Samstag, 17. November 2018

Vereine sind keine heiligen Kühe – sie müssen sich Öffentlichkeit gefallen lassen

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Guten Tag!

Heddesheim, 07. Oktober 2009. Der Meinungsbeitrag „Braucht Heddesheim ein Oktoberfest“ hat die Gemüter in Heddesheim erregt. Warum? Weil sich der Text kritisch mit einer einzelnen Aktivität eines Heddesheimer Vereins auseinander gesetzt hat. Stein des Anstoßes: Der Autor äußerte seine Meinung. Die Reaktion: Mehrere Dutzend Kommentatoren schrieben teils wütende, beleidigende, drohende email und Kommentare.

Von Hardy Prothmann

Die erste Frage, die sich die Verfasser der überwiegend nicht veröffentlichten Reaktionen gefallen lassen müssen ist, ob ihre Reaktionen angebracht sind.

Was war passiert? Ich habe die Frage gestellt, ob „Heddesheim ein Oktoberfest braucht“? Zufällig hatte das die TG veranstaltet – die Frage hatte nichts mit dem Verein an sich zu tun – schon gar nicht damit, ob das der größte Verein im Ort ist.

War das eine dumme Frage? Auf die bekommt man ja bekanntlich auch dumme Antworten. Zumindest lassen sich einige der Reaktionen nicht anders bezeichnen.

Mir wurde unterstellt, ich wolle alles „schlecht schreiben“, alles „vernichten“. Hätte „persönliche Vorurteile“ – gegen Vereine insgesamt, aber besonders gegen die TG und gegen TG-Mitglieder.

Die das schreiben – wissen mehr als ich – ohne selbst eine Frage gestellt zu haben. Schon gar nicht an mich.

Vereine sind wichtige Stützen einer Gemeinschaft.

Ich war als Kind selbst Mitglied  in mehreren Vereinen und habe davon profitiert: Seitdem kann ich ziemlich gut schwimmen, ich habe Handball gespielt, habe Tennis gelernt und war sehr engagiert im Turnen und habe gerne Schach gespielt.

Heute bin ich Mitglied in zwei Vereinen: Netzwerk Recherche e. V. und dem Frankfurter Presseclub e. V.

Beide Vereine machen eine hervorragende Arbeit und haben trotzdem beide dieselben Probleme: Wie kann man andere für die Vereinsarbeit interessieren, wer übernimmt die Aufgaben und wie erreicht man die Jugend? Also andere, die irgendwann die Vereinsarbeit machen. Und immer geht es auch um die Finanzierung der Vereinsarbeit.

Für meine beiden Mitgliedschaften zahle ich 240 Euro im Jahr. Das sind 20 Euro im Monat. Die halte ich für gut investiert, weil ich mich davon überzeugt habe, dass dieses Geld neben der Finanzierung einer hauptamtlichen Mitarbeiterin und einer Sekretärin dem journalistischen Nachwuchs zu Gute kommen – und ich selbst profitiere von den Veranstaltungen und den Kontakten.

Diesen Fragen müssen sich alle Vereine stellen: Sind unsere Mitglieder bereit, die notwendigen Beiträge zu bezahlen? Erreichen wir die Jugend? Ist unsere Arbeit nicht nur auf Besitzstandswahrung ausgerichtet, sondern zukunftsfähig? Was ist der „Profit“ für die zahlenden Mitglieder? Sind wir für eine Mitgliedschaft attraktiv? Sind die Menschen gerne bei uns Mitglied – oder nur weil sie denken, sie müssten das sein? Denn das sind Fragen, die an die Vereine gestellt werden.

Alle Vereine wissen das.

Ãœber die Mitgliedsbeiträge hinaus haben Vereine die Möglichkeit zusätzliche Einnahmen zu generieren. Das ist vollkommen in Ordnung und legitim.

Ob das Veranstaltungen sind oder neudeutsch „Merchandising“ oder was auch immer: Es geht dabei um Einnahmen, also ums Geld. Die Frage muss nur lauten: Macht es Sinn? Und stehen die Einnahmen im Einklang mit den Zielen des Vereins?

Diese Frage habe ich zum „Oktoberfest“ gestellt.

Wohlgemeinte und wohlverstandene Kritik bringt jeden voran –
auch Vereine und seine Mitglieder.

Der bekennende „Vereinsheimer“ Kurt Klemm, selbst Mitglied in mehreren Vereinen und Gemeinderat der Grünen-Fraktion hat mich persönlich hier im heddesheimblog und im persönlichen Gespräch für meinen Beitrag kritisiert.

Wir haben über die Inhalte geredet und uns dabei gut verständigt. Wir sind nicht in allem einer Meinung gewesen – haben aber unsere Standpunkte in einem freundlichen und vernünftigen Gespräch einander dargelegt.

So geht das in Ordnung.

Was nicht in Ordnung geht sind Drohungen, Schmähungen und Unterstellungen.

Denn auch Vereine sind Teil unserer Öffentlichkeit. Vereine betonen immer wieder gerne die eigene Bedeutung für die Gesellschaft – und die ist eine demokratisch-rechtstaatliche. Das nur zur Erinnerung an die, die das manchmal vergessen.

Als Bürger von Heddesheim habe ich mehrere Begegnungen mit Heddesheimer Vereinen gehabt: Meine Kinder sind beide Mitglieder der TG, meine Frau und ich haben schon viele Kuchen gebacken, die der TG Einnahmen beschert haben – wie jeder andere, der sich einbringt.

Viele Freunde von mir sind Mitglieder in unseren Vereinen.

Vereinsarbeit ist wichtig – und darf trotzdem kritisiert werden.

Als Journalist habe ich mit sehr vielen Vereinen zu tun gehabt – was ich auch künftig haben werde.

Vollständig unproblematisch waren dabei beispielsweise das Deutsche Rote Kreuz oder ganz aktuell der Kontakt zum Verein zur Förderung des Gesellschaftstanzes (VFG). Im Gegenteil waren das sehr angenehme Begegnungen.

Auch mit der IG Heimatgeschichte gab es keine Probleme.

Auch der Kontakt und die Berichterstattung zu den Grumme-Gugger-Noddeschisser hat keinerlei Probleme verursacht – sondern eigentlich viel Spaß gemacht. Mal abgesehen von einer gewissen …“Taubheit“ nach dem Ereignis.

Negativ verlief die Begegnung mit dem Tennis Club Heddesheim (TCH). Den Kommentar dazu lesen Sie hier. Das Turnier der Jugend und der Einsatz der kleinen Sportler war hingegen klasse.

Sehr positiv hat mich das tolle Herbstschwimmfest der TG beeindruckt – ich habe trotzdem einen teils kritischen Text verfasst, weil man nicht verstehen kann, dass die herausragende Leistung aller dort kämpfenden Sportler auch aus anderen Vereinen an einer mangelhaften öffentlichen Darstellung scheitern soll.

Ein anderes Beispiel ist das Sängerfest: Die beiden Vereine haben sich viel Arbeit mit der Organisation gemacht – eine beachtliche Leistung. Die hat sich gelohnt, weil die Veranstaltung ein Erfolg war. Besonders sympathisch waren die Sieger aus Oberflockenbach. Auch zu dieser Veranstaltung habe ich eine nachvollziehbare Kritik geübt. Das unschöne Erlebnis auf diesem Fest hatte weder etwas mit den Sängern zu tun, noch mit meiner Arbeit, sondern nur mit dem Verhalten einer einzelnen Person.

Herausragend finde ich die Arbeit der Vogelfreunde. Warum? Ganz einfach. Da gibt es keine Turniere und Medaillen oder andere Ereignisse, die man groß raus stellen könnte – sondern nur eine engagierte Arbeit an und mit der Natur.

Diese Arbeit ist, weil sie bescheidener ist, nicht besser als andere Vereinsarbeiten. Alle sind wichtig und alle sind zu respektieren.

Vor allem dann, wenn sie selbstverständlich passieren, weil sich die Mitglieder aus Ãœberzeugung engagieren.

Sobald es aber Kritik gibt, ist es die dringende Aufgabe jedes verantwortlichen Vereinsvorstands, diese Kritik verantwortlich zu prüfen – denn Vereine sind nicht für ihre Vorsitzenden da, sondern für ihre Mitglieder und die, die man gerne als Mitglieder hätte.

Jede andere Reaktion diskreditiert nicht die Kritik, sondern die eigene Position.

Vereinsmitglieder, die keine Kritik zulassen, wollen es nicht besser machen, sondern so weitermachen, wie sie es immer schon gemacht haben. Vereine sind aber keine heiligen Kühe, sondern Teil unserer Gesellschaft. Sie sind Teil der Öffentlichkeit und müssen sich Öffentlichkeit gefallen lassen, dass heißt Lob und Kritik.

Und genau darauf zielte die Frage: „Braucht Heddesheim ein Oktoberfest?

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.