Mittwoch, 23. August 2017

Gerüchte um die Gründe für eine „außerordentliche Pfarrversammlung“

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. April 2010. Unter Heddesheimer Katholiken wird darüber spekuliert, weshalb es heute um 20:00 Uhr eine „außerordentliche Pfarrversammlung“ geben wird. Es geht bei den Gerüchten um den Verbleib von Pfarrer Heiner Gladbach in Heddesheim. Kann er nicht bleiben wegen einer Erkrankung? Oder wegen einer mutigen und kritischen Predigt des Pfarrers, die er am 14. März 2010 gehalten hat? Oder gibt es ganz andere Gründe? Die Missbrauchsdebatte ist in Heddesheim angekommen – doch nichts Genaues weiß man nicht, wie überall in Deutschland.

Von Hardy Prothmann

Im Info-Kasten am katholischen Pfarrhaus informiert ein Zettel über eine „außerordentliche Pfarrversammlung“ am Freitag, den 09. April 2010 im St. Remigius-Haus, 20:00 Uhr: „Pfarrer H. Gladbach wird uns über seine derzeitige gesundheitliche und persönliche Situation informieren“, steht dort geschrieben.

Am späten Donnerstagnachmittag bekommt die Redaktion einen Hinweis auf die Veranstaltung. Diese scheint kurzfristig anberaumt zu sein, die Kommunikation dazu soll „Mund-zu-Mund laufen“.

gladbach

Pfarrer Gladbach bei der Firmung 2009. Bild: heddesheimblog

Ein Anruf im Pfarramt bringt die Information: „Herr Gladbach ist im Urlaub. Darum hat er gebeten. Er wird morgen sprechen.“

Unser Informant hatte auf eine Erkrankung hingewiesen. Das macht uns stutzig: Wer krank ist, macht normalerweise keinen Urlaub.

Krank? Urlaub? Termin?

Nach diversen Recherchen wird klar: In Heddesheim wird darüber spekuliert, was das bedeuten kann. Vor allem in der katholischen Bevölkerung, aber auch darüber hinaus.

Die Gerüchteküche sagt: Herr Gladbach ist in Freiburg in einer Herz-Klinik. Oder: Herr Gladbach will nach Gerüchten über Zusammenlegungen von Kirchengemeinden in Heddesheim nicht mehr weitermachen.

Dann sagt uns jemand, Herr Gladbach habe einen „Termin“ im Freiburger Ordinariat gehabt. Also keine „Herz-Klinik“?

Das alles sind Spekulationen, die „etwas wissen“, „nicht genau wissen“, „gehört haben“, „nicht bestätigt“ sind, „nicht zitiert werden wollen“.

Es gibt Spekulationen – aber keine Informationen.

Tatsache ist: Es gibt diese Spekulationen. Tatsache ist auch: Je weniger informiert wird, desto mehr Spekulationen gibt es – weil es keine tatsächlichen Informationen gibt.

Tatsache ist auch: Eine Erkrankung ist eine sehr persönliche Situation, die Medien zu respektieren haben und die niemanden etwas angeht, außer der erkrankten Person und allen, die ins Vertrauen gezogen werden.

Spätestens hier würde das heddesheimblog den Umständen entsprechend eventuell weiter recherchieren, aber nicht mehr berichten – aus Respekt vor dem Privatleben.

Tatsache ist aber auch, dass die katholische Kirche in Heddesheim zu einer „außerordentlichen Pfarrversammlung“ einlädt, in der Pfarrer Gladbach über „seine persönliche und gesundheitliche Situation“ informieren will.

Respekt. Privat. Öffentlich.

Damit wird eine zu respektierende private Angelegenheit per Ankündigung öffentlich.

Wir recherchieren also weiter, behutsam, aber beharrlich.

Ein Katholik erzählt uns, wie er die Predigt von Pfarrer Heiner Gladbach am 14. März 2010 erlebt hat: „Er stand mit dem Rücken zur Gemeinde und zitterte. Mein Sohn sagte mehrmals: „Du Papa, ich glaube, der Pfarrer weint jetzt gleich“. Mein Sohn war sehr aufgeregt und auch ich war sehr ergriffen. Das habe ich noch nie vorher erlebt.“

Heiner Gladbach stellt unangenehme Fragen.

Am 14. März 2010 sagt Pfarrer Heiner Gladbach: „Ich bitte dich für die Opfer, die durch Missbrauch und Misshandlung lebenslange seelische Schäden davongetragen haben und tragen. (…) Sieh auf die Fehler der Verantwortlichen in deiner Kirche: Jahre und Jahrzehnte haben sie geschwiegen und diese Vergehen zugedeckt. Dadurch haben sie ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen.“

Diese Worte sind offen, kritisch und ergreifend, weil ein Pfarrer den Mut hat, im gemeinsamen Gebet darüber zu sprechen, was die Menschen seit Wochen nicht nur in Deutschland bewegt und verzweifelt macht.

Pfarrer Gladbach wird aber noch mutiger und deutlicher: „Es ist unverständlich, warum dies geschehen musste. Im Moment kann man – Jesus – an deiner Kirche verzweifeln. Als Priester fühle ich mich im Moment hilflos.“

„Ich schäme mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.“ Heiner Gladbach

Was der Pfarrer in seinem Gebet sagt, ist eine Zumutung für jeden, der an die Unfehlbarkeit der Kirche glaubt.

Und dann betet Pfarrer Gladbach etwas, dass unbedingt politisch zu verstehen ist: „Ich schäme mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.“

Pfarrer Gladbach wird in seinem Gebet nicht nur politisch – er wird deutlich: „Und es nützen mir nicht all die Versprechungen der lückenlosen Aufklärung, und es nützt mir erst recht nicht die Aussage: Das kommt auch in nichtkirchlichen Institutionen vor.“

Eine Woche nach diesem Satz äußert sich der „Chef“ von Pfarrer Gladbach, Erzbischof Robert Zollitsch, der auch Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz in Deutschland ist, im Focus: „Auch wenn immer deutlicher werde, dass „die meisten Fälle außerhalb des kirchlichen Raumes“ geschähen, seien sie in der Kirche besonders schlimm.“

Und kurz darauf gibt es die Meldung: „In der Diskussion um sexuellen Missbrauch im Erzbistum Freiburg hatte Zollitsch am Samstag Vorwürfe gegen seine Person zurückgewiesen. Bei einem Fall, mit dem der heutige Erzbischof 1991 als Personalreferent befasst war, sei es nie darum gegangen, etwas zu vertuschen, sagte Zollitsch am Samstag vor Journalisten in Freiburg. Die Bistumsleitung habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“

Was haben die Krankheit, der Urlaub mit Erzbischof Zollitsch zu tun?

Gladbachs „Chef“, Herr Zollitsch, steht schwer unter Beschuss. Der Südwestrundfunk (SWR) stellt in Report Mainz die Frage: „Wie glaubwürdig ist Erzbischof Zollitsch als Aufklärer?“

Heute wird Pfarrer Gladbach über seine „gesundheitliche und persönliche Situation“ informieren.

Und das ist gut so. Je umfassender Herr Gladbach informiert, umso mehr wird Gerüchten jeglicher Boden entzogen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • onkel heini

    Ich gehöre zwar keiner Kirche mehr an, kenne aber als Mißbrauchsopfer die Strukturen der sogenannten christlichen Gemeinschaft. Hut ab, vor Pfarrer Gladbach, der und da sollte sich jeder darüber im Klaren sein, großen Mut mit seinem Gebet bewiesen hat. Aber ich befürchte das er jetzt die Konsequensen seines Mutes erleiden muß. Aber vielleicht werden wir auch überrascht, und der Pfarrgemeinderat stellt sich ohne Wenn und Aber hinter Seinen Pfarrer. Ich wünsche es Hr.Gladbach. Und wenn ich Ihn das nächste Mal sehe, werde ich Ihm besonders freundlich zulächeln und Ihm mutig zunicken.
    Bis zum nächsten Mal
    Euer Onkel Heini

  • Es ist schade, dass krichliche Institutionen bei Missbrauch von Abhängigen durch ihre Mitarbeiter, dies nicht offensiv verfolgen. Auch bei anderen Institutionen, wie Schulen usw. erfolgt auch keine offensive Verfolgung. Wenn ich beim Aldi eine Tüte Milch klaue und dabei erwischt werde, dann sind gleich 2 Staatsanwälter hinter mir her. Nun ja mal schauen, wie sich unsere Gesellschaft weiter entwickelt.