Montag, 23. Juli 2018

Das aussterbende Sch√ľlerVZ wird abgeschaltet

Ausgegruschelt

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Rhein-Neckar, 11. April 2013 (red/ms) In den letzten Jahren hat das Sch√ľlerVZ mehr als vier Millionen Mitglieder verloren. Nachdem die Massen zu Facebook abwanderten, sind nur noch 200.000 Benutzer bei der Seite angemeldet. Darunter sind so viele gef√§lschte Profile, dass das Netzwerk von vielen als „FakeVZ“ verspottet wird. Jetzt soll dem ein Ende bereitet werden. Auf der Website verk√ľnden die Betreiber: „Wir machen‚Äôs kurz: Es ist vorbei. sch√ľlerVZ wird am¬†30. April 2013¬†geschlossen. F√ľr immer.

Kommentar: Minh Schredle

Als das Sch√ľlerVZ vor sechs Jahren startete, war ich gerade mal zw√∂lf Jahre alt. Am Anfang war ich noch skeptisch. Das rosafarbene Design war f√ľr pubertierende Jugendliche aber auch wirklich f√ľrchterlich feminin. Trotzdem, in meinem Bekanntenkreis setzte es sich durch und pl√∂tzlich hatte es jeder. Nat√ľrlich wollte man dazu geh√∂ren.

Ich glaube, in meiner alten Schulklasse gab es niemanden, der nicht zumindest f√ľr eine kurze Zeit einen Account hatte. F√ľr die meisten wurde es dann zur Gewohnheit, sich t√§glich einzuloggen. Man guckte nach, ob man neue Nachrichten bekommen hatte, chattete ein bisschen oder noch viel wichtiger f√ľr uns Heranwachsende: Man inszenierte sich. Denn das ging im Sch√ľlerVZ so gut, wie sonst nirgendwo.

Auf seinem Profil konnte man Angaben √ľber fast alles machen. „Lieblingsfilme“, „Was ich mag“ und „√úber mich“ waren aber nicht einfach Felder zum Ausf√ľllen, sondern Chancen, sich cool darzustellen.

Das Highlight waren die Gruppen. Es gab Gruppen, in denen man einfach sein musste, um in seinem Freundeskreis nicht als seltsam zu wirken. Gruppen, die vermeintlichen Humor bewiesen (Etwa: „Wann sterbe ich endlich, weil ich keine Kettenbriefe beantworte?!“) und wenn man selbst eine Gruppe gr√ľndete, die richtig viele Mitglieder bekam, trug das in unseren Kreisen etwa so sehr zum Status bei, wie eine imposante Yacht unter Superreichen.

Allgemeine Jugends√ľnde

Aber wir alle wurden √§lter. Irgendwann sch√§mte man sich dann √ľber seine kindische Eigendarstellung. Dann kam Facebook. Das wirkte reifer, erwachsener… cooler. Die meisten hatten zwar noch ihr Benutzerkonto bei Sch√ľlerVZ, aber kaum noch jemand nutzte es. Mit Facebook war man jetzt mit allen seinen Freunden verbunden, nicht nur mit seinen Schulfreunden.

Nach und nach wurde Sch√ľlerVZ immer mehr zur Jugends√ľnde. Man spottete √ľber Funktionen wie „gruscheln“ – ein Mischwort aus „gr√ľ√üen“ und „kuscheln“, das dem „anstupsen“ bei Facebook entspricht – oder den „Buschfunk“, wie der Chat hie√ü.

Mittlerweile bedaure ich, dass ich meinen Sch√ľlerVZ-Account vor etwa zwei Jahren gel√∂scht habe. Es w√§re wirklich interessant und wahrscheinlich enorm lustig gewesen, jetzt noch einmal mit f√ľnf Jahren Abstand zu sehen, wie ziemlich Cooles absolut l√§cherlich wurde.

Dass das Sch√ľlerVZ am 30. April verschwinden wird, finde ich ein wenig bedauerlich. Vielen meiner Freunde geht es √§hnlich. Niemand w√ľrde es noch ernsthaft benutzen wollen. Niemand wird es vermissen. Trotzdem ist es irgendwie traurig, dass es in zwanzig Tagen einfach weg sein wird. Schlie√ülich war das Sch√ľlerVZ unweigerlich ein wichtiger Teil meiner fr√ľhen Jugend – zumindest ein Jahr lang.

F√ľr die vier Millionen Nutzer, die das Sch√ľlerVZ in den letzten Jahren verlassen haben, hat die L√∂schung keine allzu gro√üe Relevanz. F√ľr die Betreiber ist es eine Katastrophe. 2007 hatte die Holtzbrinck Verlagsgruppe noch 85 Millionen Euro f√ľr das Netzwerk bezahlt. In sp√§teren Verhandlungen wurden √úbernahmeangebote von Facebook ausgeschlagen. Im September 2012 kaufte die Investmentgesellschaft Vert Capital MeinVZ, StudiVZ und Sch√ľlerVZ. Eigentlich sollten die angeschlagenen VZs mit einem neuen Image zu neuer Popularit√§t gelangen. Der Plan ging gewaltig schief. Jetzt, nur ein halbes Jahr sp√§ter, ist endg√ľltig Schluss.

 

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.