Dienstag, 17. Juli 2018

Der Ammoniak-Unfall aus Sicht der Gemeinde

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. September 2010. Die Gemeinde Heddesheim hat auf den Gas-Unfall auf der Eisbahn am Montag mit einer Pressemitteilung reagiert. Die liest sich fast so, als sei der Unfall eingeplant gewesen. Alles in Ordnung, nix passiert, alles im Plan. Ist das so?

Die Redaktion hatte die Gemeinde wie gewohnt schriftlich angefragt – denn der BĂŒrgermeister hat ja bekanntlich ein Sprechverbot der Mitarbeiter gegenĂŒber dem heddesheimblog erlassen. Unsere Presseanfragen mĂŒssen an die email-Adresse gemeinde@heddesheim.de gesendet werden.

Am Montag, den 06. September 2010, um 18:50 Uhr haben wir die Gemeinde angeschrieben, am darauffolgenden Mittwoch um 11:46 Uhr die Antwort erhalten:

  1. Wieso wurden die Rohrleitungen sandgestrahlt?
  2. Wann war die letzte SicherheitsĂŒberprĂŒfung der Anlage?
  3. Wer hat diese vorgenommen?
  4. Muss man nicht davon ausgehen, dass ÃƓberprĂŒfungen zu lasch durchgefĂŒhrt worden sind? Denn ein solcher Rohrfraß entsteht sicherlich nicht binnen kurzer Zeit?
  5. Gab es eine Sicherheitseinweisung fĂŒr die Arbeiter?
  6. Nach unseren Informationen sind einige der Rohre deutlich von Rost angefressen. Wieso sind diese Rohre nicht lÀngst ausgetauscht worden?
  7. Da die Feuerwehr das Gas mit Wasser niedergeschlagen hat, ist von einer Basenbildung auszugehen. Sind hier weitere SchÀden an der Anlage entstanden?
  8. Liegen schon Informationen vor, wie hoch die SchÀden sind?
  9. Welches Notfallkonzept gibt es fĂŒr den Fall, dass wĂ€hrend des Eisbahnbetriebs Ammoniak austreten sollte?
  10. Ist die Gemeinde schadensersatz-/schmerzensgeldpflichtig gegenĂŒber den verletzten Arbeitern?

Sechs von 10 Fragen (4, 6, 7, 8, 9, 10) sind nicht oder nur unvollstÀndig aus Sicht der Redaktion beantwortet. Bei manchen Fragen hÀtten wir gerne noch Details gewusst, andere tiefer nachgefragt, beispielsweise das Notfallkonzept (Frage 9).

Und vor allem Frage 4 wirft Folgefragen auf: Sicherlich hat der TÃƓV die Anlage ausweislich der Presseinformation im Juli 2009 ĂŒberprĂŒft. Aber auch beim TÃƓV arbeiten keine heiligen und fest steht, das ein einfaches Sandstrahlen der Rohre dazu gefĂŒhrt hat, dass Gas austreten konnte. Konkret heißt das, dass mehr oder weniger nur noch der Rost die betreffenden Stellen „abgedichtet“ hat.

War dies nicht schon vor einem Jahr abzusehen?
Muss nicht bis zum Beweis des Gegenteils unterstellt werden, dass der TÃƓV diese Stellen ĂŒbersehen hat?

Auf der Hand liegt, dass, wenn Rohre so schnell korrodieren sollten, diese jĂ€hrlich ausgetauscht werden mĂŒssten, was nicht zu vermuten ist. Hat also der TÃƓV geschlampt oder ein Auge zugedrĂŒckt? Das sind Antworten, auf die Besucher der Eisbahn, ĂŒberwiegend Kinder und Jugendliche und deren Eltern ein Recht haben. Nach Darstellung der Gemeinde liest es sich aber, als sei alles in Ordnung. Der Beweis: Die Arbeiter konnten schon am nĂ€chsten Tag ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Presseinformation der Gemeinde Heddesheim

„Ammoniakaustritt an der Kunsteisbahn Heddesheim am 06.09.2010

Heddesheim. Bei Wartungsarbeiten an der Kunsteisbahn Heddesheim sind am Montagnachmittag geringe Mengen Ammoniak ausgetreten. Zwei Arbeiter der ausfĂŒhrenden Firma wurden vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht und konnten am Dienstag wieder ihrer Arbeit nachgehen. Das gasförmige Ammoniak wurde mit Wasser niedergeschlagen und dann verdĂŒnnt in geringen Mengen in das Kanalsystem eingeleitet. GefĂ€hrdungen fĂŒr weitere Personen sowie Gefahren fĂŒr die Umwelt bestanden nicht.

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EinsatzkrĂ€fte der Feuerwehr in SchutzanzĂŒgen. Bild: heddesheimblog.de

Der verwendete Ammoniak ist Teil der KĂ€lteanlage der Kunsteisbahn und wird durch Rohrleitungssysteme unter dem Boden der EisbahnflĂ€che verteilt. Er dient der KĂŒhlung der FlĂ€che und ist Voraussetzung dafĂŒr, dass auf der EislaufflĂ€che das Eis gefriert und gefroren bleibt.

Am Montag waren zwei Arbeiter einer Firma auf dem GelĂ€nde, die zur AusfĂŒhrung von Korrosionsschutzarbeiten an diesen Rohrleitungen beauftragt war. Dies geschah durch sogenannte Sandstrahlarbeiten. Die Arbeiten waren zur Beseitigung von KorrosionsschĂ€den an den Rohren anberaumt worden. Diese waren zuvor an einigen Stellen der Rohre sichtbar, an anderen Stellen jedoch durch eine Ummantelung bzw. Lackierung der Rohre nicht. Die Korrosion entsteht bei diesen Rohren nicht an der Innenseite, sondern lediglich an der Außenseite, da Ammoniak selbst nicht zu RostschĂ€den fĂŒhrt.

Die Arbeiter entfernten dazu die Ummantelung an den Rohren. In einem zuvor auf Grund der Ummantelung bzw. Lackierung nicht sichtbaren Bereich an der Unterseite eines Rohres kam es durch die Sandstrahlarbeiten zu einem Ammoniakaustritt.

Beide Arbeiter waren im Vorfeld der Arbeiten auf dem GelĂ€nde entsprechend in Sicherheitsvorkehrungen eingewiesen worden. Sicherheitsmaßnahmen wie z.B. der Einsatz einer SchutzausrĂŒstung mit externer Luftzufuhr bei Kontakt mit den Rohrleitungen wurden eingehalten. Die Freiwillige Feuerwehr Heddesheim, die entsprechende Kenntnisse zum Einsatzszenario bei einem Ammoniakaustrittsfall besitzt, der Bauhof und der Eismeister der Eisbahn haben rasch und besonnen gehandelt.

Auch eine Firma zum KĂ€lteanlagenbau, die mit der Anlage vertraut ist, die Wasserschutzpolizei Mannheim sowie ein Mitarbeiter des Abwasserverbands Unterer Neckar (KlĂ€ranlage Edingen-Neckarhausen) waren im Einsatz. Die Freiwillige Feuerwehr wurde um 13:36 Uhr alarmiert. Um 13:47 Uhr, also elf Minuten spĂ€ter, waren die Feuerwehrangehörigen, die mit Sondersignal ausgerĂŒckt waren, mit ihrer speziellen SchutzausrĂŒstung vor Ort. Insgesamt waren 14 Feuerwehrangehörige mit drei Fahrzeugen im Einsatz.

Der Ammoniak wurde mit Wasser verdĂŒnnt in die Kanalisation geleitet. Die Austrittstelle am Rohr wurde unter Beisein einer Fachfirma mit einer Manschette abgedichtet. An der Eisbahn sind dadurch keine weiteren SchĂ€den entstanden. Das restliche KĂ€ltemittel wurde inzwischen aus der Außenverrohrung abgesaugt, so dass die weiteren Arbeiten gefahrlos stattfinden können.

Die Korrosionsschutzarbeiten bzw. die Sanierungsarbeiten werden in den nĂ€chsten Wochen fortgesetzt. ZusĂ€tzlich ist an einigen Bereichen ein Austausch von Rohrleitungen notwendig. Die Arbeiten werden anschließend vom TÃƓV abgenommen.

Ein Teil der vorhandenen Rohre ist bereits im vergangenen Jahr saniert worden. Die restliche Sanierung, zu der die aktuellen Arbeiten gehören, ist momentan im Gang. DafĂŒr waren Haushaltsmittel im Gemeindehaushalt 2010 eingestellt.

An der Kunsteisbahn finden einmal jĂ€hrlich Wartungsarbeiten mit einer SachkundigenprĂŒfung statt. Die letzte Wartung der Anlage ist im Juli 2009 erfolgt, bei der auch der TÃƓV die Anlage ĂŒberprĂŒft hat. Die nĂ€chste Wartung findet im Oktober 2010 statt. Die Eismeister sind darĂŒber hinaus in den Anlagen und außerdem fĂŒr das Verhalten bei einem solchen Vorfall geschult.“

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das heddesheimblog

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.