Sonntag, 15. Juli 2018

Das Rhein-Neckar-Fernsehen zeigt ungeschnittene Opferbilder und diskreditiert sich damit zum Trash-TV

Print Friendly, PDF & Email


Fast zwei Minuten lang zeigt das Rhein-Neckar-Fernsehen, wie Bestatter einen Sarg bereitstellen, die Leiche des Opfers hineinwuchten, den Sarg schließen und Rausstehendes reinstopfen. Muss das sein? Quelle: RNF

Mannheim/Heppenheim/Rhein-Neckar, 09. September 2011. (red) Ein schwerer Unfall auf der A5 bei Heppenheim fordert ein Todesopfer. Medien berichten. Die Öffentlichkeit will wissen, was passiert. Das Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF) zeigt fast zwölf Minuten lang ungeschnittenes Videomaterial – darunter fast zwei Minuten die Leiche, die von Bestattern in einen Sarg gewuchtet wird. Ist das noch „Journalismus“ oder nur noch voyeuristischer Trash? Die Frage muss man nicht stellen – wer so verantwortungslos handelt, hat mit verantwortlichem Journalismus lĂ€ngst nichts mehr zu tun. Noch nicht einmal der Anschein wird noch gewahrt. Man hĂ€lt ohne Sinn und Verstand drauf und hofft auf „Quote“.

ErgÀnzung:

Der RNF-Mitarbeiter Ralph KĂŒhnl hat gegenĂŒber unserer Redaktion den Vorgang folgendermaßen erklĂ€rt: „Mit dem Einstellen des Rohschnitts ins Netz ist einem nicht-redaktionellen Mitarbeiter der Gaul durchgegangen. DarĂŒber gab es hier im Sender bereits gestern Diskussionen, die sicherlich dazu fĂŒhren, dass ein solcher Fall nicht mehr eintritt.“ Weiter hat Herr KĂŒhnl erklĂ€rt, man habe nach Kenntnis des Fehlers das „Rohmaterial“ um einen ausfĂŒhrlichen Text ergĂ€nzt und damit bestĂ€tigt, dass die Redaktion auch nach Kenntnis der Veröffentlichung das Rohmaterial nicht sofort gelöscht hat. Es bleibt jedem selbst ĂŒberlassen, welche Meinung man sich aus diesen Informationen bilden mag.
Der Sender hat mittlerweile (wie von uns vorgeschlagen, siehe Kommentar 10. September 2011 um 16:56 Uhr) eine Entschuldigung unter dem Sendebeitrag veröffentlicht.
In den Kommentaren finden Sie weitere Informationen.

Von Hardy Prothmann

Als ich die Bilder vom Unfall auf der A5 vom Donnerstag auf dem Internet-Portal von RNF sehe, bin ich fassungslos. Nicht darĂŒber, dass ich eine Leiche sehe. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich viel Leid sehe, Zerstörung und auch den Tod sehen muss. Hinschauen muss. Auch Polizisten, Ärzte, SanitĂ€ter, Feuerwehrleute, Gutachter sind damit leider immer wieder konfrontiert.

Aber wir arbeiten professionell, jeder tut, was er tun muss. Und als Journalist berichtet man fĂŒr die Öffentlichkeit darĂŒber, was passiert ist. Aber als verantwortlicher Journalist achtet man darauf, zwischen dem öffentlichen und dem privaten Interesse zu unterscheiden.

Es ist absolut zulĂ€ssig, in Bild, Ton oder Schrift ĂŒber Opfer zu berichten. Es ist aber geboten, dies im Zweifel mit dem gebĂŒhrenden Abstand zu tun. Auch wir haben ĂŒber den Unfall auf der A5 berichtet, bei dem ein Mann ums Leben gekommen ist. Auch auf unseren Bildern sieht man, dass eine Leiche am Boden liegt und von einem Tuch abgedeckt wird. Unser Bilder sind aus der Distanz aufgenommen und dokumentieren den tragischen Unfall, das „Ereignis“.

Die Bewegtbilder, die beim RNF zu sehen sind, zeigen, wie Bestatter einen Sarg herbeitragen und das Opfer versuchen, ihn dahin zu hieven. Das klappt nicht beim ersten Mal. Der Leichnam stĂ¶ĂŸt an den Sarg, die Anstrengung der Bestatter ist deutlich zu sehen. Als es endlich gelingt, die Leiche in den Sarg zu hieven, lĂ€sst sich der Deckel nicht schließen. Der Leichensack wird reingestopft. Die MĂ€nner transportieren Sarg und Leiche ab.

Man könnte nun aus Sicht des RNF argumentieren: „Wir zeigen, wie es ist.“ Aber ist das ein Argument? Was ist mit der WĂŒrde des Toten? Was mit den GefĂŒhlen der Familie?

„Vollkommen egal“, könnte man als Hardcore-Dokumentarfilmer sagen: „Wir zeigen, wie es ist.“

Zeigen, was man vor die Linse bekommt. Was sagt dieses Bild aus? Quelle: RNF

Aber auch die hĂ€rtesten Hardcore-Dokumentarfilmer stellen sich immer die Frage, ob das, was sie zeigen, gezeigt werden „muss“. Was ist der Erkenntnisgewinn? Was tragen die Bilder zur AufklĂ€rung der Öffentlichkeit bei? Warum sind sie wichtig? Tragen sie zur Förderung der Meinungsfreiheit bei?

Die Bilder des RNF sind erschĂŒtternd. Sie zeigen, dass der Sender ĂŒberhaupt keinen Wert auf journalistische Selbstkontrolle legt. Hier wird nur Voyeurismus bedient, irgendwelche redaktionell-journalistische Gedanken oder auch nur ein Rest von Anstand sind auch im Ansatz nicht zu erkennen.

Das ist Trash-TV in Reinkultur – mit der Kamera auf alles draufhalten, was die HĂ€archen auf den Armen aufstellen lĂ€sst. Klar – RNF ist ein dröger Provinzsender, der eher nicht durch guten, kritischen Journalismus auffĂ€llt. Aber mit diesem Film zeigt der Sender eine Verantwortungslosigkeit, die die zustĂ€ndige Lizenzbehörde auf den Plan rufen muss.

Selbst die Spritze muss groß im Bild erscheinen - warum? Quelle: RNF

Auch Privatsender haben Standards der Berichterstattung zu erfĂŒllen und mĂŒssen die Lizenz verlieren, wenn sie diese nicht einhalten. Ein Privatsender, der ungeschnittenes Videomaterial ĂŒber eine menschliche Tragödie ĂŒber zwölf Minuten LĂ€nge einfach so ins Internet stellt, ist dafĂŒr ein Kandidat.

Ob Herr Bert Siegelmann die GrĂ¶ĂŸe hat, sich im regulĂ€ren Programm fĂŒr diese Verfehlung zu entschuldigen und dafĂŒr zu sorgen, dass der Sender journalistische Standards einzuhalten, darf getrost bezweifelt werden.

Muss man die Arbeit der Bestatter in voller LĂ€nge zeigen? Quelle: RNF

Einen spĂ€ter zusammen geschnittenen „Beitrag“ spricht der lispelnde Senderchef selbst ein – wieder sind Bilder zu sehen, die man nicht zeigen muss, außer, wenn man es „nötig“ hat.

Was das RNF hier zeigt, macht mich fassungslos. Als Mensch. Als Journalist macht es mich wĂŒtend, weil diese miese Form von „Journalismus (No comment)“ auch mich und andere Kollegen beschĂ€digt, die ihren Beruf mit der gebotenen Verantwortung ausĂŒben.

Mir geht es wie jedem anstĂ€ndigen Menschen. FĂŒr eine solche „Arbeit“ empfinde ich nur Verachtung – die einzig richtige Reaktion, weil man keine Spur von Achtung bei diesem „Bericht“ des RNF feststellen kann.

Es ist beschĂ€mend, wie das RNF im Wunsch nach Aufmerksamkeit jegliche Selbstkontrolle verliert. TatsĂ€chlich habe ich kein Mitleid mit diesen „Kollegen“ – die mĂŒssen selbst in den Spiegel schauen und man darf nur hoffen, dass sie bei dem, was sie sehen, eventuell noch eine Spur von Scham empfinden.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.