Samstag, 22. Juli 2017

Gemeinde holzt wie üblich nieder

Biotop-Massaker für „Blick auf den See“

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Kahlbeschlagens Biotop.

 

Heddesheim, 12. Januar 2012. Was der Gemeinderat Kurt Klemm schon seit Jahren anprangert, hat Methode: Der gnadenlose Rückschnitt von Natur. Verantwortlich: Bürgermeister Michael Kessler. Ausführende: Die Mitarbeiter des Bauhofs. Konsequenz: Entweder passt sich die Natur in die „Vorstellungen“ ein oder sie wird gnadenlos bekämpft.

Für Natürschützer ist „Gestrüpp“ ein Lebens- und Rückzugsraum für Tiere. Für den Bürgermeister Michael Kessler etwas, dass er konsequent bekämpft. Seine Strategie: Rückschnitt bis auf Knöchelhöhe. Vermutlich ist ihm das Gestrüpp zu „unordentlich“.

Die Ästhetik des Bürgermeisters orientiert sich an Beton und Stein. Sichtbar am Dorfplatz – der nur Stein lebt und kalt und ungemütlich ist.

Oder an seinem „Jahrhundert-Projekt“ „Pfenning“. Beton, Hallen, Fahrbahnen, Fahrzeuge. Das ist sein Metier.

Um den Badesee gibt es ein neues Teilstück des Rundwegs. Benutzer sollen nicht auf „Gestrüpp“ schauen, sondern auf den See. Dessen glatte Fläche sieht vermutlich in den Augen des Bürgermeisters auch irgendwie wie eine planierte Betonfläche aus. Obwohl man sehr gut auf den Badesee auf den bisherigen Wegen schauen kann, musste ein langer Streifen gewachsenes Biotop weichen – für einen Blick auf den Badesee.

Abschneiden, kurz machen, in Form bringen. Manch einer in Heddsheim hält das für ein politische Formel, die vor allem für gewisse Gemeinderäte gilt, die sich willfährig fügen.

Deshalb ist hier auch kein Protest zu erwarten, sondern ganz sicher Zustimmung oder vielleicht sogar die Nachfrage, ob man nicht die Kosten für radikale Rückschnittsaktionen langfristig besser durch konsequentes Duchbetonieren senken könnte.

Verbunden mit der Formel:

Genießen Sie den neuen Blick auf den Badesee. Alles ist in „Ordnung“.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Christoph S.

    Den „schönen“ neuen Abschnitt des Badesee-Rundwegs wollte ich am Sonntag auch mal entlang spazieren, nachdem der Bürgermeister kurz davor in seiner Neujahrsansprache diesen so sehr lobte. Ich hätte es mir eigentlich denken können, wenn Bürgermeister Kessler etwas toll findet, muss da igrendein Haken dran sein. Ich war ziemlich enttäuscht oder fast geschockt von der „aufgeräumten“ Landschaft links und rechts des Weges. Mit dem über zwei Meter hohen Metallzaun auf beiden Seiten des Weges (im Bereich der Pferdekoppel sogar für einen Elektrodraht vorbereitet) und den breiten Bodenstreifen die komplett platt gemacht wurden, kamen eher Erinnerungen an den ehemaligen Todesstreifen zwischen BRD und DDR hoch. Ich machte ähnliche Fotos wie die obigen, obwohl ich eigentlich die untergehende Sonne über dem See fotografieren wollte – aber da war der Zaun im Weg.
    Die Idee eines Rundweges um den ganzen See fand ich gut – die so naturferne Realisierung ist eine Katastrophe.

    Schönen Tag noch!

    Christoph S.

    • Madame

      Der Badesee-Rundweg hat angefangen aufzuhören ein attraktiver Rundweg zu sein, als vor gefühlten 20 Jahren dieser gruselige Zaun um den kompletten See gezogen wurde. Die Argumente für den Umzäunungs-Quatsch erinnere ich gar nicht mehr. Vermutlich hat mein Hirn die nicht verstanden und ins spam-Nirvana geschickt.

      Freien Seeblick gibt es schon lange nicht mehr. Da muss man schon an den höchsten Stellen die Böschung zur Straße hin hoch, um ein nicht gitterunterteiltes Foto schießen zu können. Also,mit romantischen Hochzeitsbildern wird das an Heddesheims wohl fotogenster Stelle nix mehr.

      Mit meinem geistigen Auge ergänze ich immer noch ein bisschen Stacheldraht, schaue durch den Zaun auf die ehemalige Baggerinsel und die Assoziation ist fertig, überhaupt,wenn wie jetzt alles gandenlos abgeholzt ist: Ein eigenes kleines Mini-Alcatraz für all die bösen Buben und Mädchen in Heddesheim. Ja, sympathisch ist das nicht! Aber es hätte immerhin eine gewisse Konsequenz, passte es doch ganz gut ins eher deprimierende Gesamtgemeindebild, oder?

  • Guten Tag,

    viele Menschen, vielleicht auch einige Einwohner von Heddesheim, genießen gerne ihren verdienten Urlaub in der schönen Natur und werden wohl auch oftmals zur Erholung gezielt in einen Nationalpark fahren. Warum wohl?

    Zum Nationalpark Berchtesgaden findet sich zu seinen Zielen folgende Definition:

    „Nationalparke sind insofern besondere Schutzgebiete, als sie „Natur Natur sein lassen“, d.h. sie versuchen nicht einen bestimmten Zustand zu erhalten, sondern die natürlich Prozesse ohne menschliche Eingriffe ablaufen zu lassen“.

    Wäre es nicht auch an der Zeit in der eigenen Wohnumgebung solche Schutzgebiete zu schaffen? Der Heddesheimer- Badesee mit seiner „noch“ wunderschönen Lage bietet sich doch hierzu hervorragend an, oder?

    Der vorliegende Bericht und die Bilder machen traurig, sehr nachdenklich und richtig wütend. Die Natur ist sehr gut in der Lage sich selbst zu regulieren, den Menschen braucht es dazu nicht!

    Mit einem grünen Gruß
    Peter Kröffges

  • Klaus.E

    Guten Tag,

    es ist echt nicht zu glauben.
    Dem einzigen unberührten stück Natur um Heddesheim rückt man zu Leibe, ich war der Annahme, man führt den Weg am Biotop entlang, ohne dort einzugreifen.
    In diesem ehemals dichten Gehölz waren Igel keine Seltenheit und nutzten es, um Unterschlupf zu suchen, wen man aufmerksam war, konnte man sie beobachten.

    Von Sichtfenster war mal die Rede, leider sind alle hecken und Büsche gleichzeitig so zurückgeschnitten worden, dass hier keine Igel mehr Unterschlupf finden und sich noch weiter zurück ziehen müssen und Gefahr laufen von landwirtschaftliche Maschinen erwischt zu werden.

    Die Bereiche an den Mirabellenbäumen waren als einzelne Inseln anzusehen.

    Was gibt es besseres Kindern im Ort anhand von solchen Gelegenheiten Natur vermitteln zu können! Auch Erwachsene die zu Gast waren habe ich damit zum Staunen gebracht.

    Ich werde dieses Teilstück meiden und weiterhin den landwirtschaftlichen Weg gehen, die Natur hatte dort immer Vorfahrt und das respektiere ich weiterhin.

  • Snake Plissken

    Zitat MK „Ja“ auf die Frage ob er die Gemeinde ist. Das zeigt er nun wieder mit eiserner Hand oder besser gesagt Kettensäge. Es kümmert ihn doch nicht ob da Natur zerstört wird. Natur und Flächenbebauung beissen sich. Ergo muß die Natur weichen. Die rigorosen Rückschnittmaßnahmen waren ja auch schon am Kindergarten in der Rheinstr zu sehen. Der tolle Sicht und Lärmschutz…weg. Dieser Mann sollte sich am besten selbst abholzen und Heddesheim den Rest seiner Amtszeit ersparen.