Sonntag, 25. Juni 2017

Skandal oder Service? Facebook schaltet automatische Gesichtserkennung frei


Rhein-Neckar, 09. Juni 2011 (red) Facebook geistert als Datenschutz-Problemfall mal wieder durch die Presse. Nicht ganz zu unrecht, aber wie so h√§ufig endlos √ľbertrieben. Was in keiner Zeitungsmeldung steht: Facebook wird von Zeitungen als Bedrohung wahrgenommen – zu recht. Das gr√∂√üte soziale Netzwerk der Welt w√§chst rasant, w√§hrend Zeitungsauflagen schrumpfen. Aktuell wird die automatische Gesichtererkennung kritisiert – Sie erfahren von uns, ob diese problematisch ist und wie Sie diese abschalten k√∂nnen.

Von Hardy Prothmann

Die S√ľddeutsche Zeitung schreibt:
„Facebook setzt Software zum Gesichtsscan ein, um Freunde auf Fotos einfacher zu identifizieren. Das weckt viele √É‚Äěngste… Gesichtserkennung: Kein Wort verst√∂rt Internetnutzer mehr, h√∂rt sich so sehr nach der Komplett√ľberwachung und Demaskierung an.“

Unbelegte Gefahren

Einen Beleg bleibt die Zeitung schuldig. Welche √É‚Äěngste? Bei wem? Vor was? Warum?

Facebook-Nutzer stellen bestimmt keine Bilder in das Netzwerk ein, damit diese nicht gesehen werden. Facebook hei√üt auf deutsch „Gesichtsbuch“ – die Funktion der Gesichtserkennung ist also eher eine folgerichtige Erweiterung der Software.

Die Gesichtsmarkierung ist nicht neu

Schon in der Vergangenheit konnte man auf Fotos Personen markieren und Facebook-Namen zuweisen. Die neue Funktion erm√∂glicht nun eine „automatische“ Zuordnung.

Das kann man nun als Skandal verstehen oder einfach als Service, der in jedem guten Fotoverwaltungsprogramm enthalten ist. Ganz sicher ist es √§rgerlich, dass Facebook diese Funktion einfach eingeschaltet hat ohne die Nutzer zu fragen. Man k√∂nnte sich in der autonomen Verwaltung gest√∂rt f√ľhlen oder aber auch sagen: Hey, netter Service.

Ganz so „unerwartet“ macht Facebook das aber nicht. Die neue Funktion wurde bereits im Dezember 2010 angek√ľndigt. Und ganz so automatisch ist der Ablauf auch nicht – die Sofware „scant“ die Bilder. Findet sie Gesichter, die auf anderen Bildern schon mit einem Namen versehen worden sind, macht Facebook einen Vorschlag, eine Markierung vorzunehmen.

Achten Sie auf Ihre Informationen

Und hier sollten grunds√§tzliche √ÉŇďberlegungen anfangen, ob die Nutzer das wollen oder nicht. Insbesondere bei Kindern sollten die Eltern darauf achten, dass diese nicht „zu viele“ Informationen preisgeben oder „problematische Bilder“ einstellen.

Erwachsene selbst sind gut beraten, dass sie nur ver√∂ffentlichen, was sie auch vertreten k√∂nnen. Privatpersonen sind gut beraten, wenn sie Kontaktdaten nicht zug√§nglich machen – auch nicht Freunden. Die haben in aller Regel email, Adresse und Telefonnummer. Wenn nicht, k√∂nnen diese Daten per email schnell nachgefragt werden. Dann wei√ü man aber, wer sich daf√ľr interessiert und stellt sie nicht einfach so „√∂ffentlich“.

Klick-klick-klich: Abgeschaltet

Wer die Funktion abschalten will gelangt √ľber „Konto-Privatsph√§ren-Einstellungen“ zum Men√ľ und w√§hlt hier (etwa in der Mitte des Bildschirms) „Benutzerdefinierte Einstellungen“. Im weiten Teil des Folgemen√ľs sehen Sie „Dinge, die andere Personen teilen“ und dort die Option „Freunden Fotos von mir vorschlagen“. W√§hlen Sie hier „Einstellungen“ und sperren Sie die Funktion.

Mit ein paar Klicks ist die Gesichtererkennung gesperrt. Quelle: Facebook

Ansonsten sollten Sie lieber auf Termine achten, die von der Presse fotografiert werden. Denn die in der Zeitung oder im Fernsehen ver√∂ffentlichten Fotos sind nicht nur f√ľr „Freunde“ sichtbar, sondern je nach Auflage und Reichweite f√ľr hunderttausende oder Millionen von Menschen.

Hier haben Sie aber keine „Sperrfunktion“ und keinerlei Kontrolle. √ÉŇďber diese Gefahren berichten die Zeitungen und Fernsehstationen aber nicht.

Stellen Sie sich vor: Sie werden mit ihrer Liebschaft fotografiert – als Teil einer Gruppe, was presserechtlich erlaubt ist, f√ľr Sie aber im Zweifel f√ľr viel √É‚Äěrger sorgt. Oder Sie sitzen mit dem n√§chten Chef von der Konkurrenz an einem Tisch, um √ľber einen Arbeitswechsel zu sprechen. Oder Sie sind krank gemeldet, gehen f√ľr einen „Kuchen“ auf ein Fest, ihr Chef erkennt sie und feuert sie. Das sind Gefahren, die tats√§chlich existieren.

Im Gegensatz zu Zeitungsberichten √ľber die Facebook-Gesichtererkennung haben wir damit die Fragen beantwortet: Welche √É‚Äěngste? Bei wem? Vor was? Warum?

Der Teufel Facebook

Aus Sicht von Zeitungsverlagen ist die Aufmerksamkeitsmaschine Facebook des Teufels – je mehr Zeit Menschen hier verbringen und sich nicht nur unterhalten, sondern auch informieren (lassen), umso weniger brauchen sie die Zeitung. Allein aus diesem Grund m√ľssen Facebook und andere Dienste „schlecht geredet“ werden. Sie glauben nicht, dass die Zeitungensmacher so denken? Dann suchen Sie mal in n√§chster Zeit Artikel, die beschreiben, was an Facebook & Co. toll und n√ľtzlich ist und warum Sie sich unbedingt mit Facebook besch√§ftigen sollten. Sie werden solche Artikel nicht finden.

√ÉŇďbrigens: Ich habe die Funktion abgeschaltet. Nicht aus Angst. Sondern aus Prinzip. Ich schalte prinzipiell alle Funktionen ab, die ich nicht brauche oder √ľber die ich noch keine rechte Meinung habe. Und ich gebe nur die Informationen frei, die ich freigeben will. Im Zweifel schalte ich die Freigabe ab.

Das ist wie Autofahren Рauch hier sollte man die grundsätzlichen Funktionen kennen und bedienen können. Sonst lässt man das Auto lieber stehen.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.