Donnerstag, 24. August 2017

Gabis Kolumne

Shades of Grey: Schund oder heiße Erotikliteratur?

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Rhein-Neckar, 10. September 2012. Ferienzeit ist auch immer Lesezeit und an einem Buch kam man in diesem Sommer wohl kaum vorbei: „Geheimes Verlangen“ oder „Shades of Grey“ führt seit Wochen die Bestsellerlisten in den USA und in Großbritannien an und auch bei uns liegt der „Softporno“ auf Platz Eins und direkt an den Kassen in den Buchläden. Einen ähnlichen Siegeszug konnte man bei „Harry Potter“ und zuletzt bei der Twilightsaga um Bella und den Vampir Edward beobachten – doch das waren Jugendbücher und bewegten sich in dem Raum der Fantasy. Gabi hat den Roman gelesen und sich darüber so ihre Gedanken gemacht.

Anfang des Sommers hörte ich zum ersten Mal von „Shades of Grey“, ein „Softporno mit Sadomaso-Sex“, raunte mir eine Bekannte zu und kurz darauf ließ es sich kaum ein Medium nehmen, vom Spiegel bis zu allen Frauenzeitschriften, Kommentare zu der schlüpfrigen Verkaufssensation abzugeben.

Klar, dass wir im Freundeskreis darüber diskutiert haben. „Absolut heiß“, sagte eine Freundin, „ich kann kaum abwarten, weiter zu lesen“. „Der absolute Schund“, sagte eine andere. „Eine Sprache wie aus einem Dreigroschen-Roman und fürchterliche Sex-Szenen“, fuhr sie fort.

Okay, dachte ich mir, dieses Buch sollte ich mir auch zu Gemüte führen. Und ich hab’s gelesen.

Ich gebe beiden Recht, die rund 600 Seiten sind schrecklich schlecht geschrieben und besonders gern verwendet die Autorin „Wow, dachte ich“, doch dazwischen fand ich es ziemlich heiß und romantisch.

Was ist das Geheimnis, was ist neu an dem „Softporno“ der Schottin E. L. James?

Als absoluter Twilight-Fan hat sie zunächst die Vampir-Love-Story um Bella und Edward auf ihren Seiten im Internet weiter gesponnen. Und führte die blutleeren Gestalten aus ihrer nahezu körperlosen Liebe zum heißen Sex – so ähnlich muss man es sich zumindest vorstellen, will man der Story um die biedere Hausfrau im Blümchenkleid, die im wirklichen Leben Erika Leonard heißt, Glauben schenken. Die Geschichten wurden immer schärfer und sie beschloss ein Buch herauszubringen und ein kleiner australischer Verlag erkannte wohl die Gunst der Stunde.

Die Story ist einfach Man meets Girl. Er steinreich, atemberaubend attraktiv, geheimnisvoll, mit schrecklicher Kindheit und nicht wirklich zu haben. Sie jung, hübsch, naiv und Jungfrau und möchte ihn haben und ihn retten. Sie träumt den Traum aller Mädchen (und Frauen) von dem einen, wahren Prinzen.

Und es ist eine Geschichte von Unterwerfung, Sex, Macht, Schmerz, und von einem System aus Bestrafung und Belohnung.

„Skandalös“, sagte eine Bekannte, nach all der Emanzipation wollen sich Frauen plötzlich wieder unterwerfen? Aber vielleicht haben wir einfach auch genug davon, in allen Lebenslagen zu sagen, wo es lang geht, im Job, in der Familie, und vielleicht haben wir keine Lust mehr auf Kuschelsex, wo der Mann gezeigt bekommt muss, auf welches Knöpfchen er drücken soll.

Und es ist keine Geschichte der Unterwerfung, denn schließlich sagt die Frau, wo es lang geht, letztlich verstößt sie gegen alle seine Vorstellungen und er liebt sie um so mehr.

E. M. Jamie hat vorgesorgt und es nicht bei einem Buch belassen. Nach „Geheimes Verlangen“ folgte jetzt im September der zweite Teil „Gefährliche Liebe“. Und da hat die Protagonistin ihren Kerl, wo sie ihn haben wollte, anstelle von Sadomaso-Spielchen und dunkler Kammer, Bettgekuschel und Blümchensex.

„Aber den haben wir doch alle, wollen wir davon wirklich lesen“, fragte mich eine Freundin, die obwohl schon vom ersten Teil nicht wirklich überzeugt, gleich mal den zweiten Teil gekauft und gelesen hat.

Was wir wollen …

Was wollt ihr denn nun, fragte mich mein Mann, als wir über das Buch diskutierten. Was wir wollen ist doch ganz einfach, der Mann soll sagen, wo es lang geht, aber dabei soll er unsere Wünsche erraten. Und das, wenn möglich in allen Lagen des Lebens, bei der Familienplanung, der Urlaubsgestaltung, bei Geburtstagsgeschenken und natürlich auch im Bett.

Und da, wenn man sich die Verkaufszahlen von allein 40 Millionen Exemplaren anschaut, darf es ruhig auch etwas härter und fantasievoller sein – zumindest bis die Frau „Stopp“ sagt. Selbst Alice Schwarzer hat sich schon zu „Shades of Grey“ geäußert. Die Feministin Alice Schwarzer fordert einen unverkrampften Umgang mit dem umstrittenen Sadomaso-Buch. Es sei das Gegenteil von Pornografie, heißt es im Tagesspiegel.

Die Frau werde nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibe denkendes und handelndes Subjekt. Die junge Protagonistin des Romans lasse sich zwar ein Stück weit auf die Welt ihres dominanten Geliebten ein, ziehe dann aber die Reißleine. „Warum sollte das ein Rückschlag für die Emanzipation sein?“, fragte Schwarzer. „Eine Frau schreibt über männlichen Sadismus – denn der ist das eigentliche Thema! – und über ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert.“

Die Heldin unterwerfe sich dem Mann letztlich eben nicht. „Und genau das macht wohl die Faszination für die Millionen Leserinnen aus: das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können“, erklärte die Feministin den Erfolg des Romans.

Verkaufserfolg durch E-Books?

Angeblich, so mutmaßt die Autorin selbst, sei der sensationelle Erfolg – wahrscheinlich vor allem im oft prüden Amerika – durch die E-Books ermöglicht worden. So könne man im Verborgenen selbst in der U-Bahn die erotischen Szenen lesen.

„Aber ich verstehe dennoch nicht, was macht den Erfolg dieses Romans aus. Die Sprache ist schlecht, die Story eher banal und erotische Literatur gab es ja schon immer, denkt bloß an Lady Chatterley, Fanny Hill oder Boccaccios Decamerone“, sagt eine meiner Freundin und schüttelt den Kopf über die 40 Millionen verkaufte Bücher. „Ich glaube die Leserinnen von Shades of Grey lesen normalerweise Rosamunde Pilcher und da steht höchstens „sie schaute ihn errötend mit leidenschaftlichem Blick an und er schloss die Schlafzimmertür“.

Ist es das, wollen Millionen von Frauen wissen, wie es hinter der Tür weitergeht? Träumen Millionen von Frauen von Fesselspielen oder auch einfach nur von dem Kick und dem Mann, der das Leben besonders macht? Ich habe inzwischen begonnen den zweiten Teil zu lesen und ich muss meiner Freundin Recht geben, die Sprache ist noch schlechter – aber das mag man verzeihen – und die erste erotische Begegnung von Ana und Christian in „Gefährliche Liebe“ ließ mich nicht erröten.

Doch warten wir es ab und schließlich erscheint im November Teil drei, der mit dem Titel „Befreite Lust“ noch mal große Erwartungen weckt und zudem ist das Marketing-Team um die schottische Hausfrau E. L. James schon fleißig dabei, die passende Erotikwäsche auf den Markt zu bringen.

Kleiner Nachtrag: Ich bin inzwischen bei Seite 400 angelangt und es ist sehr romantisch und auch heiß.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Sarah

    Hallo liebe Gabi,
    vielen Dank für Deinen Blog. Da ich selbst grad ein Buch mit eher harten Sex Szenen geschrieben habe, komme ich natürlich nicht drum herum mich mit dem Phänomen S.O.G. zu befassen. Ich habe bisher nur mal „rein gelesen.“ Ich finde die Begründungen und Punkte, die Du anführst, sehr interessant.

    Ich finde es ja bedauerlich, dass am Ende kaum Wert auf qualitativ hochwertigen Schreibstil gelegt wird. Das sagt mal wieder einiges über die Leserschaft. Ich habe ein zwei Bücher von Blue Panther Books gelesen und fand es uninteressant und grottig geschrieben. Lieblos irgendwie und sorry *hingepin* 😉 Da zieht wohl doch das Argument Sex Sells, nach wie vor.

    Da wir schon bei dem Thema sind, Groschenromane gibt´s ja immer noch nach wie vor. Egal wie emanzipiert Frau sich gibt oder tatsächlich ist, sie ist halt immer noch eine Frau, die auf kitschige Romantik steht, da ist wohl auch ein niedriger geistiger Anspruch verzeihlich. Man sieht es an Twilight (Ich habe das Buch nach 100 Seiten weggelegt). Es war langweilig. Gestern dachte ich darüber noch mal nach und mir wurde klar, dass ich es mit 18 oder 19 auch ganz toll gefunden hätte. Es geht nur um das Szenario: älterer Vampir interessiert sich für Schulmädchen. Gab es sowas schon einmal? ich hätte mich total verstanden gefühlt, hätte mich super hineinversetzen können, ich wäre die Protagonistin gewesen. Da hätte ich mir die *fehlenden* Sexszenen auch schenken können. Es ging nur um das romantische Gefühl, dass es einem verursacht. Aber nun bin ich 30 und aus dem Alter raus. Eine Bekannte (Ihr Zitat: “ Ich lese die Bücher auch grade, es geht irgendwie nur um SEX!“ häää???) erzählte von ihrer Schwester, die sich mit ihren 36 Jahren noch total danach umbringt und sogar zwischen den Teenies am roten Teppich zur Twilight Premiere stand. Da fällt mir nichts mehr zu ein. Jetzt noch mal der Bogen zum aktuellen Buch:

    Es geht anscheinend nicht um SM als Tabu, dass mit Anspruch thematisiert wird, sondern nur um eine Liebesgeschichte, wie wir sie alle kennen u.a. Dein Zitat: Sie will ihn retten Ich roll nur wieder mit den Augen. Wir ticken wohl auch immer gleich.

    Du hast A. Schwarzer zitiert. Ich finde das einfach ein Ding, dass es schon „emanzipiert ist, als Frau über seine sexuellen Fantasien zu schreiben“. (Ich zu meiner Person muss sagen, ich nehme mir was ich will und mein Freund hat gefälligst her zuhalten, wenn ich ihn will! Ich kann die Frauenwelt manchmal nicht verstehen.)

    Das ist dasselbe, wie das Buch Sexy Mamas, dass ich hier liegen habe. Es geht um das Thema, dass Frauen blöd angeguckt werden, wenn sie sich als Mutter sexy fühlen, so anziehen und es ausstrahlen. Es ist traurig, dass wir erkennen wo wir noch stehen, weil ein Buch derart gehypt wird. Auch, dass wir uns mit einer Liebesgeschichte abspeisen lassen, die schlecht geschrieben ist. Daran sieht man wieder: Unterhaltung ist wichtiger, als Anspruch, Tiefgang oder die Möglichkeit, etwas über das Leben zu lernen. Im schlimmsten Fall, grüßt die Bildzeitung zurück. Apropos hat sie für das Buch ja auch geworben und vermutlich ist das genau die Zielgruppe. Wenn ich mich recht entsinne, haben der Spiegel, Fokus etc. das Buch zerrissen.

    Was will ich jetzt eigentlich sagen??? Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir wieder Männer wollen, die sagen, wo es lang geht. Ich denke, wir Frauen haben noch einen weiten Weg vor uns, wenn es um Emanzipation geht. Aber wie weit geht dieser Weg? Anscheinend gibt es Rollenbilder in denen wir uns verdammt wohl fühlen und die wir in Wahrheit gar nicht ändern wollen. Ob im Bett oder im gesellschaftlichen Rollenverständnis. Rollenverteilungen gehören vielleicht zu unserer Natur und das ist gut so und dazu gehört, dass der Kerl sagt, wo es lang geht im Bett. Dazu gehört die literarische Reflexion von S.O.G. im SM Szenario, denn die männliche Sexualität war bis vor ein paar hundert Jahren nie anders oder täusche ich mich da?

    Lieben Gruß und danke für Deine Anaylse!
    Sarah

    • CB

      Guten Morgen!

      ICH hoffe, dass Sarah in ihrem Buch nicht in dem Stil schreibt, den sie hier anklingen lässt. ICH finde es nämlich nervig in jedem oder ICH sage mal jedem zweiten Satz „ich“ zu lesen. ICH denke dies lässt auch psychologisch, insbesondere auf die hier diskutierte Literatur, eindeutige Schlüsse zu.

      Shades of Grey ist Unterhaltung und die sucht sich immer ihren Weg. Eindeutig positiv ist die Enttabuisierung von sexuellen Themen. Also weiter drüber reden und nicht gleich rot werden oder empört sein, wenn die Nachbarin mal wieder lauter ist!

      Beste Grüße,
      C. B.

  • Reiner V

    Ich muß sagen sehr beeindruckend, sehr gut zu Lesen und nicht zu umständlich ausformuliert! Ist als Hörbuch absolut Klasse, sehr bildhaft und SEHR eindrücklich! Habe selten so eine interessante und gute Story gelesen (gehört) habe in zwei Tagen die Story verschlungen!
    Traurig ist nur, dass jetzt wieder das Übliche beginnt. Hollywood hängt mit schleifender Zunge da und muss jetzt wieder mal auf Biegen und Brechen einen Millionenerfolg zum Abzocken auf die Schnelle rausballern!
    Es gibt viele Themen in den letzten Jahren, Geschichten, die der Geldmaschine Hollywood aber nicht wert sind
    zu verfilmen, da hierbei nicht Abermillionen zu verdienen sind! Armselig !! Man denke an Titanic, wo aus einer Schiffskatastrophe und einer sehr, sehr umfangreichen Geschichte mit vielen interessanten Aspekten zur Verdeutlichung der Zeit und der Umstände nach der Verfilmung eine seichte Liebesschnulze gemacht wurde. Schluchz!
    Traurig, dass es immer nur um die scheiß Kohle geht und nicht um den Inhalt!!!
    Mfg Reiner

  • Hanne

    …Dinge, die die Welt definitiv nicht braucht!
    Habe das Buch geschenkt bekommen und werde es nun der Bücherei vermachen – da es nicht mal als Türen-/Fensterkeil nutzbar ist ( kein Hardcover…. ;o) )

    Schlecht geschrieben, dieses armes-Mädchen trifft älteren reichen-Kerl…gääähn; sie natürlich ein unbeschriebens Blatt(……) herrjeh, ich hab meine Zeit schon lustiger verplempert.

    Genug der Worte

  • Wupperboy

    Also ich selbst hatte mir auch mehr von dem Buch versprochen, auch wenn das Thema nicht so ganz meinen Geschmack trifft. Leider habe ich mich durch die Medien blenden lassen, die es als SM Buch angepriesen haben. Ich denke eher, am Thema vorbei.
    Über die grottenschlechte Schreibweise und die massigen Wiederholungen, des Beispielsweise: „beschleunigten Pulses, oder der errötung“ wurde hier auch gesprochen.
    Nun werde ich den dritten Teil noch weiter lesen und mich fragen, warum ich nicht einfach die gelben Seiten oder das örtliche gelesen habe. Den Inhaltlich, unterscheiden sich die Bücher nicht im geringsten. Als persönliche Kritik, finde ich die Erzählart aus der „Ich-Perspektive“ sehr verwirrend, genau wie die Gegenwartsform zu wählen. Aber das ist nur meine Meinung, können sich den 40 Millionen Leser irren?…