Samstag, 21. Juli 2018

SchĂŒtzen prĂ€sentieren sich

Kanone, Magnum und Schwedenkuss

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. Juni 2010. Im Aktionfilm springen die Helden durch die Szenen und feuern, was das „Zeug“ hĂ€lt. Das hat wenig mit der RealitĂ€t zu tun. Die Heddesheimer SportschĂŒtzen haben zum Tag der offenen TĂŒr eingeladen und die RealitĂ€t prĂ€sentiert – die ist trotzdem spannend.

Von Hardy Prothmann

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Selbstversuch mit einer „44-Magnum“ – danach weiß man, warum es „Kanone“ heißt. Bild: heddesheimblog

Der RĂŒckschlag ist gewaltig: Die 44-er Magnum „Smith&Wesson“ haut es beim Schuss nach oben. Obwohl ich sie mit Kraft festhalte.

Obwohl ich einen Gehörschutz trage, ist der Knall beim Schuss aus dieser schweren, kraftvollen Waffe laut und intensiv.

Nach dem Schuss drehe ich den Revolver in der Hand zur Seite, immer den Lauf nach vorne gerichtet, entriegele mit dem Daumen die Trommel und drĂŒcke mit der anderen Hand einen Stift, der wirft die Patrone aus. Dann lege ich die Waffe ab. Die Waffe liegt vor mir, die Trommel ist sichtbar leer, die Übung ist zu Ende.

Scharf geschossen

„Gut gemacht, Sie haben den Ablauf genau beachtet“, lobt mich Stefan Schuhmacher.

Der Jugendtrainer der Heddesheimer SchĂŒtzengesellschaft hat mir zuvor genau erklĂ€rt, wie ich mit den Waffen umgehen muss. Erst bei einer „TrockenĂŒbung“ ohne Munition, dann mit der „scharfen“ Partronen.

Ruhig, bestimmt und klar. Immer mit Augenkontakt – immer aufmerksam, ob ich auch alles verstanden habe. Schon bei der ersten Waffe, einem schwedischen MilitĂ€rgewehr von 1909 – in das Schuhmacher dann eine riesige Patrone einlegt.

Auf die genauen Anweisungen konzentriert, konnte ich keinen Fehler machen. Ein Satz war unmissverstĂ€ndlich: „Ich erklĂ€re Ihnen den Ablauf und wir ĂŒben das. Sollten Sie etwas nicht genau beachten, unterbreche ich sofort.“

Schwedenkuss

Das Gewehr ist schwer und wuchtig. Beim Schuss gibt es einen ordentlichen RĂŒckschlag auf die Schulter. Auch darauf war ich vorbereitet worden, trotzdem hat mich die Wucht ĂŒberrascht: „Na, das war mal ein echter Schwedenkuss“, sage ich, weil mir das gerade so einfĂ€llt. Die anderen SchĂŒtzen lachen.

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Gesicherte Sportpistolen. Bild: heddesheimblog

Bevor es zu den Pistolen geht, schieße ich noch mit einer Art „Winchester“, einem Repetiergewehr. Leichter, einfacher zu handhaben, aber auch das eine gefĂ€hrliche Waffe außerhalb einer sportlichen Anwendung. Herr Schuhmacher, ein BĂ€r von einem Mann, steht immer in meiner NĂ€he und ist immer sehr aufmerksam.

Das muss er sein. Er kennt mich nicht, weiß, dass ich das erste Mal mit solchen Waffen schieße und macht das heute schon seit Stunden – BĂŒrger begleiten, die sich fĂŒr den Schießsport interessieren und selbst mal ausprobieren wollen, wie das so ist, mit Gewehren und Handfeuerwaffen zu schießen.

Ganz ehrlich bin ich froh um die intensive Begleitung. Denn nicht nur der Anblick, sondern auch das Halten einer Waffe flĂ¶ĂŸt mir Respekt ein. Schon beim „Trockentraining“. Wenn dann die Waffe geladen ist, bin ich gut darauf vorbereitet worden, dass es „ernst“ wird.

Stopp

Dann mache ich einen Fehler – Herr Schuhmacher bleibt freundlich, konzentriert und bestimmt. Die Pistole ist geladen, ich will zum Schuss ansetzen. „Stop, bitte nehmen Sie die Waffe herunter, legen Sie sie ab und setzen Ihren Hörschutz auf“, sagt Herr Schuhmacher. Ich folge. „Nehmen Sie die Waffe wieder auf“, höre ich jetzt gedĂ€mmt. Dann schieße ich. Vier Mal. Ein Schuss geht an den Rand der Scheibe, zwei gehen in die Ringe fĂŒnf und sechs, ein Schuss trifft die Neun.

Insgesamt habe ich elf Schuss abgegeben und weiß nun: Schießen ist sehr anspruchs- und verantwortungsvoll. Atmung, Haltung, Konzentration – ohne eine richtige Technik, ohne eine gute Ausbildung gewinnt man hier keinen Blumentopf. Wie in jedem Sport.

Beim Ostereierschießen habe ich mich am Luftgewehr probiert – dafĂŒr gilt dasselbe.

Waffen ĂŒben auf viele Menschen eine gewisse Faszination aus. Irgendwie geht es dabei sicherlich auch um Macht. Ganz klar. Auch ich nehme mich da nicht aus, wenngleich mir Waffen immer suspekt waren.

Als Sport betrieben, geht es sicherlich darum, ĂŒber sich selbst die Macht zu gewinnen. Sich derer bewusst zu sein, sie zu kontrollieren und sie sportlich um- und einzusetzen.

Herr Schuhmacher hat mir eine sehr gute Anleitung gegeben und ist wie der Rest der SchĂŒtzen ein sehr freundlicher, umgĂ€nglicher Typ Mensch.

DrĂŒckendes Thema

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Jugend beim Luftdruckschießen. Bild: privat

Als ich die „Waffenamnestie“ anspreche, werden alle sehr konzentriert und die Stimmung ist eindeutig: „Das ist absolut in unserem Sinne“, sagt Roland Embach, der Vereinsvorsitzende.

Besitzer von „illegalen Waffen“ waren aufgefordert, diese straffrei abzugeben. Viele hundert Waffen konnten seitdem „aus dem Verkehr“ gezogen werden.

Die Haltung der SportschĂŒtzen ist klar: Sie wollen ihren Sport verantwortlich und mit Freude betreiben – schlechte Nachrichten beim Einsatz von Waffen außerhalb des Sports sind auch schlecht fĂŒr die SchĂŒtzengesellschaften, noch schlechter, wenn „SchĂŒtzen“ darin verwickelt sind.

„Offensiver“ Umgang

Deshalb macht ein Tag der offenen TĂŒr wie am Sonntag sehr viel Sinn. Die Besucher können sich davon ĂŒberzeugen, dass die Heddesheimer SchĂŒtzen ein Verein sind, der seine Verantwortung ernst nimmt und sicher keine Trendsportart anbietet, aber eine, bei der man sehr viel mehr ĂŒber sich selbst lernt, als bei manch einem anderem Sport.

Wer Lust und Zeit hatte, konnte sich historische Waffen anschauen, sich diese erklĂ€ren lassen, selbst schießen oder VorfĂŒhrungen beobachten.

Ein neues Mitglied hat der Tag gebracht, rund 30 Personen haben sich teils sehr interessiert. Mit der Resonanz ist der Verein zufrieden. Die Heddesheimer SchĂŒtzen wissen, dass sie keine Massensportart anbieten, sondern einen ausgefallenen Sport. Wer sich dafĂŒr interessiert, ist bei den SportschĂŒtzen gut aufgehoben.

Und ich weiß eins, was ich schon vorher vermutet habe: Was man in Actionfilmen sieht, hat mit der RealitĂ€t wenig zu tun.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.