Montag, 21. August 2017

Journalismus? Was ist das?

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Guten Tag!

Heddesheim, 10. Februar 2010. Der Kommentar „Kein „Kinderlachen“ f√ľr das heddesheimblog“ regt auf. Oder regt sein Inhalt auf? Welcher? Der dargestellte oder wie die Darstellung eingeordnet wird? Oder dass √ľberhaupt dargestellt und eingeordnet, also berichtet wird? Oder eine „Darstellung“, die nicht so ist, wie „man das will“? Und wer hat was davon? Und wer regt sich auf? Das sind viele Fragen – die alle mit Journalismus zu tun haben.

Von Hardy Prothmann

Mitte August 2009 sprach mich vor dem Edeka-Markt in Heddesheim eine √§ltere Dame an und sagte: „Herr Prothmann, ich versuche ja mit der Zeit zu gehen und bin im Internet. Und ich lese jeden Tag interessiert Ihr heddesheimblog. Ihr letzter Kommentar war, wie soll ich das sagen, ganz sch√∂n heftig. D√ľrfen Sie das so schreiben, wie Sie das geschrieben haben? Im Mannheimer Morgen gibt es auch Kommentare, aber die sind nicht so heftig wie Ihre.“

Die Dame benannte diesen Kommentar: High Noon in Heddesheim – Ist dieser B√ľrgermeister noch zu halten?

Ich habe mit der Dame daraufhin ein langes Gespr√§ch gef√ľhrt und ihr erkl√§rt, warum ich einen Kommentar so schreiben „darf“. Und was, und warum und wie ich es geschrieben habe.

Die W-Fragen und das Interesse

Was, wann, wo, wer, wie und warum? Diese Fragen sind die „Grundausr√ľstung“ f√ľr Journalismus. Aber auch f√ľr die Polizei, f√ľr die Feuerwehr, f√ľr Krisenmanager, f√ľr Wissenschaftler, f√ľr Politiker. Eigentlich f√ľr alle Menschen, die sich berufsm√§√üig f√ľr was auch immer interessieren m√ľssen.

Genau darum geht es im Journalismus. Um das Interesse.

Inter-esse ist lateinisch und heißt ungefähr: Dazwischen (inter) sein (esse).

Die Geschichte der Menschheit ist gleichzeitig die Geschichte des „Journalismus„. Angefangen bei den H√∂hlenmalereien √ľber die Erfindung des Buchdrucks bis hin zum Internet. „Jour“ ist das franz√∂sische Wort f√ľr Tag. Im Journalismus geht es ums „Tagesgesch√§ft“, √ľber das berichtet wird.

Was ist passiert? Wor√ľber reden die Menschen? Was betrifft die Menschen? Was m√ľssen/sollten sie wissen?

Journalismus ist die professionelle Umsetzung des Alltags in Informationen, ob in Text, Bild oder Ton.

Tiere – Titten – Tote

Die „Bild“ √ľbersetzt Alltag mit TTT. Tiere-Titten-Tote. Diese Themen liebt das Boulevardblatt – weil die Leser sie lieben und die Zeitung kaufen.

Die FAZ kommt konservativer daher und hat dahingehend beste Beziehungen zur Wirtschaft und Politik. Dort wird die Zeitung geliebt, weil sie so staatstragend daherkommt und √ľberwiegend auf TTT verzichtet.

Die S√ľddeutsche Zeitung ist da vielseitiger und hat die FAZ l√§ngst bei der Auflage deutlich wiederholt. Die Berliner taz ist unter den √ľberregionalen Zeitungen die bissigste und gilt als verkappte Journalistenschule. Viele fr√ľhere „tazler“ haben sp√§ter woanders Karriere gemacht. Die tagesschau ist scheinbar neutraler.

Das √∂ffentlich-rechtliche SWR3 und der Privatsender RPR konkurrieren um den H√∂rermarkt. Ihre Information: Unterhaltung und gute Laune. Radio ist ein sehr emotionales Medium. Deswegen hat das √∂ffentlich-rechtliche Deutschlandradio auch vergleichsweise wenige H√∂rer: Es ist zwar das „journalistisch“ mit Abstand informativste Radio von allen was „wichtige“ Nachrichten und Hintergr√ľnde angeht – aber es ist anstrengend.

Guter oder schlechter Journalismus
ist eine moralische Unterscheidung

Damit sind wir mitten im Thema. Was ist Journalismus? Was ist „guter“ und was ist „schlechter“ Journalismus?

Die erste Antwort: „Gut“ oder „schlecht“ sind moralische Fragen, die nur jeweils moralisch beantwortet werden k√∂nnen.

Gut oder schlecht l√§sst sich aber relativ einfach in zutreffend oder nicht-zutreffend √ľbersetzen. „Gut“ w√§re demnach „zutreffend“ und „schlecht“ w√§re „nicht-zutreffend“.

Die Bild-Zeitung berichtet h√§ufig „nicht-zutreffend“, also „schlecht“. Trotzdem oder gerade deswegen ist sie die nach Auflage „gr√∂√üte“ und erfolgreichste Tageszeitung Europas.

TTT – Tiere-Titten-Tote sind das Erfolgsrezept der Boulevard-Zeitung, die jeder „wichtige“ Mensch, angefangen von der Kanzlerin bis hin zum „Volk“ jeden Tag als erstes liest.

Denn, was in der Bild steht, findet statt. Es ist Tagesthema. Der Bild gelingen auch immer wieder geniale Schlagzeilen, beispielsweise: „Wir sind Papst!“

Ebenfalls zum Axel-Springer-Verlag geh√∂rt die Zeitung „Die Welt“ – ein √ľberwiegend anerkannt seri√∂ses Blatt. Beide Zeitungen bedienen unterschiedliche Zielgruppen und damit M√§rkte.

Journalismus ist also auch eine Form der Wirtschaft und betreibt Wertsch√∂pfung. Die Ausgangsmaterialien sind Informationen, die zu neuen Informationen zusammengef√ľgt und „verpackt“ werden: Als TV- oder H√∂rfunksendung, als Printprodukt oder als elektronisch verteilte Information im Internet.

Was muss, kann, sollte berichtet werden? Und vor allem wie?

Außer TTT gibt es die Liebe, die Menschenrechte, den Fußball, die Diät, die Schule, den Verein, die Finanzanlage und noch viele andere Themen mehr.

Was, wann, wo, wie, wer und warum? Ohne Journalismus w√ľssten wir alle nur wenig von dem, was um uns herum passiert.

Aber es gibt ganz bewusst kein Gesetz, dass vorschreibt, wie, wann in welchem Umfang wor√ľber berichtet wird. Daraus ergibt sich die Medienvielfalt mit ihren unterschiedlichsten Angeboten.

Länder ohne Pressefreiheit, also ohne Journalismus, sind meist primitive Kulturen oder Diktaturen. Meist beides.

Denn Journalismus ist eine demokratische Dienstleistung und erf√ľllt in einer Demokratie eine wichtige Aufgabe: Journalismus √ľbt durch die „Ver√∂ffentlichung“ Kontrolle aus. Das bekannteste Beispiel d√ľrfte die „Watergate„-Aff√§re sein, die Pr√§sident Nixon zum R√ľcktritt zwang. Zwei Journalisten hatten durch die Hilfe eines „Informanten“ den politischen Skandal √∂ffentlich gemacht.

Journalismus hat also eine „W√§chterfunktion“.

Vergleichbar mit der eines Steuerberaters: Es wird „Buch gef√ľhrt“. √ÉŇďber Einnahmen und Ausgaben.

Vergleichbar mit der Polizeiarbeit: Es wird ermittelt.

Vergleichbar mit dem Gericht: Es wird aber be- und nicht gerichtet. Es wird nicht ver- aber geurteilt.

Vergleichbar mit einem Kaffeekranz oder Stammtisch: Es wird √ľber vieles geschw√§tzt.

Meinungsfreiheit ist eine Grundvoraussetzung f√ľr Demokratie

Und das ist mit dem Artikel 5 in unserem Grundgesetzes verankert: Alle Menschen in Deutschland d√ľrfen eine Meinung haben und diese √∂ffentlich √§u√üern. Eine Zensur von staatlicher Seite findet nicht statt.

√Ėffentlichkeit ist der Kern einer jeden Demokratie. Auch wenn das nicht jedem passt und es manchmal schwerf√§llt andere Meinungen auszuhalten: Rechtsradikale d√ľrfen schreiben: Ausl√§nder raus Linksradikale d√ľrfen meinen: Soldaten sind M√∂rder.“ Beides sind extreme √É‚Äěu√üerungen und bewegen sich am √§u√üersten Rand, aber eben noch im Bereich des Zul√§ssigen.

Nicht erlaubt sind Diffamierungen oder Beleidigungen oder falsche Tatsachenbehauptungen – Journalismus muss sich hier wie alle an Recht und Gesetz halten.

Journalismus ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Denn Journalismus beeinflusst wie die PR, wie die Politik, wie die Werbung oder Lobbyismus oder unser aller Tun in vielf√§ltigen Funktionen die √Ėffentlichkeit.

Mit Meinungen, mit Fakten, mit Emotionen. Mit „sch√∂nen“ Geschichten, aber auch mit den weniger sch√∂nen Geschichten des Alltags.

√Ėffentlichkeit ist ein hohes Gut. Sie schafft transparente M√§rkte, Werbung f√ľr Produkte, politische Debatten, kulturellen Austausch, sportlichen Wettkampf und: Bildung.

Deshalb ist eine „positive“ √Ėffentlichkeit den meisten Menschen und Unternehmen wichtig – denn die bringt Erfolg. Gesch√§ftlich, politisch, pers√∂nlich, kulturell und sportlich.

Journalismus ist ein Informationsangebot

Es gibt kein Gesetz, was Journalismus ist oder sein sollte. Es gibt den Artikel 5 und es gibt in den Bundesl√§ndern „Pressegesetze„. Danach sind staatliche Beh√∂rden und Institutionen verpflichtet, Journalisten Ausk√ľnfte zu erteilen. Das ist wichtig, sonst k√∂nnte √ľber das „√Ėffentliche“, also die √É‚Äěmter, die durch die Steuerzahler bezahlt werden, nicht berichtet werden.

Und b√∂rsennotierte Unternehmen m√ľssen ihrer Ver√∂ffentlichungspflicht nachkommen.

Sonst ist niemand verpflichtet, Journalisten eine Information zu geben. Weder ein Gesch√§ftsf√ľhrer, noch ein Sportler, noch ein K√ľnstler und schon gar nicht ein Privatmensch. Umgekehrt gibt es auch keine Pflicht f√ľr Journalisten, irgendetwas zu ver√∂ffentlichen oder so, wie das jemand m√∂chte. B√ľrger k√∂nnen aus vielen Informationsangeboten w√§hlen und sich informieren, sie m√ľssen aber nicht.

Trotzdem erscheinen jeden Tag hunderte von Zeitungen, jeden Monat tausende von (Fach-)Zeitschriften, es gibt hunderte Radio- und Fernsehsender in Deutschland. Hinzu kommt das Internet – das neue Medium, das sind mit rasender Geschwindigkeit zum weltweiten Hauptmedium entwickelt, wenn es das nicht schon bereits ist.

Das Internet ist ein hochgradig demokratisches Medium, denn es erlaubt eine einfache und grenzenlose Ver√∂ffentlichung von Meinungen durch jeden B√ľrger – au√üer in Diktaturen wie dem Iran beispielsweise.

F√ľr den oben genannten „heftigen“ Kommentar h√§tte ich dort mit harten Strafen rechnen m√ľssen. In unserem Land nicht. Hier d√ľrfen ich und jeder andere das grunds√§tzlich und im Speziellen, wenn zutreffende Tatsachen berichtet und Meinungen ge√§u√üert werden.

Der B√ľrgermeister ist immer noch im Amt und ich in Freiheit. Auch wenn das eine oder das andere dem einen oder anderen nicht passt.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.

  • Clemens Wlokas

    Hat Heinrich G√∂bel im gleichen Ma√üe die Gl√ľhbirne erfunden wie das heddesheimblog den Lokaljournalismus? Warum sind Belehrungen so qu√§lend lang?

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag Herr Wlokas!

      Hm. Die erste Frage erstaunt uns: Das Wort „Lokaljournalismus“ steht kein einziges Mal in unserem Text. Folglich k√∂nnen wir auch nur schwer behauptet haben, dass wir das „Patent“ daf√ľr gefunden h√§tten. Haben Sie es bei myheimat gefunden?
      Als Hermeneutiker vermute ich aber eine Frage hinter der Frage oder den Autoren in der Frage.
      Damit sind wir bei Ihrer zweiten Frage.
      Was quält sie? Zu lesen, wie Journalismus funktioniert oder die Erkenntnis, dass sie seit Jahrzehnten etwas Anderes machen, aber so tun, als machten Sie das, was Sie hier lesen?
      Ist es das, was Sie quält? Die Selbsterkenntnis?

      Vielleicht sollten Sie mit Herrn Dr. Doll eine Brieffreundschaft beginnen. Der stellt auch seltsame Thesen auf.

      Einen sch√∂nen Tag w√ľnscht
      Das heddesheimblog

    • Heddesheimer

      Ich sehe keine Belehrung, sondern eine Stellungnahme und die lässt keine Fragen offen.

  • Clemens Wlokas

    Warum gelange ich nicht auf den High Noon, wenn ich oben auf den Link hinter der älteren Dame klicke? Ist dies ein technischer Fehler? Oder ist der Kommentar nicht zu halten gewesen?

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag!

      Danke f√ľr den Hinweis. War ein technischer Fehler.
      Sie können den Kommentar jetzt aufrufen РSie hätten aber auch die Suche benutzen können.

      Einen sch√∂nen Tag w√ľnscht
      Das heddesheimblog

      P.S. Bislang mussten wir noch keine Text löschen Рist Ihnen das schon mal passiert?