Donnerstag, 29. Juni 2017

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina Stärz

Sie ist überall: Die Verwaltungsblase

Nicht nur Seifenblasen können leicht platzen. Quelle: Wikipedia.

Rhein-Neckar, 09. Juli 2012. Immobilienblase, Finanzblase, Spekulationsblase – Wörter, die wir in der Berichterstattung tagtäglich finden. „Als Spekulationsblase wird in der Makroökonomie eine Marktsituation bezeichnet, in der die Preise eines oder mehrerer Handelsgüter, Vermögensgegenstände bei hohen Umsätzen über ihrem inneren Wert liegen“, heißt es bei Wikipedia.

Der Alltag scheint nur noch aus derartigen Blasen zu bestehen. Nehmen wir nur mal die Praxisgebühr oder aber eine Störung der DSL-Leitung und die Störungsbearbeitung durch den Anbieter oder ein normales E-Mail-Programm und dessen Sicherheits-Updates, die täglich auf den Bildschirm ploppen und Aufmerksamkeit fordern.

Egal, was es ist – wir investieren mehr Zeit, Energie und Kosten, um gegenüber dieser stetig wie Schlingkraut wachsenden bürokratischen Macht zu bestehen, als der Wert dieser Regularien ist.

Der kasernierte Patient

So ist es auch mit der Praxisgebühr. Für diese Gebühr zur Erziehung mündiger Bürger – die Praxisgebühr wurde eingeführt, damit Bürger nicht bei jedem Wehwehchen einen Spezialisten aufsuchen – investierte ich im vergangenen Monat drei Wochen Zeit und Aufmerksamkeit.

So lange dauerte es, bis ich in der Praxis, in der ich sie gezahlt hatte, jemanden ans Telefon bekam, damit ich Überweisungsgutscheine für andere Praxen anfordern konnte, um nicht die Praxisgebühr erneut bezahlen zu müssen. Es handelte sich wohlgemerkt lediglich um empfohlene Vorsorgeuntersuchungen. Ich landete immer wieder in der Telefonwarteschleife, kam ich durch, teilte mir die freundliche Ansagestimme mit, dass ich gerade außerhalb der Praxisöffnungszeiten anrief. Die Uhr zeigte dann meist 12:01 Uhr an.

Die Praxisgebühr verfolgt auch andere. Mitarbeiter in Pflegeheimen, wie meine Freundin Helga, wenn Notärzte von praxisgebührenbefreiten Bürgern während eines Noteinsatzes die Praxisgebühr verlangen. Hält sie ihnen die Zuzahlungsbefreiung vor die Nase – der Patient kann dies nicht selbst, weil bewusstlos -, dann gilt das nicht, denn sie haben die Zuzahlungsbefreiung ja nicht in ihrer Praxis als Kopie vorliegen.

Reiner Augenschein genügt nicht. Also zahlen die Mitarbeiter die Praxisgebühr, damit der Notfallpatient schnell dorthin kommt, wo ihm geholfen wird. Um die Praxisgebühr zurückzubekommen, muss ein Mitarbeiter an die Krankenkasse schreiben oder die Gebühr direkt in der Praxis abholen, aber wehe, er vergisst, die Kopie der Zuzahlungsbefreiung mitzunehmen. Er läuft Gefahr, selbst als leibhaftiger Pfand, den man dann mit Zuzahlungsbefreiung auslösen kann, in der Praxis kaserniert zu werden.

Geschäftig, betriebsam, immer auf Trab

Störungsmeldungen beim Telefonanbieter stören unter Umständen für einige Wochen unser gesamtes Leben. Und diese ständigen Updates, die unsere Softwareprogramme uns anbieten, halten uns ordentlich auf Trab oder vom Arbeitsfluss ab.

Wie man etwas empfindet oder bewertet, ist eine Frage der inneren Einstellung. Angenommen, wir würden als Marsianer das Leben auf der Erde beobachten, insbesondere das Tun der Zweibeiner, die sich Menschen nennen. Wie würde das aus der Ferne aussehen? Wie Ameisen, die betriebsam umhereilen, um was zu tun? Ihr Leben zu organisieren, wäre wohl eine erste Hypothese, die ein Marsianer stellen würde. Und dann?

Vielleicht würden die Marsianer zu dem Schluss kommen, dass die Erdianer namens Menschen von einer nicht näher zu bezeichnenden Macht in ihren Organisationsabläufen in gewissen Zeitabständen und mit gewisser Regelmäßigkeit gestoppt und in ihrem Alltag behindert würden.

Vielleicht stellten sich die Marsianer die Frage, welche Funktion diese offensichtlich bürokratischen Behinderungen, die die Erdianer offensichtlich sehr verärgerten und einen großen Aufwand von ihnen abverlangten, für die Weiterentwicklung der menschlichen Art bedeutete.

Vielleicht fragten sich die Marsianer, welche Funktion bürokratische Störungen für das Überleben der Gattung Mensch haben könnten. Es ist sicher schwer zu sagen, wie Marsianer denken, aber es liegt nahe, dass sie den bürokratischen Störungen keine sinnvolle Funktion zuweisen könnten. Sie sind schlichtweg überflüssig, und doch vermehren sie sich und dominieren unseren Alltag wie die Immobilienblase, die Finanzblase, die Spekulationsblase und all die anderen Blasen mit all ihren Auswirkungen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.