Dienstag, 17. Juli 2018

Ist der Mannheimer Morgen ein Sanierungsfall?

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. September 2010. Heute berichtet der Mannheimer Morgen unter der ÃƓberschrift „Die Sanierung geht weiter“ ĂŒber den Ammoniak-Unfall an der Eisbahn vom Montag. Angeblich hat der Redakteur Hans-JĂŒrgen Emmerich einen vierspaltigen Bericht geschrieben. Doch das ist eine TĂ€uschung.

Von Hardy Prothmann

Die Zeitungsbranche ist bundesweit in der Krise – mehrere hundert festangestellte Redakteure haben allein im vergangenen Jahr ihre Jobs verloren. Der Grund: Verluste im AnzeigengeschĂ€ft und vor allem die stetigen Abo-RĂŒckgĂ€nge stetzen den Zeitungen massiv zu – und dafĂŒr gibt es GrĂŒnde.

Im Anzeigenbereich haben die Zeitungen die frĂŒheren „Goldgruben“, die so genannten „RubrikenmĂ€rkte“ Auto, Jobs, Immobilien lĂ€ngst an Internetangebote verloren. Und auch im Nachrichtenbereich habe es die Zeitungen zunehmend schwerer, gegen die Internetkonkurrenz anzugehen. Fast jede Nachricht gibt es schon am Vortag meist viel ausfĂŒhrlicher und kostenfrei im Internet – sei es Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur.

Qualitatives Problem bei der Berichterstattung.

Hinzu kommt ein qualitatives Problem in der Berichterstattung. Statt eigene Recherche zu leisten und eigene Gedanken zu verarbeiten, transportieren Zeitungen immer hÀufiger vorgefertigte Berichte. Und tun so, als sei das eine eigene Leistung.

emmerich

Umgeschriebene Pressemitteilung wird als "eigener Bericht" ausgegeben. Quelle: MM

So auch heute im Mannheimer Morgen. Der Bericht unter der ÃƓberschrift „Die Sanierung geht weiter“ ist angeblich durch den Redakteur Hans-JĂŒrgen Emmerich geschrieben worden. Vierspaltig mit großem Aufmacherfoto. TatsĂ€chlich handelt es sich bei dem „Redakteursbericht“ um eine umgeschriebene Pressemitteilung der Gemeinde Heddesheim.

Ist das Umschreiben einer Pressemitteilung eine „journalistische“ Leistung, die es rechtfertigt, dass ein Redakteur dies als eigene, unabhĂ€ngige Berichterstattung ausgibt? Immerhin steht er fĂŒr seinen Namen damit ein.

Mogelpackung.

Oder kann oder muss man das nicht eher als eine gedruckte BankrotterklĂ€rung verstehen? Journalismus lebt vor allem von der GlaubwĂŒrdigkeit. Dazu gehört, dass Journalisten die von ihnen veröffentlichten Informationen sorgfĂ€ltig prĂŒfen, nachrecherchieren und ihre Quellen belegen. Dazu gehört, dass wo „MM“ oder „Emmerich“ draufsteht, das auch drin sein sollte. Alles andere ist eine Mogelpackung.

Hans-JĂŒrgen Emmerich benennt mehrfach seine „Quelle“, die Gemeinde Heddesheim. Soweit in Ordnung. Dass aber der ĂŒberwiegende Teil des Textes 1:1 ĂŒbernommen ist und nur hier und da ein wenig umgeschrieben wurde – darĂŒber informiert er die LeserInnen nicht. Eine Information hat er tatsĂ€chlich nachrecherchiert, die nicht in der Pressemitteilung vorhanden war: 20.000 Euro sind fĂŒr die Sanierungsarbeiten im Gemeindehaushalt 2010 eingestellt.

Diese Praxis, sich fremde Inhalte anzueignen und so zu tun als ob, ist allerdings gang und gĂ€be bei vielen Zeitungen, denen der journalistische Anstand lĂ€ngst abhanden gekommen ist. Diese Praxis lĂ€uft meist nach einem einfachen Muster ab. Es gibt eine Textvorlage, eine Presseinformation, einen PR-Artikel oder eine dpa-Meldung, man „recherchiert“ ein, zwei Fakten zusĂ€tzlich und schwupsdiwups tut man so, als sei das eine eigenstĂ€ndige Leistung und schreibt seinen Namen drĂŒber. Damit macht sich der MM selbst zum journalistischen Sanierungsfall.

Nicht immer ist eine PrĂŒfung und Nachrecherche fĂŒr Redaktionen einfach. Der BĂŒrgermeister Michael Kessler hat zum Beispiel wegen der intensiven Recherchen und der aus seiner Sicht missliebigen Berichte im heddesheimblog seinen Mitarbeitern einen Maulkorb verpasst – sie dĂŒrfen dem heddesheimblog keine Auskunft erteilen (was viele aber doch tun und dabei wissen, dass wir unsere Quellen schĂŒtzen). Der Mannheimer Morgen hat dieses Problem nicht, denn der berichtet meist so, wie sich der BĂŒrgermeister das vorstellt.

GrĂŒnde der Kritik.

Unsere Kritik an der Arbeit des Mannheimer Morgen hat verschiedene GrĂŒnde: Ganz klar stehen wir mit der Zeitung in Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Journalistisch betrachten wir den MM schon lange nicht mehr als Konkurrenz, weil dessen Lokalberichterstattung ĂŒberwiegend frei von eigener Recherche und journalistischer Kompetenz ist. Ganz im Gegenteil findet hier hĂ€ufig eine „interessierte“ Berichterstattung statt und noch viel schlimmer: ÃƓber Dinge, die der Redaktion und den „guten Verbindungen“ nicht passen, wird erst gar nicht berichtet.

Es gibt aber noch einen viel gewichtigeren Grund, warum wir ĂŒber die aus unserer Sicht mangelhafte Berichterstattung informieren: Wir nehmen unsere LeserInnen ernst, genauso, wie unsere Aufgabe, die BĂŒrgerInnen umfassend, wahrhaftig und vor allem unabhĂ€ngig zu informieren. Dabei verweisen wir auch auf die Arbeit von anderen Redaktionen, wenn diese einen „Mehrwert“ an Informationen fĂŒr die LeserInnen haben. Denn keine Redaktion dieser Welt hat immer alle Informationen und setzt jedes Thema immer am besten um – wer das behauptet, lĂŒgt.

Verlorene ExklusivitĂ€t. Verlorene GlaubwĂŒrdigkeit.

ZurĂŒck zum Internet. Die Lokalberichterstattung war bis vor einiger Zeit der einzig „exklusive“ Inhalt, den Lokalzeitungen noch hatten. Doch auch hier verliert die Zeitung an „ExklusivitĂ€t“, also an Wert, in dem Maß, in dem eine solide Lokalberichterstattung auch im Internet stattfindet.

Schneller, hintergrĂŒndiger, transparenter, sind drei Eigenschaften von Internet-Angeboten, die den Zeitungen bundesweit zu schaffen macht. Es gibt löbliche Ausnahmen wie die Stuttgarter Zeitung oder die Rhein-Zeitung in Koblenz, die mit journalistischem Ehrgeiz ausgestattet sind.

Der Mannheimer Morgen gehört definitiv nicht dazu. Ein Beispiel? Im „Fall“ Kachelmann ist es der Zeitung wieder einmal nicht gelungen, journalistisch der bundesweiten Konkurrenz voraus zu sein. ÃƓberall in der Republik konnte man meist exklusivere Nachrichten zur Sache lesen, als im „MM“. Das war auch so beim „Peter Graf“-Prozess oder dem „Flowtex“-Skandal, um nur zwei weitere prominente Beispiele zu nennen.

Stattdessen feiert die Zeitung Vereine, Fasching, Feste ab. Dabei handelt es sich um „Terminjournalismus“. Zu den Terminen werden „Reporter“ geschickt, die schreiben auf, was man ihnen sagt oder wie im Fall Emmerich, schreiben sie einfach mal eine Pressemitteilung um und tun so, als sei das eine eigene Leistung.

Dem Anspruch, als „4. Gewalt“ Behörden, Ämter, Institutionen, Firmen und andere im Sinne der Öffentlichkeit zu kontrollieren, kommt eine solche Presse lĂ€ngst nicht mehr nach. Und da es immer noch viele (vor allem Ă€ltere) Menschen gibt, die sich nur aus einer Quelle, der Zeitung, „informieren“, hat das auch nachteilige Wirkungen auf unser demokratische Gesellschaft.

Es gibt noch mehr GrĂŒnde, warum der Mannheimer Morgen durch das heddesheimblog hĂ€ufig kritisiert wird. Ich habe als Student meine ersten journalististischen Erfahrungen bei dieser Zeitung gesammelt und war von 1991-1994 freier Mitarbeiter dieser Zeitung, die einstmals einen wirklich guten Ruf hatte und bekannte Journalisten hervorgebracht hat, beispielsweise Hugo MĂŒller-Vogg, der spĂ€ter langjĂ€hriger Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war und heute als Kolumnist fĂŒr die Bild-Zeitung tĂ€tig ist. FrĂŒher habe ich gerne diese Zeitung als Referenz genannt, heute muss man sich schon fast dafĂŒr schĂ€men.

Journalistische Ehre

Der Hauptgrund aber ist und bleibt die journalistische Haltung: Die Menschen haben ein Recht darauf, ordentlich und transparent informiert zu werden.

Es ist auch eine Frage der journalistischen Ehre: Sie, liebe Leserinnen und Leser, können sich beim heddesheimblog darauf verlassen, dass, wo heddesheimblog drauf steht, auch heddesheimblog drin ist.

Auch wir ĂŒbernehmen hin und wieder fremde Berichte und Pressemitteilungen – so auch zum aktuellen Thema „Ammoniak-Unfall“ an der Eisbahn. Aber wir ordnen die Information so ein, dass unsere LeserInnen wissen, wer diese Information verfasst hat.

Anmerkung der Redaktion: Wer sich die MĂŒhe machen will, kann die Pressemitteilung der Gemeinde mit dem Bericht des Mannheimer Morgen vergleichen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.