Montag, 22. Oktober 2018

Bürgermeisterwahl

Blick zurück nach vorn – ist Kessler Alles?

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1998 buergermeisterwahl

Überschrift im MM 1998 nach dem überraschenden Wahlsieg von Michael Kessler. Quelle: MM/Stadtarchiv

 

Heddesheim, 11. März 2014. (red/pro) Erfolgreiche Arbeit, gute Finanzen, Fachwissen als Verwaltungsfachmann. Das sind die Argumente, mit denen Amtsinhaber Michael Kessler für sich wirbt. Er kandidiert für eine dritte Amtsperiode. Dabei weiß doch jeder, dass man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Laut Kessler ist fast alles ganz toll. Das erinnert an den 1. März 1998, als der Stadtoberamtsrat Michael Kessler überraschend mit 53,32 Prozent im ersten Wahlgang Bürgermeister von Heddesheim geworden ist – der unterlegene Bürgermeister Fritz Alles war sicher zu gewinnen.

Von Hardy Prothmann

Manchmal ist ein Blick in die Vergangenheit einer ins Jetzt und möglicherweise auch in die Zukunft. Bürgermeister Fritz Alles wollte in seine dritte Amtszeit gehen. Günther Heinisch, damals 36 Jahre alt, stellte sich auch zur Wahl – aber nur, „um der so vorhersehbar scheinenden Bürgermeisterwahl ein demokratisches Antlitz zu verschaffen“, notierte der Mannheimer Morgen im Februar 1998. Bürgermeister Alles wurde von CDU, FDP und SPD unterstützt. So wie Bürgermeister Kessler heute.

Bürgermeisterbonus ist nicht alles

Erst sah es nach einer klaren Sache für Fritz Alles aus – doch dann kam Michael Kessler, dem die Zeitung einen „Bürgermeisterbonus“ zusprach, der mehr wog, als der des Amtsinhabers. Der „Fritz Kessler“-Bonus des Vaters, der von 1956-1982 der amtsälteste Bürgermeister der Nachkriegszeit in Heddesheim war. „Kessler-Sohn will auf Platz von Fritz Alles“, lautete damals die Überschrift. Der parteilose Michael Kessler trete als Kandidat „aller Bürgerinnen und Bürger“ an.

Günther Heinisch forderte schon damals „weniger Verwaltung, mehr Service“ und den Abbau von Hierarchien. Er, der „verlorene Sohn der SPD“, setze auf Mitwirkung und nicht „eine reine Verwaltung von oben herab“. Herausforderer Michael Kessler versprach, den „Bürger zum Kunden“ zu machen und wird zitiert: „Die Ringstraße sei in absehbarer Zeit utopisch, eine Schiene durch den Ortskern abzulehnen.“ Weiter behauptete er, durch aufgeschobene Investitionen und „unrealistischer Einnahmeerwartungen werde eine bessere Finanzlage als tatsächlich gegeben vorgegaukelt“.

Fritz Alles hingegen stellte sich als „erfolgreich“ dar, betonte, „den Wohn- und Freitzeitwert“ der Gemeinde „gesteigert“ zu haben und die „Finanzen sind in Ordnung“. Heute, 16 Jahre später, sagt Amtsinhaber Michael Kessler genau dasselbe wie Alles.

Versprechungen

Damals wollte sich Herr Kessler „umgehend der unbefriedigenden Verkehrssituation in der Ortsmitte“ widmen – beispielsweise durch „eine Buslinie an einkaufsintensiven Tagen“. „Die Kinder-, Jugend- und Altenarbeit sowie die vielfältigen Aktivitäten der Vereine seien stärker als bisher unterstützend zu koordinieren“, warb der Kandidat für sich. Außerdem wollte er eine „Freiwilligenbörse“ einführen, bessere Öffnungszeiten im Rathaus und auch dessen Samstagsöffnung. Mit den Gewerbetreibenden sollte es eine „enge Kooperation“ geben.

Die Abläufe von 1998 sind nicht gleich zu 2014. Aber heute wie damals gibt es einen Amtsinhaber, der zu selbstsicher denkt, er sei die Gemeinde. Es gibt drei Kandidaten, aber nur zwei, zwischen denen es sich entscheiden wird. Damals wie heute hat der Amtsinhaber eine starke Stellung – aber er ist angezählt, weil man es sich mit vielen Menschen im Ort verscherzt hat. Der große Unterschied zu damals ist „Pfenning“ – Michael Kessler und seine Gemeinderatsunterstützer haben damit den Ort gespalten.

„Dass Alles – der nicht nur von der CDU, sondern auch von großen Teilen der FDP und SPD unterstützt wurde – im ersten Durchgang nicht die 50 Prozent erreichen könnte, davor hatten manche vielleicht Angst. Aber dass der Amtsinhaber sogar im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit vom jungen Herausforderer geschlagen würde – darauf haben sicherlich die wenigsten gewettet.“

Günther Heinisch ist zwar keine 39 Jahre alt wie Kessler damals, aber immerhin drei Jahre jünger. Und die wenigsten wetten darauf, dass er im ersten Wahlgang gewinnt.

Damals wie heute steigerte sich der Herausforderer

Damals meinten „Beobachter“ erkannt zu haben, dass sich Michael Kessler Woche um Woche besser machte und überzeugender wurde. Kessler definierte sich damals in Sachen „Verkehr“ gegenüber dem Amtsinhaber, schrieb der Mannheimer Morgen. Wie gesagt, Kessler 1998: „Die Ringstraße ist utopisch.“

Der Mannheimer Morgen analysierte damals, neben den Argumenten sei eine große Unzufriedenheit in Kombination mit dem Namensbonus ausschlaggebend für den „großen Erfolg“ gewesen. Der Namensbonus ist aktuell verbraucht, die Unzufriedenheit teils sehr groß. Das macht die Wahl spannend. Und den Blick zurück nach vorn.

Der MM zitiert die damalige FDP-Vorsitzende Ruthild Kohn: „Die Liberalen bedauern die Abwahl von Bürgermeister Alles und erhoffen sich von Kessler eine ebenso konstruktive, engagierte und innovative Arbeit, wie er sie im Wahlkampf angekündigt hat.“

2009 gab es 40 Stimmen mehr – heute sicherlich nicht mehr

Michael Kessler erhielt damals 674 Stimmen mehr als Fritz Alles. Bei der Bürgerbefragung 2009 stimmten insgesamt 40 Bürger/innen mehr für eine 50,35 Prozent-Mehrheit für „Pfenning“. Das ist denkbar knapp. Bürgermeister Michael Kessler hat sein Schicksal unmittelbar mit der „Pfenning“-Ansiedlung verknüpft und gestern Abend wiederholt, dass diese Entscheidung richtig sei und er sie wieder treffen würde. Und auch die Erweiterung von zusätzlichen 15 Hektar zusammen mit „Pfenning“ ist vertraglich bis Ende 2020 durch ihn vorangetrieben worden.

Zählt man 1 und 1 zusammen, weiß man, dass Michael Kessler im Wort steht. Günther Heinisch nicht. Das macht ihn für mindestens die Hälfte der Bürger zum besseren Kandidaten.

Anm. d. Red.: Die historischen Informationen wurden im Stadtarchiv der Stadt Mannheim recherchiert. Unser Archiv reicht bis Ende April 2009 zurück. Wir empfehlen Ihnen unten stehenden Text als Lektüre.