Montag, 21. August 2017

Ist der Mannheimer Morgen ein Sanierungsfall?

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. September 2010. Heute berichtet der Mannheimer Morgen unter der ├â┼ôberschrift „Die Sanierung geht weiter“ ├╝ber den Ammoniak-Unfall an der Eisbahn vom Montag. Angeblich hat der Redakteur Hans-J├╝rgen Emmerich einen vierspaltigen Bericht geschrieben. Doch das ist eine T├Ąuschung.

Von Hardy Prothmann

Die Zeitungsbranche ist bundesweit in der Krise – mehrere hundert festangestellte Redakteure haben allein im vergangenen Jahr ihre Jobs verloren. Der Grund: Verluste im Anzeigengesch├Ąft und vor allem die stetigen Abo-R├╝ckg├Ąnge stetzen den Zeitungen massiv zu – und daf├╝r gibt es Gr├╝nde.

Im Anzeigenbereich haben die Zeitungen die fr├╝heren „Goldgruben“, die so genannten „Rubrikenm├Ąrkte“ Auto, Jobs, Immobilien l├Ąngst an Internetangebote verloren. Und auch im Nachrichtenbereich habe es die Zeitungen zunehmend schwerer, gegen die Internetkonkurrenz anzugehen. Fast jede Nachricht gibt es schon am Vortag meist viel ausf├╝hrlicher und kostenfrei im Internet – sei es Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur.

Qualitatives Problem bei der Berichterstattung.

Hinzu kommt ein qualitatives Problem in der Berichterstattung. Statt eigene Recherche zu leisten und eigene Gedanken zu verarbeiten, transportieren Zeitungen immer h├Ąufiger vorgefertigte Berichte. Und tun so, als sei das eine eigene Leistung.

emmerich

Umgeschriebene Pressemitteilung wird als "eigener Bericht" ausgegeben. Quelle: MM

So auch heute im Mannheimer Morgen. Der Bericht unter der ├â┼ôberschrift „Die Sanierung geht weiter“ ist angeblich durch den Redakteur Hans-J├╝rgen Emmerich geschrieben worden. Vierspaltig mit gro├čem Aufmacherfoto. Tats├Ąchlich handelt es sich bei dem „Redakteursbericht“ um eine umgeschriebene Pressemitteilung der Gemeinde Heddesheim.

Ist das Umschreiben einer Pressemitteilung eine „journalistische“ Leistung, die es rechtfertigt, dass ein Redakteur dies als eigene, unabh├Ąngige Berichterstattung ausgibt? Immerhin steht er f├╝r seinen Namen damit ein.

Mogelpackung.

Oder kann oder muss man das nicht eher als eine gedruckte Bankrotterkl├Ąrung verstehen? Journalismus lebt vor allem von der Glaubw├╝rdigkeit. Dazu geh├Ârt, dass Journalisten die von ihnen ver├Âffentlichten Informationen sorgf├Ąltig pr├╝fen, nachrecherchieren und ihre Quellen belegen. Dazu geh├Ârt, dass wo „MM“ oder „Emmerich“ draufsteht, das auch drin sein sollte. Alles andere ist eine Mogelpackung.

Hans-J├╝rgen Emmerich benennt mehrfach seine „Quelle“, die Gemeinde Heddesheim. Soweit in Ordnung. Dass aber der ├╝berwiegende Teil des Textes 1:1 ├╝bernommen ist und nur hier und da ein wenig umgeschrieben wurde – dar├╝ber informiert er die LeserInnen nicht. Eine Information hat er tats├Ąchlich nachrecherchiert, die nicht in der Pressemitteilung vorhanden war: 20.000 Euro sind f├╝r die Sanierungsarbeiten im Gemeindehaushalt 2010 eingestellt.

Diese Praxis, sich fremde Inhalte anzueignen und so zu tun als ob, ist allerdings gang und g├Ąbe bei vielen Zeitungen, denen der journalistische Anstand l├Ąngst abhanden gekommen ist. Diese Praxis l├Ąuft meist nach einem einfachen Muster ab. Es gibt eine Textvorlage, eine Presseinformation, einen PR-Artikel oder eine dpa-Meldung, man „recherchiert“ ein, zwei Fakten zus├Ątzlich und schwupsdiwups tut man so, als sei das eine eigenst├Ąndige Leistung und schreibt seinen Namen dr├╝ber. Damit macht sich der MM selbst zum journalistischen Sanierungsfall.

Nicht immer ist eine Pr├╝fung und Nachrecherche f├╝r Redaktionen einfach. Der B├╝rgermeister Michael Kessler hat zum Beispiel wegen der intensiven Recherchen und der aus seiner Sicht missliebigen Berichte im heddesheimblog seinen Mitarbeitern einen Maulkorb verpasst – sie d├╝rfen dem heddesheimblog keine Auskunft erteilen (was viele aber doch tun und dabei wissen, dass wir unsere Quellen sch├╝tzen). Der Mannheimer Morgen hat dieses Problem nicht, denn der berichtet meist so, wie sich der B├╝rgermeister das vorstellt.

Gr├╝nde der Kritik.

Unsere Kritik an der Arbeit des Mannheimer Morgen hat verschiedene Gr├╝nde: Ganz klar stehen wir mit der Zeitung in Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Journalistisch betrachten wir den MM schon lange nicht mehr als Konkurrenz, weil dessen Lokalberichterstattung ├╝berwiegend frei von eigener Recherche und journalistischer Kompetenz ist. Ganz im Gegenteil findet hier h├Ąufig eine „interessierte“ Berichterstattung statt und noch viel schlimmer: ├â┼ôber Dinge, die der Redaktion und den „guten Verbindungen“ nicht passen, wird erst gar nicht berichtet.

Es gibt aber noch einen viel gewichtigeren Grund, warum wir ├╝ber die aus unserer Sicht mangelhafte Berichterstattung informieren: Wir nehmen unsere LeserInnen ernst, genauso, wie unsere Aufgabe, die B├╝rgerInnen umfassend, wahrhaftig und vor allem unabh├Ąngig zu informieren. Dabei verweisen wir auch auf die Arbeit von anderen Redaktionen, wenn diese einen „Mehrwert“ an Informationen f├╝r die LeserInnen haben. Denn keine Redaktion dieser Welt hat immer alle Informationen und setzt jedes Thema immer am besten um – wer das behauptet, l├╝gt.

Verlorene Exklusivit├Ąt. Verlorene Glaubw├╝rdigkeit.

Zur├╝ck zum Internet. Die Lokalberichterstattung war bis vor einiger Zeit der einzig „exklusive“ Inhalt, den Lokalzeitungen noch hatten. Doch auch hier verliert die Zeitung an „Exklusivit├Ąt“, also an Wert, in dem Ma├č, in dem eine solide Lokalberichterstattung auch im Internet stattfindet.

Schneller, hintergr├╝ndiger, transparenter, sind drei Eigenschaften von Internet-Angeboten, die den Zeitungen bundesweit zu schaffen macht. Es gibt l├Âbliche Ausnahmen wie die Stuttgarter Zeitung oder die Rhein-Zeitung in Koblenz, die mit journalistischem Ehrgeiz ausgestattet sind.

Der Mannheimer Morgen geh├Ârt definitiv nicht dazu. Ein Beispiel? Im „Fall“ Kachelmann ist es der Zeitung wieder einmal nicht gelungen, journalistisch der bundesweiten Konkurrenz voraus zu sein. ├â┼ôberall in der Republik konnte man meist exklusivere Nachrichten zur Sache lesen, als im „MM“. Das war auch so beim „Peter Graf“-Prozess oder dem „Flowtex“-Skandal, um nur zwei weitere prominente Beispiele zu nennen.

Stattdessen feiert die Zeitung Vereine, Fasching, Feste ab. Dabei handelt es sich um „Terminjournalismus“. Zu den Terminen werden „Reporter“ geschickt, die schreiben auf, was man ihnen sagt oder wie im Fall Emmerich, schreiben sie einfach mal eine Pressemitteilung um und tun so, als sei das eine eigene Leistung.

Dem Anspruch, als „4. Gewalt“ Beh├Ârden, ├âÔÇ×mter, Institutionen, Firmen und andere im Sinne der ├ľffentlichkeit zu kontrollieren, kommt eine solche Presse l├Ąngst nicht mehr nach. Und da es immer noch viele (vor allem ├Ąltere) Menschen gibt, die sich nur aus einer Quelle, der Zeitung, „informieren“, hat das auch nachteilige Wirkungen auf unser demokratische Gesellschaft.

Es gibt noch mehr Gr├╝nde, warum der Mannheimer Morgen durch das heddesheimblog h├Ąufig kritisiert wird. Ich habe als Student meine ersten journalististischen Erfahrungen bei dieser Zeitung gesammelt und war von 1991-1994 freier Mitarbeiter dieser Zeitung, die einstmals einen wirklich guten Ruf hatte und bekannte Journalisten hervorgebracht hat, beispielsweise Hugo M├╝ller-Vogg, der sp├Ąter langj├Ąhriger Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war und heute als Kolumnist f├╝r die Bild-Zeitung t├Ątig ist. Fr├╝her habe ich gerne diese Zeitung als Referenz genannt, heute muss man sich schon fast daf├╝r sch├Ąmen.

Journalistische Ehre

Der Hauptgrund aber ist und bleibt die journalistische Haltung: Die Menschen haben ein Recht darauf, ordentlich und transparent informiert zu werden.

Es ist auch eine Frage der journalistischen Ehre: Sie, liebe Leserinnen und Leser, k├Ânnen sich beim heddesheimblog darauf verlassen, dass, wo heddesheimblog drauf steht, auch heddesheimblog drin ist.

Auch wir ├╝bernehmen hin und wieder fremde Berichte und Pressemitteilungen – so auch zum aktuellen Thema „Ammoniak-Unfall“ an der Eisbahn. Aber wir ordnen die Information so ein, dass unsere LeserInnen wissen, wer diese Information verfasst hat.

Anmerkung der Redaktion: Wer sich die M├╝he machen will, kann die Pressemitteilung der Gemeinde mit dem Bericht des Mannheimer Morgen vergleichen.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • Heddesheimer

    Wie schaut es den eigentlich aus mit dem geistigen Eigentum das man f├╝r sich in Anspruch nimmt?

    Wen ich fremde texte verwende und sie als meine ausgebe besteht die M├Âglichkeit das ich Probleme mit dem Verfasser bekommen, h├Ârt man ja immer wieder, passiert nat├╝rlich nur wen er mir nicht wohl gesonnen ist und er f├╝r mich die Arbeit machen m├Âchte. ­čśë

  • dasheddesheimblog

    Guten Tag!

    Gute Frage und die Antwort liefern Sie gleich mit. Nat├╝rlich besteht auch bei Pressemitteilungen ein Urheberrecht.

    Da diese Informationen aber ver├Âffentlicht werden, um die Sicht der Dinge aus einer Perspektive darzustellen, wird dieses sicherlich nicht eingefordert.

    Ganz im Gegenteil freut sich der Absender, wenn ein Journalist unter Vorspielung falscher Tatsachen die Botschaft noch veredelt, in dem er ihr ein „redaktionelles G├╝tesiegel“ verpasst.

    Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
    Das heddesheimblog

    • Heddesheimer

      Ich bin nur darauf gekommen weil Verlage gerne selbst Rechtliche mittel in solchen f├Ąllen verfolgen.

      Nach diesen Prinzip stellen sich auch keine unangenehme fragen an die Gemeinden.

      *kopfsch├╝tteln*

  • dasheddesheimblog

    Guten Tag!

    Kaum geschrieben und auch ├╝ber die sozialen Netzwerke wie http://twitter.com/heddesheimblog und http://www.facebook.com/pages/Das-heddesheimblog/464465160500 verbreitet, antwortet die Medien-Journalistin Ulrike Langer (http://twitter.com/mauisurfer25) mit einem Hinweis auf eine Umfrage der Akademie f├╝r Publizistik in Hamburg:

    Journalisten erf├╝llen Erwartungen nicht

    Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
    Das heddesheimblog

  • kompakter

    hallo,

    das ist wie ein restaurant, wo man lasagne oder pizza vorgesetzt bekommt, die aus der tiefk├╝hltruhe kommen und man f├╝r wenig geschmack und wenig frisch auch noch viel geld zahlen muss.

    gru├č

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