Dienstag, 22. August 2017

Mein Sozialpraktikum oder die perfekte Murmelbahn

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Guten Tag!

Heddesheim, 07. Oktober 2010. In der zehnten Klasse sollen Sch├╝ler am Gymnasium sowohl ein Berufs- als auch ein Sozialpraktikum (BOGY und SOGY) absolvieren. Das Berufspraktikum stand schon im Fr├╝hjahr an, w├Ąhrend das Sozialpraktikum unmittelbar vor den Sommerferien stattfand. Der Sch├╝ler Johannes Peter (16) hat f├╝r uns seine Erfahrung aufgeschrieben.

Von Johannes Peter

Jeder Sch├╝ler musste sich f├╝r das Praktikum dabei zuerst einen der Bereiche Behinderten-, Kinder- oder Seniorenbetreuung aussuchen. Demnach sollten wir uns auf die Suche nach einer geeigneten Stelle machen, an der wir unser einw├Âchiges Praktikum absolvieren sollten.

Da meine Gro├čmutter ein aktives Mitglied der evangelischen Gemeinde Heddesheims ist und ich schon vorher, durch die Konfirmation mit der Kirchengemeinde zu tun hatte, fiel meine Wahl auf den evangelischen Kindergarten in der Werderstra├če. Ein schriftliche Bewerbung musste ich nicht schreiben. Stattdessen besuchte ich die Leiterin, Frau Herma Krieg, dort pers├Ânlich und machte mit ihr alles, f├╝r mein Praktikum relevante, aus.

Einweisung in Pflichten

Au├čerdem erhielt ich eine erste Einweisung darin, was ich an Pflichten zu erwarten hatte, sowie in die allgemeinen Regeln des Kindergartens. So sollte ich z.B. keine S├╝├čigkeiten mitbringen, oder besonders „aufreibende“ Kleidung anziehen.

Der evangelische Gemeinde in Heddesheim unterh├Ąlt zwei Kinderg├Ąrten. Einmal den in der Werderstra├če mit f├╝nf Tagesgruppen und den viel kleineren in der Beindstra├če mit zwei Gruppen gegen├╝ber der Kirche.

Die f├╝nf Gruppen von etwa 20 Kindern in der Werderstra├če werden jeweils von zwei Erzieherinnen betreut und sind au├čer wenn „Rausgehzeit“ ist voneinander getrennt. Sind die Gruppen drau├čen, k├╝mmern sich alle Betreuer gemeinsam um alle Kinder.

Religion spielt kaum eine Rolle

Die Religion, ein wichtiger Aspekt einer kirchlichen Einrichtung spielt im Konzept der Kinderg├Ąrten jedoch eine eher untergeordnete Rolle. So wird vor dem Essen gebetet oder gelegentlich aus der Bibel vorgelesen, doch im Vordergrund steht die F├Ârderung der kreativen, logischen und sozialen Eigenschaften der Kinder, wie in den meisten Kinderg├Ąrten.

Auch hier wird locker und spielerisch vorgegangen: Die Kinder spielen miteinander, toben sich drau├čen aus oder lassen sich von den Erzieherinnen Geschichten vorlesen. Bei vielen der Spielzeuge handelt es sich um Spenden von Eltern, Praktikanten oder der Gemeinde.

Im Laufe der Woche arbeitete ich viel mit den Kindern und den Erzieherinnen zusammen. Dabei hatte ich feste Aufgaben, die ich jeden Tag ableistete.

Da ich schon um 8:00 Uhr also einige Minuten vor dem Eintreffen der ersten Kinder erschien, hatte ich noch ein wenig Zeit um meine erste Aufgabe des Tages, das Zubereiten eines Obsttellers zu erledigen. Die Kinder bringen abwechselnd Obst oder Gem├╝se mit, welches ich morgens klein schnitt und im Gruppenraum auf einem Teller abstellte. Daran konnten sich die Kinder dann den Morgen ├╝ber bedienen

Zwischen Aufr├Ąumen und Spielen.

Danach kamen dann auch die ersten Kinder, die sich aber in der Regel selbst oder miteinander besch├Ąftigten. Allerdings beteiligte ich mich oft an ihren Spielen. So verbrachte ich einen Morgen damit, dass ich mit den Kindern Brettspiele spielte, „Lego“ baute oder Papierflieger basteln half.

Sp├Ąter kam dann die obligatorische „Aufr├Ąumzeit“, anschlie├čend ging es in den Garten. Dort kam dann der etwas ruhigere Teil des Tages. W├Ąhrend die Kinder damit besch├Ąftigt waren herumzurennen, Fu├čball zu spielen oder Sandburgen zu bauen, beschr├Ąnkte sich der Aufgabebereich der Erzieherinnen und Praktikanten darauf, auf die Kinder aufzupassen.

Da in dieser Zeit wenig zu tun war, nutze ich die ├╝bersch├╝ssige Zeit, um die Kindergartenk├╝che aufzur├Ąumen. Da musste die Sp├╝lmaschine aus- und einger├Ąumt, ├╝brig gebliebenes Geschirr von Hand gesp├╝lt und Abfall beseitigt werden.

Waren die Kinder, die den Nachmittag nicht im Kindergarten verbringen abgeholt worden, war ich daf├╝r zust├Ąndig, dass der Gruppenraum sauber wurde. Ich stellte die St├╝hle hoch, beseitigte den M├╝ll, fegte und r├Ąumte das dreckige Geschirr weg.

War alles erledigt, ging ich in eine der beiden Nachmittagsgruppen, wo ich die restlichen zwei Stunden des Tages verbrachte. Abgesehen davon, dass ich nat├╝rlich wieder mit den Kindern spielte, ├╝bernahm ich jetzt auch das Zurechtschneiden von Papier f├╝r Mal- und Bastelzwecke, sowie auch das Fegen und St├╝hle hochstellen. Danach wurden fast alle ├╝brigen Kinder abgeholt, nur einige wenige blieben noch bis um halb vier in Betreuung. Mein Arbeitstag war beendet.

Nachdenkliche Erfahrung.

Die Reflexion ist bei einem Sozialpraktikumsbericht kaum anders als bei einem ├╝ber das Berufspraktikum. Bei beiden lernt man etwas ├╝ber sich selbst. Die Erfahrung aber ist ganz anders.

Beim Sozialpraktikum habe ich mir vorher schon einige Gedanken gemacht, was das Soziale darin f├╝r mich bedeutet. Reflektierend habe ich einiges gelernt. Es war definitiv ein Erlebnis f├╝r andere Menschen, die ich vorher ├╝berhaupt noch nicht kannte, Aufgaben zu ├╝bernehmen, ihnen zu helfen und mich dabei auch richtig anzustrengen.

Die Woche hat einiges an Spa├č mitgebracht und, das ist glaube ich die Pointe des Praktikums, das mit Menschen, die gesellschaftlich und intellektuell (noch) nicht auf der eigenen Ebene spielen. Es hat mir gezeigt, dass auch kleine Kinder, Behinderte und alte Menschen vollwertige Menschen sind und dass der Umgang mit ihnen keinesfalls unangenehmer Natur sein muss, dass man auch von diesen Menschen etwas lernen kann.

So bin ich jetzt dank eines F├╝nfj├Ąhrigen im Besitz des Wissens ├╝ber die perfekte Murmelbahn. ­čÖé

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.