kleine Familie nach Amerika – es geht ums Überleben.

Erst in der Fremde beginnt sie sich mit der jüdischen Herkunft auseinander zu setzen und hat Interesse an der Religionsfrage.

Der Wechsel nach Amerika ist für sie als Dichterin der deutschen Sprache eine Katastrophe.

Zeiten der Verlassenheit

Als der Krieg zu Ende ist, steht sie vor einem Trümmerfeld. Die Karriere ist abgebrochen und sie ist nicht in der Lage Kontakt nach Deutschland aufzunehmen.

Es sind „Zeiten der Verlassenheit“, sagt Seezen-Mundt.

1952 fährt Kaléko erstmals wieder nach Europa, aber um Deutschland macht sie einen großen Bogen. Ein Jahr später wendet sich der Rowohlt Verlag wieder an Mascha Kaléko. 1955 befindet sie sich an Bord eines Schiffes nach Deutschland.

Sie wird großartig aufgenommen und empfangen, das Publikum ist begeistert.

Doch als sie mit dem „Fontane-Preis“ ausgezeichnet werden soll, in dessen Jury ein ehemaliger SS-Mann sitzt, sagt nicht nur ihre innere Stimme „Nein“. Sie lehnt den Preis ab.

1959 emigriert sie mit ihrer Familie nach Israel, es ist die zweite Emigration und sie fühlt sich dort nie heimisch.

Ihr Mann erkrankt, Lesungen werden abgesagt – ihre Gedichte werden melancholisch. Sie bindet sich immer enger an ihren Mann und ihren Sohn. Dann kommt es 1968 zur Katastrophe, der Sohn stirbt, was sie nie verkraftet und 1973 stirbt auch ihr Mann. Zwei Jahre später mit 67 Jahren stirbt sie in der Schweiz.

„Mascha Kaléko war eine Heimatlose wider Willen“,

sagt Hannelore Seezen-Mundt.

„Gehofft, geträumt, gelitten, gesucht und geliebt“

Die zweite Biografie widmet sich der bekanntesten Dichterin Russlands in den 20er Jahren: Es ist Marina Zwetajewa, die 1892 in Moskau geboren wurde.

Sie habe gehofft, geträumt, gelitten, gesucht und geliebt:

„Ihr Werk ist voll geballter Gefühle“.

Marina hatte eine unruhige, bewegte, aber auch schöne Kindheit. Der Vater baut ein Museum auf, die Mutter stammt aus einer gebildeten Familie und ist Konzertpianistin. Sie ist eine frustrierte Frau und trauert einer Jugendliebe nach. Als die Mutter an Tuberkulose erkrankt geht die Familie auf Reisen nach Europa. Marina und ihre Schwestern leben in Internaten und Pensionen, sie führen ein Nomadendasein.

1906 stirbt die Mutter in Russland. 1909 beginnt Marina an der Sorbonne zu studieren.

1912, knapp zwanzigjährig, lernt sie den Offizierskadetten Sergei Jakowlewitsch Efron kennen, kurz darauf heiraten sie.

Durch den Zweiten Weltkrieg wird die Ehe unterbrochen, sie weiß Jahre lang nichts über das Schicksal ihres Mannes.

Sie lebt mit ihren beiden Töchtern in Moskau in größter Hunger- und Wohnungsnot. In ihrer Verzweiflung bringt sie das jüngere Mädchen in ein Kindheim, weil sie hoffte, dort wird es besser versorgt. Doch das Kind verhungert.

1922 verlässt sie Russland und trifft Efron in Berlin wieder, von dort aus gehen sie nach Prag. Marina Zwetajewa ernährt die Familie mit Übersetzungen, die Situation ist sehr schwierig.

Von dort aus geht es nach Paris und obwohl sie insgesamt 14 Jahre dort lebte, wird sie dort nie heimisch.

Efron ist ein weicher Mensch und arbeitete für den russischen Geheimdienst, als das heraus kommt, muss die Familie Frankreich verlassen und kehrt 1939 nach Russland zurück.

Unter Stalin sind für Zwetajewa alle Türen verschlossen, als ehemalige Exilantin ist sie verbannt und lebt in Einsamkeit.

1941 wird der Ehemann erschossen, die Tochter und die Schwester inhaftiert. Am 31. August 1941 erhängt sie sich.

In den 60er Jahren wird Marina Zwetajewa rehabilitiert, dennoch bleibt ihre Rolle in der Sowjetunion „eine schwierige Angelegenheit“, so Seezen-Mundt.

Seit Anfang der 90er Jahre werden für sie weltweit Lagerfeuer angezündet.

Klassisch. Einfach. Sprache

Die letzte Dichterin, deren Leben und Werk Hannelore Seezen-Mundt vorstellte, war Eva Strittmatter.

Eva Strittmatter wurde 1930 in Neuruppin geboren und starb 2011 in Berlin. Sie erlangte nicht nur in Ostdeutschland eine große Bekanntheit. In ihren Gedichten schreibt sie über Alltagsthemen.

Sie war eine Frau voll Unruhe, mit einer breiten Skala von Emotionen.

„Ich kannte das Ehepaar Strittmatter“, erzählt Seezen-Mundt. Während der Schriftsteller Erwin Strittmatter schwieg, seine Pfeife rauchte und auf den Boden stierte, redete Eva.

Eva war eine „ernste, in sich ruhende Frau“, erinnert sich Hannelore Seezen-Mundt.

Sie lebte im brandenburgischen Schulzenhof, wohin sie 1957 mit ihrem Mann gezogen war.

Zunächst schrieb sie ihre Gedichte heimlich, denn ihr Mann war berühmt und anerkannt. Erst 1973 erschien ihr erster Gedichtband. Über Nacht wurde sie zur meist gelesensten Schriftstellerin und Autorin in der DDR.

Ihre Gedichte sind ausgezeichnet durch die klassische Einfachheit der Sprache.

Erwin Strittmatter war ein schwieriger Mann, es war eine schwierige Bindung. Seelisch waren sie nicht ganz vereint, aber Eva hat ihn und sein Werk hoch geachtet, erzählt Seezen-Mundt.  Sie war Mitarbeiterin seines Werks, sie war Mutter der Kinder und Bäuerin auf dem Hof.

Dennoch verbrennt sie sich nach Verlangen ungefesselter Liebe:

„In ihr lebte eine Urkraft.“

Mit dem DDR-Regime hatte Eva Strittmatter keine Probleme, da sie eine unpolitische Schriftstellerin war. So erhält sie auch 1972 den Heinepreis.

1993/1994 starben innerhalb von nur neun Monaten ihre Mutter, ihr Mann Erwin und ihr Sohn Matti. Eva Strittmatter strirbt 2011 in Berlin.

Ein großartiger Abend.

Die Schauspielerin Dr. Hannelore Seezen-Mundt trägt immer wieder ganz wunderbar aus den Gedichten der Schriftstellerinnen vor, für jede Dichterin hat sie ein Musikstück herausgesucht, für Kaléko ist es „Lilli Marleen“, für Zwetajewa ist es ein Stück des russischen Komponisten und Pianisten Alexander Nikolajewitsch Skrjabin und für Eva Strittmatter ist es das Lied „Der Lindenbaum“ von Franz Schubert.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Gemeindebücherei hören gebannt zu. Eine wunderbare Künstlerin hat von dem Leben und aus dem Werk von drei wunderbaren Frauen erzählt und rezitiert. Ein großartiger Abend.

Info: Hannelore Seezen-Mundt wurde 1938 in Riga geboren. Sie ist Schauspielerin und Fachdozentin. Sie studierte an der Theaterhochschule Leipzig und hatte Engagements in Neustrelitz, am Staatstheater Dresden und in Rostock. 1983 promovierte sie, seither arbeitet sie auch in theaterpädagogischer Tätigkeit u.a. an der Semperoper in Dresden.

Über sabine