Samstag, 19. August 2017

Ahmad El Manschawi zu Mubaraks Rücktritt: „Ich wünsche natürlich das allerbeste, bleibe aber realistisch.“

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Guten Tag!

Heddesheim, 11. Februar 2011. Ahmad El Menschawi, Vorstandsmitglied des SPD-Ortsverbands Heddesheim, ist deutsch-ägyptischer Abstammung. Ein Teil seiner Familie lebt in Kairo. Selbstverständlich hat er die zurückliegenden Wochen die Revolution in Ägypten verfolgt. Selbstverständlich fühlt er mit den Menschen in seiner „zweiten Heimat“, sieht aber auch die Probleme, die die Revolution mit sich bringen wird.

Interview: Hardy Prothmann

Herr El Menschawi: Mubarak ist zurückgetreten. Was fühlen Sie?

Ahmad El Menschawi: „In meiner Brust schlagen zwei Herzen, das deutsche und das ägyptische. Ich freue mich natürlich sehr, dass Mubarak nun weg ist und die Ägypter hoffentlich die Möglichkeit haben, über die Revolution hinaus eine Art Demokratie für das Land zu erreichen.

Was meinen Sie mit hoffentlich?

Ahmad El Menschawi ist mit seinem deutsch-ägyptischen Herzen in seiner zweiten Heimat bei seinen Landsleuten: "Die Revolution ist an der Zeit. Aber die Zukunft wird schwer."

El Menschawi: „Ägypten ist ein riesiges Land im Vergleich zu Deutschland. Es gibt keine echte demokratische Tradition – über die letzten Jahrzehnte war es eine Militärdiktatur. Die Menschen werden Zeit brauchen, um sich zu organisieren, Strukturen aufzubauen und demokratische Prozesse in Gang zu bringen.

Das heißt, Sie stehen der Zukunft skeptisch gegenüber?

El Menschawi: „Ich wünsche natürlich das allerbeste, bleibe aber realistisch.“

Was ist die Realität?

El Menschawi: „Die Revolution wird von einer Art „Mittelstand“ getragen. Damit meine ich eher jüngere, gut ausgebildete Ägypter, die sich vernetzt haben und die Revolution nach vorne tragen. Dem haben sich andere, Muslime wie Christen, angeschlossen, was erstmal sehr gut ist. Aber: Diese Oppositionsbewegung hat noch keine echte Struktur.
Sehr gut organisiert ist dagegen beispielsweise die Muslimbruderschaft. Hier könnte die Gefahr einer Fundamentalisierung bestehen, weil hier schon eher Parteistrukturen zu erkennen sind. Man wird abwarten müssen, wie schnell sich die demokratische Opposition organisieren kann.“

Wovon hängt das ab?

El Menschawi: „Ganz praktisch von den Lebensumständen. Der Lebensstandard ist selbst für gut ausgebildete Menschen sehr niedrig. Die guten Jobs haben überwiegend politisch konforme Leute. Die anderen müssen, selbst wenn sie eigentlich gut qualifiziert sind, lange und hart jeden Tag arbeiten, um über die Runden zu kommen. Da bleibt wenig Zeit, um eine Partei zu organisieren. Das sind ganz reale Gründe, warum es schwer werden wird.“

Das Militär spielt eine entscheidende Rolle. Glauben Sie, dass es eine Demokratisierung unterstützt?

El Menschawi: „Ganz neu ist, dass das Militär sich so zurückgehalten hat. Vor einigen Jahren noch hätten die geschossen. Das gibt Hoffnung. Ich vermute aber, dass es durchaus noch Pro-Mubarak-System-Strömungen gibt. Auch hier ist offen, wer die Oberhand behält.“

Wie beurteilen Sie den Vize-Präsidenten Suleiman?

El Menschawi: „Da bin ich sehr skeptisch. Der Mann war lange Geheimdienstchef und somit für vieles verantwortlich, was gar nicht in Ordnung war.“

Können Sie sich vorstellen, dass Wael Ghonim ein möglicher Anführer der Opposition sein kann?

El Menschawi: „Er hat sicher eine gute Ausstrahlung und könnte eine Rolle spielen.“

Ein Teil ihrer Familie lebt in Kairo. Wie geht es denen?

El Menschawi: „Kairo ist riesengroß und meine Familie lebt entfernt von den Orten, wo es „zur Sache geht“. Also insoweit ist alles in Ordnung. Sie haben auch genug zu essen, was nicht selbstverständlich ist, weil die Lebensmittel teils knapp werden. Ein Problem ist das Geld – das fehlt im Moment, weil im sowieso chaotischen System gerade gar nichts funktioniert.“

Was ist ihre Prognose, wie es weitergeht?

El Menschawi: „Ich hoffe natürlich auf eine positive Entwicklung. Aber man darf sich nichts vormachen: Das Land wird in der Ãœbergangsphase trotz aller demokratischer Ziele eine Art „harter Hand“ brauchen, damit die Lage stabil bleiben kann. Das hört sich komisch an, aber es ist die Realität. Wenn man Ägypten einfach sich selbst überlässt, nach dem Motto, die machen jetzt einfach Demokratie, wird das nicht funktionieren. Ich hoffe sehr, dass die internationale Gemeinschaft das Land und die Menschen auf dem Weg in die Demokratie ehrlich unterstützt.“

Zur Person:
Ahmad El Menschawi ist in Deutschland als Sohn eines Ägypters und einer Deutschen aufgewachsen. Seit seinem dritten Lebensjahr ist er regelmäßig in seiner „zweiten Heimat“ Ägypten.
Der Heddesheimer ist im Vorstand des SPD-Ortsverbands politisch aktiv.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • nied

    Sodele, die Menschen in Ägypten haben Geschichte geschrieben. Jetzt muss jeder Diktator um seine Macht fürchten. Wollen wir nur hoffen, dass nicht ein Diktator einen anderen ablöst. Das hätten die Menschen in Ägypten nicht verdient.

  • Die internationale Gemeinschaft hat so lange weggesehen bis es nicht mehr ging weil offensichtlich wurde, dass Mubarak seinen Job verlieren wird. Ich erwarte jetzt nichts anderes. Man wird den Ägyptern unter die Arme greifen aber im Gegenzug wird es zu einer Marionette. Das kann man nicht wollen und ich hoffe das Ägypten seine Probleme alleine in den Griff bekommt.

  • Gerhard Fuetterer

    Ich moechte dies nur als Update zur Entwicklung in Kairo beitragen.
    Ab heuteabend hat das Goethe-Institut hier in Kairo, am Messaha Square in Dokki, seine Deutschsprachkurse wieder aufgenommen.
    Bitte im Blog der Zeitschrift Brigitte bei Frau Bettina von der Way , Lehrerin am Goethe I. nachlesen

    Euer Gerhard Fuetterer