Freitag, 16. November 2018

Gabi´s Kolumne: Matchingpoints

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Die wahre Liebe zu finden, war noch nie leicht und wird bestimmt nicht leichter, wenn sie zur Jagd nach dem Highscore wird, sagt Gabi.

Als ein „Date“ noch Verabredung oder vielleicht Rendez-vous hieß, verliebte man sich auf den ersten oder zweiten Blick. Man ging immer wieder in das gleiche Café, auch wenn die Freundin schon längst die Nase voll hatte, hoffte den Auserwählten dort zu treffen und durch Blickkontakt auf sich aufmerksam zu machen.

Das sieht heute ganz anders aus, den Tummelplatz der Gefühle findet man im Internet: Parship und elitepartner versprechen die Liebe fürs Leben mit dem Akademiker und wenn nicht mit dem, dann zumindest auf hohem Niveau.

Und ausschlaggebend sind hierbei die Matchingpunkte und nicht zu verwechseln mit den Matchpoints auf dem Tennisplatz.

herzen

100 Punkte sind ein Volltreffer, aber 80 auch schon sehr, sehr vielversprechend. Oder doch nicht?

Die Matchingpunkte zeigen inwieweit das eigene Profil und die Anforderungen mit dem möglichen Partner übereinstimmen, demnach wären 100 der Volltreffer, aber mit 80 Punkten kann man schon was anfangen.

Das System klingt einleuchtend und in Zeiten, in denen der Job immer mehr Zeit auffrisst, sprich, in der Mann oder Frau mehr Zeit in der Firma als mit Freunden verbringen, scheint es doch eine gute Möglichkeit zu sein, den Mann/die Frau fürs Leben zu finden.

Nach dreijähriger Singlezeit wollte so auch eine junge Freundin von mir das Glück im Netz finden. Noch keine Woche bei einer Partnervermittlung „mit Niveau“ angemeldet, hatte sie schon ihren „Favoriten“ ausgemacht: Zwar nur 70 Matchingpunkte, aber ansonsten alles, was das Herz begehrt, promovierter Mediziner, gut aussehend, interessiert an Reisen und: an ihr.

Man mailte höflichst hin und her, pro Tag zwei Mails, erzählte sich die Alltäglichkeiten, Vorlieben, Wochenenddienste, geplante Reisen …

„Ja und dann“, fragte ich meine Freundin neugierig, „wie ging es dann weiter?“

Seit Wochen passiert nichts. Warum nur?

Nichts, war die niederschmetternde Antwort, nichts passiert seit Wochen, keiner fragt nach der Telefonnummer oder ob man sich mal treffen könnte.

Vielleicht wisse man sich am Telefon auch nichts zu erzählen oder ein Treffen würde in einem Fiasko ändern, wie es kürzlich einer ihrer Freundinnen passiert sei.

Diese habe nämlich ein fünf Jahre altes Bild – sie noch mit langem Haar und gut 15 Kilo leichter – ins Internet gestellt und traf sich dann mit ihrem Auserwählten im Café in Heidelberg.

Mal ganz ehrlich, dass hieraus nicht die Liebe fürs Leben werden konnte, leuchtet ein.

Vielleicht hätte er ihr ja auch den Kurzhaarschnitt und die Kilos zuviel verziehen, aber die Unehrlichkeit ein altes Bild aus „besseren“ Zeiten zu verwenden und dann der fehlende Mut vor dem Treffen zu sagen: „Ich habe mich inzwischen ein bisschen verändert“, hält vielleicht eine virtuelle, aber bestimmt keine tatsächliche Zuneigung aus.

„Aber was hat das denn mit dir zu tun“, frage ich meine Freundin. „Du hast doch eher ab als zu genommen, deine Haare sind noch lang, das Bild ist neu.“ Sie sagt: „Ja, aber weiß ich, ob er ein altes Bild geschickt hat, ob seine Angaben stimmen, ob er von mir enttäuscht ist…?“

„Denk nicht weiter nach, ruf ihn an“, rate ich ihr.

„Nur Mut“, möchte ich ihr weiter sagen, bestimmte Dinge kann man nun mal nicht per Internet klären, man muss sich riechen, fühlen, man muss die Stimme und das Lachen hören.

Denn, und da bin ich mir sicher, hätten mein Mann und ich uns nach Matchingpoints gesucht – wir hätten uns nie kennengelernt.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.