Sonntag, 20. August 2017

H21 – Der Bahnhof, den offenbar keiner finden soll

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heddesheimhirschberg

Nach "langer" Fahrt gefunden: Der Bahnhof Heddesheim/Hirschberg. Bild: heddesheimblog.de

Guten Tag!

Heddesheim, 09. Dezember 2010. Wie man einen „Ortsfremden“ qu├Ąlt? Man schickt ihn an einen vermeintlich einfach zu erreichenden Ort. Findet er diesen nicht, entstehen Gespr├Ąche wie dieses: „Suchen Sie was bestimmtes? Sie sind ja offenbar nicht von hier“ – „Ja, ich such den Bahnhof“. Was folgt ist die Untertreibung des Jahrhunderts: „Der ist gleich da vorne, bisschen schlecht beschildert.“ Gar nicht beschildert trifft es wohl besser.

Von Christian M├╝hlbauer

Ja, Navigationssysteme geh├Âren heute zum Standard in allen Fahrzeugen. Ich hab auch eins. Leider etwas ├Ąlter. Aber die gro├čen Stra├čen kennt das gute St├╝ck.

Die Redaktion beauftragt mich: „Fahr zum Bahnhof Heddesheim und fotografier das neue Bahnhofsschild.“ Wir hatten keine Zeit f├╝r den Pressetermin vor ein paar Tagen.

Ich fahre los. „Kann ja nicht so schwer werden, den Bahnhof zu finden“, denke ich.

Das Navi packe ich gar nicht erst aus. Die Wegbeschreibung meines Chefs klingt schlie├člich einfach. Immer der „Hauptstra├če“ nach in Richtung Hirschberg. Irgendwann ganz sp├Ąt kommt ein Kreisverkehr, da musst du dann raus. Ist sicher beschildert.

Klingt perfekt. Immer geradeaus fahren, rein in den Kreisverkehr, Schilder kucken, Ausfahrt „Bahnhof“ nehmen. Selbst wenn man auf Anhieb nicht alle Schilder lesen kann: Kein Problem, dann f├Ąhrt man einfach nochmal im Kreis herum.

Zonk…

Als der Kreisverkehr naht, w├Ąhne ich mich bereits an meinem Ziel. Abfahrt 1, 2 oder 3. Die Auswahl ist ja wirklich nicht gro├č. Die Schilder der ersten Ausfahrt bieten schon mal keinen Bahnhof an. Ok. An der zweiten Ausfahrt dasselbe. „Super“ ist mein erster Gedanke, dann kanns ja nur noch die Nummer 3 sein. Ein Blick auf die Schilder zeigt: Keins zum Bahnhof.

Ich entschlie├če mich trotzdem, die dritte Ausfahrt zu nehmen. Da unten sieht es ruhig aus. Da kann ich auch anhalten und das Navigationsger├Ąt in Ruhe einschalten. Eine Adresse habe ich nat├╝rlich nicht dabei. Aber es gibt ja internetf├Ąhige Handys. Am Bundesbahnhof 2, so das n├╝chterne Suchergebnisse f├╝r „Bahnhof Heddesheim Adresse“.

Ich tippe sie ins Navi ein: „Bitte wenden Sie!“. Aha. Gut, dass ich nicht blind auf die allm├Ąchtige Stimme vertraue. Das Navi zeigt an, dass ich 100 Meter zur├╝ckfahren soll. Laut der Karte ist da auch das Ziel. Ein kurzer Blick durch die Heckscheibe best├Ątigt mir: Nein, das kann nicht richtig sein.

Heddesheim 21 – Ist der Bahnhof unterirdisch?

„Ok, denke ich mir. Probierst du es eben mit ner anderen Hausnummer.“ Muss ja wohl direkt daneben liegen. Der Prozessor des Navis werkelt sich erneut halbtot. Die Karte wird angezeigt. Ich traue meinen Augen nicht.

Die Zielmarkierung und „mein Fahrzeug“ liegen ├╝bereinander. Im selben Augenblick ert├Ânt mein Navi: „Sie haben ihr Ziel erreicht“. Tatsache? Weit und breit kein Bahnhof.

Ob Heddesheim ├╝ber einen unterirdischen Bahnhof verf├╝gt? Nunja, das Thema d├╝rfte in Baden-W├╝rttemberg erstmal durch sein. Mein Blick schweift in die Ferne, als ich pl├Âtzlich so ein Ding sehe.

Sie wissen schon. Gleis-Signalanlagen.

Ha! Da vorne muss also irgendwie ein Gleis sein.

Gut versteckt. Aber nicht unterirdisch.

Ein bisschen schlecht beschildert

Ich will gerade wieder den Motor starten, als jemand ans Fenster klopft.

„Ja?“ „Suchen Sie was bestimmtes? Sie sind ja offenbar nicht von hier, wie ich an ihrem Nummernschild sehe“ „Ja, ich such den Bahnhof“„Das ist gleich da vorne, bisschen schlecht beschildert“. Ich bedanke mich und fahre langsam in Richtung „Ziel“. Und um ehrlich zu sein, auch fast wieder dran vorbei. Wieso?

Es fehlt ein Schild vor dem Geb├Ąude, auf dem „Bahnhof“ steht.

Auch von der Hirschberger Seite aus ist der Bahnhof nicht zu finden, wenn man nicht wei├č, wo der ist.

Rund 13.000 Euro soll das neue Schild auf dem Bahnsteig: „Heddesheim-Hirschberg“ gekostet haben – also nicht das Schild allein, sondern auch die ├âÔÇ×nderungen im neuen Fahrplan und die f├╝r die Stationsanzeigen, der ab 12. Dezember 2010, gilt.

Das ist verdammt viel Geld f├╝r einen Bahnhof, der zwar einen neuen Namen hat, den man als Ortsfremder aber fast nicht finden kann.

Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
Das heddesheimblog

  • Pf├Ąlzer

    Kleiner Tipp f├╝rs n├Ąchste mal….
    wenn Du einen Bahnhof so verzweifelt suchst ….nimm den Zug …;-)

  • Alex

    Hallo Herr M├╝hlbauer,
    es gibt ein gro├čes wei├čes Schild an dieser besagten Kreiselausfahrt.
    Es handelt sich um ein Piktoggramm f├╝r Bahnhof (Zug/Dach dr├╝ber)
    Dieses weist auch auf das Industriegebiet hin.(Schornsteingeb├Ąude).
    Diese Schilder zeigen z.b. auch Park + Ride oder Parken + Mitfahren Pl├Ątze aus( Kreisverkehr Hirschberg Industriegebiet).
    Piktogramme sind glaube ich auch allgemein, international g├╝ltig und
    vielleicht sogar Bestandteil der StVo.
    Desweiteren ist auch ein Infoplan recht gut mit einem I an der Bushaltestelle direkt nach dem Kreisverkehr,da h├Ątten Sie auch nachschauen k├Ânnen,bevor Sie stundenlang Ihr Navi qu├Ąlen .
    Ein sch├Ânes 3.Adventswochenende noch
    Alex

    • M├╝hlbauer

      Hallo,

      rund um den Kreisverkehr sind zahlreiche Schilder angebracht. Ein „gro├čes wei├čes“ mit Piktogramm ist mir dabei nicht aufgefallen. Sollte es also vorhanden sein, hat es seinen Zweck verfehlt – weil es Ortsunkundige nicht bemerken.
      Ein P+R Schild ist auch kein Schild „Bahnhof“. Sondern Park+Ride. ­čÖé
      Der Infoplan w├Ąre sicherlich eine Option gewesen. Besagtes „I“ sticht bei der Suche nach Bahnhof aber nicht ins Auge. Schlie├člich sucht man den Bahnhof. Und keinen Infopoint. ­čśë

      Beste Gr├╝├če

  • Richard Landenberger

    Dieser Bahnhof, der gar keine so schlechten Verbindungen bietet,
    hat einen gro├čen Nachteil. Man mu├č ├╝ber diese Treppen von einem Bahnsteig zum anderen. F├╝r Leute mit Behinderungen oder M├Ąnner mit Kinderwagen stellen die ein ziemliches Hindernis dar.

    Schon vor Jahren hatte ich vorgeschlagen eine Unterf├╝hrung in Fortf├╝hrung der Stra├če ( den alten Gro├čsachsener Weg) zu bauen.
    Diese Unterf├╝hrung k├Ânnte auch als Fahrradweg an die Bergstra├če genutzt werden. Vor allem w├Ąre es f├╝r alle ein leichtes von einem Bahnsteig zum anderen zu wechseln. St├Âranf├Ąllige Aufz├╝ge k├Ânnen dies nicht ; ich hab schon oft erlbet wie ich ein voll bepacktes Fahrrad steile Treppen bei Bahnsteig├╝berf├╝hrungen hoch- und runtertragen mu├čte.

    Aber meist sind die Entscheidungstr├Ąger keine Bahnfahrer und kennen die allt├Ąglichen probleme nicht.

    Richard Landenberger

  • dr. dietmar neukum

    Bin zuf├Ąllig auf ihren Artikel gesto├čen. Habe als Kind – noch bevor die angrenzende Autobahn gebaut wurde – vor├╝bergehend dort gewohnt. Damals gab es noch kein Gewerbegebiet und keine Autobahn├╝berf├╝hrung (von der aus man den Bahnhof ├╝brigens gut sehen kann) sondern einen beschrankten Bahn├╝bergang. Nun zur Sache: Habe das Gef├╝hl Sie ├╝bertreiben da ein wenig – von besagtem Kreisel sind es nur noch ein paar hundert Meter und wenn man von da aus in weiser Voraussicht weiter Richtung Odenwald/Bergstra├če gehalten hat, trifft man unvermeidlich auf die Bahnstrecke, dort geht es sodann geradeaus nicht mehr weiter. Und wenn der Blick alsbald nach rechts schweift, was sieht man da..? Richtig, genau – den Bahnhof ! – Sch├Ânes Foto ├╝brigens, mit dem alten Geb├Ąude, ehemals Vertrieb von Albert Schmitt Landmaschinen, im Hintergrund. Leider ist von den urspr├╝nglichen Bahnhofsgeb├Ąuden nicht mehr viel ├╝brig.

    Viele Gr├╝├če
    D. Neukum