Mittwoch, 05. August 2020

Jede Form von Aufklärung hat ihre Grenzen

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Heddesheim, 08. September 2009.

Kommentar: Helle Sema

Wir haben ein Foto im Text „Werben um die Bürgerstimmen – Polizei vor Ort wegen Fotoaufnahmen“ gelöscht, weil sich eine Person darauf in ihren Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt gesehen hat.

Die betreffende Person hatte unseren Artikel „Das Recht am eigenen Bild“ gelesen und nach der Lektüre vermutet, dass sie dieses Recht geltend machen könnte.

Diese Beeinträchtigung von Persönlichkeitsrechten liegt nicht vor.

Das Foto berücksichtigt alle notwendigen Voraussetzungen für eine Veröffentlichung:
  • Der Fotograf hat sich vor Ort erkennbar als Pressefotograf verhalten.
  • Es sind acht Personen auf dem Foto zu sehen. Keine einzige Person ist hervorgehoben.
  • Die Perspektive ist aus der Distanz aufgenommen.
  • Die betreffende Person wurde von schräg hinten aufgenommen.
  • Das Gesicht ist nicht zu erkennen und liegt im Schatten.

Distanzierter und zurückhaltender kann man eine solche Situation als Dokumentation eines Vorgangs nicht fotografieren.

Warum haben wir das Foto trotzdem aus dem Artikel entfernt? Ganz einfach. Wir respektieren die Persönlichkeitsrechte und freuen uns, wenn unsere Leser sich durch unsere Artikel so gut informiert fühlen, dass sie das Gelernte gleich praktisch umsetzen möchten.

Wir respektieren aber auch, dass es immer wieder Menschen gibt, die aus bloßem Nörgeltrieb heraus handeln. Sollten wir da zurücknörgeln und uns auf einen Rechtsstreit einlassen, den wir mit ziemlicher Sicherheit gewinnen würden? Was hätten wir davon? Ein richterliches Urteil, dass die Rechtmäßigkeit unserer Arbeit unterstreicht? Und die Gewissheit, dass wir „recht gehabt haben“?

Dafür ist uns die Zeit zu schade. Stattdessen schreiben wir lieber weiter Artikel, die über Menschen-, Bürger- und Persönlichkeitsrechte aufklären und akzeptieren, dass es immer wieder „Oberschlaus“ gibt, die zwar vordergründig die Texte verstanden zu haben glauben – tatsächlich aber wenig kapiert haben.

Denn eines ist sicher: Jede Form von Aufklärung hat ihre Grenzen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.