Mittwoch, 23. August 2017

Geprothmannt: Mit „klassischen Medien“ werden Sie aus zweiter Hand informiert. Prädikat: „mangelhaft“.

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Guten Tag!

07. Februar 2011. Haben Sie mitbekommen, dass in der arabischen Welt eine Revolution stattfindet? Ja? Wie haben Sie sich darüber informiert? Ãœber ARD und ZDF? In Ihrer lokalen Tageszeitung? Dann sind Sie leider vermutlich sehr schlecht informiert. Oder haben Sie sich online informiert? Dann könnten Sie besser informiert sein, wenn Sie die richtigen Quellen kennen.

Von Hardy Prothmann

Wer sich in Deutschland über die Revolution in den arabischen Staaten informieren möchte, ist denkbar schlecht beraten, wenn er dafür ARD und ZDF oder „seine Zeitung“ benutzt und darauf vertraut, umfassend, hintergründig und aktuell informiert zu werden.

Informationen? Klar – gibts im Ausland.

Tatsache ist: Man ist viel besser informiert, wenn man die Programme von Al Jazeera, CNN oder BBC einschaltet. Oder die Berichterstattung der amerikanischen New York Times, der spanischen El Pais, der französischen Le Monde oder des britischen Guardian verfolgt.

Das Problem dabei ist: Man muss schon einigermaßen gut Englisch können, um die Nachrichten der Sender und Zeitungen zu verfolgen. Oder ausreichend Spanisch oder Französisch. Gute arabische Sprachkenntnisse wären noch mehr von Vorteil – denn dann könnte man viele Originalmeldungen verstehen.

Begrenzte Globalisierung.

Das größte Problem: Wenn man das nicht kann, ist man auf die Angebote von ARD und ZDF oder der Lokalzeitungen im wahrsten Sinne des Wortes „begrenzt“ – und das in Zeiten der Globalisierung.

Sie können sicher davon ausgehen, dass weder der Mannheimer Morgen, noch die Rhein-Neckar-Zeitung und schon gar nicht die Weinheimer Nachrichten irgendeine eigene redaktionelle Leistung zur Lage anbieten wollen oder können. Was Sie auf den Titelseiten lesen, sind ganz überwiegend „Agenturmeldungen“.

Die erscheinen auch in Dutzenden anderen Zeitungen. 1:1. Das sind Berichte, die wie industriell gefertigte Tielkühlpizzen vervielfältigt werden. Ohne „eigenes Rezpt“, ohne eigene „Experten“, ohne eine eigenständige Leistung der jeweiligen Redaktion.

Vor Ort ist immer lokal.

Unser Anspruch ist die lokale und regionale Berichterstattung – aber immer, wenn die Nachrichtenlage es erfordert, bringen wir auch die „Weltnachrichten“ zu unseren Leserinnen und Lesern. Denn wir alle leben vor Ort, interessieren uns aber auch dafür, was woanders passiert.

Hardy Prothmann schreibt seine Meinung auf. Die ist "geprothmannt". Bild: sap

Unser Interview mit Christoph Maria Fröhder, einem der erfahrensten und besten deutschen Krisenreporter der vergangenen Jahrzehnte auf dem Rheinneckarblog hat Wellen geschlagen. ARD und ZDF waren „not amused“ über die klaren Worte und die eindeutige Kritik. „Intern“ haben wir erfahren, dass das ZDF „stinksauer“ auf uns ist.

„So what“, sagen wir und sind ebenfalls „stinksauer“ – über die unzureichende und schlechte Berichterstattung der mit Milliarden an GEZ-Gebühren „gepamperten“ Sender, von denen wir und unsere Leserinnen und Leser zu Recht mehr als diese schwachen Leistungen erwarten.

Ãœber das Interview mit Herrn Fröhder hinaus haben wir uns um exklusive Nachrichten bemüht und „berichten“ anders, als das öffentlich-rechtliche Sender und Zeitungen tun. Wir verlinken Quellen und kommentieren diese auf Facebook und Twitter. Zwei Internet-Dienste, die mit dafür verantwortlich gemacht werden, dass die „arabische Revolution“ gegen den Terror und die Diktaturen überhaupt möglich geworden ist.

Es gibt durchaus eine Verbindung zwischen den arabischen Ländern und Deutschland. Wer sich hier wie dort auf die „klassischen Medien“ verlässt, erhält immer nur gefilterte Nachrichten.

Zweifel an der Qualität müssen immer möglich sein.

ARD und ZDF sind ebenso wie Lokalzeitungen sicherlich nicht mit der Rolle von staatlich gesteuerten Medien in Diktaturen zu vergleichen – aber man darf durchaus Zweifel an der Qualität ihrer Produkte haben. Vor allem dann, wenn man vergleicht, was das Produkt, in diesem Fall Journalismus, leistet.

Würde man den Journalismus vieler deutscher Medien mit der Autoindustrie vergleichen, stände unumstößlich fest, dass deutsche Medien deutlich weniger Komfort, Leistung, Innovation bieten als „ausländische Anbieter“, dass das Preis-Leistungsverhältnis ebenso wie die „Pannenstatistik“ und auch der „Service“ katastrophal sind und unterm Strich einfach nur ein „mangelhaft“ übrig bleibt.

Das gilt selbst für den „gelben Faktor“, also die so genannte „Yellow-Press“. Alle interessanten „Nachrichten“ und „Infos“, die man hierzu in Deutschland lesen kann, sind nur ein „Ab-„Klatsch internationaler Meldungen und werden in Deutschland „wiederverwertet“. Ausnahmen liefern ab und an Bild und Bunte, die „Promis“ aus der vorletzten Reihe irgendwie „interessant“ machen.

Die Umbrüche in der arabischen Gesellschaft zeigen einen desaströsen Zustand des deutschen Journalismus. Wo lesen, hören, sehen Sie die Berichte von vor Ort über das, was Muslime hier erleben, wenn diese die Nachrichten in Tunesien und Ägypten verfolgen? Wo sind die Berichte, wie Deutschland sich mit seiner weltweit einzigartigen „Erfindung“ des Mauerfalls als Partner für europäische Nachbarländer (und das sind alle Mittelmeer-Anreiner-Staaten) einsetzen könnte?

Geduld? hat die Welt nicht mehr.

Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel diskreditiert sich völlig, wenn sie zur „Geduld“ mit einem Diktator wie Husni Mubarak aufruft. Ãœbersetzt heißt das: „Habt Geduld mit mir, denn ich habe keine Ahnung, wie ich mit der Situation umgehen soll.“

Was haben Tunesien und Ägypten nun mit unserer lokalen und regionalen Berichterstattung zu tun?

Sehr viel mehr, als heute, hier und jetzt auf den ersten Blick klar sein mag.

Zukünftig werden Entscheidungen und Entwicklungen, die in Bayern oder Schleswig-Holstein fallen, auch in Nordbaden ein Rolle spielen.

Warum? Weil man hier vor Ort erfahren kann, was dort vor Ort passiert oder passiert ist.

Facebook und Twitter schaffen Demokratie. Absurd? Nein. Real.

Man kann diese Informationen verwenden, um den Schaden, der woanders entstanden ist, abzuwenden. Und noch viel besser: Man kann das, was woanders gut oder sehr gut „gelaufen ist“ einfach übernehmen. Gut informiert – mit allen „problematischen“ und allen „positiven“ Erfahrungen.

Das ist ein Erfolg der „Facebook“-Generation, der freien Medien oder auch nur der „Handy-Revolution“, wie Beobachter Ägypten einordnen. Man verbindet sich, man kommuniziert miteinander, man tauscht sich aus, man hat mehr als eine Quelle der Information.

Das ist die Basis für friedliche „Revolutionen“ – die ägyptischen Regime-Gegner sind nicht als Brandschatzer und Gewaltverbrecher aufgefallen, sondern durch ihren Willen zur Demokratie – sehr zur Verwirrung „geprägter“ Meinungen, die sich schwer tun, eine Muslim-Bruderschaft als notwendige Organisation anzuerkennen.

Das ist neu, das ist einzigartig, das gibt Hoffnung.

Von den Medien darf man erwarten, dass sie Mubarak einen alten Mann sein lassen. Der 82-jährige Diktator soll sich in Heidelberg behandeln lassen dürfen. Egal, was das kostet. Gönnen wir ihm den „goldenen Abgang“ – der Mann ist so reich und hat sein Volk so sehr betrogen. Bringt irgendein „Tribunal“ eine Besserung für seine „Untaten“?

Eher nicht.

Tunesien und Ägypten sind beliebte Reiseläner der Deutschen – und mal ganz ehrlich? Lohnt es sich nicht, für einen entspannten Urlaub unter afrikanischer Sonne, ein wenig für Demokratie, gerechte Löhne und stabile Verhältnisse einzutreten?

Der „Service“ würde sicher davon profitieren. Oder auch unserer aller Bekenntnis zur Demokratie.

Deswegen: Nutzen Sie die neue Medien. Verfolgen Sie, was passiert.

Schreiben Sie Ihre Meinung auf. Schreiben Sie an die Programmbeiräte von ARD und ZDF. Stellen Sie Forderungen. Schreiben Sie an die Zeitungen und fordern Sie mehr Informationen.

Die Menschen in Ägypten und Tunesien und anderswo tun das auch. Weil sie gerne in einer freiheitlichen Ordnung leben würden.

Diese Menschen gehen dabei ein hohes Risiko ein – wir haben die Möglichkeit, ohne Risiko für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie einzutreten.

Tun wir das nicht, wächst das Risiko, dass wir das irgendwann nicht mehr ohne Risiko können.

Anmerkung der Reaktion:
Unsere „allererste“ Aufgabe, die lokale Berichterstattung mag etwas „gelitten“ haben – wir hoffen, Sie sehen uns das nach, angesichts der Belastung. Wir sind nur ein kleines Team. Sie können sicher sein, dass wir an den Themen vor Ort dranbleiben.

„Geprothmannt“ erscheint im Wechsel mit anderen Kolumnen immer montags.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • betty

    Ist das „lokaljournalistische Abenteuer“ des Hardy Prothmann eigentlich schon wieder vorbei? Man erhält zunehmend den Eindruck, die Redaktion interessiert sich mehr für die weltpolitische Lage und die Kollegen bei SPIEGEL Online und Al Jazeera als für das „langweilige“ Heddesheim, Ladenburg etc.

    Ich lese auch das mit Gewinn und Interesse, denke aber, langfristig verwischen solche Themen das eigentlich klare lokale Profil dieser Seite.

    • heddesheimblog

      Guten Tag!

      Wir verstehen nicht ganz, was Sie mit einem „lokaljournalistischen Abenteuer“ meinen? Dass es hier teils abenteuerlich spannend zugeht? Da geben wir Ihnen recht.

      Geprothmannt ist eine neue Kolumne, die sich mit allen möglichen Themen, häufig aber mit Medien befassen wird – und den Fragen, wie wer über welchen Medien unterrichtet wird.

      Die Redaktion interessiert sich immer für die weltpolitische Lage, für die bundes- und landespolitische Lage sowie die kommunale Politik. Unser Interview auf dem rheinneckarblog.de mit dem erfahrenen Krisenreporter Christoph Maria Fröhder hat hohe Wellen geschlagen, bis hin in den Norden, wo Radio Eins vom RBB explizit den ARD-Chefredakteur Thomas Baumann dazu befragt.

      Zugegeben – das ist nicht absolut lokal. Die Geschichte zeigt aber, wie das „weltweite Netz“ lokal Veränderungen ermöglicht. Ägypten und Tunesien sind zudem beliebte Reiseländer – auch für unsere Leserinnen und Leser.

      Unser Anspruch ist nicht, jedem mit allem, was wir veröffentlichen zu gefallen – sehr wohl aber, hintergründig und kritisch zu berichten.

      Unser Artikel: „Gebenzte Berichterstattung“ hat ebenfalls hohe Wellen geschlagen und ist sowohl ein lokales, als auch ein überregionales Thema.

      Wir sind damit in der weiteren Umgebung, die einzige Redaktion, die sich traut, gegen den „Mainstream“ zu berichten und auch Probleme mit Anzeigenkunden in Kauf zu nehmen – und dass, obwohl wir noch nicht profitabel arbeiten.

      Es bleibt jedem frei gestellt, sich dort zu informieren wo er möchte. Fettige Bratwürste gibt es Montag-Freitag im Mannheimer Morgen, gepflegte Langeweile bei SWR4 und PR ohne Ende im Mitteilungsblatt. Garantiert unkritisch.

      Und unseren Lesern bieten wir übrigens nicht zum ersten Mal einen Blick über den Lattenzaun zum Weltgeschehen. Das machen wir, weil es interessant und spanndend ist und ganz sicher nicht, weil sich hier bei der vielen Arbeit jemand langweilt.

      Einen schönen Tag wünscht
      Das heddesheimblog

    • kompakter

      hallo,

      klar ist das nicht so lokal – aber wenn der herr prothmann ab und an nen anderen spielplatz braucht, um aus dem lokalen mief rauszukommen, kann ich das gut verstehen.
      ansonsten finde ich es klasse, was das kleine team auf die beine stellt und endlich mal ehrlich und unvoreingenommen berichtet.
      und richtig: ich wollte eigetnlich dieses jahr nahc ägypten. das lässt man wohl besser sein, vor allem wenn man auch so ungenügend von den medien unterrichtet wird.

      gruß

  • Peter Kröffges

    Liebe heddesheimblog – Redaktion,

    Sie werden in einzelnen Berichten der öffentlich rechtlichen
    Berichterstattung wohl ihre Meinung bestätigt finden, das gestehe ich Ihnen gerne zu.

    Aber alle Anstalten pauschal an den Pranger zu stellen? Das ist aus meiner Sicht keine differenzierte kritische Berichterstattung und guter Journalismus.Sehe Sie mir bitte meine mangelnde Fachkenntnis nach, sollte dies nur von Spezialisten feststellbar sein und ich hier falsch liegen.

    Mit dieser Pauschalisierung stellen Sie viele Redakteure, auch z.B. bei ZDF / ARD / SWR, in ein schlechtes Licht die wohl eine gute solide Arbeit leisten. Im Einzelfall, dies kann ich nicht beurteilen, mag das wohl anders sein. Grundsätzlich finde ich mich aber als Zuschauer durch einzelne öffentlich rechtliche Magazine sehr gut recherchiert, kritisch und hintergründig unterrichtet.

    Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass bei diesen Arbeitgebern der Anteil „schlechter“ (Bratwurst-) Journalisten, nicht höher ist als in anderen Branchen (Redaktionen) auch. Wird sich ja auch auf Dauer kein Wirtschaftsunternehmen leisten können und wäre ja sehr verwunderlich.Glaube, dieser Anteil ist konstant auf einem geringen prozentualen Niveau, aber schwer einzuschätzen.

    Ich rate Ihnen dazu differenziert jeden einzelnen Bericht zu kritisieren, nennen Sie Roß und Reiter wie Sie es in der Vergangenheit ja auch teilweise berechtigt zumindest erfolgreich gemacht haben.

    Aber attestieren Sie bitte nicht Institutionen mit vielen hundert Beschäftigten eine pauschale schlechte Leistung.Dies ist nicht fair und glauben Sie mir, bei BBC / CNN etc. ist auch nicht immer alles so, wie es den Anschein hat. Zumindest konnte ich auch zu „Golfkriegszeiten“ eine Hofberichterstattung feststellen.

    Auch hat sich herausgestellt, dass TWITTER und facebook nicht frei von Missbrauch sind, was in der Natur dieser Medien liegt und nicht gänzlich auszuschließen ist.

    Gruß
    P.Kröffges

    PS:
    Auch der Mannheimer-Morgen hat nicht nur schlechte Berichte (Journalisten),dass schafft selbst dieser Verlag nicht!

    • heddesheimblog

      Guten Tag!

      Danke für Ihren Beitrag.

      Sie haben natürlich recht, was die Pauschalisierung angeht. Natürlich gibt es wie in anderen Bereichen auch bei allen großen Medienunternehmen Mitarbeiter, die eine überzeugende und teils sogar herausragende Arbeit leisten.
      Wie überall gibt es einen Durchschnitt und leider wohl auch überall unterdurchschnittliche Leistungen.

      Und dass wir Kritik üben, heißt nicht, dass wir unfehlbar sind. Natürlich passieren bei uns auch Fehler. Wir korrigieren diese soweit möglich und versuchen sie zu vermeiden.

      Aber: Man kann sehr wohl Gesamtbewertungen vornehmen. Man kann Vergleiche anstellen und „grundsätzlich“ bewerten.

      Dafür kann man neudeutsch verschiedene „Benchmarks“ ansetzen. Wenn Sie zum Beispiel die Summe der Kritiken heranziehen, die in bezug auf die aktuelle Berichterstattung zu Ägypten und der Leistung von ARD und ZDF in Sachen Berichterstattung, kommen Sie zu einem eindeutigen Ergebnis. Die Leistung war und ist schlecht und bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, die man an eines der zehn größten Medienunternehmen dieser Welt stellen darf und muss.

      Die ARD (Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands – und nicht, wie oft fälschlich geglaubt: Allgemeiner Rundfunk Deutschland) besteht aus den Landesrundfunkanstalten. Diese haben sich die Welt und die Auslandsberichterstattung aufgeteilt. Für Ägypten ist der SWR zuständig. Ebenso für den Irak. In beiden Fällen, beim Irak-Krieg und aktuell in Ägypten zeigt sich, dass die Leistung schlecht ist. Das liegt nicht unbedingt am einzelnen Mitarbeiter, sondern wird durch die Führung verantwortet.

      Als detailliertes Beispiel können Sie diesen Text lesen, der auf einer viermonatigen Recherche beruhrt und die desaströsen Zustände währen des Golfkriegs beschreibt: http://www.prothmann.org/Krieg/Kriegeitel.htm. Der Text wurde in einer anderen Fassung auch in der FAZ abgedruckt.

      Ein weiteres Beispiel, für das konkret drei Tage über eine kontinuerliche Medienbeobachtung recherchiert wurde, ist dieser aktuelle Text von heute – im Fokus der Kritik diesmal hauptsächlich Spiegel online:
      http://www.pushthebutton.de/2011/02/08/im-wurgegriff-der-exklusivitat/

      Der von Hardy Prothmann geprägte Begriff „Bratwurstjournalismus“ dient ebenfalls nur als pauschale Einordnung für journalistisch minderwertige Texte. Der Begriff wurde aber sofort in der Branche angenommen, weil „man“ weiß, was gemeint ist.

      Was die Gesetze der Wirtschaftlichkeit angeht, müssen wir Ihnen widersprechen: ARD und ZDF müssen zwar auch wirtschaften, sie müssen wegen der GEZ-Gebühren aber nicht wirtschaftlich arbeiten. Und viele Tageszeitungen sind Monopolisten – sowohl journalistisch, als auch im Anzeigenmarkt. Die Großverlage wiederum können kaum noch Zeitungen zukaufen, weil das Kartellamt dies zu recht verhindert.

      Sie können davon ausgehen, dass Kritiken auf unseren Blogs nicht aus Tageslaunen heraus entstehen oder einer grundsätzlichen Haltung eines „Dafür“ oder „Dagegens“ – ohne eine fundierte Recherche und valide Kenntnisse wird kein „pauschales“ Urteil gefällt.

      Gleichzeitig stellen Sie eine Forderung, die nicht erfüllbar ist und wenn, nicht „erfahrbar“ wäre. Wenn Sie nur einen Berichterstattungstag nehmen, mit mehreren Dutzend Hörfunkkanälen allein der ARD, dazu die „3. Programme“, die Informationssendungen von tagesschau und heute und jeden Beitrag differnziert in allen Facetten beleuchten wollten, müssten Sie eine Forschungsgruppe einrichten, die sicherlich ein paar Monate zu tun hätte.

      Tatsächlich gibt es andere Indikatoren: Wer wird „gefühlt“ wie oft von anderen zitiert. Welche Nachrichten kennen Sie schon aus anderer Quelle? Wie differenziert wird berichtet? Wenn Sie sich diese Arbeit machen, werden Sie zu einem Experten, der aufgrund der Erfahrung beurteilen kann, ob die Ware etwas taugt oder nicht. Dazu müssen Sie nicht alles unters Mikroskop legen.

      Ein konkretes Beispiel: Den Fall Kachelmann verfolgen sehr viele Menschen in Deutschland und sehr viele Medien berichten dazu. Der Prozess findet in Mannheim statt, quasi im Vorgarten des Mannheimer Morgen. Eine Redaktion mit journalistischem Ehrgeiz ist immer bemüht, in ihrem Berichtsgebiet die Top-Stories auch top zu machen.

      Aus unserer Sicht gibt es zum Thema so gut wie keine exklusive Geschichte durch den Mannheimer Morgen, so gut wie keine Zitation durch andere Medien. Daraus schließen wir, dass andere Medien den Mannheimer Morgen als „Quelle“ nicht oder kaum benutzen. Das war schon bei anderen „großen“ Themen wie dem Peter Graf- oder dem Flowtex-Prozess so.

      Es könnte natürlich auch sein, dass nicht ordentlich zitiert wird – auch das ein beklagenswerter Zustand in der Branche.

      Diese Beobachtungen können Sie nun ausweiten auf die Wirtschaftsberichterstattung, die politische Berichterstattung, den Sport oder die Kultur. Sie können sich nach gewonnen Preisen für journalistische Leistungen, nach dem Engagement in der Ausbildung orientieren oder nach der Flutkuation der Mitarbeiter, nach dem „Ruf“ innerhalb der Branche.

      Was Sie nicht heranziehen können, ist eine DIN-Norm oder eine andere Zertifizierung – sowas gibt es für den Journalismus zu recht nicht. Denn Artikel 5 Grundgesetz fordert nicht, dass nur die „besten“ Meinungen geäußert werden dürfen, sondern garantiert, dass Meinungen allgemein oder sogar explizit dumme Meinungen geäußert werden dürfen – im Rahmen der bestehenden Gesetze versteht sich.

      Wenn Sie unsere Berichte aufmerksam verfolgen, loben wir andere Medien, selbst den Mannheimer Morgen, immer dann, wenn wir eine herausragende Leistung erkennen. Ganz neidlos, weil es überall gute Journalisten gibt und geben wird.

      Tatsache ist aber, dass die Meinungsvielfalt enorm zurückgegangen ist – bestätigt durch das Kartellamt, das eine weitere Konzentration verbietet. Innerhalb der „Häuser“ sind die Lagen teils desolat. In Umfragen war der Beruf Journalist mal ein geachteter und diese Achtung ist enorm zurückgegangen. Sicher nicht ohne Grund. Es mangelt einfach zu häufig an Qualität.

      Auch wir müssen täglich versuchen, unseren Qualitätsanspruch zu erfüllen. Das ist nicht sehr einfach – vor allem, wenn man mit einem kleinen Team einen neuen Markt erschließen will. Sowohl journalistisch, als auch wirtschaftlich.

      Und natürlich haben Sie recht, dass Twitter und Facebook nicht nur positive Eigenschaften haben. Aber sie ermöglichen sehr viele positiven Dinge. Wir berichten wie gewohnt über alle Facetten, soweit wir das können.

      Ein schönes Beispiel ist die „Hitlerbart“-Geschichte in Ladenburg: Ein einziger Bericht hat uns 120-Facebook-Kontakte „gekostet“. Ohne die Bereitschaft, sich kritisch zu äußern und auch ein Wagnis einzugehen, wäre dieser Bericht nie erschienen. Wir stehen dazu und wissen durch viele Gespräche, dass wir das Bewußtsein von Eltern und Schülern geschärft haben – über die negativen Seiten von Facebook.

      Der Text ist übrigens auch ein wunderbares Beispiel für den Kontrast von „konkret“ und „pauschal“: Im Bericht ist eindeutig von zehn jungen Erwachsenen die Rede. Das ist eine konkrete Zahl. Die erste Reaktion eines großen Teils der Leserschaft war sehr pauschal. Der Vorwurf: Wir wollten das CBG in Ladenburg schlecht machen. Mal abgesehen von der Frage, welchen Grund das haben sollte, steht davon nichts im Text.

      http://ladenburgblog.de/2010/11/16/hitlerbart-und-nazi-symbole-wie-sich-ein-teil-der-cbg-jugend-im-internet-auslebt/

      Es ist und bleibt also nicht so einfach mit der Forderung nach Details und den Pauschalismen im Alltag.

      Einen schönen Tag wünscht
      Das heddesheimblog