Mittwoch, 23. August 2017

Gabis Kolumne

24 Stunden Wellness – wer wird sich davon stressen lassen?

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Guten Tag!

Heddesheim, 8. November 2010. Gabi verbrachte mit ihrem Mann und Freunden 24 Stunden in einem Wellness-Hotel. Was als Entspannung gedacht war, kann manchmal auch im Stress enden, musste Gabi feststellen.

Wir hatten genau 24 Stunden, um das Angebot des Hauses optimal auszusch├Âpfen, und da muss man schauen, dass das nicht in Stress ausufert.

wellness

Wellness.

Wir trafen uns kurz nach Mittag vor Ort und besprachen unser Programm. Unsere Freunden hatten sich schon schlau gemacht: Fixpunkte waren Kaffee und Kuchen am Nachmittag, Sektempfang um 17 Uhr und sp├Ątestens(!) um 20 Uhr das 4-Gang-Menu, alles Inklusiv-Leistungen, versteht sich. Dazwischen Sauna, Dampfbad und Entspannung – da mussten wir uns sputen.

Zudem, und das wurde wirklich knifflig, hatten wir noch einen Gutschein f├╝r ein romantisches Wellness-Weinbad.

Freundlicherweise konnten alle Termine – mit Ausnahme des Abendessens – im Bademantel eingenommen werden, so dass das An-, Aus- und Umziehen keinen weiteren zeitlichen Druck erzeugen konnten.

Also rauf aufÔÇÖs Zimmer und ab in den Bademantel, der in einer gepackten Wellness-Tasche inklusive Handt├╝cher und Badeschuhen schon bereit stand.

Und sofort ging es in den „Spa-Bereich“ (laut Wikipedia ein Oberbegriff f├╝r den Gesundheits- und Wellnessbereich). Ganz gechillt begannen wir mit dem Dampfbad, um dem Kreislauf nicht gleich die 92-Grad-Sauna zuzumuten. Zum Relaxen gingen wir, nat├╝rlich mit der Wellness-Tasche bepackt, in die Ruhezone. Hier fanden wir sieben Liegen vor, davon vier belegt und die drei restlichen vorsorglich besetzt.

„So geht das aber nicht“, motzte mein Herzallerliebster, worauf eine Dame widerstrebend Handt├╝cher von einem Platz r├Ąumte und meinte: „Sie k├Ânnen ja auch in das Kaminzimmer, in die „Oase der Ruhe“ gehen. Das ist ein Stockwerk tiefer, da kommen sie mit dem Aufzug hin“.

Auf der Suche nach der „Oase der Ruhe“

In der Ermanglung eines vierten Platzes machten wir uns also auf den Weg und suchten nach der „Oase der Ruhe“ – nat├╝rlich mit der Wellness-Tasche. Was man uns nicht gesagt hatte, dass man erst mit dem Aufzug einen Stock h├Âher fahren, dann einen Aufenthaltsraum queren musste, um dann in ein Treppenhaus zu gelangen, durch das man wieder ein Stockwerk tiefer die „Oase der Ruhe“ erreichen konnte. Aber wahrscheinlich wollte man uns ja auch so schnell wie m├Âglich loswerden.

Das Kaminzimmer war dann auch echt der Kn├╝ller. In sanften, warmen T├Ânen gehalten, freie Liegen, ein knisterndes Feuer – hier wartete endlich die Entspannung. Wir packten die Wellness-Taschen aus, kuschelten uns in Decken, nahmen uns Lekt├╝re zur Hand und begannen zu relaxen.

Doch kaum zehn Minuten sp├Ąter: „Mist, gleich ist es 16 Uhr, wir verpassen noch Kaffe und Kuchen“, merkte unser Freund an. Also packten wir unsere Wellness-Taschen, gingen das Treppenhaus wieder hoch, querten den Aufenthaltsraum, nahmen den Fahrstuhl und betraten – wohlgemerkt im Bademantel – das Caf├ę.

Relaxt plauderten wir bei himmlischem Kuchen und leider etwas d├╝nnem Kaffee. „Mist“, sagte unser Freund, „es ist gleich 17 Uhr, wir m├╝ssen zu unserem Sektempfang“. Also verlie├čen wir, nat├╝rlich mit Wellness-Tasche und im Bademantel, das Caf├ę, nahmen den Aufzug und trafen p├╝nktlich – wir hatten uns ja inzwischen mit den ├Ârtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht – im Aufenthaltsraum ein.

Rot f├╝r beruhigend oder Wei├č f├╝r anregend

Hier konnten wir auch endlich mit der Wellness-Beraterin unser Wellness-Weinbad besprechen. Wir wurden dar├╝ber aufgekl├Ąrt, dass wir uns zwischen einem Dornfelder-, also rot, und einem Riesling- Bad, also wei├č, entscheiden konnten. Rot wirke beruhigend, wei├č anregend, erkl├Ąrte sie. Eine Flasche Wein komme ins Badewasser, eine sei zum Trinken. „Schatz, wie sollen wir das denn machen“, fragte mein G├Âttergatte, „du magst ja keinen roten und ich keinen wei├čen“, w├Ąhrend wir noch diskutierten, erfuhren wir, dass man nach dem Bad ungef├Ąhr 2,2 Promille h├Ątte, was sich aber, da vor allem ├╝ber die Haut aufgenommen, schnell wieder verfl├╝chtigen w├╝rde.

„Um 19 Uhr habe ich noch einen Termin frei“, sagte die Wellness-Beraterin und strahlte uns an. Das sei ja sehr stressig, man m├╝sse ja schlie├člich um 19.45 Uhr beim Abendessen sein, gab mein Mann zu Bedenken. Nein, nein, das Bad sei gar nicht stressig und sie habe auch noch einen Termin am n├Ąchsten Morgen um 11 Uhr. Na prima, dachte ich, vormittags schon 2,2 Promille.

Letztlich konnten wir uns auf keinen Termin einigen und schlie├člich hatten wir noch immer keinen Saunagang genossen. Das mit dem Bad w├╝rden wir dann erst mal lassen, sagten wir, nahmen den Aufzug und endlich ab in die Sauna.

Zwei – sehr hei├če – Saunag├Ąnge sp├Ąter relaxten wir wieder in der „Oase der Ruhe“. Endlich, endlich war es genau so, wie wir es uns vorgestellt haben: Kuscheldecken, Ruhe, Entspannung. „Mist“, sagte unser Freund, „es ist schon nach 19 Uhr, jetzt m├╝ssen wir uns aber beeilen, wenn wir noch p├╝nktlich zu unserem 4-Gang-Menu kommen wollen“.

Also Wellness-Tasche packen, Treppe hoch, Aufzug runter und ab ins Zimmer, denn jetzt mussten wir den Bademantel ausziehen und zivilisiert im Restaurant erscheinen.

K├Âstlichstes wurde uns, leider etwas zu schnell, serviert und beim Nachtisch ging gar nichts mehr, sprich, die M├╝digkeit ├╝bermannte uns. Kurz nach 22 Uhr, und wir waren die letzten, schleppten wir uns auf unsere Zimmer und dann war Entspannung in Form von Tiefschlaf angesagt.

Der Rest ist kurz erz├Ąhlt, nach einem opulenten Fr├╝hst├╝ck entschieden wir uns am n├Ąchsten Morgen gegen die 2,2 Promille und checkten gegen 11 Uhr aus und beschlossen bei herrlichstem Herbstwetter einen Spaziergang durch die Weinberge zu machen. Und jetzt endlich sp├╝rte ich Ruhe und Entspannung. Was f├╝r ein erholsames Wochenende, dachte ich.

gabi

Anmerkung der Redaktion: Sie finden uns bei Facebook unter Redaktion heddesheimblog.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.