Dienstag, 15. Oktober 2019

Du kommst also aus Ostberlin?

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. November 2009. Heute vor zwanzig Jahren ist „die Mauer gefallen“. Auch fĂŒr Dirk Wett (45). Der gebĂŒrtige Greifswalder lebte und studierte damals in (Ost-)Berlin und erinnert sich: „Da krieg ich heute noch GĂ€nsehaut und TrĂ€nen in die Augen.“
Dirk Wett sagt: „Ich bin kein Ossi, sondern Deutscher.“ Im Interview mit dem heddesheimblog spricht Dirk Wett ĂŒber Klischees, ĂŒber das Leben hier und „drĂŒben“, ĂŒber Mythen und das, was fĂŒr ihn das Wichtigste ist.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Wett, wie war das fĂŒr Sie, als die Mauer fiel?
Dirk Wett: „Da kriege ich heute noch GĂ€nsehaut, wenn ich dran denke, wie der Genscher (Hans-Dietrich Genscher, Außenminister a.D., die Red.) da in der tschechischen Botschaft gesprochen hat und dann spĂ€ter die Mauer fiel. Gleichzeitig machte ich mir Sorgen, weil ich wusste, dass mein Bruder abhauen wollte und nicht klar war, wo er war und ob die Stasi uns dafĂŒr bestrafen wĂŒrde. Er hatte es aber geschafft und die Stasi war kurz darauf Geschichte. Das war eine sehr aufregende Zeit.“

Wo waren Sie zur Zeit des Mauerfalls?
Wett: „In Ostberlin, Friedrichshain. Ich hatte aber vor dem Fall der Mauer schon Westerfahrung.“

„Beim Fall der Mauer dachte ich: Jetzt wird vieles besser.
Damals war ich noch nicht reif genug.“ Dirk Wett

ErzÀhlen Sie.
Wett: „Ich durfte meinen Onkel, der seinen sechzigsten Geburtstag hatte, im pfĂ€lzischen Mutterstadt besuchen. Das war im MĂ€rz 1989.“

Wie? Sie durften ausreisen? Warum sind Sie nicht im Westen geblieben?
Wett: „Mir gehörte das Haus meiner Großeltern, in dem wir gemeinsam wohnten. WĂ€re ich im Westen geblieben, wĂ€re ich enteignet worden und meine Großeltern hĂ€tten große Probleme bekommen… Außerdem wollte ich ja dahin zurĂŒck, wo ich zu Hause war.“

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Dirk Wett im Jahre 1989: Einfach der Mensch, der ich bin und sein darf. Bild: privat

Und wie war diese Erfahrung?
Wett: „Ich dachte damals, „ihr könnt mir mit eurem Materialismus gestohlen bleiben“. Das erste, was mein Onkel gemacht hatte, war mit mir in die Metro zu fahren und zu zeigen, was der Westen alles bietet. Das fand ich irritierend und bis heute finde ich es wichtiger, gesund zu sein sowie meine Familie und meine Freunde zu haben. Das zĂ€hlt fĂŒr mich am meisten.“

Wie haben Sie die Tage des Mauerfalls erlebt?
Wett: „Alles ging drunter und drĂŒber. Ich kann mich an alle Erlebnisse dieser Tage erinnern. Das wichtigste GefĂŒhl aber war: Ich dachte, jetzt wird vieles besser. Damals war ich noch nicht reif genug, um zu verstehen, dass sich sehr viel verĂ€ndern wĂŒrde.“

Was hat sich verÀndert?
Wett: „Zuerst mal war ich jung verliebt mit meiner Frau zusammen und bald waren „wir“ schwanger. Ich wusste, wir werden eine kleine Familie und ich musste diese versorgen. In Ostberlin gingen schnell fast alle Firmen pleite. Das war ein Schock.“

Was haben Sie gemacht?
Wett: „Ich bin mit dem Zug zu meinem Onkel gefahren. Der meinte, ich könne drei Tage bleiben und mĂŒsste dann in ein Auffanglager. Ich habe mir einen Job gesucht und eine Wohnung. ZunĂ€chst habe ich in Mannheim in der Tullastraße gewohnt.“

„Unsere Familie war schon zu DDR-Zeiten gesamtdeutsch.
Dem stand nur die Mauer im Weg.“

Wie ging es Ihnen in dieser Zeit?
Wett: „Wie schon? Schlecht. Meine Frau war im achten Monate schwanger, ihr ging es nicht gut – das war eine schwere Zeit. Dann konnte ich endlich meine Frau und meinen Sohn zu mir nachholen und seitdem ist alles gut.“

Jetzt haben Sie zwanzig Jahre aber sehr schnell erzÀhlt. Wie ging es weiter, als ihre Frau und ihr Sohn dann bei Ihnen waren?
Wett: „Wir sind zunĂ€chst nach Altenbach gezogen – ich habe gearbeitet und bin schließlich mit der Familie vor sechzehn Jahren in Heddesheim gelandet. Seitdem arbeite ich hier als Vorarbeiter in einem Metallbetrieb.“

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FĂŒr die einen Geschichte, fĂŒr die anderen ein SammlerstĂŒck: Brocken der Berliner Mauer. Bild: hp

Spielt ihre „DDR-Vergangenheit“ in Ihrem heutigen Leben noch eine Rolle?
Wett: „Nein. Die hat schon zu DDR-Zeiten keine Rolle gespielt, weil unsere Familie immer gesamtdeutsch war. Wir hatten viel Besuch aus dem Westen und wir schickten Pakete in beide Richtungen. Das einzig blöde war – wir konnten nicht die Westverwandtschaft besuchen. Sonst war alles normal.“

„Ich habe eine schöne, normale Jugend in der DDR verbraucht,
an die ich mich gerne zurĂŒckerinnere.“

Moment: Normal? Die DDR war eine Diktatur.
Wett: „Klar war sie das. Aber ich habe dort eine schöne, normale Jugend verbracht, so wie alle Kinder auf der Welt egal in welchem politischem System, solange sie nicht Hunger und Gewalt fĂŒrchten mĂŒssen. Und das mussten Kinder in der DDR nicht. Wir sind zur Schule gegangen, haben Streiche gemacht und sind grĂ¶ĂŸer geworden. Meine Jugend war sehr schön und da ich ein positiv denkender Mensch bin, ging es mir gut.“

Viele Medien berichten seit Tagen und werden das heute auch mit enormem Einsatz tun, was alles schlecht war…
Wett: „Was haben diese Medien mit meinem Leben zu tun? Ich war glĂŒcklich und meine Erfahrung war, dass die Menschen in der DDR einem normalen Leben nachgegangen sind. Erst als ich nach und nach erwachsen wurde, wurde mir klar, dass vieles in der DDR nicht stimmte. Und wir brauchen nicht ins Detail gehen – ich bin der letzte, der das zurĂŒckhaben will.“

Und was ist mit der Ostalgie?
Wett: „Dazu kann ich eine Geschichte erzĂ€hlen. Wir waren dieses Jahr im August auf Usedom. Da gibt es ein DDR-Museum. Das haben wir uns angeschaut – nicht, weil wir uns irgendwas von dem zurĂŒckwĂŒnschen, was da ausgestellt ist, alle Fahrzeuge, WohnungseinrichtungsgegenstĂ€nde bis hin zum Ausreiseantrag, sondern, weil das unsere Vergangenheit ist und die Erinnerungen belebt.“

„Es gibt viele Mythen.
Dass die Menschen der DDR fĂŒr ihre Freiheit auf die Straßen gegangen sind, ist keiner.“

Es heißt doch immer, „nicht alles war schlecht…“
Wett: „War es ja auch nicht. Aber dass es mehr Kameradschaft gegeben hĂ€tte oder die Leute netter miteinander waren, ist ein Mythos.“

Also sind die Ossis nicht die besseren Menschen? Das ist nur ein Klischee?
Wett: „Wer sowas behauptet, hat nichts kapiert. Wir haben uns gegenseitig geholfen, weil wir das mussten. Der eine hat das besorgt, der andere dafĂŒr was anderes. Hier im Westen besorgt man sich das, was man bezahlen kann oder auf Kredit bekommt. In beiden FĂ€llen geht es um egoistische BedĂŒrfnisse.“

„Zivilcourage ist nicht das, was im Westen oder in Gesamtdeutschland vorgelebt wird.“

Jetzt gehen Sie aber mit dem Osten hart ins Gericht.
Wett: „Ich war ja noch nicht fertig. Es gibt einen Unterschied zum Westen: Kein Mythos ist, dass die Menschen der DDR fĂŒr ihre Freiheit auf die Straße gegangen sind und zwar obwohl sie Angst haben mussten, von irgendeiner Armee zusammengeschossen oder von der Stasi verschleppt zu werden. Das ist ohne Beispiel und jeder der im „Westen“ dummes Zeug reden will, sollte sich die Frage stellen, wer hier die Zivilcourage bewiesen hat. Zivilcourage ist nicht gerade das, was im Westen und mittlerweile in Gesamtdeutschland jeden Tag vorgelebt wird, oder?“

Das heißt fĂŒr Sie?
Wett: „Demokratie ist verdammt schwer zu leben und sicher nicht das Paradies auf Erden – schon gar nicht, wenn der Markt und das Geld den Ton angeben. Aber das ist immer noch die beste Staatsform, weil man wenigstens die Chance hat, sein GlĂŒck zu machen. Und wer klug ist, versucht das, im Großen wie im Kleinen.“

„Wer heute noch von Ossis spricht, redet nur ĂŒber die eigene Dummheit und Vorurteile.“

Stört es Sie, wenn jemand Sie als Ossi bezeichnet?
Wett: „Es stört mich höchstens die Dummheit des Vorurteils eines „Besserwessis“, die sich dahinter versteckt. Gerade gestern sagte jemand zu mir: Du kommst also aus Ostberlin? Was fĂŒr eine blöde Frage… Welche Antwort soll es darauf geben? Ja? Und dann ist alles gesagt? Persönlich mag ich den Begriff nicht. Ich bin ein Mensch und so sehe ich das auch fĂŒr andere Menschen. Beispielsweise auch einen guten Freund von mir, der kommt aus Kamerun und ist so schwarz wie die Nacht.“

Wenn jemand von Ihnen wissen will, was Sie aus der Erfahrung in der DDR und im vereinten Deutschland fĂŒr sich gelernt haben, was sagen Sie dem?
Wett: „FĂŒr mich persönlich sind meine Familie und meine Freunde das Wichtigste ĂŒberhaupt. Und dass alle gesund sind. Der Rest, hart zu arbeiten, Geld zu verdienen, sich weiterzuentwickeln, dafĂŒr muss man sich ĂŒberall anstrengen. Aber ich weiß auch eines sicher – die DDR will ich ganz bestimmt nicht zurĂŒck, was aber nicht heißt, dass in Gesamtdeutschland alles gut ist. Das versteht auch jeder, der bei Verstand ist.“

Was glauben Sie, wie lange die Frage, ob man aus dem Osten oder Westen stammt, noch gestellt werden wird?
Wett: „Bei der Frage muss ich an meine Großmutter denken, bei der ich aufgewachsen bin. Sie wurde am 18.10.1910 geboren. Und noch bis zur Maueröffnung hat sie von denen, die aus Schlesien in unseren Ort gekommen waren, als von den „FlĂŒchtlingen“ gesprochen. Das hat sie ĂŒberhaupt nicht böse gemeint, aber so gesagt, weil die eben als FlĂŒchtlinge nach dem Krieg gekommen waren.

Was ist der Unterschied zwischen einem „Ossi“ und einem „FlĂŒchtling“?
Wett: „Das Wort „FlĂŒchtling“ meiner Großmutter beschrieb das Schicksal des Menschen. Das Wort Ossi hat fĂŒr mich bis heute einen negativen Klang und nicht nur fĂŒr mich – es steckt keine Anteilnahme dahinter. “

Ihre Großmutter hat das Wort lange benutzt. Wir lange wird es den „Ossi“ Ihrer Meinung nach noch geben?
Wett: „Es dauert immer zwei, drei Generationen, bis Geschichte normal werden darf. Also bestimmt noch 20 bis 30 weitere Jahre.“

Bedauern Sie das?
Wett: „Ich? ÃƓberhaupt nicht, dafĂŒr bin ich doch nicht verantwortlich. FĂŒr mich ist es so: Ich stamme aus Greifswald und war spĂ€ter in Berlin und lebe heute in Heddesheim. Was sagt das ĂŒber mich als Mensch aus? Nichts. Ich bin der Mensch, der ich sein will und den man das sein lĂ€sst. Seit lĂ€ngerer Zeit bin ich ein Heddesheimer, weil ich hier lebe.“

Zur Person:
Dirk Wett ist seit sechzehn Jahren Heddesheimer. Er lebt hier mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn. Wett arbeitet in einem Heddesheimer Metallbaubetrieb als Vorarbeiter und ist begeisterter Radfahrer. Am liebsten wĂ€re ihm, „wenn jemand den Odenwald an Berlin ranschiebt. Dann hĂ€tte ich Berlin und den Odenwald zusammen – man wird ja wohl noch trĂ€umen dĂŒrfen“.

Anmerkung der Redaktion:
Dirk Wett wusste bis Sonntagnachmittag 16:00 Uhr nichts von seinem Schicksal – nĂ€mlich, dass er zu seinem frĂŒheren Leben als DDR-StaatsbĂŒrger und seinem heutigen als BĂŒrger der Bundesrepublik Deutschland zum Thema zwanzig Jahre Mauerfall befragt werden sollte. Eine Viertelstunde nach dem Anruf saß Hardy Prothmann in seiner KĂŒche. Denn Dirk Wett sagte das Interview zu und meinte: „Das machen wir dann halt am Besten gleich.“

Rund 90 Minuten ging es um Lebensfragen, um Fragen der Erfahrung, um EnttĂ€uschungen, Hoffnungen, Anekdoten und konkrete Ziele.  Ohne Umschweife, ohne Misstrauen, einfach gerade heraus.

Die Zusammenfassung des GesprĂ€chs als Interview beschreibt eine klare Sicht auf ein Schicksal, das man sich nicht aussucht, aus dem aber man das Beste macht. Dirk Wett rĂ€umt gleich mit zwei Vorurteilen auf: Er hĂ€lt den „Westen“ nicht fĂŒr das einzig wahre Gute – und hat gute Erinnerungen an den „Osten“, in dem aber viel nicht gut war. Die Systeme waren, wie sie waren. Eines ist ĂŒbrig geblieben, aber auch nicht mehr dasselbe wie vor zwanzig Jahren: „Die Dinge entwickeln sich, die Frage ist, wer wann was dafĂŒr oder dagegen tut.“

Besten Dank fĂŒr das GesprĂ€ch!

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.