Donnerstag, 23. November 2017

Gabis Kolumne

Vom Aussterben der Telefonzellen und der Parkuhren

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Öffentlich Telefonieren heute - es gibt sie noch, die Telefonzelle. Aber selten in gutem Zustand.

Guten Tag!

Heddesheim, 09. Januar 2012. Vor kurzem hat Gabi einen Beitrag gehört ĂŒber Dinge, die quasi ausgestorben sind – und dabei ging es nicht um Dinosaurier, sondern um die jĂŒngste Vergangenheit, also um Sachen, die noch vor wenigen Jahren zum Alltag gehörten. Gabi erinnert sich an Telefonzellen und Parkuhren.

Ich kann mich noch gut an den Geruch von Telefonzellen erinnern und vor allem den der Telefonhörer. Der Geruch war eine Mixtur aus Mensch und Rauch. Wenn ich mich recht erinnere, gab es kleine Aschenbecher aus Metall, die aber nie genutzt wurden und ĂŒberall konnte man die Spuren der ausgedrĂŒckten Zigaretten erkennen. Die TelefonbĂŒcher waren meist zerfleddert und die Nummer, die man suchte, war meist in dem Teil, der ausgerissen war.

Systemfragen

Im Sommer war der Gestank und die Hitze in den Telefonzellen unertrÀglich und im Winter nicht viel besser, aber wenn man davorstand und in der KÀlte darauf wartete, dass sie frei wurde, erschien der Innenraum durchaus verlockend.

Vor allem im Urlaub war die Telefonzelle meist die einzige Möglichkeit mit Zuhause zu telefonieren. In jedem Land musste man sich auf ein neues System einstellen, mal erst wĂ€hlen, dann zahlen, mal umgekehrt. In Italien funktionierte telefonieren zu Lire-Zeiten eigentlich nur mit „Gettoni“, die man irgendwo erwerben musste.  In England konnte man, wenn man schnell genug war, ein „Gut angekommen“ in den Hörer brĂŒllen, bevor man die MĂŒnzen einwerfen musste.

Und ĂŒberhaupt die MĂŒnzen. Nie hatte man das richtige Kleingeld parat, entweder – damals war telefonieren ja auch noch richtig teuer – waren die ZehnpfennigstĂŒcke in Nullkommanix weg oder aber man hatte eine Mark eingeworfen und der gewĂŒnschte GesprĂ€chspartner war nicht zu Hause und stattdessen telefonierte man mit dem Vater.

Neues Styling – alter Geruch

In meiner Erinnerung sind Telefonzellen immer noch Gelb, obwohl mit dem Wandel von der Deutschen Post AG zur Telekom irgendwann ein Umstyling in grau-pinkfarbene HÀuschen erfolgte, mit schickeren Hörern und komfortabler Tastenwahl. Der Geruch blieb.

Es gibt sie auch heute noch, aber wenn ich ehrlich bin, ich weiß eigentlich nicht, wo hier im Ort die nĂ€chste Telefonzelle steht. Meist sind das nur noch WandgerĂ€te, die man inzwischen auch mit Geldkarten fĂŒttern kann. Und auch heute sind sie selten in gutem Zustand. Ich glaube, die letzten zehn Jahre habe ich keine mehr benutzt und meine Kinder wie auch andere wahrscheinlich noch nie – die haben heute Handys.

Wirklich vermissen tue ich sie nicht, aber natĂŒrlich hatte sie auch ihre VorzĂŒge, so konnte man in der damals noch handylosen Zeit sagen: „Ich hĂ€tte dich ja gerne angerufen, habe aber leider keine Telefonzelle gefunden“, und ein unangenehmes GesprĂ€ch konnte man mit: „Du jetzt habe ich kein Kleingeld mehr“, problemlos abwĂŒrgen.

Ähnlich wie die Telefonzellen verschwinden auch die Parkuhren immer mehr aus den Straßenbildern – und das ist optisch kein Verlust – beziehungsweise werden durch moderne Parkautomaten ersetzt.

Die EinfĂŒhrung des Euros war der Anfang vom Ende

Als der Parkraum immer knapper wurde, fĂŒhrte man in den 50er Jahren die „Parkographen“ – eine amerikanische Erfindung – ein. Die EinfĂŒhrung des Euros 2002 war quasi der Anfang vom Ende, denn eine UmrĂŒstung auf neue MĂŒnzen wĂ€re fĂŒr die Kommunen zu teuer geworden. So begann der Siegeszug der Parkautomaten und wo man frĂŒher pro Parkplatz eine Parkuhr brauchte, reicht heute ein Automat fĂŒr viele.

Auch bei den Parkuhren fehlte mir stĂ€ndig das passende Kleingeld. Und oft konnte man nur fĂŒr eine halbe Stunde MĂŒnzen einwerfen, so dass man stĂ€ndig wieder hinrennen und nachwerfen musste. Erfreulicherweise waren Parkuhren oft kaputt und mussten dann nicht befĂŒttert werden.

Bedauere ich das „Aussterben“ von Telefonzellen und Parkuhren? Nicht wirklich, ich ĂŒberlasse es nostalgischen Sammlern, sich Telefonzellen oder Parkuhren in den Garten zu stellen.

Ich freue mich, dass ich ein Handy habe und keine öffentlichen Telefoniermöglichkeiten mehr suchen muss, finde es praktisch, dass man Parkscheine auch (meist) fĂŒr lĂ€nger als eine halbe Stunde lösen kann, vermisse weder Euroschecks noch Überweisungsformulare, genieße also insgesamt die kleinen Erleichterungen im Alltag. Denn letztlich fahren wir auch nicht mehr mit der Postkutsche und Kerzenlicht. Das ist romantischen Stunden im Urlaub vorbehalten.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Mett

    Kleine Korrektur: Das neue Styling bekamen die TelefonhĂ€uschen noch zu Zeiten der Deutschen Bundespost – TELEKOM. Einen Wandel von der Deutschen Post AG zur Telekom gab es auch nicht, da die Deutsche Telekom AG 1995 ebenso direkt aus der Deutschen Bundespost hervorging wie die Deutsche Post AG und die Postbank.

    • sabine

      Danke fĂŒr diesen Hinweis 🙂

      Die Redaktion

  • Renate

    Liebe Gabi,

    schönes Thema! Mein Buchtipp dazu:

    „Das Lexikon der verschwundenen Dinge“ von Volker Wieprecht und Robert Skuppin.

    TatsĂ€chlich gibt es viele Dinge, die man nicht unbedingt vermissen muss. Allerdings gibt es ein Ding, nach dem ich persönlich schon ein bisschen Sehnsucht habe: Der Flipper! Nicht der Delphin! Der Automat natĂŒrlich! Und zwar der, der in der Kneipe steht, nicht weit entfernt von der Jukebox. Weißt, was ich meine. Flippern in der Spielhalle ist ja nicht besonders prickelnd. Die Umgebung muss fĂŒr den Jubel ĂŒber ein Freispiel schon passen. Mehr gibt es ja nicht zu holen, nur Freispiele. Über Punkte, oder noch schöner, ĂŒber den Idiotenclack. Das eine machst Du mit Können, das andere gibt Dir ein GefĂŒhl von Mensch-ĂŒberlistet-Maschine.

    Wie auch immer, bin jedenfalls schon lange auf der Suche nach einer gediegenen Kneipe mit Flipper. Aber ich fĂŒrchte, die sind verschwunden…

  • Flipper

    Hi Renate,

    absolut richtig – war das frĂŒher geil. Da hatte man links und rechts nen Knopf und das richtige GefĂŒhl fĂŒrs schupsen, damit das Ding nicht tillt und wie war das geil, wenn alles blinkte und die Kugel flitzte und es ĂŒberhaupt nicht mehr aufhörte und wann wie im Rausch diese Riesenmaschine „bediente“ und es klackte und heulte und zĂ€hlte und flackerte.
    Mein absoluter Lieblingsflipper war Sourcerer. Klack-klack-klack machte es bei den Freispielen. S-o-u-r-c-e-r-e-r klang es dumpf und gefÀhrlich, wenn man was abgerÀumt hatte.
    Doch es gibt auch eine böse Geschichte. Einer meiner besten Freunde hatte sich den Sourcerer aus ner Kneipe gekauft – Modellwechsel. Er spielte immer wieder dran, dann war ich ein paar Wochen bei ihm zum Besuch wegen einem Praktikum. Abends spielte ich auch, dann packte mich der Wahn und ich zockte stundenlang.
    Dann hatte ich einen Lauf und ich weiß nicht mehr, ob es 16.000 oder 160.000 oder 16 Millionen Punkte waren. Nur die 16 ist als Zahl geblieben. Auf jeden Fall war das doppelt so viel, wie mein Kumpel davor und danach jemals erreicht hat.
    Das hat unsere Freundschaft ein wenig beschattet.
    Seine Frau hat mir erzÀhlt, dass er noch ein Jahre lang oft gespielt hat. Manchmal hat er auch geflucht. Dann hat er ihn verkauft.
    Heute, 15 Jahre spĂ€ter, wĂŒrde ich mich mal gerne wieder mit ihm messen. Mein Gott – eine Riesenmaschine, zwei Knöpfe. Wie geil.

    • Renate

      Oha Flipper!

      Da spricht ein wahrhaftiger Pinball-Wizard, was?

      Warte bis in diesem Fall symbolische 16 Jahre um sind, und dann schlage Deinem Kumpel die Revanche vor. So ein „battle“ braucht natĂŒrlich etwas Publikum, also gib gegebenenfalls Bescheid, wann und wo das stattfindet. Bin gespannt, ob es doch noch einen geeigneten Ort gibt, der kein einsamer Privatkeller und keine deprimierende Spielhalle ist. 😉