Montag, 24. September 2018

Interview mit Pfenning-Geschäftsfüher Uwe Nitzinger (gekürzt. Fass.)

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Wir kommen sicher nach Heddesheim

Sie lesen hier die gekürzte Fassung.
Hier geht es zum kompletten Interview (1/3 länger).
In der gekürzten Fassung fehlen ein paar Fragen/Antworten zu wirtschaftlichen Aspekten.

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Uwe Nitzinger, Geschäftsführer der KMP Holding GmbH, erklärt im Gespräch mit dem Heddesheim-Blog, wann Pfenning nach Heddesheim kommt, was das Unternehmen dort vor hat und welche Folgen die Ansiedlung für Heddesheim haben wird.

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Interview: Hardy Prothmann

Herr Nitzinger, die Pfenning Gruppe will in Heddesheim 100 Millionen Euro in ein Logistik-Zentrum investieren. Können Sie aufschlüsseln, aus welchen Posten diese enorme Summe besteht?
Uwe Nitzinger: Zum jetzigen Zeitpunkt ist das noch zu früh, um ihre Frage detailliert zu beantworten. Unsere Planer haben natürlich zusammengerechnet, was sie an Kosten erwarten. Wie teuer oder günstig was am Ende ist, hängt von der Konjunktur, dem Einkauf der Leistungen und ähnlichem ab. 100 Millionen ist die angenommene Summe. Wenn es uns weniger kostet, sind wir natürlich damit zufrieden.

Bis 2013 soll erst die Hälfte gebaut worden sein. Warum?
Ich weiß nicht, woher Sie diese Zahl haben.

2. Bauabschnitt ab 2016

Aus der Zeitung.
Dann ist da etwas missverstanden worden. Bis 2013 wollen wir mit dem 1. Bauabschnitt fertig sein. Ein 2. Bauabschnitt auf dem Erweiterungsgelände kann frühestens ab 2016 realisiert werden. Dieser Bauabschnitt wird auf jeden Fall nicht so groß ist, wie der erste.

Aber ab 2013 wird der Firmensitz von Viernheim nach Heddesheim verlegt?
Sobald wir dort unser neues Verwaltungsgebäude beziehen können.

Sie vergrößern sich auf einen Schlag ganz enorm. Bauen Sie das Geschäft mit bestehenden Kunden aus oder haben Sie neue Kunden, die ihre Kapazitäten benötigen?
Wir haben ein starkes Bestandsgeschäft und sind intensiv dabei, neue Kunden zu gewinnen. Unser Geschäftsmodell ist die Logistik, wir bieten Kunden Lagerfläche mit entsprechender Organisation, die Verpackung und den Transport von Waren an.

So sieht Pfenning perspektivisch das geplante Logistik-Zentrum, wenn der 1. Bauabschnitt 2013 fertig ist. Bild: Pfenning-Gruppe

 

Diese Waren müssen ja irgendwie zu Ihnen kommen?
Sicher. Mit dem Lkw und zunehmend mit der Bahn. Nehmen Sie beispielsweise internationale Waschmittelhersteller, die gerade Werbung damit machen, dass sie den Transport ihrer Produkte um bis zu zwei Drittel von der Straße auf die Schiene bringen. Deswegen sind wir auch in Heddesheim, wegen des Gleisanschlusses.

„Wir haben zu wenig Platz“, Uwe Nitzinger

Und wegen der Fläche.
Ganz klar. Wir mussten in der Vergangenheit Aufträge absagen, weil wir zu wenig Platz hatten. Und wie oft habe ich gehört: „Ich würde euch den Auftrag geben, ihr seid dafür kompetent, aber ihr habt die Kapazität nicht.“ Kennen Sie einen Kaufmann, der gerne auf Geschäfte verzichtet? Wir verbessern in Heddesheim unsere Produktionsstrukturen und unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Werden auf dem Gelände in Heddesheim nur Pfenning tätig sein oder auch andere Unternehmen?
Prinzipiell nur wir. Dass wir die Konkurrenz nicht aufs Gelände lassen, werden Sie verstehen. Vorstellbar ist, dass ein Unternehmen Hallen mietet, aber selbst betreibt, beispielsweise, wenn der Umgang mit den eigenen Produkten nur durch eigene Mitarbeitern erfolgen soll.

Erläutern Sie das bitte.
Es gibt vielfältigste Anforderungen in der Logistik- branche. Wenn beispielsweise ein Pharmahersteller Waren in die USA liefert, ist er automatisch der äußerst strengen Kontrolle der FDA (der Lebensmittelkontrollbehörde Food and Drug Administration, Red.) unterworfen. Es könnte sein, dass diese einen lückenlosen Nachweis verlangt, dass nur das produzierende Unternehmen Kontakt zur Ware hat.

Andere Firmen auf dem Pfenning-Gelände

Sie planen also die Vermietung?
Nein, ich habe Ihnen ein Beispiel gegeben, was vorstellbar ist, wenn wir zum Beispiel mit unserem Geschäft die Hallen temporär nicht ausfüllen können sollten. Oder sollen wir die dann leer stehen lassen?

Gefährliche Güter

In ihrem „Bauchladen“ finden sich auch gefährliche Güter. Beispielsweise ist Waschpulver an sich harmlos, in einer großen Menge aber nicht.

Genau. Wir haben große Waschmittelmengen. Dabei unterliegen wir aber auch einer strengen Kontrolle und erfüllen alle notwendigen Auflagen – sonst würden wir ja unsere Existenz aufs Spiel setzen. Was wir definitiv nicht lagern werden, sind radioaktives Material und Sprengstoffe. Zum Verständnis: Haarspray wird von vielen Menschen benutzt, typischerweise in einer Druckgasverpackung. In großen Mengen ist das ein Gefahrstoff, wir wissen aber, wie wir damit umgehen, sonst bekämen wir die Aufträge nicht.

Auf welchen Zeitraum ist ihr Engagement in Heddesheim ausgelegt?
Das ist eine Generationsentscheidung. Wir investieren eine Menge Geld und werden dementsprechend lang bleiben. Außerdem sind wir ein Familienbetrieb. Der zieht nicht einfach weiter, wie das mit Standorten von Konzernen passiert.

Schweigende Mehrheit

Sie gehen fest davon aus, dass Sie sich in Heddesheim ansiedeln werden?
Ja.

Uwe Nitzinger Bild:Pfenning-Gruppe

Trotz der Proteste gegen ihre Ansiedlung und der kritischen Stimmung in Heddesheim?
Die Interessengemeinschaft (IG) macht in unseren Augen ordentlich Wind, aber es gibt auch den Begriff der schweigenden Mehrheit. Ich glaube nicht, dass sich die Mehrheit der Heddesheimer von bewusst falsch verbreiteten Informationen irritieren lässt.

Sie bezeichnen die Mitglieder der IG neinzupfenning als Fälscher?
Das habe ich nicht gesagt. Sie haben falsche Zahlen verbreitet und Behauptungen aufgestellt, die nicht zutreffen, wovon sich die Heddesheimer auch durch die Gutachten auf der Bürgerinformation überzeugen konnten.

Was steht im städtebaulichen Vertrag?

Die Zahlen stimmen nicht. Woher hätte die IG aber die echten Zahlen nehmen sollen? Es wurde ja alles geheim gehalten.
Das ist so nicht richtig. Bürgermeister, Gemeinderat und wir haben vertraulich verhandelt. Das ist unser Recht und absolut üblich, damit man im gegenseitigen Vertrauen zu einem Ergebnis kommen kann.

Ein Teil des Ergebnisses ist ein ebenfalls als vertraulich eingestufter „städtebaulicher Vertrag“. Was steht da drin?
Darin ist festgelegt, wie Gemeinde und Unternehmen das Grundstück entwickeln werden, wer welche Aufgaben und Kosten übernimmt.

Sind dort auch Vertragsstrafen definiert, falls es nicht zu einer Bebauung kommt?
Davon ist mir nichts bekannt.

„Chance genutzt“

Im Mannheimer Morgen hieß es, Sie seien auf die Heddesheimer Gemarkung aufmerksam geworden, weil Edeka das geplante Fleischwerk nun doch nicht dort, sondern in Rheinstetten ansiedelt. Soll man das glauben, dass Sie nicht schon länger alle geeigneten Flächen im Blick hatten?
Die korrekte Darstellung ist: Als klar wurde, dass Edeka dieses sehr gute Gelände doch nicht in Anspruch nimmt, hat sich für uns eine Chance ergeben. Die haben wir genutzt. Und wir schaffen Arbeitsplätze.

Ist das so? Soweit ich verstanden habe, wechseln rund 400 Mitarbeiter von Viernheim nach Heddesheim, 250 weitere kommen aus der Region hinzu. Macht 650. Sie sprechen von bis zu 1000 Arbeitsplätzen, davon sind je 250 Subunternehmer und Leiharbeiter, verbleiben 500. Wo sind die fehlenden 150 hin?
Es ziehen über 500 Mitarbeiter um. Vor Ort werden neue Arbeitsplätze geschaffen, weil eine Reihe von Mitarbeitern, beispielsweise im Stahl- Kompetenzzentrum nicht nach Heddesheim wechseln. Das wäre Unsinn, weil die am Ort des Kunden tätig sind. Deswegen ist auch die Annahme falsch, wir würden ständig Lkw von Heddesheim nach Mannheim und zurück schicken. Von Hallen, die wir nur gemietet haben, ziehen wir Mitarbeiter am neuen Standort zusammen. Wie genau die Mitarbeiterzahlen sind, werde ich Ihnen nicht sagen, weil die Konkurrenz sich dafür auch interessiert.

Zum Verkehr kommen wir bitte gleich. In den Jahren 2000-2002 standen ihre Firma und Sie persönlich stark in der Kritik, wie Sie mit ihren Mitarbeitern umgehen. Auch heute noch werden Sie von der Gewerkschaft verdi äußerst kritisch betrachtet. Der Vorwurf lautet, ihre Leute müssten mehr für weniger Geld arbeiten und es gäbe keine Ãœberstundenregelungen.
Das ist Unfug und eine unverschämte Behauptung. Es trifft zu, dass wir uns nicht an die Tarifverträge binden. Aber wir haben Boni und Prämien und bezahlen unsere Mitarbeiter nach Leistung. Schauen Sie sich nur mal die Zahlen zu unserer Betriebszugehörigkeit an: Viele sind 10, 20, 30 Jahre im Unternehmen.

Weshalb beschäftigen Sie dann im Verhältnis gesehen eine so große Zahl von Leiharbeitern?
Die brauchen wir je nach Zyklus. Das sind Leiharbeiter, die wir leihen, wenn wir sie benötigen. Mit den Zeitarbeitsfirmen, die uns diese Leute stellen, arbeiten wir langfristig zusammen.

„Unsere Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapitel“, Uwe Nitzinger

Sie werben mit ihren Auszubildenden. Wie viele Stellen bieten Sie für welche Berufe an?
Weit über 20. Vom Fachlageristen, über Kaufleute für Speditions- und Logistikdienstleistungen bis hin zum BA-Studium für Logistik.

Die meisten Ausbildungsplätze sind im Lagerbereich?
Ja. Da brauchen wir auch die meisten Leute.

Die man leicht ersetzen kann?
Daran ist uns überhaupt nicht gelegen. Unser größtes Kapital sind unsere Mitarbeiter, deswegen wollten wir auch in der Region bleiben, die gleichzeitig aber auch ein idealer Standort wegen der EU-Osterweiterung ist. Es dauert, bis ein Mitarbeiter mit den komplexen Abläufen in einem Logistik-Zentrum vertraut ist. Das ist qualifizierte Arbeit, die dort geleistet wird.

Kommen wir zum Verkehr. Sie sagen, der überwiegende Teil der Waren kommt aus und geht in die Ferne. Wie definieren Sie Ferne?
Das ist alles, was weiter als die Region ist. Beispielsweise kommt Waschmittel aus Düsseldorf, das dann für ein Handelslager in Offenburg weiter transportiert wird. Das wird das Hauptgeschäft.

Lkw-Verkehr durch Heddesheim

Sind Sie bereit, eine Vereinbarung mit der Gemeinde zu schließen, dass möglichst wenig Verkehr durch Heddesheim läuft?
Darüber sind wir gerade im Gespräch. Seriöserweise kann ich nicht ganz ausschließen, dass einige Lkws durch Heddesheim fahren. Nur nicht annähernd in der Größenordnung, wie von der IG behauptet. Die wollen das einfach nicht verstehen.

Im Mannheimer Morgen zu sehen, wurde mitten in der Diskussion ein Pfenning-Laster in der Ortsmitte fotografiert…
Dann schauen Sie sich den mal an: Das ist ein „City-Sattel“ gewesen. Solche Lkw werden für die Nahversorgung eingesetzt. Die Leute wollen doch auch im Laden was kaufen können, oder?

Können Sie denn die Zahl von 3 Lkw pro Stunde in Spitzenzeiten über die Ringstraße halten, wenn die 2. Ausbaustufe fertig ist oder sind es dann doppelt so viele?
Es werden nicht doppelt so viele sein, weil sich die Bebauung und damit die gelagerten Waren nicht verdoppeln. Aber es werden mehr sein, hier auch wieder im Fernverkehr. Seriös kann ich das heute noch nicht sagen, wir reden gerade vom Jahr 2016.

Pfenning-Lkw vor Edeka Tiefkühl-Zentrum Bild:pro

Zurück zum Anfang: Wer ist denn auf wen zugegangen, Bürgermeister Kessler auf das Unternehmen oder umgekehrt?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich das nicht mehr weiß. Wir haben aber nach Aufnahme der Verhandlungen später auch den Gemeinderat bei uns gehabt, dem wir das Projekt vorgestellt und erläutert haben, dass gerade der Gleisanschluss für uns einen enormen Vorteil bietet.

Kritischer Gemeinderat?

Wurden kritische Fragen gestellt?
Selbstverständlich haben die Gemeinderäte uns Fragen gestellt, beispielsweise zur Verkehrsbelastung, das war ein zentraler Punkt.

In Heddesheim wundert man sich, dass die Grünen geschlossen zugestimmt haben. Mussten Sie bei den Grünen eine stärke Ãœberzeugungsarbeit leisten als bei den anderen?
Wenn Sie mir sagen, wie man einen Grünen erkennt? Ich habe an den Fragen nicht unterscheiden können, wer zu welcher Partei gehört.

In Heddesheim wird mittlerweile hitzig über das Für und Wider ihrer Ansiedlung gestritten. Gab es Fehler in der Kommunikation?
Das müssen Sie die fragen, die sich so aufregen. Wir haben uns nichts vorzuwerfen bei der Kommunikation. Die Stimmung ist nicht von uns aufgeheizt worden. Wir wünschen uns einen konstruktiven Dialog mit den Heddesheimer Bürgern. Das heutige Gespräch mit Ihnen ist hierfür ein Beispiel.

Dann hat der Bürgermeister Fehler gemacht?
Ich war noch nie Bürgermeister und bin in der Kommunalpolitik nicht zuhause. Das kann und will ich nicht beurteilen. Ich kann aber nicht erkennen, dass der Bürgermeister in der Kommunikation Fehler gemacht hätte.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.