Samstag, 19. August 2017

Gabis Kolumne: Macht uns das Internet dümmer?

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Guten Tag!

Heddesheim, 11. Januar 2010. Gabi hat gegoogelt. Und dabei ist sie auf Frank Schirrmacher gestoßen. Der ist einer von fünf Herausgebern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein kluger Kopf. Und der meint, das Internet macht uns dümmer. Ist das so?, fragt sich Gabi und gibt die Antwort: „Das hängt von uns selbst ab.“

Vor Kurzem erzählte mir ein Bekannter von einer amüsanten Begegnung. Er saß im Sommer mit seinem Laptop auf dem Schoss auf einer Parkbank. Neben ihm hatte sich ein Vater mit seiner etwa 7-jährigen Tochter niedergelassen. Irgendwann sagte der Vater zur Tochter: „Kannst du dir das vorstellen: Als ich so alt war wie du, gab es noch keinen Computer und erst recht keinen Laptop.“ Das Mädchen dachte kurz nach und fragte dann: „Und wie seid ihr dann ins Internet gekommen?“

Diese humorvolle Begebenheit machte mich nachdenklich. Klar kennen wir Erwachsenen solche Geschichten. Meine Oma erzählte immer, sie hätte noch keine Waschmaschine gehabt in ihrer Jugend und auch ein Telefon kam erst spät in ihr Leben.

Beides machte ihren Alltag leichter. Wird durch das Internet auch unser Leben leichter?

In den Medien wird aktuell darüber diskutiert, ob das Internet uns dümmer macht.
(Siehe Debatte um das neue Buch „Payback“ von Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, Anm. d. Red.)

Vertieftes Wissen steht im Lexikon…

krieg

Der 30-jährige Krieg. Lexikon oder Internet? Bild: hblog

Noch vor wenigen Jahren erklärte ich meinem heranwachsenden Sohn, der Griff zum Lexikon sei immer die erste und beste Möglichkeit, Wissen zu vertiefen.

Dieses Lexikon habe ich während meines Studiums gekauft. Ende der 80er Jahre. Da gibt es noch zwei Deutschlands und Helmut Kohl war Bundeskanzler eines noch kommenden vereinten Deutschlands. Und ich habe es oft und intensiv genutzt, wie manche lockere Seite bezeugen kann.

2000, da war mein Sohn sechs Jahre alt und konnte schon gut lesen, war mein Lexikon gut zehn Jahre alt und aus Lexikonsicht einigermaßen aktuell.

Und heute? Sollte ich mir ein neues Lexikon zulegen oder meinem Sohn eins zum Studium schenken? Wäre das in der heutigen Zeit nicht weitaus schneller überholt als gedruckt? Schenkt man heute statt einem Lexikon nicht besser ein Notebook, eventuell mit Flatrate-Zugang?

Letzte Woche war ich mit meinem Mann im neuen Woody Allen-Film „Whatever Works – Liebe sich wer kann„. Auf der Heimfahrt überlegten wir, welche Filme wir von Woody Allen kennen.

Mein Mann fragte: „Kennst Du den ersten von ihm?“ Ich: „Nein.“ Mein Mann strahlte: „Aber ich. ‚Was gibts Neues, Pussy‘.“

Ich dachte nur: „Angeber“, und fragte: „Und sonst?“ Mein Mann sagte: „Dann waren da noch ‚Der Stadtneurotiker, Woody, der Unglückrabe, Machs noch einmal Sam, Purple Rose of Cairo, Eine Sommernachts-Sex-Komödie‘, soll ich jetzt alle aufzählen? Ach ja: Ganz groß: ‚Hannah und ihre Schwestern‘.“

„Nein“, sagte ich leicht gereizt: „Aber ich kenne auch ein paar davon, beispielsweise die ‚Sommernachts-Sex-Komödie‘.“ Und dann fragte ich: „Was war der letzte Film vor dem jetzigen?“ Mein Mann guckte, dachte, guckte, dachte. Dann sagte er kleinlaut: „Keine Ahnung.“

Das war mein Moment des Triumphs: „‚Vicky Cristina Barcelona‘ mit Javier Bardem, Penélope Cruz und Scarlett Johannson.“ Mein Mann guckte: „Kenn ich nicht.“

…oder mein Mann weiß es…

„Klar“, dachte ich, „ist ja auch ein Liebesfilm.“

„Ha“, war meine Antwort. Ich war zufrieden. Hatte ich doch die Oberhand behalten, was mir zugegebenermaßen nicht immer bei meinem Mann gelingt, weil der ein wandelndes Lexikon ist.

Nur beim Unterhaltungsfilm im Allgemeinen hat er Schwächen – besonders bei Liebesfilmen. Er steht auf Action wie „Transporter“, „Ong-Bak“ oder intellektuelles Zeug oder die Coen-brothers (No Country for old man) und man könnte meinen, er hätte jedes Drehbuch für die Filme mit Robert de Niro selbst geschrieben, weil er die Dialoge auch morgens um vier Uhr nach spontanem Wecken auf ein Stichwort hin sofort aufsagen kann.

„Was heißt hier „Ha“?“, fragte mein Mann: „Erzähl mir doch noch einmal, worum es in der ‚Sommernachts-Sex-Komödie‘ ging?“

Seine Augen blitzten. Ich sank in mich zusammen, versuchte mich zu erinnern, aber da waren nur Gedankenblitze, keine echten Erinnerungen. Er hingegen schaute zufrieden und fröhlich, während er uns nach Hause chauffierte und es genoss, dass er den Punkt gemacht hatte.

Zuhause angekommen fuhr ich sofort mein Netbook hoch und nur 10 Minuten später war ich quasi Woody Allen-Spezialistin.

…oder ich!

„Liebling“, flötete ich. „Wie hieß der erste Film von Allen?“ Mein Mann antwortete gelassen: “ ‚Was gibts Neues, Pussy.‘ Das habe ich Dir doch vorhin schon gesagt.“

„Stimmt nicht“, sagte ich von „Wissen“ erfüllt: „The Laughmaker.“

Mein Mann guckte, dachte, guckte, dachte. Ich genoss diesen Augenblick. „Kann nicht sein“, sagte mein Mann. „Ist aber so“, sagte ich.

Dann drehte ich unser Netbook zu ihm hin, er guckte auf den Bildschirm und den Wikipedia-Eintrag.

Wir lachten. Er sicherlich aus Verlegenheit, ich aus Siegesfreude und wir beide über unser kindliches Wissensspiel.

Ganz bestimmt aber das Internet.

Jetzt werde ich aber wieder ernst und frage mich selbst: Welchen Wert hat dieses Wissen? Erleichtert es meinen Alltag oder macht es mein Leben reicher?

Beides.

Zu fast jedem Thema können wir heutzutage irgendetwas im weltweiten Netz finden. Wir können uns über Krankheiten schlau machen, bevor wir zum Arzt gehen, wir können uns per Google Earth unser Sommer-Urlaubsziel im August schon im Januar anschauen.

Schreiben unsere Kinder Referate, wird erst mal gegoogelt, meist sogar auf Anweisung ihrer Lehrer.

Wie schwierig war es noch in meiner Studienzeit, bestimmte Informationen zu beschaffen. Tagelang saß man mit Karteikärtchen in der Bibliothek und bestellte umständlich über Fernleihe Bücher, die sich nach einem kurzen Blick als „falsche Bestellung“ erwiesen?

Die Gegner werden jetzt sicherlich zu Recht anmerken, dass man sich früher das Wissen noch erarbeiten musste und heute durch „Copy and Paste“ nur noch abgekupfert wird. Dazu fand ich Internet (wie kann’s auch anders sein) folgende Stelle:

Abgeschrieben wurde in der Wissenschaft schon immer. Aber das Zeitalter des Internets hat zu einem Ideenklau bisher unbekannten Ausmaßes geführt – es ist ja so einfach.

Hemmungslos kupfern viele Studenten und Forscher bei Kommilitonen und Kollegen ab: durchs Netz klicken, kopieren, als eigene Erkenntnis ausgeben – fertig ist die Hausarbeit, das Diplom oder die Promotion.

Für geistige Dünnbrettbohrer, aber auch bequeme Karrieristen ist „copy and paste“ die Arbeitstechnik des 21. Jahrhunderts.

Also was tun?

Ich gestehe: Ich liebe es, Dinge, die ich wissen muss oder auch nur wissen mag, zu googeln.

Ich finde, unser, also zumindest mein Horizont, ist so viel größer geworden und ich sage: Wir werden vielleicht nicht unbedingt klüger, aber wir können uns viel schneller Informationen beschaffen.

Nur manchmal eben auch zu viele.

Kürzlich sollte mein Sohn ein Kurzreferat über den 30-jährigen Krieg halten und die Informationsflut bei Wikipedia war einfach zu gewaltig.

Ich gab ihm das 20 Jahre alte Lexikon.

Und hier fand er kompakt das, was er für die Schulaufgabe wissen musste – aber der 30-jährige Krieg ist ja auch schon ziemlich lange her und an dem Wissen darüber wird sich so schnell auch nichts verändern.

Die Frage war: Macht uns das Internet klüger oder dümmer?

Ich meine, das hängt von uns selbst ab.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Sehr nett geschriebener Artikel, ich bin begeistert 🙂
    Es kommt aber wirklich auf uns selbst an, ob uns das Internet verdummt. Klar, ich kann mir stundenlang gewisse Dinge für einsame Stunden aus dem Netz ziehen, es gibt aber auch genug Podcasts zum Thema Fremdsprachen lernen. Letztere machen einen Riesenspaß und verdummen gewiss nicht.
    Also: Man kann selbst entscheiden, ob einen das Äthernetz verdummt oder nicht.