Mittwoch, 23. August 2017

Das Dilemma des Journalismus sind die so genannten Journalisten und vor allem „zg“

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Guten Tag!

Heddesheim, 09. Juni 2010. Wir haben vor gut einem Monat schon einmal ├╝ber eine Unsitte des Mannheimer Morgen berichtet und heute m├╝ssen wir das wiederholen. Denn die Zeitung tut oft nur so, als w├╝rde sie journalistisch informieren.

Von Hardy Prothmann

Journalist kann in Deutschland jeder B├╝rger und jede B├╝rgerin sein. Journalist ist n├Ąmlich keine gesch├╝tzte Berufsbezeichnung. Wenn Sie so wollen, k├Ânnte man (Bild)titeln: „Wir sind Journalist“. Wir alle. Jeder einzelne.

Das garantiert Artikel 5 Grundgesetz ├╝ber die Meinungsfreiheit. Danach k├Ânnen alle B├╝rgerInnen ├╝ber alle vorhandenen „Kan├Ąle“ ihre Meinung ├Ąu├čern – eine staatliche Zensur findet nicht statt. Und das ist gut so.

Sicher haben Sie auch schon von „B├╝rgerjournalisten“ geh├Ârt. Vorreiterin und Erfinderin dieser neuen journalistischen Spielart ist die Bildzeitung. Der geht es nicht um B├╝rger und schon gar nicht um Journalismus, sondern vor allem um „exklusive“ Dinge – vornehmlich Fotos, die die Zeitung gerne mit gutem Geld bezahlt, vor allem dann, wenn es um „Exklusives“ geht – B├╝rger und Journalismus sind der erfolgreichsten Zeitung Europas dabei egal. Es geht um Auflage, Werbeeinnahmen, ums Gesch├Ąft.

Bild-Insider wissen, was sich gut verkauft: TTT- Tiere, Titten, Tote.

Ob man dieses „Gesch├Ąftsmodell“ nun gut findet oder nicht – Journalismus ist ein „Business“, ein Gesch├Ąft. Typischerweise finanziert ├╝ber Werbung – wobei die Trennung zwischen Anzeigen und Redaktion als Status quo gilt, was aber fl├Ąchendeckend nur ein Mythos ist.

Wer guten Journalismus machen will, muss personalintensiv arbeiten. Von ├╝berall her gibt es Informationen. Professioneller Journalismus pr├╝ft diese, ordnet sie ein, gibt ihnen ein Gewicht.

Informationen sind sehr vielf├Ąltig und das macht auch den Reiz des Journalismus aus. Was steht fest? Was muss man anzweifeln? Was tiefer recherchieren? Was wie darstellen?

Fragen zu stellen und Antworten zu finden – das ist Journalismus. Ein Job, den jeder B├╝rger erledigen kann – wenn er bereit ist, sich viel Arbeit zu machen.

Aber es geht auch einfacher. Vor allem f├╝r so genannte Journalisten – die lassen n├Ąmlich die Arbeit machen.

Zum Beispiel bei Vereinen. Dort gibt es „Pressewarte“ – die schreiben auf, was im Verein passiert oder was der Verein vorhat. Das ist absolut richtig und legitim. Man informiert die ├ľffentlichkeit und das nat├╝rlich „positiv“.

Das machen Gemeinden, Regierungen und Firmen nicht anders. Alle machen das.

Auch wir ├╝bernehmen redaktionell immer wieder ungepr├╝ft „Informationen“ – wenn diese eindeutig sind.

Es gibt allerdings einen eklatanten Unterschied zwischen unserer redaktionellen Arbeit und der der Tageszeitungen, speziell der des Mannheimer Morgens.

Wir tun nicht so, als ob. Wir k├Ânnen nicht ├╝berall an jedem Ort zu jedem Thema pr├Ąsent sein. Trotzdem k├Ânnen wir zu jedem Thema an jedem Ort berichten – indem wir recherchieren.

Ungepr├╝fte Informationen werden von uns niemals als redaktionelle, also gepr├╝fte, Informationen dargestellt. Der MM bedient sich hier eines „Tricks“. Texte von Vereinen, Institutionen, Beh├Ârden oder Firmen werden mit „zg“ gekennzeichnet.

Der unbedarfte Leser denkt vielleicht, dass das K├╝rzel f├╝r einen Journalisten steht – dem ist aber nicht so. „zg“ hei├čt „zugeschickt“.

Jeder Artikel – und davon hat es heute viele – im MM, der das K├╝rzel „zg“ tr├Ągt, ist eine mehr oder weniger 1:1-├â┼ôbernahme eines nicht journalistisch ├╝berpr├╝ften Textes, der so tut, als sei er ein redaktioneller Text, denn immerhin steht ein „K├╝rzel“ darunter.

Ganz konkret und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, werden damit die LeserInnen „verarscht“.

Sie glauben das nicht? Dann machen Sie sich einen Spa├č draus.

Fragen Sie Ihre Kinder, Nachbarn, Kollegen, wen auch immer, was „zg“ hei├čt.

Wir verfahren anders. „zg“ ist f├╝r uns ein „No-Go“.

Auch wir ver├Âffentlichen ab und an „zugesandte Mitteilungen“ – von der Gemeinde, von Vereinen oder von anderen.

Wir nennen die Quelle und wenn es notwendig ist, recherchieren wir nach und ver├Âffentlichen zus├Ątzliche Informationen.

Der Mannheimer Morgen tut so, als w├╝rde er seine LeserInnen aus eigener redaktioneller Kompetenz informieren – heute ├╝berwiegend mit „zg“.

Ich pers├Ânlich finde es schade und bedenklich, dass eine Zeitung, die journalistisch ernst genommen werden will, nicht in der Lage ist, seine offensichtlichen Quellen zu nennen, sondern sich hinter einem „Pseudo“-K├╝rzel wie „zg“ versteckt.

Das ist armselig, schwach und feige.

Leider gilt diese Einsch├Ątzung f├╝r viele der Journalisten in unserem Berichtsgebiet, f├╝r deren Redaktionsleitungen und f├╝r deren Produkte.

Ein aufrechter Journalismus benennt seine Quellen – au├čer, wenn er diese sch├╝tzen muss, weil die „Quelle“ Nachteile bef├╝rchten muss.

Journalismus ist das Gesch├Ąft mit Informationen. Glaubw├╝rdiger Journalismus lebt von Transparenz.

Es gibt f├╝r kein Medium dieser Welt einen Grund, unproblematische Quellen zu verschweigen.

Au├čer f├╝r Tageszeitungen, die schon seit vielen Jahren ihre Inhalte nicht journalistisch, sondern „zugeschickt“ best├╝cken und so tun als ob es „journalistisch-erarbeitete“ Informationen seien.

Dazu geh├Ârt der Mannheimer Morgen, der einen sehr „flei├čigen Mitarbeiter“ hat, dessen „K├╝rzel“ „zg“ ist.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • Jochen Schust

    Man sollte vielleicht anfuegen, dass diese Praxis nicht „MM-spezifisch“ ist, sondern landauf landab in nahezu allen kleineren Lokalredaktionen gepflegt wird. Sei es aufgrund mangelnder Ressourcen in der Redaktion oder schlicht aus jahrzehntelang gepflegter Faulheit, selber zu recherchieren.

  • Karlheinz Lauterbach

    Der Vorteil dabei ist, dass man schnell in die Zeitung kommt, wenn man ein Presseinformation einreicht. Die Lokalredaktionen brauchen solches Material.