Freitag, 16. November 2018

Was von der Feier übrig blieb

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Guten Tag!

Heddesheim, 11. Dezember 2009. Am Donnerstag, den 10. Dezember 2009, lud Bürgermeister Michael Kessler zur Seniorenfeier in die Nordbadenhalle ein. Der Nachmittag hatte dreizehn Programmpunkte. Elf auf der Bühne, zwei ihm Besucherraum. Der Mannheimer Morgen wird über „beste Unterhaltung“ schreiben, über „Gemeinschaft“ und wie „schön alles war“. War es das?

Kommentar: Hardy Prothmann

Die Seniorenfeier der Gemeinde ist im Prinzip eine gute Einrichtung. Denn sie lädt die, für die man sich oft nur noch wenig interessiert, explizit ein. Zu einer Feier. Also einem Fest.

Die Frage ist, was jemand unter einem Fest, unter einer Feier versteht. Die Definitionen werden sehr unterschiedlich ausfallen.

Der Heddesheimer Bürgermeister Michael Kessler lädt zur „Seniorenfeier“ ein. Für ihn ist eine Feier ein Verwaltungsakt.

Ebenso, wie seine leidenschaftslosen Reden, in denen er Punkt um Punkt abhakt, was er immer auf seiner Liste hat: Dank für alles Mögliche. Sorgen über alles Mögliche.

Und natürlich den „demographischen Wandel“. Das ist eines seiner Lieblingsthemen – natürlich immer verwaltungspraktisch oder -theoretisch betrachtet.

Leider kann er dabei kaum einen Satz fehlerfrei zu Ende führen.

Auch der evangelische Pfarrer Herbert Anzinger spult seine Ansprache nach dem gewohnten Schema ab.

Beiden fehlt jegliche Empathie, also Anteilnahme. Sie geben diese nur vor. Denn das gehört zu ihren Pflichtaufgaben. Der eine ist Bürgermeister, der andere Pfarrer. Beide müssen ihrer Funktion nach mit den Menschen verbunden sein und erfüllen ihre Aufgabe – fürs Protokoll. Dort steht: Seniorenfeier.

Typischerweise wird gedankt, für alles, aber für nichts Bestimmtes und gehofft, dass alles, vor allem die Gesundheit, noch lange gut ist.

Und spätestens hier wird es inflationär. Keiner der Gäste dieser Feier wird persönlich angesprochen. Sie sind einfach nur „ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger“.

Im Gegenteil könnte man auch annehmen, dass es bei dieser „Seniorenfeier“ weniger um das gute Gefühl für die Senioren geht, als das der „Helferinnen und Helfer“ und der „Mitwirkenden“ und – allen voran der Redner Bürgermeister und Pfarrer.

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Selbstloser Einsatz? Oder "selbstvoller"? Eine gute Frage. Bild: hblog

Den denen „gebührt“ schließlich „Dank“ für den „selbstlosen Einsatz“.

Ein einfaches „Danke-schön“ würde es auch tun. Denn das würde den „selbstlosen Einsatz“ so definieren, wie man ihn erwarten können sollte. Als normal. Und eben keineswegs „selbstlos“.

„Selbstlos“ ist jemand, der sein „Selbst“ los ist. Also eine Marionette.

Damit bin ich wieder bei der Definition. Wenn ein Bürgermeister von „selbstlosem Einsatz“ spricht, sind das seine Worte. Jeder wählt seine Worte so, wie er sie schätzt.

Und damit bin ich wieder bei der Frage, ob diese Worte jemanden berühren?

Mich berühren diese Worte. Mit Sorge. Denn ich möchte nicht irgendwann alt sein (was ich zweifellos irgendwann sein werde) und von „selbstlosen“ Helfern bedient werden.

Ich wünsche mir „selbstvolle“ Menschen, die mich und meine Würde und mein „Selbst“ als einzigartig respektieren. Auch, wenn es schwerfällt.

So betrachtet werden sicherlich alle Helfer der Seniorenfeier für sich beanspruchen, „selbstvoll“ zu sein. Wie passt das aber zu „selbstlos“?

Die Seniorenfeier ist im Prinzip eine gute Einrichtung. Weil die Idee die einer Ehrung des Alters ist. Der Ausdruck des Respekts und der Verneigung vor „Lebenserfahrungen“.

„Alt“ zu sein, ist nichts Schlimmes. Es ist normal.

Heutzutage sind „alte“ Menschen immer noch sehr aktiv, wie der Bürgermeister richtig feststellte. Mit einigen dieser „alten“ Menschen habe ich gesprochen und keiner hat sich in der Ansprache des Bürgermeisters wiedergefunden.

Warum? Weil das Leben dieser Menschen eben nicht „selbstlos“ war und ist.

Alle haben ihre Erfahrungen gemacht und machen sie noch.

Sie waren hilfsbereit oder egoistisch. Sie waren und sind „selbstlos“ oder „selbstvoll“.

Wie auch immer. In der Masse sind sie alt. Jeder einzelne hat seine eigene Geschichte, „los“ oder „voll“, aber auf alle Fälle „selbst“.

Und wir alle zusammen, die „Alten“ und die, die sie „bewirten“ und die, die das „Programm machen“, haben unsere gemeinsamen Erfahrungen. Oder auch nicht.

Die Frage, die bleibt ist: Wie geht das Leben zwischen Alt und Jung nach der Seniorenfeier weiter?

Dann, wenn der „offizielle“ Teil, also der „Verwaltungsteil“ vorbei ist?

Das ist die entscheidende Frage.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.