Sonntag, 20. August 2017

Gabis Kolumne

Topmodels? Ohne mich!

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Guten Tag!

Heddesheim, 08. März 2010. Was bewegt Deutschland? Neben der Kopfpauschale und Hartz IV auch das, wovon viele träumen: Ein Topmodel zu sein, meint Gabi und sagt wie immer montags, was sie davon hält.

Vergangene Woche ging es wieder los und wird uns siebzehn Wochen lang, jeden Donnerstag Abend, verfolgen: Germany’s Next Topmodel (GNTM). Es ist die 5. Staffel, die unsere Heidi aus dem Rheinland, die Supermutti, Deutschlands Exportschlager und Everybody’s Darling auf Pro7 moderiert. Und ich frage mich wie Millionen anderer Frauen: Soll ich mir das antun?

2000 Mädchen haben sich vergangene Woche in Köln einen Platz beim Massencasting erstürmt.

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Die fünfte Staffel. © ProSieben/Oliver S.

Und während deutsche Frauenzeitschriften wie Brigitte, sich von den Models und dem Magerwahn abwenden, plant Heid Klum noch dünnere Mädchen auszuwählen, noch dramatischere Shootings und noch härtere Castings zu zeigen.

An ihrer Seite in der Jury sitzen jetzt auch nicht mehr Peyman Amin – der wollte mit seiner Model-WG seine eigene TV-Karriere anschieben – und Rolf Schneider, sondern Fotograf Christian Schuller und „Q“ alias Qualid Ladraa.

Bunte“Hunde“.

Heidi stellt „Q“ als „bunten Hund der Modewelt“ vor und von sich selbst behauptet der „schöne“ Deutsch-Marokkaner, aus 20 Kilometer Entfernung das Potential eines möglichen Models entdecken zu können.

Brauchen wir so eine Sendung, frage ich mich? Möchte ich, dass meine 11-jährige Tochter hier ihre Vorbilder findet? Eine Welt, in der die Fähigkeit auf 15-Zentimeter-High-Heels über den Catwalk zu laufen, das Maß aller Dinge ist?

Ich muss gestehen, dass ich bei den vergangenen beiden Staffeln ziemlich häufig reingeschaltet habe und, natürlich auch meine Favoritinnen hatte. Während mein Mann und mein Sohn schreiend das Wohnzimmer verließen, haben meine Tochter und ich zuweilen mitgefiebert.

Denn es gab und gibt ja auch viel zu sehen:

Wen trifft diesmal die Kritik am härtesten? Wer bricht in Tränen aus? Und bei wem entdeckt Heidi Persönlichkeits- und Entwicklungspotenzial?

Ist es nicht einfach zu spannend?

Die einzelnen Shootings sind ja auch zu spannend: Wer traut sich mit Kakerlaken, Krokodilen, Vogelspinnen oder Schlangen zu posieren? Wer schafft es in die Tiefe? In den Windkanal? In höchste Höhen? In die Eiskammer? Oder stundenlang in den kalten New Yorker Regen? Und so ähnelt das alles schon eher einem Survival-Traing als einer Casting-Show.

Ebenso spannend ist das Drama zwischen den Kandidatinnen: Da wird gemobbt und gezickt, was das Zeug hält. Regelmäßige Nervenzusammenbrüche sind hier an der Tagesordnung.

Mittendrin gibt Heidi mal die Psychologin, mal die Mutti, aber natĂĽrlich auch die knallharte Mode-Business-Frau, die dann schon mal sagt „Wer was erreichen will, muss da durch, wenn du das … nicht kannst, kannst du gleich nach Hause gehen.“

Heidi piepst was von „Persönlichkeit“.

Mit ihrer Piepsstimme verkündet Frau Klum, die ja inzwischen Frau Samuel heißt, dass sie bei den Mädchen die Persönlichkeit, das gewisse Etwas sehen und finden möchte. Natürlich gepaart mit den Modelmaßen 90-60-90 und mindestens 1,75 Meter Größe.

Und so startete die 5. Staffel vergangenen Donnerstag mit dem ersten groben Aussortieren. Und wieder achteten Heidi und ihre Juroren auf eine Dramen versprechende Mischung in ihrer Auswahl der Kandidatinnen:

Die schüchterne 16-jährige mit der Zahnspange, eine aufgedonnerte Miss-Russland, die laut dem Fotografen Christian Schuller, einem Frauenbild nacheifert, das in unserer westlichen Welt nicht mehr existiert.

Eine groĂźe HĂĽbsche mit einem abstehenden Ohr namens „Freddy“ – und halt, haben wir nicht irgendwann auch mal in den Medien gelesen, dass Heidi ihren BrĂĽsten Namen gegeben hat, aber das nur am Rande – , zwei Dunkelhäutige und zwei Mädchen aus Bayern und Ă–sterreich, die sich beim Casting kennengelernt haben und sich jetzt schon „so lieb“ haben.

Endlose Längen bis zum „Erfolg“ – fĂĽr wen?

Eine erzählt der fassungslosen Jury, dass ihr Freund sie nach drei Jahren verließ, weil sie sich bei GNTM bewarb und bei einer anderen musste während der Sendung ein Oberlippen-Piercing mit der Zange entfernt werden.

Die Ausgewählten mussten die erste Nacht auf Feldbetten in einem Lager verbringen, denn der Weg zur Model-Villa ist steinig und schwer, wie ihnen von der Jury immer wieder bewusst gemacht wird.

Und ich denke, diesmal werde ich diesen Weg nicht begleiten. Ich möchte keine weiteren Dramen und Mutproben mehr sehen und ich möchte keine nerviges und menschenunwürdiges Niedermachen und Rausschmeißen mehr ertragen, was andauernd durch Werbeblöcke endlos in die Länge gezogen wird.

Und vor allem möchte ich nicht, dass meiner Tochter diese unrealistischen Werte als richtig und wichtig für ihr Leben vermittelt werden.

Heidi „go your way“, aber ohne mich – zumindest nicht regelmäßig.

gabi

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Michi

    Liebe Gabi, ich weiß diese Staffel ist schon wieder vorbei und schon ein Weilchen her, habe aber erst jetzt deinen Beitrag dazu durchgelesen und ich muss sagen: DANKE! Endlich mal jemand der sich das sagen traut. Bin absolut der gleichen Meinung wie du. Diese Werbungen und diese vorgespielte Castingshow ist immer das Selbe, zwar ein netter Zeitvertreib aber eigentlich sinnlos 🙂

    • Tanja Hammerl

      Und schon wieder läuft eine neue Staffel. Obwohl ich mit dir in teilweise übereinstimme, fällt es mir wirlich schwer Donnerstag abends den Ferneseher auszulassen.. GNTM hat wirklich Suchtpotential. In diesem Sinne, bis heute abend Heidi 🙂