Samstag, 19. August 2017

Der Ammoniak-Unfall aus Sicht der Gemeinde

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. September 2010. Die Gemeinde Heddesheim hat auf den Gas-Unfall auf der Eisbahn am Montag mit einer Pressemitteilung reagiert. Die liest sich fast so, als sei der Unfall eingeplant gewesen. Alles in Ordnung, nix passiert, alles im Plan. Ist das so?

Die Redaktion hatte die Gemeinde wie gewohnt schriftlich angefragt – denn der B├╝rgermeister hat ja bekanntlich ein Sprechverbot der Mitarbeiter gegen├╝ber dem heddesheimblog erlassen. Unsere Presseanfragen m├╝ssen an die email-Adresse gemeinde@heddesheim.de gesendet werden.

Am Montag, den 06. September 2010, um 18:50 Uhr haben wir die Gemeinde angeschrieben, am darauffolgenden Mittwoch um 11:46 Uhr die Antwort erhalten:

  1. Wieso wurden die Rohrleitungen sandgestrahlt?
  2. Wann war die letzte Sicherheits├╝berpr├╝fung der Anlage?
  3. Wer hat diese vorgenommen?
  4. Muss man nicht davon ausgehen, dass ├â┼ôberpr├╝fungen zu lasch durchgef├╝hrt worden sind? Denn ein solcher Rohrfra├č entsteht sicherlich nicht binnen kurzer Zeit?
  5. Gab es eine Sicherheitseinweisung f├╝r die Arbeiter?
  6. Nach unseren Informationen sind einige der Rohre deutlich von Rost angefressen. Wieso sind diese Rohre nicht l├Ąngst ausgetauscht worden?
  7. Da die Feuerwehr das Gas mit Wasser niedergeschlagen hat, ist von einer Basenbildung auszugehen. Sind hier weitere Sch├Ąden an der Anlage entstanden?
  8. Liegen schon Informationen vor, wie hoch die Sch├Ąden sind?
  9. Welches Notfallkonzept gibt es f├╝r den Fall, dass w├Ąhrend des Eisbahnbetriebs Ammoniak austreten sollte?
  10. Ist die Gemeinde schadensersatz-/schmerzensgeldpflichtig gegen├╝ber den verletzten Arbeitern?

Sechs von 10 Fragen (4, 6, 7, 8, 9, 10) sind nicht oder nur unvollst├Ąndig aus Sicht der Redaktion beantwortet. Bei manchen Fragen h├Ątten wir gerne noch Details gewusst, andere tiefer nachgefragt, beispielsweise das Notfallkonzept (Frage 9).

Und vor allem Frage 4 wirft Folgefragen auf: Sicherlich hat der T├â┼ôV die Anlage ausweislich der Presseinformation im Juli 2009 ├╝berpr├╝ft. Aber auch beim T├â┼ôV arbeiten keine heiligen und fest steht, das ein einfaches Sandstrahlen der Rohre dazu gef├╝hrt hat, dass Gas austreten konnte. Konkret hei├čt das, dass mehr oder weniger nur noch der Rost die betreffenden Stellen „abgedichtet“ hat.

War dies nicht schon vor einem Jahr abzusehen?
Muss nicht bis zum Beweis des Gegenteils unterstellt werden, dass der TÃœV diese Stellen übersehen hat?

Auf der Hand liegt, dass, wenn Rohre so schnell korrodieren sollten, diese j├Ąhrlich ausgetauscht werden m├╝ssten, was nicht zu vermuten ist. Hat also der T├â┼ôV geschlampt oder ein Auge zugedr├╝ckt? Das sind Antworten, auf die Besucher der Eisbahn, ├╝berwiegend Kinder und Jugendliche und deren Eltern ein Recht haben. Nach Darstellung der Gemeinde liest es sich aber, als sei alles in Ordnung. Der Beweis: Die Arbeiter konnten schon am n├Ąchsten Tag ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Presseinformation der Gemeinde Heddesheim

„Ammoniakaustritt an der Kunsteisbahn Heddesheim am 06.09.2010

Heddesheim. Bei Wartungsarbeiten an der Kunsteisbahn Heddesheim sind am Montagnachmittag geringe Mengen Ammoniak ausgetreten. Zwei Arbeiter der ausf├╝hrenden Firma wurden vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht und konnten am Dienstag wieder ihrer Arbeit nachgehen. Das gasf├Ârmige Ammoniak wurde mit Wasser niedergeschlagen und dann verd├╝nnt in geringen Mengen in das Kanalsystem eingeleitet. Gef├Ąhrdungen f├╝r weitere Personen sowie Gefahren f├╝r die Umwelt bestanden nicht.

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Einsatzkr├Ąfte der Feuerwehr in Schutzanz├╝gen. Bild: heddesheimblog.de

Der verwendete Ammoniak ist Teil der K├Ąlteanlage der Kunsteisbahn und wird durch Rohrleitungssysteme unter dem Boden der Eisbahnfl├Ąche verteilt. Er dient der K├╝hlung der Fl├Ąche und ist Voraussetzung daf├╝r, dass auf der Eislauffl├Ąche das Eis gefriert und gefroren bleibt.

Am Montag waren zwei Arbeiter einer Firma auf dem Gel├Ąnde, die zur Ausf├╝hrung von Korrosionsschutzarbeiten an diesen Rohrleitungen beauftragt war. Dies geschah durch sogenannte Sandstrahlarbeiten. Die Arbeiten waren zur Beseitigung von Korrosionssch├Ąden an den Rohren anberaumt worden. Diese waren zuvor an einigen Stellen der Rohre sichtbar, an anderen Stellen jedoch durch eine Ummantelung bzw. Lackierung der Rohre nicht. Die Korrosion entsteht bei diesen Rohren nicht an der Innenseite, sondern lediglich an der Au├čenseite, da Ammoniak selbst nicht zu Rostsch├Ąden f├╝hrt.

Die Arbeiter entfernten dazu die Ummantelung an den Rohren. In einem zuvor auf Grund der Ummantelung bzw. Lackierung nicht sichtbaren Bereich an der Unterseite eines Rohres kam es durch die Sandstrahlarbeiten zu einem Ammoniakaustritt.

Beide Arbeiter waren im Vorfeld der Arbeiten auf dem Gel├Ąnde entsprechend in Sicherheitsvorkehrungen eingewiesen worden. Sicherheitsma├čnahmen wie z.B. der Einsatz einer Schutzausr├╝stung mit externer Luftzufuhr bei Kontakt mit den Rohrleitungen wurden eingehalten. Die Freiwillige Feuerwehr Heddesheim, die entsprechende Kenntnisse zum Einsatzszenario bei einem Ammoniakaustrittsfall besitzt, der Bauhof und der Eismeister der Eisbahn haben rasch und besonnen gehandelt.

Auch eine Firma zum K├Ąlteanlagenbau, die mit der Anlage vertraut ist, die Wasserschutzpolizei Mannheim sowie ein Mitarbeiter des Abwasserverbands Unterer Neckar (Kl├Ąranlage Edingen-Neckarhausen) waren im Einsatz. Die Freiwillige Feuerwehr wurde um 13:36 Uhr alarmiert. Um 13:47 Uhr, also elf Minuten sp├Ąter, waren die Feuerwehrangeh├Ârigen, die mit Sondersignal ausger├╝ckt waren, mit ihrer speziellen Schutzausr├╝stung vor Ort. Insgesamt waren 14 Feuerwehrangeh├Ârige mit drei Fahrzeugen im Einsatz.

Der Ammoniak wurde mit Wasser verd├╝nnt in die Kanalisation geleitet. Die Austrittstelle am Rohr wurde unter Beisein einer Fachfirma mit einer Manschette abgedichtet. An der Eisbahn sind dadurch keine weiteren Sch├Ąden entstanden. Das restliche K├Ąltemittel wurde inzwischen aus der Au├čenverrohrung abgesaugt, so dass die weiteren Arbeiten gefahrlos stattfinden k├Ânnen.

Die Korrosionsschutzarbeiten bzw. die Sanierungsarbeiten werden in den n├Ąchsten Wochen fortgesetzt. Zus├Ątzlich ist an einigen Bereichen ein Austausch von Rohrleitungen notwendig. Die Arbeiten werden anschlie├čend vom T├â┼ôV abgenommen.

Ein Teil der vorhandenen Rohre ist bereits im vergangenen Jahr saniert worden. Die restliche Sanierung, zu der die aktuellen Arbeiten geh├Âren, ist momentan im Gang. Daf├╝r waren Haushaltsmittel im Gemeindehaushalt 2010 eingestellt.

An der Kunsteisbahn finden einmal j├Ąhrlich Wartungsarbeiten mit einer Sachkundigenpr├╝fung statt. Die letzte Wartung der Anlage ist im Juli 2009 erfolgt, bei der auch der T├â┼ôV die Anlage ├╝berpr├╝ft hat. Die n├Ąchste Wartung findet im Oktober 2010 statt. Die Eismeister sind dar├╝ber hinaus in den Anlagen und au├čerdem f├╝r das Verhalten bei einem solchen Vorfall geschult.“

Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
Das heddesheimblog

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • jawiejetzt?

    Einen nachdenklichen guten Tag,

    „Die Freiwillige Feuerwehr Heddesheim, die entsprechende Kenntnisse zum Einsatzszenario bei einem Ammoniakaustrittsfall besitzt, der Bauhof und der Eismeister der Eisbahn haben rasch und besonnen gehandelt.

    Auch eine Firma zum K├Ąlteanlagenbau, die mit der Anlage vertraut ist, die Wasserschutzpolizei Mannheim sowie ein Mitarbeiter des Abwasserverbands Unterer Neckar (Kl├Ąranlage Edingen-Neckarhausen) waren im Einsatz. Die Freiwillige Feuerwehr wurde um 13:36 Uhr alarmiert. Um 13:47 Uhr, also elf Minuten sp├Ąter, waren die Feuerwehrangeh├Ârigen, die mit Sondersignal ausger├╝ckt waren, mit ihrer speziellen Schutzausr├╝stung vor Ort. Insgesamt waren 14 Feuerwehrangeh├Ârige mit drei Fahrzeugen im Einsatz.“

    Wieviele Leute hat denn dieser zwar ernste, aber vergleichsweise geringf├╝gige Chemieunfall besch├Ąftigt? Es ist alleine von 14 Feuerwehrleuten die Rede.

    Nun ist ein gasf├Ârmiger Stoff etwas anderes als ein Brand… aber bei dem, an das ich denke, das Gefahrstofflager das uns Pfenning vor die Haust├╝r setzen will – bei einigen Heddesheimern ist das im Gewerbegebiet w├Ârtlich zu nehmen – was w├Ąre denn bei einem Chemieunfall oder Brand mit Rauch und/oder Gasentwicklung wohl los?

    Der Bauhof und andere Kr├Ąfte werden da nix rei├čen k├Ânnen f├╝rchte ich. In diesem Fall w├Ąre wohl auch unsere gute Feuerwehr – sogar mit allen zur Verf├╝gung stehenden Kr├Ąften – wohl schnell an ihrer Grenze.
    Wie hei├čt es dann meist im Radio: Mehrere Feuerwehren befanden sich im Einsatz. F├╝r die Bev├Âlkerung bestand zu keiner Zeit Gefahr.

    Gibt es ├╝berhaupt irgendwelche Notfallpl├Ąne f├╝r irgendwas in Heddesheim oder verl├Ą├čt man sich im Fall des Falles auf intuitives Handeln und das Gl├╝ck?

    Einen sch├Ânen Tag dennoch.

  • Heddesheimer

    „Beide Arbeiter waren im Vorfeld der Arbeiten auf dem Gel├Ąnde entsprechend in Sicherheitsvorkehrungen eingewiesen worden. Sicherheitsma├čnahmen wie z.B. der Einsatz einer Schutzausr├╝stung mit externer Luftzufuhr bei Kontakt mit den Rohrleitungen wurden eingehalten.“

    F├Ąllt mir schwer zu glauben, woher die Reizungen die vor├╝bergehend zum Krankenhausaufenthalt f├╝hrten, oder waren sie eingewiesen und hatten die Schutzausr├╝stung trotzdem nicht angelegt?

    „Die n├Ąchste Wartung findet im Oktober 2010 statt.“

    H├╝bsch machen f├╝r den T├ťV. Ist durchaus ├╝blich aber man sollte sich hinterfragen ob angebracht an solchen Anlagen.

    Es bleiben nach meiner Meinung weitere Fragen zur├╝ck.
    Wie w├Ąren die Sanierungsarbeiten im detail abgelaufen ohne diesen Vorfall und Hinweis dass genauer hingeschaut werden muss?

    H├Ątte der T├ťV nach dem H├╝bsch machen die Schadstelle noch bem├Ąngeln k├Ânnen?